Populärer Sound aus der Metropole

In Tansania haben junge Musiker auf der Grundlage des Hip-Hop eine originelle und sehr erfolgreiche Musik entwickelt, den Bongo Flava. Viele, die ihre Songs in Studios einspielen, verbinden damit die Hoffnung auf den musikalischen Durchbruch. Doch nur die wenigsten können schließlich mit der Musik Geld verdienen – die Produzenten und Radiostationen machen den Gewinn.

Ob im Minibustaxi, auf den geschäftigen Straßen oder bei einer kühlen Cola am Imbiss – in der größten Stadt Tansanias, Daressalam, ertönt an jeder Ecke laute und fröhliche Musik. Besonders populär sind als „Bongo Flava“ bekannte Rhythmen mit Swahili-Texten. Diese Musik ist vom afro-amerikanischen Hip-Hop und R&B (Rhythm and Blues) geprägt, lässt aber auch Raum für andere musikalische Einflüsse, zum Beispiel hindi beats, arabischer oder karibischer Musik.

Autoren

Janna Lena Degener

ist Germanistin und Ethnologin. Als freiberufliche Journalistin hat sie sechs Monate in Daressalam gelebt, jetzt ist sie in Köln tätig.

Sarah Kröger

ist Ethnologin und lebt als freie Journalistin und Projektmanagerin für NGOs in Berlin.

„Ganz pauschal gesagt: Alles was Pop ist oder Mainstream in Tansania, das ist Bongo Flava“, erklärt der Ethnologe Gabriel Hacke von der Universität Mainz. Als er vor einigen Jahren das erste Mal nach Tansania reiste, konnte er sich dem Bongo Flava nicht entziehen: Fast jeder Jugendliche, mit dem er in Kontakt kam, war Rapper oder leidenschaftlicher Konsument von Hip-Hop-Musik.

Das war nicht immer so. Noch in den 1980er Jahren weigerten sich die Radiosender in Tansania, Hip-Hop zu spielen, der als unmoralisch galt und in die Kategorie „Hooligan-Musik“ eingeordnet wurde. Außerhalb des Radios gewannen Hip-Hop und R&B jedoch erste begeisterte Hörer aus der tansanischen Mittelschicht. Anfang der 1990er Jahre begannen einige Musiker sich den US-amerikanischen Hip-Hop neu anzueignen. Anstatt wie bisher die afro-amerikanischen Originale zu kopieren, schrieben sie eigene Lieder mit Swahili-Texten. Diese Versuche wurden zunächst nicht weiter ernst genommen. Als jedoch der Rapper Saleh J. bei einem wichtigen Wettbewerb als erster mit einem Swahili-Song gewann, begannen immer mehr Musiker auf Swahili zu singen oder zu rappen: Bongo Flava war geboren.

 Im Jahr 2000 kam es zur Bongo-Explosion, wie tansanische Musikerkreise den Erfolg der Musikrichtung nennen. Heute gibt es keinen Sender in Tansania, der nicht Bongo Flava spielt.  Der Erfolg ist nicht nur auf Tansania beschränkt, auch in anderen ostafrikanischen Ländern wie Kenia, Uganda, Ruanda, Burundi oder Malawi wird Bongo Flava gehört. Das Bild von der „Hooligan-Musik“ hat sich spätestens seit der Bongo-Explosion schlagartig gewandelt. Seit in den Texten auch moralische und politische Themen wie Aids auftauchen, ist Bongo Flava in der tansanischen Bevölkerung weithin akzeptiert.

Heute ist Bongo Flava eine der fünf großen Musikrichtungen in Tansania, berichtet Hacke. Dazu gehöre außerdem „Taarab“, eine Mischung aus indischen, arabischen und europäischen Melodien, „Dansi“, ein aus dem Kongo stammender Musikstil, die immer populärer werdende Gospelmusik und „ngoma“, die so genannte traditionelle afrikanische Musik. Bongo Flava als moderner Musikstil spricht besonders junge Menschen an. Wer es sich leisten kann, geht zu einem der angesagten Konzerte. Wer über mehr Geld, Kontakte und Ambitionen verfügt, der versucht selbst einen Song aufzunehmen.

Der Name Bongo Flava steht für den Sound aus Daressalam. „Bongo“ bedeutet Gehirn, Verstand oder Kopf und wird auch als umgangssprachliche Bezeichnung für die führende Stadt Tansanias, Daressalam, benutzt. Verstand braucht auch, wer in der tansanischen Musikindustrie Fuß fassen will. Nur ein Bruchteil der Musiker kann von den Einnahmen der produzierten Songs leben.

Im kleinen Studio Emotion Records in Daressalam beispielsweise sind das laut Schätzungen des Produzenten Isaac Michael Mkbambo vier bis fünf von rund hundert. Der 24jährige Produzent hat sich durch jahrelange Arbeit in verschiedenen Studios sein eigenes kleines Studio aufbauen können. Auch wenn ein Musikstudium im Ausland und ein eigenes Label bisher noch ferne Träume für ihn sind, kann er bei einem neunstündigen Arbeitstag immerhin von seinen Einnahmen leben, die Studiomiete bezahlen und in Einzelfällen auch Musiker finanziell bei der Produktion ihrer Songs unterstützen. Im Regelfall verlangt er rund hundert Dollar pro produziertem Song von den Musikern, dazu erhält er die Einnahmen aus Konzerten. Die Musiker verdienen daran meist nichts und müssen auf andere Geldquellen bauen, um ihre Musik finanzieren.

Der 22jährige Rapper Noel Lebi, der zur Zeit von seiner Familie finanziert wird, will nach Abschluss seines Studiums mit seinem Lehrergehalt die Musik finanzieren, während Erik Mtwara sechs Tage die Woche in einer Fabrik arbeitet und Ally Ramadan als Verkäufer in einem Kleidungsgeschäft. Für die Musik bleibt da nicht viel Zeit und die Kraft schöpfen sie alle wie Ally Ramadan aus ihrer Hoffnung: „Jeder große Musiker hat einen steinigen Weg hinter sich. Nach einiger Zeit werde auch ich Geld für meine Musik bekommen.“

Zunächst aber scheinen andere aus der Arbeit der Nachwuchsmusiker den Gewinn zu ziehen. Einnahmeverluste durch Raubkopien, unter denen in Tansania erfolgreiche Bongo-Flava Künstler wie FidQ oder Professor Jay zu leiden haben, treffen auch junge Nachwuchskünstler. Erschwert wird die Situation laut einem Bericht der Weltbank von der großen Zahl an betrügerischen Produzenten und korrupten oder inkompetenten Managern. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die tansanische nichtstaatliche Organisation Tanzanian Youth Coalition (TYC), die sich dem Thema 2007 in einem Projekt gewidmet hat. „Leider ernten nicht die Musiker, die dafür geschwitzt haben, die Früchte ihrer Arbeit“, berichtet Mark Okello von TYC. „Während in kleinen Studios Produzenten und Musiker oft noch an einem Strang ziehen, um gemeinsam das Bestmögliche mit wenig Geld zu erreichen, werden Musiker von etablierten Produzenten und Managern nicht selten übers Ohr gehauen. Die Künstler unterzeichnen einen Vertrag über tausend Kopien, aber die Produzenten verkaufen 3000. Oder es wird vertraglich vereinbart, die Musik nur in Daressalam zu verkaufen, aber der Produzent verkauft die CDs in ganz Tansania und steckt die Einnahmen in die eigene Tasche.“

Dazu komme die Korruption in den Radiostationen. „Wenn ein Radio deinen Song spielt, solltest du dafür bezahlt werden. In Tansania läuft es andersrum – du musst bezahlen. Auch wenn das in den Radiostationen nie jemand zugeben würde“, erklärt Okello. Dr. Wolfgang Bender, Ethnologe und Geschäftsführer des Center for World Music an der Universität Hildesheim, hat so etwas in Ostafrika beobachtet und bestätigt das.

Trotzdem bestreiten Radiomoderatoren, Songs gegen Bezahlung zu spielen. „Underground-Musiker, die es nicht schaffen, beschuldigen gerne uns für ihren Misserfolg“, sagt der künstlerische Direktor des führenden Radiosenders Clouds FM, Reuben Ndege. Er versichert, dass er kein Geld annehmen würde; der Hörergeschmack sei nicht bestechlich und deshalb habe es auch keinen Sinn, Songs gegen Bezahlung groß rausbringen zu wollen. Ihm ist aber die schwierige Lage der Musiker bewusst – er bestätigt, dass viele hart kämpfen und kein Geld verdienen, obwohl sie gut sind. Das liege daran, dass ihnen Bildung fehle. Denn wer seine Rechte kenne und dafür kämpfe, könne auch Erfolg haben und Geld mit der Musik verdienen. „Ich erinnere jeden daran, dass es ein Geschäft ist“, sagt er. „Meine Aufgabe ist nicht die Barmherzigkeit, ich bin nicht dafür da, jemandem eine Freude zu machen. Ich bin hier, um Geld zu verdienen.“

Die Macht der Radiostationen ist vielen Musikern bewusst. Die Ethnologen Bender und Hacke hatten bei ihren Feldstudien den Eindruck, diese Art der Bestechung werde von den Musikern nicht weiter beklagt, sondern als notwendiges Übel hingenommen. Aber viele äußern sich durchaus reflektiert zu dem Thema. „Man muss sich auf diese Korruption als Künstler einlassen, weil es keinen Ausweg gibt. Es ist wie ein Teufelskreis – nur wenn du bezahlst, kannst du vielleicht etwas verdienen“, meint etwa Ally Ramadan. „Wenn die Songs nicht in den Radios gespielt werden, bleiben sie ungehört. Und du als Musiker wirst keinen Erfolg haben.“ Auch der junge Rapper Noel Lebi ist überzeugt von der Macht der Radiostationen: „Die meisten Leute in den verschiedenen Radios sind Freunde. Wenn du einen guten Kontakt zu einem bekommst, kann er dir helfen, deine CD zu bewerben und an andere Radios zu verteilen.“ Bei den Verträgen sieht er für die Musiker keine Verhandlungsbasis: „Wenn du den Vertrag nicht unterschreibst, wie er dir vorgelegt wird, dann kannst du nach Hause gehen“.

Okello versucht als Mitarbeiter der Tanzanian Youth Coalition, die Musiker über ihre Rechte aufzuklären und ihnen zu erklären, wie man einen fairen Vertrag aushandelt. Aber gegen deren Überzeugungen hat er mit seinen Argumenten kaum eine Chance. Auch Copyright-Institutionen, die die Rechte der Musiker schützen sollen, sind zwar unter vielen Musikern bekannt. An die Autorität solcher Behörden glauben allerdings in Tansania – wie laut der Weltbank auch in vielen anderen afrikanischen Ländern – die wenigsten Musiker.

Experten betrachten den tansanischen Musikmarkt als enorm wachsenden Wirtschaftszweig, der auch ein großes Potential im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit biete. Die Aussicht auf musikalischen Erfolg und finanzielle Sicherheiten ist für Ally Ramadan, Noel Lebi und Erik Mtwara derzeit aber alles andere als rosig. Dass sie wie viele andere Nachwuchstalente dennoch nicht aufgeben, kann laut Hacke auch daran liegen, dass sie von ihrer musikalischen Tätigkeit auf einer ganz anderen Ebene profitieren. „Der Gewinn, den die Musiker mit ihrer Musik machen, ist nicht finanzieller Art. In Tansania ist es ganz wichtig, einen Namen zu haben, bekannt zu sein und viele Leute zu kennen. Vielleicht hängt die Entscheidung, Musiker zu werden, auch damit zusammen, dass jemand genau diese Kontakte haben möchte, so dass sich ganz neue Chancen für ihn ergeben.“ So könne man sich als Musiker in seinem Viertel einen Namen machen und soziale Anerkennung gewinnen. Wenn ihr Selbstbewusstsein wächst, sie Kenntnisse in Projektmanagement oder Tontechnik erwerben und nicht zuletzt Kontakte zu Radio oder Fernsehen knüpfen, könne die Musik auch zum Sprungbrett in andere Jobs werden.

Von der Möglichkeit, in ihren Songs auf die politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten hinzuweisen, machen die Musiker aber nur selten Gebrauch. Es kommt zwar durchaus vor, dass Bongo-Flava-Rapper die Korruption beklagen und eine bessere Gesellschaft fordern. Texte über die Liebe und den Alltag spielen aber eine deutlich größere Rolle.

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss