Vor Ebola bewahrt

Einwohnerinnen von Malema erzählen bei einem Treffen der der nichtstaatlichen Bildungsorganisation NAEAL, wie sie ihr Dorf vor Ebola bewahrt haben.

Vor Ebola bewahrt

Ein Dorf hält das Virus fern

In Malema hat Ebola kein einziges Opfer gefordert. Der erfolgreiche Kampf gegen die Seuche hat die Gemeinschaft enger zusammen­geschweißt.

Das Dorf Malema liegt inmitten einer großen Palmölplantage nordwestlich der liberianischen Hauptstadt Monrovia. Seinen Einwohnern ist es gelungen, die Seuche fernzuhalten – indem sie sich organisierten, präventive Maßnahmen trafen und sich strikt daran hielten. Mobile Gesundheitsteams klärten über Ansteckungsrisiken und Schutzmaßnahmen auf. So wurde davor gewarnt, Buschfleisch zu essen, außerdem sollten sich die Dorfbewohner von pflanzenfressenden Fledermäusen fernhalten. Eltern hielten ihre Kinder während der Regenzeit davon ab, nach draußen zu gehen und frische Mangos zu essen. Sie fanden Möglichkeiten, sie im Haus zu beschäftigen. Die ganze Gemeinschaft bemühte sich zudem darum, die Umgebung sauber zu halten, um die Ausbreitung anderer Krankheiten zu verhindern.

Doch bald schürten Gerüchte neue Ängste und Misstrauen gegenüber jedem, der das Dorf betreten wollte: Angeblich hatten Leute aus anderen Teilen des Landes Wasserquellen vergiftet, um die Zahl der Todesfälle zu erhöhen. Die Bewohner von Malema organisierten deshalb eine Bürgerwehr, die die Wasserpumpe der Gemeinde Tag und Nacht bewachen sollte. Die Männer, die die Nachtschichten übernahmen, bekamen dafür ein Abendessen. Dazu steuerten alle etwas bei, teils auch kleinere Geldbeträge, etwa für die Batterien der Taschenlampen.

Dennoch wuchs das Misstrauen. Jede Familie versuchte, weitgehend unter sich zu bleiben. Selbst das gemeinsame Essen, früher ein wesentlicher Bestandteil des Dorflebens, wurde schwierig. Niemand wollte mehr etwas zu sich nehmen, das außerhalb der eigenen Familie zubereitet worden war. Auch die Mahlzeiten für die Bürgerwehr wurden nur noch unter deren Aufsicht gekocht. Zum Essen brachten alle ihre eigenen Teller und Löffel mit – früher hätte das als seltsam gegolten. Die selbstauferlegte Isolation hatte einen hohen sozialen Preis. Fremde wurden von Malema ferngehalten – vor allem Menschen aus Monrovia, wo die Seuche besonders stark grassierte. Tagsüber bewachten Frauen die Straße, die zur Gemeinde führt; Neuankömmlinge wurden zu ihrer Herkunft befragt. Damit wurde es zugleich für Reisende aus der Gemeinde schwieriger, wieder zurückzukehren. Viele Einwohner von Malema konnten ihre Verwandten in Monrovia und anderen Teilen Liberias nicht mehr treffen. Die Schule im Dorf blieb geschlossen; die Kinder mussten mehr als sieben Monate zu Hause verbringen, und wurden dort auch, so gut es ging, unterrichtet. Trotzdem wurden die strengen Regeln akzeptiert. Die Angst vor Ebola überwog.

Fisch und Salz vom Speiseplan gestrichen

Auch auf die Wirtschaft wirkte sich die Abschottung aus. Lebensmittel aus der Hauptstadt wurden kritisch beäugt, so dass viele Händler keinen Umsatz mehr machten. Immer mehr Waren gerieten in Verdacht, vergiftet zu sein – die Menschen wollten keinen Fisch mehr essen und strichen zeitweise sogar Salz vom Speiseplan. Die Frauen hörten auf, Kohle herzustellen, weil im Dorf niemand mehr welche kaufen wollte, man verwendete lieber Feuerholz zum Kochen. Und die Kunden aus Monrovia wurden nicht ins Dorf gelassen. Sogar die Arbeit auf der umliegenden Palmölplantage wurde eingestellt.

Seit kurzem kehrt das Dorf schrittweise zum gewohnten Leben zurück. Der Handel wurde wiederbelebt, doch die Landwirtschaft liegt noch brach. Etliche Farmer haben einen großen Teil ihrer Werkzeuge verloren, die sie während der Ebola-Monate auf den Feldern zurückgelassen hatten. Auch wenn keine neuen Ebola-Fälle mehr gemeldet werden, ist es nicht leicht, das Vertrauen ins Gesundheitssystem wiederherzustellen. Während einer Kampagne gegen Polio lehnten viele eine Impfung ab: Gerüchte hatten die Runde gemacht, denen zufolge Kinder sich so mit dem Ebola-Virus infizieren würden.

Angst und Misstrauen schützten die Gemeinde während des Ebola-Ausbruchs. Nun hindern sie die Menschen daran, zu ihrem Alltag zurückzukehren. Die Erleichterung über das Ende der Ebola-Epidemie ist groß, doch es wird dauern, bis die emotionalen und sozialen Wunden geheilt sind. Die Angst ist noch immer da. Manche berichten, sie seien zwar äußerlich zu ihren Geschäften zurückgekehrt. Doch es sei nicht gut, irgendwo alleine zu sitzen. Dann fange man, nachzudenken und sich zu ängstigen, erzählen sie.

Halt im Glauben

Andere fühlen sich durch Lieder im Radio an die schwere Zeit erinnert und nutzen die Gelegenheit, um mit der Familie oder den Nachbarn darüber zu sprechen. Es scheint, als hätten viele Einwohner von Malema im Glauben Halt gefunden. Christen und Muslime kamen während der Ebola-Epidemie zusammen, um gemeinsam zu fasten und zu beten. Die meisten empfinden tiefe Dankbarkeit dafür, dass ihre Gemeinde verschont wurde. Auch wenn manches dazu geführt hat, dass sich die Menschen voneinander entfernt haben, bleibt doch auch ein Gefühl des Zusammenhalts zurück. Einige der Schutzmaßnahmen wie Hände waschen und putzen hat Eingang in die alltägliche Routine gefunden.

In den vergangenen Monaten flackerten immer wieder Nachrichten über Ebola in Liberia und den Nachbarländern auf. Viele haben Angst, dass die Seuche zurückkehren könnte. Die Menschen in Malema leben in einem Zwischenstadium: Sie haben wieder mehr Freiheiten, doch sie sind in ständiger Alarmbereitschaft.

Aus dem Englischen von Hanna Pütz.

erschienen in Ausgabe 2 / 2016: Seuchen: Unsichtbare Killer

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