Kampf gegen Aids
Kampf gegen Aids

Zweifelhafte Schnitte

In Afrika werden Millionen Männer beschnitten, um sie besser vor HIV zu schützen. Der Erfolg des Großprojekts ist nur schwer messbar – und Frauen könnte es sogar gefährden.

Der neueste Trend im Kampf gegen Aids ist ein unscheinbarer weißer Plastik­ring. Das kleine Einweg-Gerät ermöglicht die schnelle und unkomplizierte Beschneidung von Männern – auch ohne einen fachkundigen Arzt. Krankenschwestern und Pfleger können alles, was sie darüber wissen müssen, in einem dreitägigen Kurs lernen. Internationale Hilfsorganisationen setzen den Ring bereits tausendfach ein. Der Grund: Ohne Vorhaut soll das Risiko einer Übertragung des HI-Virus um 60 Prozent sinken.

In Süd- und Ostafrika haben sich seit 2008 mehr als zehn Millionen Männer freiwillig beschneiden lassen; bis 2021 sollen weitere 27 Millionen in 14 Ländern dazukommen. Das hat sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Ziel gesetzt. Die größten Geldgeber sind die Aidsorganisation der Vereinten Nationen (UNAIDS) und die Stiftung von Bill und Melinda Gates. Sie haben bisher rund 1,5 Milliarden Dollar für die Programme ausgegeben, die sie meist gemeinsam mit den nationalen Regierungen umsetzen.

Die Erklärung dafür leuchtet ein: Wo keine empfindliche Schleimhaut ist, die reißen und zur Eintrittspforte für die HI-Viren werden kann, sinkt die Gefahr, sich anzustecken. Außerdem sitzen unter der Vorhaut besonders viele sogenannte Langerhans-Zellen. Die können HI-Viren zwar erkennen und abbauen. Dringen aber zu viele von ihnen auf einmal ein, klappt das nicht mehr und die Zellen leiten die Viren stattdessen im Körper weiter. Ohne Vorhaut sinke das Ansteckungsrisiko, sagt Gisela Schneider, die Direktorin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (Difäm): „Das ist ein Fakt.“ Auch bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zweifelt daran niemand.

Trotzdem ist das Projekt der WHO strittig, denn die bisherigen Erfolgsmeldungen stützen sich auf zweifelhafte Studien. Bei den  Untersuchungen in Südafrika, Kenia und Uganda wurde mit Kontrollgruppen gearbeitet wie in der Wissenschaft üblich. Dabei mussten die beschnittenen Teilnehmer wegen ihrer Wunden für mindestens sechs Wochen auf Sex verzichten, die unbeschnittenen hingegen nicht. Das Ansteckungsrisiko war für sie also von vornherein höher. Außerdem wurden andere mögliche Infektionswege bei der späteren Untersuchung der Studienteilnehmer nicht berücksichtigt, zum Beispiel Bluttransfusionen oder kontaminierte Spritzen. Ob das Risiko tatsächlich um 60 Prozent sinkt, wie von der WHO gemeldet, ist deshalb unklar.

Zudem besteht die Gefahr, dass die Beschneidung riskantes Sexualverhalten fördert, weil die Schutzwirkung überschätzt wird. Die WHO rät zwar, dass Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger den Leuten erklären, dass die Beschneidung kein Freifahrtschein für ungeschützten Sex ist. Doch etwa in Uganda verwenden weniger Leute als noch vor zehn Jahren Kondome, obwohl diese als wichtigste Maßnahme im Kampf gegen Aids gelten. Für Schneider heißt das, bei der Beschneidung müsse künftig besser aufgeklärt und noch genauer hingeschaut werden. „Die Frage ist nicht ob wir weitermachen, sondern wie“, sagt sie.

Autorin

Hanna Pütz

hat bei „welt-sichten“ volontiert und ist jetzt Online-Redakteurin bei „Aktion Deutschland Hilft“ in Bonn.
Das ist vor allem für die Frauen entscheidend. Denn die männliche Beschneidung senkt das Risiko einer HIV-Übertragung nur von der Frau auf den Mann, nicht jedoch umgekehrt. Langfristig erhöht sich zwar auch für Frauen der Schutz, wenn insgesamt weniger Männer das Virus in sich tragen. Kurzfristig sind sie aber einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt, weil sowohl Männer als auch Frauen den Schutz durch die Beschneidung überbewerten, schreibt die Wissenschaftsjournalistin Catherine de Lange im Magazin „Nature“.  Vielen sei überhaupt nicht bewusst, dass sie sich ohne Kondom bei einem unbeschnittenen Mann genau so leicht anstecken können wie bei einem beschnittenen.

Dazu tragen auch die Werbekampagnen mancher Regierungen in Süd- und Ostafrika bei. „Ich bin stolz, einen beschnittenen Mann zu haben, weil für uns so das Risiko kleiner ist, dass wir uns mit HIV anstecken“, hieß es etwa auf einem Plakat des ugandischen Gesundheitsministeriums. Das erweckt den Eindruck, als sei der Schutz durch Beschneidung für Männer und Frauen gleich hoch. Tansanische Fernsehspots wiederum vermitteln, beschnittene Männer seien grundlegend klüger und fürsorglicher. Die Beschneidung erscheint in solchen Kampagnen nicht mehr als medizinisch sinnvoller Eingriff, sondern als Markenzeichen für ein besseres und modernes Leben: Viele Männer gehen einfach zum Arzt, weil ihre Freunde das ebenfalls machen – und weil es bei Frauen besser ankommt.

erschienen in Ausgabe 2 / 2016: Seuchen: Unsichtbare Killer

Kommentare

Sie bringen es auf den Punkt.

Das Ganze könnte könnte bald ganz arg nach hinten losgehen.

Und das wird es höchstwahrscheinlich.

In Afrika gibt es Völker, die nicht beschneiden, und dennoch eine niedrige HIV-Infektionsrate haben.

Neuen Kommentar schreiben