Im August 2014 bereitet Mayotte, Frankreichs
101. Departement, dem französischen Präsidenten François Hollande einen begeisterten Empfang.

Der Traum von Paris

Eine entfernte Außengrenze der Europäischen Union verläuft im Indischen Ozean. Ähnlich wie im Mittelmeer hier spielt sich hier ein Flüchtlingsdrama ab: Tausende Afrikaner versuchen, auf die Insel Mayotte zu gelangen – und damit nach Frankreich.

Der Flug zwischen den beiden Inselgruppen dauert nur 40 Minuten. Ihre Einwohner haben dieselbe Religion, dieselbe Kultur, dieselbe Sprache. Doch sie gehören verschiedenen Welten an. Die Komoren im Indischen Ozean sind eine ehemalige französische Kolonie, geprägt von Mangelwirtschaft und gezeichnet von politischen Umstürzen. Mayotte, das geografisch zu den Komoren zählt und aus einer Haupt-, einer Nebeninsel und mehreren unbewohnten Inseln besteht, ist seit 2013 Frankreichs 101. Département (Verwaltungsbezirk). Seit 1. Januar 2014 gehört sie zudem als „Gebiet in äußerster Randlage“ zur Europäischen Union (EU); ihre Einwohner genießen dieselben Rechte wie EU-Bürger.

Unter französischer Flagge hat die Insel einen Aufschwung erlebt. Allerdings kamen mit der Zugehörigkeit zur EU nicht nur Arbeitslosengeld und Pläne für neue Krankenhäuser. In der Region haben die Fördergelder aus Paris auch die Hoffnungen Tausender Afrikaner geweckt, auf Mayotte ein neues Leben zu beginnen. Allen voran der Komorer.

Jedes Jahr versuchen Tausende von ihnen, auf die Nachbarinsel zu gelangen. Für die dreistündige Überfahrt zahlen sie Schleppern bis zu 300 Euro – das entspricht vier Monatsgehältern. Ein Teil von ihnen kommt nie auf französischem Boden an, denn die Überfahrt in den kleinen, „kwassa-kwassa“, genannten Holzbooten ist riskant. Nach Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) ertrinken jährlich 200 bis 500 Menschen zwischen den Inseln. Marie Duflo, die Generalsekretärin der Organisation für Beratung und Unterstützung von Immigranten (GISTI) in Paris, befürchtet, dass die Zahl weitaus höher ist.

Nachbarn und Verwandte als Ausländer

Duflo kritisiert, dass die Pariser Regierung Mayotte von seinem Umfeld komplett abschotte. Bis 1975 bildete Mayotte mit den anderen Komoren-Inseln ein französisches Übersee-Département. Doch während die drei Hauptinseln der Komoren in einem Referendum gegen die Zugehörigkeit zu Frankreich stimmten und 1975 in die Unabhängigkeit starteten, sprachen sich die Mayotten überwiegend für Paris aus. „Lange Zeit blieb der Verkehr zwischen den Inseln unverändert, die Bewohner hatten Familien auf den Nachbarinseln und handelten miteinander“, sagt Duflo. Die Abschottung Mayottes folgte erst 1995, als Frankreich eine Visumpflicht für die Komorer einführte. „Frankreich hat vor zwanzig Jahren eine Grenze um Mayotte hochgezogen. Das hat Nachbarn und Verwandte über Nacht zu Ausländern gemacht.“

Dem Großteil der verarmten Komorer fehlt das Geld für einen Reisepass oder die vorgeschriebene Krankenversicherung, um nach Mayotte zu reisen. Sie treten die Überfahrt illegal an. 2013 sorgte der Präsident der Komoren, Ikililou Dhoinine, bei der UN-Generalversammlung für Aufsehen, als er den Delegierten in New York erklärte: „Das Visum, das für den Tod von 10.000 meiner Landsmänner verantwortlich ist, macht das Meer zwischen Mayotte und den anderen Inseln zum größten Unterwasser-Friedhof der Welt.“

Mit der Eingliederung Mayottes in die EU ist nicht nur die Zahl der illegalen Immigranten gestiegen, auch die Abschreckung wurde verstärkt. Neben einem Radarsystem suchen bewaffnete Helikopter und Armeeschiffe die Küste nach Flüchtlingen ab. Die französische Flüchtlingsorganisation Migreurop spricht von einer „Militarisierung der Grenzkontrolle“ nach dem Vorbild der europäischen Grenzschutzagentur Frontex. Allein im vergangenen Jahr fing die französische Polizei knapp 600 Flüchtlingsboote in den Gewässern rund um die Insel ab und zwang sie zur Umkehr.

Die Flüchtlinge, die es über die Grenze schaffen, erwartet selten ein besseres Leben als in ihrer Heimat. Asylsuchende erhalten keine Arbeitserlaubnis, viele Komorerinnen und Komorer arbeiten schwarz oder prostituieren sich – und werden ausgebeutet. Etliche Frauen heiraten Mayotter, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, landen jedoch häufig in einer Ehe, in der sie missbraucht oder versklavt werden.

Um auf Mayotte zu überleben, sind Flüchtlinge auf Hilfsgüter wie Kleidung, Hygieneprodukte oder Grundnahrungsmittel angewiesen. Von der französischen Regierung gibt es keine Unterstützung. Die Arbeit bleibt an den wenigen Hilfsorganisationen hängen, darunter „Solidarité Mayotte“. Seit 2005 vertrauen sich Flüchtlinge der Organisation an. Die meisten stammen von den Komoren, manche kommen aber auch aus der Demokratischen Republik Kongo, Ruanda, Somalia und jüngst auch aus Syrien. Die Syrer haben den längsten Weg hinter sich: Mit dem Bus in die Türkei, per Flugzeug auf die Komoren und von hier aus per Boot nach Mayotte. „Solidarité Mayotte“ betreut Flüchtlinge medizinisch und psychologisch, stellt ihnen für die ersten Monate eine Unterkunft zur Verfügung und hilft ihnen über die bürokratische Hürde, Asyl zu beantragen.

Der Prozess dauere oft Monate, sagt die Asylbeauftrage der Organisation, Mélanie Bodin. „Wenn ein Komorer Asyl beantragt, erhält er nicht automatisch eine Aufenthaltsgenehmigung. Selbst wenn der Asylprozess läuft, kann er jederzeit abgeschoben werden.“ Laut dem Rotem Kreuz leben knapp 100.000 illegale Immigranten auf Mayotte – bei einer Einwohnerzahl von 210.000. Immer wieder wird Mayottes Behörden vorgeworfen, Massenabschiebungen vorzunehmen. 2014 wurden mehr als 19.000 Immigranten deportiert.

Mayotte ist nicht das von vielen ersehnte Tor zu Frankreich. Wer aufgrund von Asyl, Heirat oder historischen Familienverbindungen eine Aufenthaltsgenehmigung für die Insel erhält, benötigt erneut ein Visum, um nach Frankreich reisen zu dürfen. Dafür muss man nachweisen, dass man eine Unterkunft und einen bestimmten Betrag auf dem Bankkonto hat. „Für die meisten Komorer bleibt die Weiterreise nach Frankreich ein Traum“, meint Marie Duflo. Selbst wenn sie legal auf Mayotte leben, führen sie weiter ein Leben in Armut. Finden sie einen Job auf dem formalen Arbeitsmarkt, bekommen sie durchschnittlich nur ein Drittel des Gehaltes eines Einheimischen.

Armut und Perspektivlosigkeit

Marie Duflo macht die generelle Armut auf Mayotte verantwortlich. „Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wohnsituation prekär.“ Obwohl die Insel unter anderem von Geld aus dem Europäischen Entwicklungsfonds profitiert, seien ihre Einwohner noch weit entfernt vom Lebensstandard ihrer französischen Mitbürger. Viele junge Mayotter verlassen die Insel in Richtung Frankreich. Bei der jüngsten Volkszählung verzeichnete Mayotte im Zeitraum von 2007 bis 2012 zum ersten Mal mehr Auswanderer als Einwanderer.

Autor

Markus Schönherr

ist freier Journalist in Kapstadt und berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Magazine aus dem südlichen Afrika.
Auf der Insel strapaziert die Perspektivlosigkeit zunehmend die Beziehungen zwischen Einheimischen und Komorern, beobachtet Mélanie Bodin von „Solidarité Mayotte“. Frankreichs Grenzpolitik habe die Komoroer und Mayotten voneinander entfremdet. „Die Auseinandersetzung wird immer erbitterter. Mayottes sozioökonomische Probleme und die steigende Unsicherheit heizen die Abneigung gegenüber Ausländern an.“ Frankreich vernachlässige sein 101. Département und investiere zu wenig. Die Organisation fordert mehr Förderprojekte, um die sozialen Konflikte zu lösen.

Doch Paris verfolgt einen anderen Plan. Zurzeit diskutiert die französische Regierung mit den Komoren über ähnliche Verträge, wie sie bereits mit anderen EU-Nachbarländern geschlossen wurden: Für Militärverträge, finanzielle Hilfe und andere Zuwendungen sollen komorische Flüchtlinge in Zukunft bereits an den Küsten ihrer Heimat abgefangen werden. Noch fehlt dazu die Unterschrift der Machthaber in Moroni. 

erschienen in Ausgabe 6 / 2015: Indien: Großmacht im Wartestand

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