Flüchtlinge in Dschibuti

Auf Krücken, aber am Leben: Seif Zeid Abdullah hofft in Dschibuti auf eine bessere medizinische Versorgung.

Flüchtlinge in Dschibuti

Raum in kleiner Hütte

Dschibuti ist nicht gerade mit Wohlstand gesegnet. Trotzdem nimmt das Land am Horn von Afrika seit Jahren stetig Flüchtlinge auf – seit neuestem aus dem Jemen.

Eingeklemmt zwischen Eritrea, Äthiopien und Somalia liegt Dschibuti an der Meerenge Bab al-Mandab. Die Heimat von knapp einer Million Menschen ist kaum größer als Mecklenburg-Vorpommern und eines der ärmsten Länder der Erde: Beim Index für menschliche Entwicklung rangierte es im Jahr 2014 auf Platz 168; 20 Punkte vor dem Schlusslicht Niger. Dschibuti besitzt wenig natürliche Ressourcen und wird immer wieder von Dürren heimgesucht. Doch es gilt als politisch stabil. Das nutzen die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, Deutschland und die USA für ihre Militärbasen in der Region.

Dschibuti ist außerdem Durchgangs- und Endstation für Flüchtlinge: Rund 22.300 lebten laut dem Flüchtlingshilfswerk UNHCR Ende Januar im Land. Die große Mehrzahl von ihnen stammt aus Somalia. Sie sind zum Teil bereits mehr als zwei Jahrzehnte in Dschibuti und leben in den Lagern Ali Addeh und Holl Holl. Seit April 2015 schultert das kleine Land eine zusätzliche Last: Immer mehr Jemeniten fliehen vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land über das Rote Meer und landen in der Hafenstadt Obock.

Rund 6.650 Kinder, Frauen und Männer hat der UNHCR bis Ende Januar gezählt – und rechnet mit weiteren 500 bis 700 Flüchtlingen im Monat, solange die Kämpfe andauern. Dschibuti ist eines der wenigen Länder in der Region, das sie aufnimmt. Und eine Lösung in dem Konflikt zwischen der Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und schiitischen Huthi-Rebellen, an dem auch eine ausländische Militärkoalition unter Führung von Saudi-Arabien beteiligt ist, ist derzeit nicht in Sicht. Etwa die Hälfte der jemenitischen Flüchtlinge lebt in einem eigens für sie errichteten Lager, dem Camp Markazi, vier Kilometer von Obock entfernt. Seine Aufnahmekapazität ist laut UNHCR inzwischen erreicht.

Decken, Kochgeschirr und medizinische Vesorgung

Auch Seif Zeid Abdullah ist hier untergekommen. Der 27-Jährige hat die 30 Kilometer lange Überfahrt im vergangenen Oktober gewagt. Bei einem Luftangriff wurde sein linkes Bein zerschmettert. Seif Zeid Abdullah wusste, er würde eine langwierige Behandlung und Rehabilitation brauchen. Schon vor dem Krieg war die gesundheitliche Versorgung in seiner Heimat schlecht. Und da immer mehr staatliche Krankenhäuser zerstört und private Kliniken unerschwinglich sind, entschloss er sich zur Flucht, wie er UNHCR-Mitarbeitern erzählte.

„Ich habe viele Kinder,  Frauen und Männer getroffen, deren Kriegswunden nicht behandelt werden konnten. Ich bin froh, dass einige von ihnen es ebenfalls bis hierher geschafft haben“, sagt Seif Zeid Abdullah. Nicht nur Kranke sind froh, den Bombardierungen, dem Hunger und dem Elend im Jemen entronnen zu sein. Für Nasr Mohsen Mohamed wurde, wie für viele andere, ein besonders grausamer Angriff zum Aufbruchsignal: Im vergangenen September bombardierte Saudi-Arabien in der Stadt Mokka eine Hochzeitsfeier, mindestens 130 Zivilisten starben. „Das war weniger als drei Kilometer entfernt von dem Ort, an dem wir lebten“, sagt der 47-Jährige. „Das gab endgültig den Ausschlag, nach Dschibuti zu fliehen.“

Die Regierung von Dschibuti zeige sich sehr offen gegenüber den Neuankömmlingen aus dem Bürgerkriegsland Jemen, erklärt UNHCR-Sprecherin Amira Abd El-Khalek. Sie würden ohne weitere Nachweise als Flüchtlinge registriert, erhielten im Lager Markazi ein Zelt,  Decken, Kochgeschirr und Lebensmittel. Sie werden dort auch medizinisch versorgt, schwierigere Fälle werden an die Klinik in Obock überwiesen. Die jüngeren Kinder besuchen eine nahegelegene Grundschule außerhalb des Lagers, die älteren werden im Camp unterrichtet, zum Teil von Eltern, die als ehrenamtliche Lehrer fungieren.

Einige Jemeniten sind in Obock oder Dschibuti-Stadt in Gastfamilien untergekommen. „Bislang sind die Beziehungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen sehr gut, die Gastfamilien sind großzügig“, berichtet Amira Abd El-Khalek. Spannungen könnten jedoch jederzeit ausbrechen, denn in Dschibuti sind vor allem Land und Wasser knapp. Die begrenzten Ressourcen müssten für immer mehr Menschen reichen, sagt Abd El-Khalek. Berufliche Perspektiven gebe es nicht für die Flüchtlinge, doch der UNHCR kümmere sich. Viele Jemeniten seien erfahrene Fischer. Zwar hätten sie bislang noch nicht die nötige Erlaubnis, in den Gewässern von Dschibuti zu fischen, aber darüber werde derzeit mit den Behörden verhandelt.

Außerdem gäben sie ihr Wissen an Einheimische weiter und verstärkten so die Kontakte zu ihnen. Eine Gruppe von Flüchtlingen habe zudem kürzlich ein Restaurant eröffnet. „Es läuft gut“, sagt Abd El-Khalek. Trotzdem wollten die meisten von ihnen zurückkehren, sobald der Bürgerkrieg im Jemen beendet ist. Sie werden Geduld brauchen – die vorerst jüngsten Friedensverhandlungen waren im vergangenen Dezember nach wenigen Tagen ohne Ergebnis beendet worden. Ein neuer Termin steht noch nicht fest.

erschienen in Ausgabe 3 / 2016: Flucht und Migration: Dahin, wo es besser ist

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