Kaffee Ortega

Daniel Ortega hat was gelernt. Sein Umgang mit dem Obersten Gericht Nicaraguas ist wirklich innovativ. Da die Verfassung ihm verbietet, 2011 wieder für das höchste Staatsamt zu kandidieren, brachte er das Gericht Ende 2009 zu dem denkwürdigen Beschluss, die Bestimmung sei auf ihn und seine Bürgermeister-Kandidaten nicht anzuwenden, indem er anders denkende Richter nicht zur Sitzung lud. Jüngst hat er sich mit einem bis dato unbekannten Losverfahren die Mehrheit im Obersten Gericht verschafft, damit ihn nicht noch einmal eine Wahl das Amt kostet.

Über dreißig Jahre ist es nun her, dass Ortega mit seinen Sandinisten den Diktator Somoza hinwegfegte. Das hat der Bevölkerung manches Gute gebracht und im Ausland bei den einen Angst, bei den anderen Hoffnung geweckt. Die US-Regierung unter Ronald Reagan finanzierte einen schmutzigen Krieg gegen die Umwälzung, die wir Friedens- und Ökobewegten solidarisch unterstützten – mit mehr Nica-Kaffe, als unseren Mägen gut tat.

Doch nach dem Ende des Bürgerkrieges zeigten die Nicaraguaner sich kleinmütig und undankbar: Ortega verlor seit 1990 drei Präsidentschaftswahlen. Erst als er 2006 die Demokratie richtig handhaben konnte, eroberte er das Präsidentenamt zurück. Er hatte zuvor zusammen mit einem rechtsgerichteten Vorgänger das Wahlgesetz geändert und zur Freude des Klerus ein absolutes Verbot der Abtreibung unterstützt. Einmal an der Macht, bereitet Ortega Kritikern im Inland ein schweres Leben und arbeitet zusammen mit Hugo Chávez und Mahmud Ahmadinedschad fleißig an der Weltrevolution. Das geht nicht ohne den Willen zur Macht und taktische Flexibilität – dies hat Ortega endlich gelernt. Wir unsererseits werden es künftig bei der Wahl unserer Idole bedenken – oder zumindest bei der Wahl unseres Kaffees.

erschienen in Ausgabe 9 / 2010: Korruption: Geld, Amt und Macht