Krieg im Jemen

Alle Kriegsparteien rekrutieren Kinder und Jugendliche: Junge Huthi-Rebellen sichern eine Straße in Jemens Hauptstadt Sanaa.

Krieg im Jemen

Wo aus Schulen Kasernen werden

Alle Welt schaut nach Syrien, kaum jemand nach Jemen. Aber auch dort leben die Menschen im permanenten Ausnahmezustand.

Seit nunmehr zwei Jahren herrscht im Jemen offener Krieg. Die Huthi-Rebellen kontrollieren einen großen Teil der nördlichen Provinzen; sie wollen das ganze Land unter ihre Herrschaft bringen. Seit eine von Saudi-Arabien geführte Islamische Koalition im März 2015 eine Offensive gegen die Huthis gestartet und Kampfflugzeuge und Truppen in den Jemen geschickt hat, kämpfen die regierungstreuen Truppen an der Seite dieser Koalition gegen die Aufständischen; bisher sind alle Friedensverhandlungen gescheitert.

In Aden und den befreiten Provinzen hat sich die Lage inzwischen normalisiert, doch in anderen Regionen dauert der Bürgerkrieg an. Dort verschlimmert sich die Situation der Bevölkerung von Tag zu Tag. Das gilt auch für die umkämpfte Stadt Taizz. Weil die Menschen zu Tausenden flüchten, mussten viele Fabriken und andere Unternehmen schließen. Zahlreiche Häuser liegen in Trümmern und die Preise steigen.

Viele Fabriken sind zerstört, andere Betriebe sind Bankrott gegangen, öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen, ausländische Diplomaten abgezogen, die meisten Entwicklungsprojekte wurden eingestellt, Produktion und Export von Rohöl und Erdgas stehen still. All dies treibt die Arbeitslosenquote in die Höhe und zwingt Tausende dazu, sich mangels anderer Erwerbsquellen den kämpfenden Truppen anzuschließen.

Der 38-jährige Mohammed al-Qubati etwa arbeitete früher in einer Kunststofffabrik in Taizz, doch wegen der Kämpfe wurde die Produktion für die Arbeiter zu gefährlich und musste aufgegeben werden. Ein halbes Jahr lang war Qubati arbeitslos, dann wurde er Soldat.

„Als die Huthis meine Stadt eroberten, verlor ich den Job, in dem ich über elf Jahre lang gearbeitet hatte. Ich habe mich um eine andere Beschäftigung bemüht, aber das war im Krieg aussichtslos. Ich habe den Schmuck meiner Frau verkauft, um mit den fünf Kindern über die Runden zu kommen. Nachdem alles aufgebraucht war, was wir besaßen, beschloss ich, mich dem Widerstand gegen die Huthis anzuschließen“, sagt Qubati.

Erst arbeitslos, dann Soldat

Als Mitglied der regierungstreuen Truppen bekommt er pro Tag 2000 Yemen-Rials. Das entspricht etwa sieben Euro und ist genauso viel, wie er früher in der Fabrik verdient hat. Es reicht, um die Familie zu ernähren. Wie Qubati kämpfen viele andere des Geldes wegen, darunter zahlreiche gebildete Angehörige der Mittelschicht, die keine Arbeit mehr haben und nur noch im Kampf gegen die Huthis für den Lebensunterhalt ihrer Familien sorgen können. Qubati erklärt, dass seine Kriegskameraden unterschiedliche Gründe dafür angeben, warum sie gegen die Aufständischen kämpfen. Aber alle sind entschlossen, sie zu vertreiben, damit sie wieder arbeiten können wie früher.

Krieg im Jemen

2004: Im Norden des Landes starten schiitische Rebellen unter Hussein al-Huthi einen Aufstand gegen die Regierung. Al-Huthi wird im September des Jahres getötet. In den folgenden Jahren gibt es immer wieder Kämpfe…

Während viele Männer jetzt als Soldaten Geld für ihre Familien verdienen, bemühen sich die Frauen, mit weniger Lebensmitteln auszukommen als bisher. Oft haben sie ihre Gasherde aufgegeben und kochen mit Holz, denn Propangas können sie sich nicht mehr leisten. Die meisten Produkte des täglichen Bedarfs sind teurer geworden, und viele Menschen müssen von den Hilfsorganisationen unterstützt werden. Der Jemen importiert über 90 Prozent seiner Lebensmittel. Etwa 21 Millionen Menschen sind jetzt auf Hilfslieferungen angewiesen, und laut den Vereinten Nationen leidet über die Hälfte der Bevölkerung an Mangelernährung.

Schlimmer als Qubati erging es dem gleichaltrigen Ali al-Shami. Im Mai 2015 flüchtete er aus Taizz in das 70 Kilometer südlich gelegene al-Turbah, nachdem die Huthis sein Haus mit Granaten beschossen und seine Mutter getötet hatten. Er kam in einer der Schulen unter, die als Flüchtlingslager genutzt werden. Als das Krankenhaus, in dem er als Pfleger gearbeitet hatte, von den Huthis erobert wurde, gab er seine Stellung auf, weil sie die männlichen Pflegekräfte zwangen, ihre Frontkämpfer zu betreuen. Seitdem ist er arbeitslos. In al-Turbah konnte er keine neue Stelle finden, weil es dort schon zu viele arbeitsuchende Flüchtlinge gibt. „An jenem schwarzen Tag verlor ich nicht nur meine Mutter, sondern auch meine Menschenwürde. Jetzt bin ich im Lager mit meinen sechs Kindern auf fremde Hilfe angewiesen“, stellt er fest.

Schlechter als der Tod?

Die Unterkunft, in der etwa 60 Menschen leben, ist eines der 16 Flüchtlingscamps im Bezirk al-Shimayateen. Alle dort scheinen das Lagerleben leid zu sein. Sami sagt: „Eigentlich hatte meine Mutter Glück, dass sie beim Beschuss unseres Haus starb. Weil wir am Leben geblieben sind, müssen wir weiter leiden. Manchmal wäre es mir am liebsten, wenn wir alle auf einmal sterben würden.“

Ein Vater nimmt Abschied von seinem Sohn, der in Taizz bei Kämpfen gegen die Huthis getötet wurde. Viele Männer schließen sich regierungstreuen Milizen an, weil sie nur so noch Geld verdienen können. Reuters
Nach einer aktuellen amtlichen Statistik mussten 1600 Schulen im Jemen wegen des Krieges geschlossen werden; das sind etwa zehn Prozent aller Schulen im Land, was bedeutet, dass viele Jugendliche ihrer Bildungsmöglichkeiten beraubt werden. Ein Teil dieser Schulen wurde im Krieg zerstört, etliche werden – vor allem auf dem Land – als Flüchtlingsunterkünfte genutzt. Viele andere haben beide Kriegsparteien in Kasernen umgewandelt, in denen sie ihre Truppen stationieren. So wird auch die Zaid-al-Moshki-Schule, die größte Schule in Taizz, jetzt als Hauptquartier der Widerstandskämpfer genutzt: Im Schulhof exerzieren ihre Rekruten.

Laut Jamal al-Shami, dem Schulleiter der Democracy School in Saana, kämpfen auf beiden Seiten Tausende von Jugendlichen unter 15 Jahren. Er sagt: „Manche Väter schicken ihre Söhne in den Krieg, damit sie zu richtigen Männern erzogen werden, denn diese verkehrte Auffassung entspricht dem traditionellen jemenitischen Denken. Aber viele andere suchen nach ihren Kindern, die es ihren Freunden gleichtun wollten und sich ohne Wissen der Familie den kämpfenden Truppen angeschlossen haben.“ Er appelliert an die Kriegsparteien, keine Kinder mehr zu rekrutieren. Einer aktuellen Statistik der Weltgesundheitsorganisation zufolge sind seit Kriegsbeginn im März 2015 etwa 6600 Menschen ums Leben gekommen.

Manche Jugendliche werden aus umkämpften Gebieten wie Taizz nach Sanaa oder in andere Provinzen geschickt, damit sie dort weiter zur Schule gehen können. Doch den meisten geht es in erster Linie um ihre persönliche Sicherheit, und so verzichten sie während des Krieges auf den Schulbesuch.

Ärzte verlassen das Land

Außerdem müssen die Kinder und Jugendlichen, deren Väter im Krieg umgekommen sind, an ihrer Stelle Geld verdienen. Shami sagt: „Eigentlich trifft der Bürgerkrieg die Kinder am stärksten, denn viele müssen jetzt für den Lebensunterhalt der Familien sorgen, und so können sie weder ihre Kindheit genießen noch etwas lernen.“ Überdies werden viele von ihnen von den Kriegserfahrungen traumatisiert. Darüber macht sich vorerst kaum jemand ernsthafte Gedanken, aber in naher Zukunft werden wir die Auswirkungen erleben.

Im Krieg sind die Menschen mehr als gewöhnlich auf medizinische Hilfe angewiesen. Doch in den meisten Provinzen gibt es seit Kriegsbeginn Probleme mit der Energieversorgung, und wegen der häufigen Stromausfälle wurden viele private Kliniken geschlossen. Zudem sind einige Krankenhäuser zerstört, und es mangelt an medizinischen Fachkräften. Seit der Konflikt sich im März 2015 gewaltsam zugespitzt hat, hat laut der Weltgesundheitsorganisation die Mehrzahl der 1200 ausländischen Beschäftigten im Gesundheitswesen den Jemen verlassen; insbesondere die dringend benötigten Chirurgen waren häufig Ausländer. Doch auch viele einheimische Ärzte sind in andere Länder gegangen, in denen sie wesentlich mehr verdienen.

Hinzu kommt, dass die Huthis Warentransporte nach Taizz blockieren und auf diese Weise verhindern, dass medizinische Güter in die Stadt kommen. Das ist ein weiterer Grund, weshalb vier von fünf der städtischen Krankenhäuser geschlossen wurden; die restlichen müssen Medikamente und Sauerstoffflaschen auf unwegsamen Pisten durch die Berge herbeischaffen.

Autor

Nasser Al-Sakkaf

schreibt als freier Journalist im Jemen für mehrere internationale Zeitungen, Zeitschriften und Webseiten wie Middle East Eye, IRIN, Al Jazeera English und Newsweek Middle East.
Der 18-jährige Raed al-Zuraiqi wurde am 15. April 2016 mitten in Taizz durch Granatenbeschuss verwundet, als er in der Nähe seines Hauses unterwegs war. Als sein älterer Bruder Rayan ihn mit einem Splitter im Rücken in das staatliche Al-Thawra-Krankenhaus brachte, sah man sich dort mangels Fachkräften und Medikamenten außerstande, ihm zu helfen. Er musste nach Saana oder Aden transportiert werden.

„Weil ich meinen Job als Buchhalter verloren habe, musste ich mir von Freunden Geld leihen, um meinen Bruder aus Taizz herauszubringen. Tags darauf machten wir uns dann auf nach Aden“, erzählte Rayan. Wegen der Straßensperren kann man Taizz nur über die Berge verlassen, und auch für die beiden Brüder gab es keine andere Wahl. Rayan sagt: „Leider war Raed mit dem Splitter im Rücken den Strapazen der Reise nicht gewachsen, und so starb er auf dem Weg nach Aden. Beide Kriegsparteien sind schuld an seinem Tod, und das werde ich nie verzeihen. Außerdem hat meine Mutter nach Raeds Tod einen psychischen Zusammenbruch erlitten.“

Aus dem Englischen von Anna Latz.

erschienen in Ausgabe 10 / 2016: Welthandel: Vom Segen zur Gefahr?

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