Naher Osten

Protest gegen den "Muslim Ban" Anfang Februar in Washington D.C.

Naher Osten

Trumps Falle für die Christen

Kirchenführer aus dem Nahen Osten warnen vor dem – von US-Gerichten vorerst gestoppten – Vorhaben von Präsident Donald Trump, christliche Flüchtlinge bei der Einreise in die USA zu bevorzugen. Denn das würde die Lage der Christen in mehrheitlich muslimischen Ländern eher verschlechtern.

Donald Trump gilt unter nahöstlichen Christen eigentlich als die bessere Wahl. In den sozialen Medien hatten ihn viele kurz nach seinem Sieg über Hilary Clinton als Nachfolger von Barack Obama gefeiert. In dessen halbherziger Nahostpolitik waren sie sich allzu oft als Spielball vorgekommen, die amerikanische Unterstützung dschihadistischer Gruppen in Syrien war für sie ein Verrat. Immer lauter waren in den vergangenen Jahren die Stimmen geworden, die dem Westen allgemein vorwarfen, die Geschwister im Nahen Osten zu vergessen.

Eigentlich hätte nun der Einreisestopp für sieben mehrheitlich muslimische Länder und die ausdrückliche Ausnahme christlicher Flüchtlinge Zustimmung erwarten lassen. Doch viele nahöstliche Kirchenführer wehren sich genau gegen diese Privilegierung. Sie sei eine „Falle für die Christen“ im Nahen Osten, sagte der chaldäische Patriarch von Bagdad, Louis Sako. Sie würde nur den Extremisten Aufwind geben, „die uns Christen seit jeher in denselben Topf mit dem Westen werfen. Das kann heftige Reaktionen und Spannungen hervorrufen.“

Der lutherische Bischof von Jerusalem, Munib Younan, wandte sich in einem offenen Brief an Donald Trump. In dem Schreiben, das vielfach in den sozialen Medien geteilt wurde, heißt es, die Bevorzugung der Christen werde sich vor allem gegen sie selbst wenden. „Wir weisen jeden Versuch zurück, die arabische Gesellschaft entlang religiöser Grenzen zu teilen.“ Christen im arabischen Raum hätten eine lange Geschichte des Miteinanders mit den Muslimen, schreib Younan.

Diskriminierung der Mehrheit hilft keinem

Erleichterte Einreisebedingungen für Flüchtlinge in westliche Länder, wie zum Beispiel die deutsche Flüchtlingspolitik, sind Kirchenführern im Nahen Osten schon länger ein Dorn im Auge. Damit werde auch die Emigration von Christen aus dem arabischen Raum gefördert und das Ausbluten der nahöstlichen Kirchen beschleunigt, lautete ihre Kritik.

Dieses Mal geht es den Oberhäuptern aber offenbar um mehr als allein die Existenz ihrer jeweiligen Kirche. „Es ist wichtig, dass Christen in muslimischen Ländern leben. Denn durch ihre Anwesenheit lernen Muslime, den anderen zu akzeptieren“, sagt beispielsweise Chawkat Moucarry, der bei World Vision für den Bereich Interreligiöser Dialog zuständig und selbst in Syrien aufgewachsen ist. Die Präsenz der Christen im Nahen Osten sei ein Gegenmittel gegen den Extremismus und notwendige Voraussetzung, um das Leben in Vielfalt zu lernen.

Das sieht auch Mounir Hanna Anis, der Primas der anglikanischen Provinz von Jerusalem und dem Mittleren Osten so. Der Nahe Osten werde ohne Christen nicht mehr der Gleiche sein. Das einzigartige Geflecht aus Kulturen, Religionen und Ethnien würde leiden, wenn eine Gruppe von außen privilegiert werde. Und Andrea Zaki, der Präsident der evangelischen Kirchen in Ägypten, warnte davor, dass die Diskriminierung der Christen im Nahen Osten nicht dadurch bekämpft werden könne, dass die Mehrheitsreligion diskriminiert werde.

Das ist auch der Tenor der amerikanischen Kirchenführer, die ebenso wie ihre nahöstlichen Kollegen die Diskriminierung der Muslime durch den Einreisestopp als unchristlich kritisieren. Offenbar haben sie beim neuen Präsidenten kein Gehör gefunden. Evangelikale Gruppen dafür umso mehr: Sie werden seit Jahren nicht müde, von den Christen als der am meisten verfolgten Religion weltweit zu sprechen und alle anderen verfolgten Minderheiten zu ignorieren.

erschienen in Ausgabe 3 / 2017: Indigene Völker: Eingeboren und ausgegrenzt

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