Migration
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Warum Zäune nicht helfen

Zäune bauen und Zuwanderer abschrecken – das halten viele europäische Politiker für die Mittel der Wahl in der Flüchtlingskrise. Doch laut einer Umfrage unter Migranten, die es nach Europa geschafft haben, wirken sie kaum.

Wovon lassen sich Menschen, die ohne Visum nach Europa wollen, aufhalten? Um das herauszufinden, haben Fachleute vom britischen Overseas Development Institute 52 Eritreer, Senegalesen und Syrer in Berlin, London, Madrid und Manchester befragt. Sie wollten wissen, nach welchen Kriterien sie entschieden hatten, ihre Heimat zu verlassen, und welches Ziel sie wählten. Das Ergebnis zeigt, wie weit große Teile der politischen Debatte von der Wirklichkeit entfernt sind.

Lebensfremd ist schon die Vorstellung, dass Menschen in Syrien oder dem Senegal beim Aufbruch entscheiden, welche Route sie wohin nehmen. Ziele und Wege werden im Verlauf langer Reisen durch mehrere Länder immer wieder überdacht – je nach Hindernissen, Chancen und neuen Informationen, die unterwegs auftauchen.

Doch wer aufgebrochen ist, kehrt nicht um. Ist eine Grenze geschlossen, dann findet er oder sie neue Umwege oder Zielländer. Daraus schließen die Forscher: Zäune zwischen europäischen Staaten und Schikanen gegen Zuwanderer bewirken nur, dass ein Land der Europäischen Union (EU) dem anderen Migranten zuschiebt. Sie verringern nicht die Zuwanderung in die EU insgesamt.

Zwei Monate, umgerechnet 9.000 Euro und viele Landesgrenzen - die Flucht von Mousa aus Syrien nach Deutschland. ODI

Der Weg nach Europa ist für die meisten lang, teuer und gefährlich; von den befragten Eritreern ist fast die Hälfte unterwegs von Lösegeld-Erpressern entführt worden. Dass solche Risiken in Kauf genommen werden, sei angesichts der unmittelbaren Bedrohungen in der Heimat nicht notwendig unvernünftig, schreiben die Forscher. Es sei zudem wenig sinnvoll, Afrikaner davon zu überzeugen, dass es ihnen in Europa schlecht gehen würde und sie besser zu Haus blieben.

Laut der Studie entscheiden Migranten aufgrund von Informationen, denen sie vertrauen – das heißt von Menschen, mit denen sie verbunden sind: Familienmitglieder, Freunde, Weggenossen, selbst empfohlene Schleuser. Warnungen von europäischen Regierungen verändern die Entscheidungen über Migration nicht dramatisch. Größeren Einfluss hat laut der Studie, in welchem Zielland Migranten eine Willkommenskultur erwarten. Hauptkriterien dafür seien Zugang zu Bildung für ihre Kinder, Chancen auf Arbeit sowie Sicherheit und Menschenrechte.

Abschreckung, so die Schlussfolgerung, wird nicht wirken. Viel sinnvoller wäre es, legale Wege der Zuflucht und Zuwanderung zu öffnen und europäische Lösungen für ihr Management anzustreben. Statt der Nachteile sollten die großen Chancen der Mobilität in den Vordergrund gerückt und zirkuläre Migration ermutigt werden. Ein Vorbild für Politiker und Meinungsmacher ist schon das Vorgehen der Forscher: Statt über Migranten zu spekulieren, haben sie ihnen zugehört.

Die Flucht von Saliou führe in 10 Tagen vom Senegal über die Kanaren nach Spanien.ODI

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