Weltalphabetisierungstag
Weltalphabetisierungstag

Die Wahl zwischen Wohlstand und Wissen

Viehhirten, die nomadisch leben, können ihre Kinder nicht in eine normale Schule schicken. Auch andere Bildungsangebote – vom Internat bis zur mobilen Schule – sind für Hirten in den Trockenzonen der Erde, die sich das ganze Jahr mit ihren Herden bewegen, nicht geeignet. Fernkurse mit Audio-Medien kommen ihren Bedürfnissen am meisten entgegen.

Lokiru ist nackt unter einem Stück Leintuch, das er über die Schulter geworfen hat und das ihn im Morgenwind kaum warmhalten wird. Er ist ein Hirtenjunge vom Volk der Jie in Karamoja in Norduganda. Ich treffe ihn in seiner „Grundschulklasse“ unter einem Baum beim Lagerplatz der Rinder, wo er auf einen Lehrer wartet, der nicht gekommen ist. Wir sprechen über seine Arbeit mit den Kühen, die für seine Familie wirtschaftliche Sicherheit und Wohlstand bedeuten. „Wenn wir mit der Herde draußen sind“, sagt Lokiru, „müssen wir ständig aufpassen.“ Das meint er wörtlich: Die Kühe sind Geld auf vier Beinen, viel Geld in diesem Teil der Welt, und die jungen Hirten sind im Busch auf sich allein gestellt: kein Telefon, keine Polizei, keine Unterkunft.

Lokiru ist etwa zehn Jahre alt und macht den Eindruck, als habe er seine Aufmerksamkeit gut trainiert. Mit wachen, lebhaften Augen und von unserer Kommunikation über einen Dolmetscher gar nicht eingeschüchtert, antwortet der Junge nicht bloß auf meine Fragen, er bestimmt die Richtung des Gesprächs. Er sieht mir gerade ins Gesicht und meint, dass er alles lernen wolle, „was es zu lernen gibt“. Allerdings findet er seinen Lehrer „nicht sehr anspruchsvoll“, weil – so argwöhnt er – der selbst nicht viel weiß. Das scheint keine Frechheit zu sein, er spricht nüchtern und höflich.

Später am Morgen mache ich einen Besuch bei Lokirus Lehrer Mario. Er ist auch ein Jie, hat aber seinen italienischen Namen vom katholischen Pfarrer in der Missionsschule bekommen, nachdem sein Vater gestorben war, die Familie ihre Herde verloren hatte und seine Mutter sesshaft werden musste. Marios Onkel bezahlte die Ausbildung. Mario verließ die Sekundarschule ein Jahr vor dem Abschluss, als sein jüngerer Vetter die Sekundarschule begann – der Onkel konnte sich das Schulgeld nur für ein Kind leisten, also zahlte er für seinen Sohn. Das war vor neun Jahren. Der Posten im Grundschulprogramm ist seit dem vergangenen April Marios erste Stelle.

Aufstehen um vier Uhr morgens

Jetzt wird von Mario erwartet, dass er den Unterricht im Morgengrauen beginnt und die jungen Hirten etwas länger als eine Stunde unterrichtet, bis sie mit ihren Tieren losziehen, und dann noch einmal, wenn sie abends wiederkommen. Man geht davon aus, dass Lehrer wie er, die „aus der Gemeinschaft“ rekrutiert werden, am selben Ort leben wie die Schüler. Daher richtet sich der unterbrochene Stundenplan nach den Haushaltspflichten der Kinder.

Allerdings haben selbst unqualifizierte Lehrer die Schulkultur lange genug verinnerlicht, um sich vom Hirtenleben loszusagen, in eine Siedlung zu ziehen und nach einer Arbeit für Menschen mit Schulbildung zu suchen. Zur Zeit meines Besuchs war der Lagerplatz der Rinderherden ungewöhnlich nahe an dem Handelszentrum, in dem Mario lebt, aber immer noch etwa 15 Kilometer entfernt. Mario müsste um vier Uhr morgens aufbrechen und drei Stunden durch die Dunkelheit laufen (das Fahrrad, das man ihm zur Verfügung gestellt hat, ist kaputt); erst nach der abendlichen Unterrichtsstunde könnte er nach Hause gehen, wieder drei Stunden im Dunkeln. Sein Lohn beträgt nur ein Viertel von dem, was ein Lehrer in einer Schule verdient, und reicht kaum für ihn selbst, schon gar nicht für eine Familie. Den anderen beiden Lehrern, die am Lagerplatz arbeiten, geht es genauso. Also wechseln sie sich ab, statt dass jeder zweimal am Tag unterrichtet, wie ursprünglich vorgesehen. Manchmal, wie an dem Tag, an dem ich Lokiru traf, vertun sie sich, und es kommt niemand.

Doch die unzuverlässige Schule unter dem Baum ist schon ein großer Fortschritt. Sie ist bisher die einzige Chance der Hirten, mit etwas wie einem staatlichen Schulwesen in Berührung zu kommen. Normale Schulen, selbst Internate, kommen nur für ganz wenige Kinder aus Hirtenfamilien in Frage. Sie sind enorm teuer, auch wenn das aus der Perspektive eines Städters nicht offensichtlich sein mag.

Das Hirtenleben in Trockengebieten stellt extreme Anforderungen. Es erfordert ein vielschichtiges Repertoire von Fähigkeiten und sozialer Organisation, das von früher Jugend an erlernt und gepflegt werden muss. Und es benötigt erstklassige Weiden, die in Trockengebieten nur genutzt werden können, indem man oft seinen Standort wechselt und sich von den Siedlungen fernhält. Dort aber sind die Schulen. Wenn man von den Kindern verlangt, dass sie ihre Familien verlassen, um Zugang zum Bildungswesen zu bekommen, dann nimmt man ihnen die Chance, ihren Lebensunterhalt mit der Aufzucht von Vieh zu verdienen, und ersetzt sie durch eine Schulbildung und durch das Versprechen eines leichteren Lebens, das selten gehalten wird. Denn je mehr Zeit in die Ausbildung investiert werden muss, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können – und selbst in den ärmsten afrikanischen Ländern konkurrieren heutzutage viele Universitätsabsolventen um freie Stellen –, desto höher ist das Risiko, die Ausbildung abbrechen zu müssen. Gleichzeitig genügen aber anscheinend ein paar Jahre Schülerleben, um es jungen Leuten fast unmöglich zu machen, sich der Produktionsweise der Viehhirten wieder anzupassen.

"Wir sind es leid, zwischen Wohlstand und Wissen wählen zu müssen"

Vorurteile über die „Resistenz“ der Hirten gegen formale Bildung und Behauptungen, man müsse die Eltern über deren Wert „aufklären“, sind unter Pädagogen gang und gäbe. Aber ein genauer Blick auf die Produktions- und Lebensbedingungen der Hirten und die hohen sozialen und ökonomischen Kosten, die Hirtenfamilien auf sich nehmen müssen, um nur einige Kinder in die Schule zu schicken, legt nahe, dass das Problem mehr die Schule in ihrer landläufigen Form ist als formale Bildung als solche.

Hirten zeigen heutzutage großes Interesse an formaler Bildung. Doch sie wollen sowohl Bildung als auch ihren Lebenserwerb, nicht entweder oder. Drastisch drückt es ein Ältester der Boran aus Isiolo in Kenia aus: “Wir sind es leid, zwischen Wohlstand und Wissen wählen zu müssen – entweder eine einträgliche Herde zu besitzen und ungebildet zu bleiben oder gebildet, aber arm zu sein.“ Die Frage scheint zu sein, ob die Nachfrage der Hirten nach Bildung befriedigt wird und man so ihre Lebensgrundlage mit zusätzlichen Chancen bereichert, statt dass man versucht, sie durch etwas völlig anderes zu ersetzen, oder sie durch die Grundanforderungen des Schulwesens untergräbt.

In den vergangenen zehn Jahren haben viele Regierungen, sogar in Krisenländern wie dem Sudan, ernsthafte Anstrengungen unternommen, das Ziel einer Grundschulbildung für alle zu erreichen. Dazu haben sie sowohl das konventionelle Schulsystem ausgebaut als auch verschiedene Alternativen erprobt, von denen manche darauf abzielen, den Bedürfnissen der Hirten gerecht zu werden. Aber fast alle Bildungsangebote – konventionelle Schulen, Internate, mobile Schulen, informelle Bildungsprogramme und sogar das populäre interaktive Radiolernprogramm – sind Variationen des Unterrichts im Klassenzimmer, bei dem ein Lehrer einer stabilen Gruppe von Kindern gegenübersteht. Dieses Modell hat zwar offensichtliche Vorteile und funktioniert in den meisten Situationen recht gut, es ist aber nur selten erfolgreich, wenn es um Hirtenfamilien geht.

Eine bemerkenswerte Ausnahme war der umfassende und erfolgreiche Einsatz von Internaten in der sozialistischen Mongolei vor 1990. Damals investierte die Regierung mehr als 16 Prozent des Bruttosozialprodukts in das Bildungswesen. Sie war zugleich in der Lage, die Produktionsweise der Hirten zu beeinflussen und mit einem breiten Angebot kostenloser Dienstleistungen zu unterstützen. Mobile Schulen waren im Iran und einigen anderen Ländern erfolgreich, in denen die Hirten nicht das ganze Jahr umherziehen und sich auf festgelegte Routen beschränken.

Aber im Allgemeinen sind Bildungsangebote auf der Basis des Klassenzimmermodells gescheitert, wenn es um Hirtenvölker ging, die sich auf unvorhersehbaren Routen in großen und abgelegenen Gebieten bewegen und ihren Lebensunterhalt einer extrem unwirtlichen Umgebung abringen. Denn es ist schwierig, sie mit der Schulaufsicht zu begleiten und Lehrer dafür zu gewinnen. Das Vorankommen im Lehrplan wird ständig vom unregelmäßigen Schulbesuch unterbrochen, der sich aus Wanderungsbewegungen und aus dem Druck aller möglichen äußeren Faktoren ergibt, etwa aus Unsicherheit und Dürren. Daher sind mobile Schulen und informelle Bildungsangebote bei Hirten zwar beliebt, wenn sie das einzige zugängliche Angebot darstellen. Aber sie bieten im allgemeinen nur die unteren Grundschuljahrgänge bis zur 3. oder 4. Klasse an, und das oft in sehr schlechter Qualität.

Lieber lernen, was im Alltag nützlich ist

Die ermutigenden Statistiken, die den Fortschritt bei der Bildung für Alle im vergangenen Jahrzehnt zeigen und nach denen die Schulbesuchsraten ansteigen, muss man in diesem Licht betrachten. Die Kinder, die nicht erreicht werden, sind zwar im nationalen Maßstab eine Minderheit, aber es sind die, die unmittelbar in den Produktionsprozess der Hirten eingebunden sind. Da die Viehhaltung immer noch der wichtigste Produktionszweig in den meisten Trockengebieten der Welt ist, müssen die Folgen des Ausschlusses der Produzenten aus dem Bildungswesen sehr ernst genommen werden.

Die Hirten stellen sich diesen Anforderungen aktiv und beschränken sich nicht darauf, ihren Bildungsdrang zum Ausdruck zu bringen. Zunehmend definieren sie die Art und Richtung der persönlichen Entwicklung, die sie von Bildungsmöglichkeiten erwarten, und setzen sich mit nationalen und internationalen Beteiligten in Verbindung, um dies zu erreichen. Mitte der 2000er Jahre überredeten zum Beispiel die Ältesten der Rendille in einem der trockensten  Distrikte Kenias einen deutschen Wissenschaftler, der Feldforschung in ihrem Gebiet betrieb, ihnen bei der Herausgabe eines „Rendille-Kamelzuchthandbuchs“ für die Kinder in der Sekundarschule zu helfen, statt dass die dort lernen sollten, wie man Kaffee anbaut. Hirten in Karamoja verlangten, den Kindern in Hirtenfamilien solle die Möglichkeit zu einem kompletten Abschluss der Grund- und Sekundarschule verschafft werden – sei es mittels erweiterter mobiler Schulen oder mittels Fernkursen.

Einen Weg vorwärts mit guten Aussichten, formale Bildung mit dem mobilen Hirtenleben in Einklang zu bringen, weisen möglicherweise offene Fernkurse. Bei einem Workshop mehrerer kenianischer Ministerien in Nakuru wurde Anfang 2010 eine innovative Strategie entworfen, um Hirtenfamilien eine komplette Grundschulbildung anzubieten, die bestehende Dienste ergänzen soll, aber ohne schulähnliche Situationen auskommt. Einzelne Kinder und ihre Familien sollen mit Unterstützung von Lehrern, die sie besuchen, den Lehrstoff mit Hilfe von Audio-Medien erarbeiten – sowohl das Radio als auch Speicherkarten zur Wiederholung sollen genutzt werden –, während sie weiter ihre Hirtenpflichten erfüllen. Die Idee ist, dass es weniger riskant und billiger ist, Bildungsdienste auf neuen Wegen ohne Klassenzimmer anzubieten, als weiter ein Bildungssystem nach und nach auszuweiten, das bisher gerade die ausschließt, die man erreichen muss.

Erneuerung ist immer ein bisschen so, als ob man Wasser aufwärts fließen lassen wollte. Doch wenn das Programm sich weiter in der bisherigen Richtung entwickelt, dann lernen Lokiru und seine Freunden in Karamoja vielleicht in ein paar Jahren mit Hilfe von „anspruchsvollen“ Bildungsprogrammen in ihrer Sprache, die das Radio in Turkana jenseits der Grenze zu Kenia ausstrahlt. Oder sogar der Rundfunk ihres eigenen Landes, wenn Uganda sich dem Programm anschließt. Das ist für alle Länder der Region zu erhoffen.

Aus dem Englischen von Christian Neven-du Mont.

Autor

Saverio Krätli

arbeitet als selbstständiger Forscher und Gutachter und ist auf nomadisch lebende Viehhirten spezialisiert. Er ist Herausgeber der Zeitschrift „Nomadic Peoples“.
 

erschienen in Ausgabe 6 / 2010: Vom klein sein und groß werden