Boden für Biodiesel

Der Anbau von Energiepflanzen wirft in Ghana Fragen nach den Landrechten auf

Für Mais oder Weizen, Sojabohnen oder Zuckerrohr werden große Anbauflächen benötigt. Bei der Suche danach werden Investoren seit einigen Jahren immer häufiger in Entwicklungsländern fündig. Solche Landnahme wird von vielen entwicklungspolitischen Organisationen scharf kritisiert. Die Großprojekte gingen zu Lasten der lokalen Bevölkerung und stünden in Konkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln, lautet der Vorwurf. Auch im Norden Ghanas haben internationale Unternehmen in großem Stil Land gekauft, um dort Energiepflanzen anzubauen. Hier lassen sich zahlreiche Probleme nachzeichnen, die mit dem großflächigen Landerwerb verbunden sind. Doch zugleich wird deutlich, wie schwierig es ist, gesicherte Aussagen zum „land grabbing“ zu treffen.

Autorin

Griet Newiger-Addy

ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet als freie Autorin und Consultant in Accra.

Im vergangenen Jahr hat das Netzwerk nichtstaatlicher Organisationen Civil Society Coalition on Land (CICOL) die Auswirkungen großflächiger Landinvestitionen zum Anbau von Biosprit-Pflanzen auf die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung in Ghana untersucht. Die Autoren der Studie konzentrierten sich insbesondere auf Plantagen zum Anbau von Jatropha, aus deren Samen Öl und, als Nebenprodukt, Dünger gewonnen werden kann. Sie fanden eine Reihe privater Investitionsprojekte in Ghana, wobei sich die meisten noch in der Planung befinden. „Der Ausbau der Biospritproduktion in Ghana vollzieht sich schneller als angenommen“, lautet das Fazit der Studie.

Allerdings ist es nahezu unmöglich, verlässliche Zahlen zum Umfang der Investitionen zu bekommen. Und das gilt nicht nur für den Anbau von Pflanzen für Biosprit. Der Landerwerb ausländischer Investoren wird nirgends zentral erfasst; Grundbucheintragungen erfolgen, wenn überhaupt, in regionalen Ämtern. Eine Studie des Londoner International Institute for Environment and Development und der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) dokumentiert denn auch nur drei großflächige Investitionsprojekte in Ghana, allerdings mit einem Umfang von 452.000 Hektar. Emmanuel Dogbevi, Betreiber des Internet-Portals „Ghana Business News“, hat dagegen Informationen über weitaus mehr Biospritinvestitionen internationaler Unternehmen beispielsweise aus Israel und Italien. „Aber es ist schwer, genaueres zu erfahren und die Firmen ausfindig zu machen, vielleicht auch wegen des negativen Medienechos“, sagt Dogbevi.

Jatropha-Anbau: Große Pläne, nichts dahinter

Der Vorwurf des „land grabbing“ traf in Ghana insbesondere die norwegische Firma Biofuel Africa, die im Norden des Landes großflächig Jatropha-Plantagen errichten wollte. Eines ihrer Projekte im…

Landwirtschaftliche Projekte, die mehr als 40 Hektar nutzen, müssen von der ghanaischen Umweltbehörde genehmigt werden. Dort hat man in den vergangenen zwei Jahren allein für den Biospritbereich Anträge für Großprojekte mit einem Gesamtvolumen von insgesamt knapp 150.000 Hektar bewilligt. Aber auch diese Zahl entspricht nicht unbedingt  der Wirklichkeit vor Ort. Ebenezer Appah-Sampong, der Leiter der für Umweltverträglichkeitsprüfungen zuständigen Abteilung in der Behörde, erklärt: „2007 und 2008 stieg die Zahl der Anträge stark und ich war besorgt über das Ausmaß der Flächen, um die es dabei ging. Aber von der Ankündigung bis zur Verwirklichung ist es ein weiter Weg. Nur wenige Unternehmer werden wirklich vor Ort aktiv. Es sieht so aus, als ob der Boom zurückgeht.“

Das Geld verschwindet häufig in der Privatschatulle eines Chiefs

Gibt es also gar kein „land grabbing“ in Ghana? „Wir haben uns darüber noch nie ernsthaft Gedanken gemacht“, heißt es abwiegelnd im Landwirtschaftsministerium. Alhassan Yakubu, der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im ghanaischen Parlament, behauptet dagegen: „Unser Land wird überschwemmt von internationalen Interessenten, die Land erwerben wollen.“ Der Abgeordnete der Regierungsfraktion wurde selbst schon von Investoren angesprochen. Für ihn besteht das Hauptproblem jedoch nicht in der Gefährdung der Ernährungssicherheit, da derzeit nur auf zehn Prozent des kultivierbaren Landes in Ghana Nahrungsmittel angebaut werden. Er sieht eher die Gefahr, dass sich das ganze System der Landnutzung ändern könnte mit schädlichen Folgen für die Wasserversorgung und die Kleinbauern, die derzeit den größten Teil der Flächen bewirtschaften. Yakubu hält einen neuen gesetzlichen Rahmen für den Erwerb großer Landflächen für nötig: „Wir müssen mehr Interessengruppen einbeziehen und die Macht der traditionellen Autoritäten bei der Landvergabe beschneiden.“

Ungefähr vier Fünftel des ghanaischen Landes ist so genanntes „customary land“, über dessen Nutzung entweder traditionelle Würdenträger, die Chiefs, oder Großfamilien entscheiden. Besitz, Nutzung, Verpachtung und Verkauf werden von einer verwirrenden Vielzahl unterschiedlicher Rechte geregelt, die sich teils aus britischen Rechtsvorstellungen der Kolonialzeit, teils aus Gewohnheitsrechten und deren gerichtlicher Auslegung speisen. Nach traditionellem Verständnis verwalten die Chiefs ihr Land treuhänderisch für die Gemeinschaft, indem sie Nutzungsrechte vergeben und einen Teil der Pachteinnahmen zur Erledigung ihrer Aufgaben nutzen. Daher dürfen sie Land nicht verkaufen, sondern nur verpachten, und müssen bei größeren Flächen die Genehmigung der übergeordneten traditionellen Instanz einholen.

Es kommt jedoch immer wieder vor, dass langfristige Pachtverträge ohne jede Information der Gemeinde abgeschlossen werden und das Geld in der Privatschatulle eines Chiefs verschwindet. Häufig werden Filetstücke sogar mehrfach „verkauft“, so dass es zu endlosen Streitigkeiten kommt. Allerdings können diese komplizierten Besitzverhältnisse Investitionen auch verhindern. Denn bei großen Flächen sind oft so viele Eigentümer beteiligt, dass man sich über die Landvergabe nicht einig wird. Ebenezer Appah-Sampong von der Umweltbehörde erinnert sich an einen Investor, der 100.000 Hektar bewirtschaften wollte. „Das Land ließ sich gar nicht auftreiben.“

Eine umfassende Biospritpolitik würde helfen

Die Intransparenz der Landdeals ist ein zentraler Kritikpunkt der NGO-Koalition CICOL. Das Bündnis fordert die Regierung auf, Regelungen zu schaffen, um traditionelle Instanzen beim Abschluss von größeren Landnutzungsverträgen mit fachlichem Wissen zu unterstützen, Transparenz in den Verhandlungen zu schaffen und die lokale Bevölkerung zu beteiligen. Lilian Bruce, die Koordinatorin von CICOL, bestreitet zudem, dass es überhaupt freie Flächen in Ghana gibt. „Das Land ist kommunales Land und ist für jeden in der Gemeinde da.“ Viele nutzen es als Einkommensquelle, zum Sammeln von Feuerholz, Baumaterialien und Heilpflanzen oder zum Weiden von Ziegen oder Schafen. Zudem werden landwirtschaftliche Flächen oft im Wechsel bewirtschaftet: Ungenutztes Land soll sich regenerieren und wird erst nach einigen Jahren wieder bepflanzt. Daher haben großflächige Plantagen aus Sicht von CICOL häufig gravierende Folgen. Zwar würden Arbeitsplätze geschaffen, aber sie böten meistens nur vorübergehende Beschäftigungsmöglichkeiten.

Bei aller Kritik lehnt CICOL den Anbau von Pflanzen für den Agrosprit jedoch nicht rundheraus ab. Denn die weltweite Nachfrage und die Produktion in Afrika steigen weiter, gefördert von afrikanischen Regierungen, die sich Deviseneinnahmen aus Exporten und einen Technologietransfer für die einheimische Landwirtschaft erhoffen. Auch die ghanaische Regierung scheint die Großinvestition einer südafrikanischen Firma in eine 50.000 Hektar große Zuckerrohrplantage im Norden Ghanas zur Herstellung von Ethanol für den europäischen Markt zu unterstützen.

Für die Investoren würde sich das Projekt auch aufgrund der zollfreien Einfuhr von Ethanol im Rahmen der Handelspräferenzen der Europäischen Union (EU) für die AKP-Staaten lohnen. Der lokale Energiemarkt sollte jedoch ebenfalls profitieren, durch eine Verwertung von Abfallprodukten, die bei der Herstellung anfallen, fordert der Parlamentarier Hassan Yakubu. Zudem werde überlegt, das Land als eine Art Kapitalbeteiligung der Kommunen in das Unternehmen einzubringen. „Diesen Ansatz finde ich überzeugend“, sagt Yakubu. Und die CICOL-Koordinatorin Lilian Bruce erklärt: „Wir können die Entwicklung nicht stoppen. Aber wir müssen innovative Wege finden, damit alle etwas davon haben. Eine umfassende Biospritpolitik würde dabei helfen.“

Tatsächlich hat die ghanaische Energiekommission 2005 einen Entwurf dazu erarbeitet, der seither in der Schublade schmort. Das Konzept enthält viele Vorschläge, wie der privatwirtschaftliche Anbau von Energiepflanzen und die Biospritproduktion in Ghana gestärkt werden können, etwa mit der Schaffung von Investitionsanreizen und Kredithilfen, Forschungsförderung und der Stimulierung des Absatzmarktes für Biosprit.

Zum Tanken einfach in den eigenen Garten fahren

Eine solche Unterstützung würde auch von mittelständischen Unternehmern der Agrosprit-Branche begrüßt, die zum Teil mit großen Schwierigkeiten kämpfen. Jojo Frimpong Boateng, Geschäftsführer von Goldray Biofuels, hat vor fünf Jahren mit dem Anbau von Jatropha für Biodiesel begonnen. Er ist nicht der einzige Unternehmer, der die Produktion wieder eingestellt hat. „Es war zu frustrierend. Eine Einzelperson brennt dabei aus“, begründet er seine Entscheidung. So birgt der Einsatz großer Maschinen die Gefahr, die dünne fruchtbare Bodenschicht zu zerstören. Zusatzkosten entstehen durch das Anlernen der Farmer und die Schädlings- und Unkrautbekämpfung. Zwar wird die Jatropha-Pflanze dafür gerühmt, auf kargem Gelände zu gedeihen, doch man braucht fruchtbare Böden, um ausreichende Erträge zu erzielen. Jojo Boateng schloss sich schließlich mit einem ausländischen Investor zusammen, der jedoch schnelles Geld sehen wollte und falsche Geschäftsentscheidungen fällte.

„Die Farmer von Jatropha haben Probleme, weil noch nicht genug geforscht wurde“, behauptet Sulemana Issah, Direktor von TRAGRIMACS, einer Firma, die sich auf die Erzeugung von Öl aus Sonnenblumenkernen spezialisiert hat. Der Ökonom hat zehn Jahre lang Böden in den verschiedenen Regionen Ghanas untersucht, mit verschiedenen Sonnenblumenarten experimentiert und ausführliche Kostenanalysen erstellt. Die Firma bewirtschaftet 700 Hektar und hat daneben eine große Zahl selbstständiger Farmer unter Vertrag genommen, zum Teil in Zusammenarbeit mit entwicklungspolitischen Organisationen. Einnahmen werden jetzt vor allem aus dem Verkauf des Öls an lokale Hersteller von Ölfarben erzielt. „Wir bräuchten in Ghana ein Gesetz, das eine mehrprozentige Beimischung von Biodiesel zu herkömmlichem Diesel vorschreibt. Dann hätten wir einen größeren einheimischen Absatzmarkt und könnten weitaus mehr produzieren. Aber es ist schwierig, das gegen die Interessen der Erdöl-Lobby durchzusetzen“, sagt Issah.

Im Vergleich zum aufwändigen Anbau scheint immerhin die Herstellung von Biodiesel aus dem Öl der Jatrophanuss eher simpel zu sein. In Jojo Frimpong Boatengs großem Garten, mitten in einem gediegenen Wohnviertel von Accra, steht seine „Raffinerie“, die alles in allem 10.000 US-Dollar gekostet hat und 450 Liter Biodiesel täglich produzieren kann. Sie besteht aus vier eineinhalb Meter hohen, mit Schläuchen verbundenen Plastikzylindern, in denen das Öl zunächst mit Methanol und dann mit einem Katalysator gemischt wird. Danach wird der Biodiesel vom Nebenprodukt Glyzerin getrennt und kann direkt ins Auto gefüllt werden. Manchmal produziert Jojo Boateng noch für den Eigenbedarf. Wenn der Diesel an der Zapfsäule knapp wird – und das kommt in Ghana immer wieder einmal vor –, fährt Jojo Boateng zum Tanken einfach in seinen Garten.

Zusatzinformationen: 

Auf seiner Website wirbt BioFuel Africa mit „nachhaltigen Produktionsmethoden und sozialverantwortlichen Geschäftspraktiken“. In einer Presseerklärung verkündete der Konzern im Oktober 2009 den Beginn der kommerziellen Produktion von Jatrophaöl in Ghana, allerdings ohne konkrete Zahlen zum Umfang zu nennen. Für eine Stellungnahme war BioFuel Africa nicht zu erreichen. (gna)

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss

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