Sierra Leone

Ein traditioneller Heiler behandelt 2013 in Freetown einen ­Patienten. Während der Ebola-Epidemie ­durften Heiler nicht praktizieren.

Sierra Leone

Die Angst wirkt lange nach

Die Ebola-Epidemie hat in Sierra Leone tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Nach ihrem Ende müssen moderne Medizin und traditionelle Heiler ein neues Verhältnis zueinander finden.

Als Westafrika Mitte Januar für Ebola-frei erklärt wurde, verhieß dies das Ende einer beispiellosen Seuchenkrise in der Region. Mindestens 28.638 Menschen hatten sich bis dahin mit dem Virus angesteckt, 11.316 waren daran gestorben. Unter den Überlebenden haben viele noch immer erhebliche Gesundheitsprobleme oder werden ausgegrenzt.

Jetzt, da in Guinea, Sierra Leone und Liberia nach fast zwei Jahren nur noch sehr vereinzelt neue Krankheitsfälle verzeichnet werden, können die Menschen über ihre Zukunft jenseits von Ebola nachdenken. Dabei stehen sie vor der enormen Anforderung, ihren Wunsch nach Rückkehr zum „normalen Leben“ mit den Bemühungen zu vereinbaren, entstandene Brüche und Konflikte zu heilen.

Auf dem Höhepunkt der Epidemie funktionierte in Sierra Leone gar nichts mehr. Über die geschäftige, normalerweise von chaotischem Verkehr geprägte Hauptstadt Freetown verhängten die Behörden im März 2015 eine dreitägige Ausgangssperre, um der Ausbreitung der Krankheit Herr zu werden. Außerdem erklärten sie den Ausnahmezustand und erließen eine Sperrstunde. Die Geschäfte öffneten nur noch wenige Stunden am Tag, Versammlungen und Feiern waren verboten, und entgegen allen Landessitten sollten die Menschen von Sierra Leone mit einem Mal jeden Körperkontakt vermeiden. Es fiel ihnen schwer, einander nicht mehr die Hand zu geben, und noch schwerer, ihre Angehörigen gerade in den harten Stunden der Krankheit nicht mehr tröstend in die Arme schließen zu können.

Einwohner von Kailahun warten Ende 2014 auf Pässe, mit denen sie die Quarantäne-­Gebiete des Distriktes verlassen dürfen.AFP/Getty Images
Die Wirtschaft kam zum Erliegen, Investoren zogen sich zurück, Entwicklungsprojekte wurden eingestellt. Die Arbeitslosigkeit, die schon vor dem Ebola-Ausbruch hoch war, stieg rasant. Viele meist junge Menschen, die sich mit kleinen Straßengeschäften durchgeschlagen hatten, standen praktisch vor dem Nichts. Viele brachten gerade die Krankenhäuser mit dem Übel in Zusammenhang und vermieden es, dorthin zu gehen – auch aus Angst, fälschlich als Ebola-infiziert zu gelten und zusammen mit Ebola-Patienten in die Quarantänestation gezwungen zu werden. Verschwörungstheorien machten die Runde. So hieß es, dass internationale Organisationen oder die Regierung von Sierra Leone bewusst die Seuche verbreitet hätten, um die Bevölkerung zu dezimieren. Entsprechend begegnete man Gesundheitseinrichtungen und ihren Mitarbeitenden mit Misstrauen.

Auf den Straßen türmten sich derweil die Leichen. Unterfinanzierte, schlecht ausgestattete Bestattungstrupps waren überfordert und kaum in der Lage, angemessen auf diese Situation zu reagieren. Schon fragten sich einige, ob nicht ein Fluch über dem Land lag, das sich noch immer nicht ganz von dem Bürgerkrieg der Jahre 1991 bis 2002 erholt hatte.

Doch dann ebbte im Sommer 2015 die Epidemie langsam – viel zu langsam – ab. Betroffene meldeten sich nun doch zeitiger in den Behandlungszentren. Viele hielten die Regeln zur Vermeidung einer Ansteckung, auf die sie zuvor mit Skepsis reagiert hatten, nun ein. Die Hilfskräfte vor Ort hatten im Umgang mit Problemen bislang unbekannten Ausmaßes gelernt, wie man die Bevölkerung in den Kampf gegen die Krankheit einbindet.

Am 7. November 2015 wurde Sierra Leone zum ersten Mal für von Ebola frei erklärt. Mitte Januar trat zwar erneut ein Fall auf, doch zumindest oberflächlich betrachtet kehrte bemerkenswert schnell die Normalität zurück. Die Menschen trafen sich wieder in den Bars, Teehäusern und an den Imbiss-Ständen, die Sperrstunde wurde aufgehoben. Große Märkte wie der von Bamoi Luma im Distrikt Kambia im Nordosten öffneten wieder, und das brachte auch die Wirtschaft wieder auf Touren. Auch Waren aus Guinea kamen erneut über die Grenze, und die kleinen Händler hatten keine Angst mehr, in die Dörfer zu fahren und den Bauern ihre Produkte abzukaufen. Das Angebot an Lebensmitteln verbesserte sich, so dass Großhändler keine Wucherpreise mehr verlangen konnten. Junge Leute organisierten die gewohnten Partys, fast noch öfter als vor dem Ausbruch von Ebola – als gälte es, die verlorene Zeit aufzuholen. Wie zuvor kündigten sie die Veranstaltungen an, indem sie in überfüllten Autos und mit dröhnenden Musikanlagen durch die Straßen fuhren.

Inzwischen verzeichnen auch die Krankenhäuser wieder fast so viele Patienten wie vor Ausbruch der Ebola-Epidemie. Die Menschen verbinden Gesundheitseinrichtungen nicht mehr vorrangig mit der Seuche. Aber die Rückkehr zur Normalität in Sierra Leone bedeutet auch, dass in den Ortschaften, in denen Seuchenhelfer zu wichtigen Arbeitgebern geworden waren, viele Menschen entlassen wurden. Sie haben kaum Aussicht auf eine andere Stelle. Stattdessen werden wohl auch sie in die bereits aus allen Nähten platzenden Städte ziehen. Die Gelassenheit, die wieder in die ländlichen Gebiete eingezogen ist, steht in scharfem Kontrast zu der vorherigen Anspannung, eine große Gemeinschaftsaufgabe bewältigen zu müssen.

Die Seuche hat Märkte lahmgelegt wie diesen in Freetown 2008. Nach dem Abklingen der Epidemie kommt der Handel wieder in Gang.
Noch lässt sich nicht sagen, welche Folgen die Ebola-Krise auf Dauer für die Gemeinden haben wird; sie reichen möglicherweise tiefer, als es zunächst scheint. Bereits an dem Tag, als das Ende von Ebola verkündet wurde, entbrannte in der Stadt Kambia eine heftige Debatte darüber, ob es angebracht sei, dieses Ereignis zu feiern. Einige fanden das taktlos gegenüber den Toten und jenen, die Familienangehörige verloren hatten. Eine Gemeinde gab einer gemeinsamen Trauerfeier den Vorzug vor lautem Jubel auf den Straßen.

Die Epidemie hat nicht nur Menschenleben gekostet. Sie hatte auch spürbare Auswirkungen auf das soziale Leben und das Vertrauen der Menschen zueinander. So mussten die Hilfskräfte im Laufe der Epidemie sämtliche Krankheits- und Todesfälle den Behörden melden. Auch wenn dies für die Eindämmung der Krankheit wichtig war, sahen viele darin einen Vertrauensbruch. Bestenfalls hielten sie die Notfallhelfer für bloße „Klatschmäuler“; teilweise warfen sie ihnen aber auch vor, zu ihrem eigenen Vorteil Seuchenfälle erfunden zu haben. Auf dem Höhepunkt der Krise wurden Helfer auch gewaltsam angegriffen. Manche fürchten noch immer, dass die Familien der von ihnen gemeldeten Kranken an ihnen Rache nehmen könnten.

Krisen können mitunter produktiv sein und viel schnellere Veränderungen anstoßen als von oben verordnete Maßnahmen. Wie so oft kann man aber auch in diesem Fall die vielschichtigen Änderungen erst nach einiger Zeit ermessen. Ein Paradebeispiel ist die zwiespältige Rolle der westlichen Medizin während der Epidemie. Mit dem internationalen Großeinsatz zur Bekämpfung des Virus wurde eine Vielzahl von Botschaften verbreitet, die darauf abzielten, das Verhalten der Menschen im Krankheitsfall zu ändern. Am wichtigsten sei es, ein Krankenhaus aufzusuchen, hieß es. Vor dem Ausbruch von Ebola gingen viele Menschen, die krank wurden, zunächst zu einem traditionelle Heiler – sei es, dass sie kein Geld für das Krankenhaus hatten, sei es, dass sie überzeugt waren, gewisse Krankheiten ließen sich besser „traditionell“ behandeln.

Ebola hat Begräbnisse ­gefährlich gemacht; Freiwillige ­bestatten ein Opfer in Waterloo südöstlich von Freetown. AFP/Getty Images
Während des Ebola-Ausbruchs durften traditionelle Heiler vielerorts nicht praktizieren, und man warnte die Bevölkerung, dass sie sich gerade bei ihnen mit der Krankheit anstecken könnten. Die traditionelle Medizin wurde so im Vergleich mit der modernen westlichen Medizin als Relikt der Vergangenheit dargestellt. Nun wird in Sierra Leone darüber debattiert, wie wichtig es ist, die Kenntnisse der Einheimischen über Heilkräuter in die modernen Behandlungsmethoden einzubinden.

Den Menschen aber wurde während der Ebola­krise eine klare Hierarchie des Wissens vermittelt. Die Folge ist, dass nun kaum noch jemand zugeben will, zu einem Heiler zu gehen aus Angst, für rückständig, dumm oder fortschrittsfeindlich gehalten zu werden. Die Heiler, denen jahrelang ein Auskommen an der Seite der modernen Gesundheitsdienste versprochen wurde, fühlen sich jetzt um ihre Patienten geprellt und an den Rand gedrängt.

Genauer betrachtet hat Ebola die traditionelle Medizin allerdings nicht einfach nur abgewertet, sondern eine tiefgreifende und wichtige Debatte über den Wert verschiedener Arten von Kenntnissen und Methoden in der Gesundheitsfürsorge angestoßen. Viele gehen weiterhin zu Heilern, auch wenn sie es nicht öffentlich zugeben wollen, und stellen damit für sich den Wert der westlichen Wissenschaft in Frage. Anfangs, so sagen sie, habe man den Menschen verkündet, es gäbe keine Heilung für Ebola, sie aber trotzdem aufgefordert, ins Krankenhaus zu gehen. Das wurde weithin als Widerspruch empfunden und weckte Misstrauen.

Autorin

Luisa Enria

ist Wissenschaftlerin an der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Sie erforscht zurzeit, wie der Test einer Ebola-Impfung im Norden Sierra Leones von der Bevölkerung akzeptiert wird.
Auch verweisen viele Menschen darauf, dass die Mediziner sich selbst nicht über die Nachwirkungen der Krankheit einig werden, weshalb sie ständig neue Empfehlungen herausgeben (beispielsweise was ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Überlebenden betrifft). Andere stellen dem Idealbild der Krankenhäuser die Wirklichkeit des heruntergekommenen, unter Geldmangel und Missmanagement leidenden Gesundheitswesens gegenüber. Für viele Bürger Sierra Leones hat der Ebola-Ausbruch einmal mehr deutlich gemacht, was sie längst wissen: Dass das Gesundheitssystems des Landes seiner Aufgabe nicht gewachsen ist.

Die derzeitige Debatte über die Gesundheitsversorgung deutet auf ein tieferes Problem: Während vordergründig das Leben nach Ebola wieder zur Normalität gefunden hat, hängt die Zukunft von der Bereitschaft ab, von der Krise eröffnete Spielraume zu nutzen. Vor allem gilt es, ein Gesundheitssystem aufzubauen, dem die Menschen wieder vertrauen können. Es muss auch die Stärken und die Vielfalt der zahlreichen schon vorhandenen Anbieter von Gesundheitsleistungen einbeziehen. Es bedarf also einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Überzeugungen und Erfahrungen der Menschen. Es kann nicht bloß darum gehen, von ihnen oberflächliche Verhaltensänderungen zu fordern.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 2 / 2016: Seuchen: Unsichtbare Killer

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