„Trotz Gewalt können wir friedlich zusammen leben“

Vor einem Jahr ging der jahrzehntelange Bürgerkrieg in Sri Lanka mit einem militärischen Sieg der Regierungsarmee über die tamilische Rebellenbewegung „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE) zu Ende. Die zugrunde liegenden Konflikte sind damit aber nicht gelöst. Die Kirchen im Land setzen sich für Versöhnung und die Achtung der Menschenrechte ein. Ein geplantes Anti-Bekehrungsgesetz gefährdet jedoch ihre Arbeit.

Noch immer bestehen Spannungen zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit. Ihrer Kirche gehören Mitglieder beider Ethnien an. Wie gehen Sie damit um?

Zum Glück hatten diese Konflikte nie eine sehr große Wirkung in der Kirche. Wir waren immer im Gespräch miteinander, auf diese Weise ist ein großes Verständnis gewachsen. Es hat natürlich einige kleinere Zwischenfälle gegeben. Aber wir haben sie überstanden und der Konflikt ist nicht in die Kirche geschwappt. Die Tatsache, dass unsere mehrheitlich singhalesische Kirche 2005 mit mir einen tamilischen Präsidenten gewählt hat, hat ein gutes Zeichen gesetzt: Wir sind zusammen. Trotz all der Gewalt können wir friedlich zusammen leben. Wenn andere Religionen auch solche Zeichen setzen könnten, hätte das eine große Wirkung. Deshalb ist es etwas schade, dass alle Buddhisten Singhalesen sind und alle Hindus Tamilen. Die Angst und das Misstrauen, die in den Jahrzehnten des Konflikts gewachsen sind, müssen abgebaut werden. Dazu können die Religionen einen wichtigen Beitrag leisten.

Wie sieht dieser Beitrag aus?

Wir haben eine zentrale Organisation im ganzen Land. Diesen Vorteil nutzen wir nach Kräften. Wir kümmern uns um die Opfer des Krieges, vor allem um Tamilen, aber auch um Muslime, die vertrieben worden sind, und um Singhalesen in den Grenzdörfern der Kriegsgebiete. Wir spielen eine vermittelnde Rolle, die durch die Zusammenarbeit mit anderen Religionen noch verstärkt wird, vor allem mit Buddhisten und Hindus. Zur Zeit gründen wir kleine interreligiöse Foren in den Dörfern auf Graswurzelebene, um zu besprechen, wie es jetzt nach dem Krieg weitergehen soll. Die Menschen müssen wieder zusammenfinden und sich gemeinsam für Frieden und Versöhnung einsetzen. Auf Landesebene gibt es ähnliche Treffen aller religiösen Führer.

Welche weiteren Aufgaben hat die methodistische Kirche in der Gesellschaft?

Wir haben uns während des Krieges zusammen mit anderen Partnern und nichtstaatlichen Organisationen für eine politische Lösung des Konfliktes eingesetzt. Noch wichtiger war es aber, in den Dörfern im Kriegsgebiet zu vermitteln, weil wir mit beiden Seiten sprechen konnten. Das ist nun zwar nicht mehr nötig. Aber es gibt ein politisches Vakuum, die Menschen haben niemanden mehr, der ihre Anliegen vertritt. Deshalb übernimmt die Kirche gelegentlich diese Rolle und trägt die Anliegen beim Militär oder den staatlichen Behörden vor. Das machen wir immer noch. Nicht nur die methodistische Kirche, sondern alle Kirchen sehen das als ihre Aufgabe.

Die Religion war zumindest vordergründig auch Teil des Konflikts zwischen mehrheitlich hinduistischen Tamilen und buddhistischen Singhalesen. Wie kann sie jetzt Teil des Friedensprozesses sein?

Es gibt extremistische Strömungen in allen Religionen, die die Konfrontation verschärft haben. Die religiösen Führer haben sicher nicht alles richtig gemacht: Wir haben es versäumt, zur rechten Zeit das Richtige zu sagen, um diese Katastrophe zu verhindern. Aber ich erlebe, dass es unter den Menschen viel guten Willen gibt und das müssen wir nutzen, um eine neue Perspektive für unser Land zu gewinnen.

Welche Rolle spielen die Menschenrechte für Ihre Kirche?

Als Kirche haben wir in den vergangenen Jahrzehnten immer erklärt, dass alle Menschen gleiche Rechte haben, dass eine dauerhafte Lösung des Konflikts mit der Machtfrage zu tun hat, und wir haben uns gegen jede Gewalt und für eine Verhandlungslösung ausgesprochen. Bis heute sagen wir, dass die Menschenrechte beachtet werden müssen. Aber wir müssen auch andere Möglichkeiten in den Blick nehmen, wie die Menschenwürde gewahrt werden kann. Wir stellen fest, dass das Menschenrechtskonzept der Vereinten Nationen als westlich eingestuft werden kann. Es sind immer die westlichen Länder, die die Menschenrechte bei uns einklagen. In Asien sprechen wir kaum über das Konzept. Das macht es leicht zu sagen: Das ist wieder nur ein Konzept des Westens. Aber wir haben auch in unseren Religionen viele Traditionen, in denen es um den Respekt des Lebens und die Menschenwürde geht, auf die wir aufbauen können.

Würden Sie sagen, Sie brauchen die UN-Menschenrechtscharta nicht?

In unseren Traditionen gibt es das nicht in dieser Form. Aber die Grundlage ist auch in unserer Kultur vorhanden und sie umfasst alle Aspekte der UN-Charta. Das Problem mit der Menschenrechtscharta bei uns ist, dass die Menschen sie nicht einklagen können. Einfache Leute können nicht vor Gericht gehen und Klage erheben. Wie sollen wir ihnen diese Rechte dann nahebringen? Deshalb ist es einfacher, bestimmte Kontrollmechanismen auf der Basis der Werte unserer eigenen Religionen einzuführen. Ich sage nicht: Weg mit der UN-Menschenrechtscharta. Das ist eine gute Richtlinie, aber wie sollen wir sie hier umsetzen und wie können wir die individuellen und die sozialen Rechte hier verankern? All das muss mehr an die Situation vor Ort angepasst werden.

Die Religionsfreiheit ist einer der wichtigen Bausteine der Charta. Wie weit ist sie in Sri Lanka gewährleistet?

Unsere Verfassung gewährleistet die Religionsfreiheit. Und ich glaube, dass die Mehrheit der Menschen sich eine tolerante Gesellschaft mit gegenseitigem Respekt wünscht, egal ob sie Buddhisten, Hindus, Muslime oder Christen sind. Aber es gibt in allen Religionen  Strömungen, auch bei den Christen, die sich für die einzig wahren halten und andere angreifen oder lächerlich machen. Wenn die Religionen zusammenarbeiten und diese Strömungen isolieren, dann hat die Religionsfreiheit größere Chancen.

Die Politik scheint aber ziemlich einseitig zu sein: 2005 hat eine Partei buddhistischer Mönche das Anti-Bekehrungsgesetz ins Parlament eingebracht, das seitdem wie ein Damoklesschwert vor allem über den sozial und missionarisch engagierten Kirchen hängt.

Das Gesetz bereitet uns tatsächlich Sorgen und wir diskutieren viel darüber, auch mit anderen Religionsvertretern, die die Gefahren sehen. Wir versuchen gemeinsam, es zu verhindern. Aber wir müssen auch selbstkritisch darauf achten, wie wir unseren Glauben leben, ob wir aggressiv auftreten oder ob wir sensibel genug für andere Religionen sind, damit wir nicht als Bedrohung empfunden zu werden. Wir haben deshalb jetzt einen Verhaltenskodex für die Evangelisation entwickelt. Wenn wir in engem Kontakt mit anderen Religionen sind, verringern sich die Angst und das Misstrauen, auch wenn extremistische Strömungen das möglicherweise gerade nicht wollen.

Was würde das Inkrafttreten dieses Gesetzes bedeuten?

Das Anti-Bekehrungsgesetz war schon fast verabschiedet, aber wegen der Parlamentswahlen wurde es wieder verschoben – das bedeutet einen kleinen zeitlichen Aufschub für uns. Vielleicht wird es bald verabschiedet, vielleicht nicht, aber wir können nicht wieder vor Gericht gehen, denn die Änderungen, die der Oberste Gerichtshof angeordnet hat, sind gemacht. Es beinhaltet zwei große Gefahren für uns: Wenn jemand eine andere Religion annehmen will, muss er oder sie das bei einer bestimmten Behörde melden und erklären, dass kein Druck ausgeübt wurde. Erst dann wird der Wechsel anerkannt. Aber wenn wir jemanden taufen und er dann nachweist, dass er das wegen bestimmter Anreize getan hat, werden Geldstrafen oder sogar Gefängnisstrafen verhängt. Alles kann beliebig interpretiert werden. Vielleicht hast du jemandem geholfen und er sagt: Der wollte mich nur bekehren. Das öffnet eine riesige Bandbreite von Anschuldigungen, bei denen staatliche Stellen in religiöse Angelegenheiten eingreifen können. Die zweite ist die Frage, ob unsere kirchlichen Schulen als unerlaubte „Anreize“ interpretiert werden, weil es heißt, dass wir Kinder unzulässig beeinflussen. Problematisch werden kann es auch, wenn wir Sozialarbeit oder Entwicklungsarbeit machen und jemandem auf dem Dorf für ein  Projekt Geld geben. Außerdem gibt es nach dem Gesetz viele Gruppen, mit denen wir gar keinen Kontakt haben dürfen: Gefängnisinsassen, Soldaten, Flüchtlinge, Behinderte, auch Kinder und viele mehr – sie sind als „besonders anfällig“ klassifiziert. Das sind so viele mögliche Gruppen, irgendwann bleibt niemand mehr übrig. Sogar Frauen zählen als so eine Gruppe, ganz allgemein!

Dann kann keine Rede mehr von Religionsfreiheit sein?

Ja, wenn das Anti-Bekehrungsgesetz kommt, haben wir ein großes Problem. Auch jetzt werden gelegentlich Kirchen oder Versammlungen angegriffen. Das hat in jüngster Zeit zugenommen. Ich würde  nicht sagen, dass sie gezielt niedergebrannt werden, aber es gibt Angriffe von aufgebrachten Gruppen, die Gebäude verwüsten.

Wieso wächst Ihre Kirche trotz allem und gewinnt ständig neue Mitglieder?

Für viele Menschen ist das Zusammengehörigkeitsgefühl der Christen attraktiv. Darüber hinaus geschehen Gebetserhörungen – Heilungen, auch von dämonischen Einflüssen oder psychischen Problemen – und die Menschen kommen dann zu uns. Aber wir gehen äußerst sensibel damit um und achten darauf, dass wir keine Unruhe oder Konkurrenz zu anderen Religionen in die Dörfer bringen.

Welche Vision haben Sie für die Kirche und Ihr Land?

Manche Dinge sehen sehr hoffnungslos aus, aber ich habe einen großen Glauben an die spirituelle Kraft der Religionen in unserem Land. Ich glaube, dass es sehr viel guten Willen vor allem unter einfachen Menschen gibt. Aus dieser Quelle müssen wir schöpfen, das müssen wir weiter entwickeln. Ich gebe nicht auf, mich für den Frieden einzusetzen.

Das Gespräch führte Bettina von Clausewitz.

 

Pfarrer Ebenezer Joseph ist seit 2005 Präsident der Methodistischen Kirche von Sri Lanka (MCSL), die etwa 40.000 Mitglieder hat. Der Tamile war zuvor Generalsekretär des Nationalen Christenrates.

 

erschienen in Ausgabe 5 / 2010: Menschenrechte - Für ein Leben in Würde