Ausbildung Militär­beobachter
Ausbildung Militär­beobachter

Frieden sichern für Anfänger

Im unterfränkischen Hammelburg üben künftige Militär­beobachter den Umgang mit Verwundeten – und mit Kriegsherren.

Auf einmal herrscht Krieg. Vor wenigen Minuten hat der freundliche arabische Dorfvorsteher noch Tee und Kekse in seiner Hütte serviert. Jetzt hallen Schreie über den Marktplatz, Sand rieselt von der Decke und das Licht flackert. Im Zeitungskiosk nebenan ist eine Bombe hochgegangen. Zwischen den wabernden Rauchschwaden sammelt sich ein Trupp Blauhelme, um die Verletzten zu bergen.

Proben für den Ernstfall: Im unterfränkischen Hammelburg liegt das Ausbildungszentrum, in dem die Bundeswehr Soldaten, Polizisten und Mitarbeiter ziviler Organisationen auf Einsätze in Konfliktgebieten vorbereitet. Darunter sind zum Beispiel Entwicklungshelfer der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und Journalisten von der Organisation Reporter ohne Grenzen. Etwa 15.000 Frauen und Männer werden jährlich geschult, davon etwa 75 für ihre Mission als unbewaffnete Militärbeobachter. Beim Lehrgang Rettungsmedizin sind dieses Mal 14 Teilnehmer dabei, alles Soldaten der Bundeswehr.

Ausbildungsleiter Holger Palm steht im kunstblutgetränkten Sand und bespricht die Übung, die gerade stattgefunden hat. „Ihr habt die Gefahren gut erkannt“, sagt er. Niemand ist über das Drahtseil gestolpert, das eine weitere Explosion ausgelöst hätte, ein Schwerverletzter wurde sicher geborgen. Dennoch kritisiert er: „Einen aus der Gruppe habt ihr alleine zurückgelassen. Das geht nicht.“ Die fünf Männer nicken, eigentlich wissen sie das. Die meisten von ihnen waren schon für die Bundeswehr im Einsatz, überwiegend in Afghanistan.

Verhandlungen mit Geiselnehmern

Im Türrahmen einer Pressspan-Hütte lehnt eine Frau mit verbrannten Armen und einer Platzwunde am Kopf. Ein wenig gelangweilt hört sie der Nachbesprechung zu und drückt dabei ihre Verletzungen aus Plastik wieder fest. Sie ist Komparsin und wird die Bombenexplosion heute noch zwei weitere Male miterleben. Manche ihrer Kollegen sind ausgebildete Sanitäter – die wissen am besten, wie sich ein Verletzter verhält, wenn seine Rippen gebrochen oder die Organe gequetscht sind.

Einer von ihnen liegt nun im Nebenraum und rührt sich nicht mehr. Um ihn herum knien drei Männer, wieder in blauen UN-Westen, und wenden an, was sie zuvor gelernt haben. Die Sanitätsdecken knistern, während sich die Helfer fast ununterbrochen austauschen: Der Puls ist stabil, alle sind da, der Raum ist gesichert. Auch darum geht es in dem Training: wie man sich in brenzligen Situationen schnell verständigt.

In dem dreiteiligen Seminar lernen die künftigen Militärbeobachter erst theoretische Grundlagen und bessern ihre Englischkenntnisse auf. Dann folgen die praktischen Einheiten. Dabei verhandeln die Teilnehmer zum Beispiel mit Warlords und Geiselnehmern. Zum Abschluss überwachen sie sechs Tage lang ein Friedensabkommen in Bonnland. Das Dorf nahe Hammelburg war früher bewohnt, seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ist es Übungsgelände der Bundeswehr. Dort fahren während des Lehrgangs echte Panzer durch die Straßen. Ein einziger Lehrgang kostet bis zu 450.000 Euro.

Arabischer Makrtplatz in Hammelburg

Auf dem Gelände in Hammelburg gibt es neben dem arabischen Markplatz bisher noch zwei weitere Schauplätze: Häuserfassaden bilden eine enge Gasse, in einer alten Baracke steht ein Helikopter ohne Innenleben. „Das Training wird an die realistischen Bedingungen angepasst“, sagt der Sprecher der Infanterieschule, Nils-Alexander Simon. Deshalb soll demnächst ein Flüchtlingscamp in einem staubigen Materiallager eingerichtet werden, in dem bisher nur die Spatzen nisten.

Die Risiken für Militärbeobachter und ihre Aufgaben haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Das gilt zum einen für die Formen von Gewalt in Konfliktgebieten, mit denen sie konfrontiert sind. „In Bosnien gab es noch keine Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürteln“, sagt Simon.

Zudem ist die Zahl der innerstaatlichen Konflikte seit einigen Jahren wieder angestiegen. In diesen Kriegen gibt es keine klaren Fronten. Entsprechend vielfältiger sind die Mandate. Nach wie vor überwachen Friedensmissionen zum Beispiel Waffenstillstände oder Wahlen mit möglichst unparteiischem Blick. Oft kommen aber andere Aufgaben hinzu. So vermitteln sie zwischen zerstrittenen Parteien oder unterstützen – wie bis Ende 2013 im Südsudan – den Aufbau staatlicher Strukturen.

All das wird beim Training berücksichtigt. Auch das Verhandeln mit Geiselnehmern müsse zunehmend stärker geschult werden, meint Simon. Das sei im vergangen Jahr bei der Entführung der OSZE-Beobachter in der Ostukraine deutlich geworden.  

Nicht auf alles kann man sich vorbereiten

Die UN geben zwar die grundsätzlichen Ziele des Trainings vor, aber jeder Mitgliedsstaat kann selbst bestimmen, wie er welche Inhalte vermittelt. In die Ausbildung in Hammelburg fließen viele Erfahrungen ein. So wie die von Holger Bernard. Er hat das Training selbst durchlaufen und war danach als Beobachter im Südsudan, seit fast zwei Jahren ist er zuständig für die Beobachter-Seminare. „Ich habe damals vor allem gelernt, Fingerspitzengefühl bei politischen Verhandlungen zu entwickeln“, sagt er über den Lehrgang.

Auf anderes, wie fehlende Infrastruktur, Hitze oder schlechte hygienische Bedingungen vor Ort, kann die neunwöchige Ausbildung kaum vorbereiten. Allerdings kann im Vorfeld die Zusammenarbeit im internationalen Team getestet werden: An einem der Schulungsblöcke nehmen künftige Beobachter und Ausbilder aus anderen Ländern teil. Auch ihnen soll vermittelt werden, Situationen richtig einzuschätzen. „Es geht darum, bestimmte Raster zu verinnerlichen und blind abspielen zu können“, sagt Dennis Poeppel, einer der Ausbildungsassistenten. Den Überblick bewahren, die Lage sichern und kommunizieren seien die wichtigsten Eckpfeiler.

Brüche schienen und Herz-Lungen-Wiederbelebung: Wer unsicher ist, kann – zumindest auf dem Übungsplatz in Hammelburg – auf kleinen, laminierten „Spicker-Karten“ nachschauen. Bei manchen Übungen nützen diese eher technischen Hilfen jedoch nur wenig. Vor allem dann, wenn psychologische Fähigkeiten gefragt ist.

Autorin

Hanna Pütz

hat bei „welt-sichten“ volontiert und ist jetzt Online-Redakteurin bei „Aktion Deutschland Hilft“ in Bonn.
Die brauchen die Männer, die nun vor ihrer nächsten Aufgabe stehen. Eine kräftige, platinblonde Frau will sich mit aller Kraft an den Blauhelmen vorbeischieben, die gerade ihren Ehemann versorgen. Ein Schlangenbiss hat ihn außer Gefecht gesetzt. Auch einer der Auszubildenden liegt auf dem Boden. Poeppel hat ihn aus der Übung herausgenommen: Er soll das Opfer eines elektrischen Schocks mimen. Ganz so gekonnt wie die Frau, die kaum zu beruhigen ist, spielt er seine Rolle nicht; stattdessen kommentiert er augenrollend die Rettungsversuche seiner Kollegen.

Doch trotz Schauspielerei und Pappkulissen: Die Teilnehmer begeben sich in lebensnahe Situationen. Die Stimmung ist fast durchgehend angespannt. Das kann kritisch sein für Menschen, die bereits ähnliche Situationen erlebt haben. Erst vor kurzem sei eine Teilnehmerin panisch geworden – in einer verhältnismäßig harmlosen Gesprächssituation, sagt Pressesprecher Simon. Weil solche Auslöser unberechenbar sind, ist bei vielen Übungen ein Psychologe dabei. Diese Sicherheit sei auch für die Komparsen hilfreich. Denn die müssen nach jedem Übungstag wieder aus ihren teils gewalttätigen Rollen herausfinden. Das sei allerdings bisher immer problemlos gelungen.

Die Teilnehmer des Lehrgangs Rettungsmedizin wissen noch nicht, wann es für sie auf einen unbewaffneten Einsatz geht. Das Training ist die Eintrittskarte in den Pool von deutschen Militärbeobachtern, die im Rahmen von UN-, OSZE-, und EU-Missionen eingesetzt werden können. Doch sie sind überzeugt, dass ihnen das Wissen aus den Kursen in Hammelburg eines Tages helfen wird – wenn sie das erste Mal ohne Waffen in einem Krisengebiet stehen.

erschienen in Ausgabe 11 / 2015: Blauhelme: Abmarsch ins Ungewisse

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