Mythos Desertifikation

Technokraten sehen die Wüsten wachsen

Frisches Grün trotz Wassermangel: Zum Schutz vor Dürre und Erosion hat Mahamdou Issoufou in der Wüstenregion Zinder im Niger einen Gemüsegarten angelegt.  
Die Wüsten breiten sich unaufhaltsam aus, warnen Fachleute und Politiker seit Jahrzehnten. Meist dient dieses Schreckgespenst ihren eigenen Interessen. Alternative Ansätze, die den Leuten vor Ort besser helfen, haben es schwer.

Dürre und Wüstenbildung standen fast ein Jahrhundert im Mittelpunkt des politischen Diskurses über die Trockengebiete im Sahel. In der Folge wurden Millionen Bäume gepflanzt und riesige Dämme für die Bewässerungslandwirtschaft gebaut. Heraufbeschworen wurde das Bild eines unaufhaltsamen Vordringens der Wüste, was dringend verhindert werden muss.

Dieser Mythos  hält sich hartnäckig – und manche Leute reagieren fast enttäuscht, wenn man sie darauf hinweist, dass ein solches Geschehen nicht empirisch nachzuweisen ist. Politiker und Hilfsorganisationen haben ein starkes Interesse daran, den Mythos aufrechtzuerhalten: Nicht zuletzt rechtfertigt er ihre Rolle und ihr Budget. Und das gilt nicht nur für den westafrikanischen Sahel.

Das Festhalten an der Geschichte der Wüstenbildung wird gewöhnlich von der Feststellung begleitet, dass die Einheimischen ihr Land schlecht bewirtschaften; am besten sollten Regierungsbeamte und Experten das Land und die natürlichen Ressourcen kontrollieren, weil sie es einfach besser wüssten. Traditionelle Formen des Landeigentums und der Land- und Viehwirtschaft werden als archaisch abgetan. Der Mythos Desertifikation legitimiert Regierungen, Kleinbauern ihr Land wegzunehmen und es Großinvestoren zwecks landwirtschaftlicher „Modernisierung“ zuzuteilen.

Austrocknen nicht nachweisbar

Das Konzept hinter dem Begriff „Desertifikation“ geht auf die 1920er und 1930er Jahre zurück, als koloniale Verwalter, Natur- und Forstwissenschaftler das scheinbare Austrocknen ihrer westafrikanischen Territorien beschrieben. Eine britisch-französische Kommission begab sich Ende 1936 in das nördliche Nigeria und den südlichen Niger, um das Ausmaß zu beurteilen, „in dem Wüstenbedingungen geschaffen werden und was die Ursachen sind“. Obgleich berücksichtigt wurde, dass 1936 ein ausgesprochen regenreiches Jahr war, befanden die Gutachter, ein generelles Austrocknen der Region sei nicht nachweisbar.

Trotz dieser Erkenntnisse setzten sich andere, stärker interventionistisch geprägte Auffassungen durch und bestimmten in den 1930er Jahren den Mythos von der Verwüstung. Dazu trug unter anderem das Werk des britischen Forstwirts E. P. Stebbing bei, der nach umfangreichen Reisen in die Region folgerte, die Südgrenze der Sahara verschiebe sich nach Süden. Verstärkt werde das durch falsche Bewirtschaftung und das Bevölkerungswachstum. Infolge von Erosion und Bodendegradation wiederum regne es unregelmäßiger, befand Stebbing. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, schlug er vor, die Zuständigkeit der kolonialen Verwaltung auf landwirtschaftliche Techniken auszudehnen. Er regte eine zentrale Behörde zur Verwaltung natürlicher Ressourcen an.

Die Vorstellung von der Desertifikation hielt sich hartnäckig, weil sie den Mächtigen in der Region diente – in der Kolonialzeit, aber auch danach. Schlüssel zum Erfolg war es, die Wüstenbildung als Krise darzustellen. Das rechtfertigte autoritäre Eingriffe; die Schuld wurde Kleinbauern und Viehhirten zugewiesen. Aufgrund ihrer Armut und Unwissenheit wurden sie für ihr eigenes Unglück verantwortlich gemacht.

Regen, gefolgt von Dürre

Das Reden über eine Krise braucht eine echte Krise, um sich dauerhaft zu behaupten. Das Paradigma der Desertifikation geht zurück auf die Dürre der 1920er Jahre. In den 1950er und frühen 1960er büßte es an Brisanz ein, weil es im Sahel ausreichend regnete. Ende der 1960er Jahre begannen heftige Dürrezeiten in der Region, die ihren Höhepunkt in den Jahren 1972-74 erreichten. Da war die Wüstenbildung wieder ein Thema und zog neue Kreise. Die internationale Gemeinschaft zeigte sich zunehmend besorgt über die Lage im Sahel, was 1977 in der UN-Konferenz über Desertifikation (UNCOD) gipfelte. Dort waren Regierungen und Organisationen darauf bedacht, sich „einem unaufhaltsamen und gleichsam ansteckenden Prozess“ entgegenzustemmen, der apokalyptische Auswirkungen haben könnte, wie es der britische Anthropologe Jeremy Swift festhielt.

Die Dürrekatastrophe von 1972-74 in der Sahelzone hat den Warnrufen vor einer Ausbreitung der Wüsten neues Gehör verschafft. picture alliance/dpa

Wie 40 Jahre zuvor die Kolonialherren, versuchten einige afrikanische Regierungen in den 1970er Jahren das vermeintliche Wissen über die Desertifikation zu nutzen, um ihre Kontrolle über die Trockenregionen zu stärken. Das galt insbesondere für Länder mit vielen Nomaden, die als Bedrohung für die nationale Einheit wahrgenommen wurden: Sie waren mobil, bewegten sich über Grenzen hinweg und ließen sich nicht von der Zentralregierung erfassen und besteuern.

Vermengung unterschiedlicher Prozesse

Der Mythos Desertifikation blieb jedoch nicht unwidersprochen. In den 1980er und 1990er Jahren stellten Wissenschaftler ihn in ihren Forschungen zum Sahel infrage, weil hier drei unterschiedliche Prozesse miteinander vermengt wurden: die langfristige Austrocknung, temporäre Dürren und die Degradation von Land in Trockengebieten. Sie zeigten, dass bei der Degradation von Land Klimaveränderungen mit der Dynamik lokaler Ökosysteme und der Bewegung in sozialen Systemen zusammenwirken.

Gestützt auf bahnbrechende Arbeiten zum Umgang von Nomaden mit ihrer Umwelt, trug diese Denkschule dazu bei, von der Vorstellung eines Gleichgewichtes wegzukommen. Stattdessen entstand ein Verständnis, nach dem Weideflächen in Trockengebieten naturgemäß instabil und von nicht berechenbaren Niederschlagsmustern geprägt sind. Die Schwankungen sind beeinflusst von Veränderungen in der Erdatmosphäre, die stärker mit der globalen Erderwärmung zusammenhängen als mit den Landnutzern vor Ort.

Das Problem ist nicht, dass die Wüste sich unaufhaltsam ausbreitet. Es geht um die Frage, wann es wo regnet: Regenfälle sind die wichtigste Variable, die die Produktion von Vieh und Ernten in einem bestimmten Jahr beeinflusst. Diese Denkschule unterstreicht auch, wie wichtig einheimisches Wissen und Institutionen sind, um in Trockengebieten bessere Lebensbedingungen zu schaffen und die Anpassungsfähigkeit der Einheimischen zu stärken.

Doch obwohl solche alternativen Ansätze nachweislich bessere Entwicklungsergebnisse erzielen, ist es schwierig, sie in die politischen Prozesse einzufüttern. Auffassungen, die sich dem Paradigma der Wüstenbildung entgegenstellen, werden entweder beiseitegeschoben oder als Verrat an der afrikanischen Sache dargestellt. Mit der Zeit haben Regierungen und Hilfsorganisationen zwar die Begriffe „Partizipation“ und „einheimisches Wissen“ in ihr Vokabular aufgenommen, wenn sie über Desertifikation sprechen. Doch es fehlt der politische Wille, entsprechend zu handeln.

Neue Epoche in der globalen Umweltpolitik

Der Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 und die UN-Konventionen zu  Wüstenbildung, Biodiversität und Klimawandel, die dort verabschiedet wurden, begründeten eine neue Epoche in der globalen Umweltpolitik. Manche afrikanische Staaten sahen zunächst keinen Nutzen darin, weil sie Artenvielfalt und Klimawandel als Anliegen der reichen Länder betrachteten. Sie forderten Ressourcen, um die Opfer der Desertifikation zu unterstützen. Die Staaten sagten daraufhin zu, Verhandlungen über ein Übereinkommen zur Bekämpfung der Wüstenbildung aufzunehmen.

Das überlieferte Wissen über die Desertifikation beherrschte die Verhandlungen, obwohl unter den beteiligten Experten auch die eine oder andere alternative Stimme vertreten war. Elina Andersson, Len­nart Olsson und Sara Brogaard von der Lund-Universität urteilten, dass der Diskurs über die Ausbreitung von Wüsten losgelöst vom Wissen über die Degradation in Trockengebieten geführt wurde: „Als die Vereinten Nationen 1994 das Übereinkommen zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD) schufen, war die Politik auf gravierende Art und Weise von der Wissenschaft abgekoppelt.“

Hauptziel des UNCCD ist es, „die Wüstenbildung zu bekämpfen und die Dürrefolgen zu mildern, besonders in Afrika“. Sie definiert Wüstenbildung als „Landverödung in ariden, semiariden und trocken-halbfeuchten Gebieten infolge verschiedener Faktoren, einschließlich Klimaschwankungen und menschlicher Tätigkeiten“. In der Konvention werden die Einheimischen als Hauptverantwortliche für die Bewirtschaftung der Trockengebiete genannt. Von oben verordnete Ansätze werden anscheinend abgelehnt, stattdessen soll die örtliche Bevölkerung am Kampf gegen die Wüstenbildung beteiligt werden. Die Wortwahl deutet scheinbar darauf hin, dass die kritischen Stimmen beherzigt wurden.

Der Schwerpunkt liegt auf technischen Innovationen

In der Praxis aber blieb alles beim Alten: Nationale Regierungen stellen Aktionsprogramme auf, die die wichtigsten Ursachen und Folgen der Wüstenbildung ermitteln und vorrangige Schritte dagegen festlegen. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf technischen Interventionen, wie etwa der Bewässerungslandwirtschaft und der Schaffung einer sogenannten „Großen Grünen Mauer“ quer durch die Sahara.

Heute konkurriert das UNCCD mit der Biodiversitäts-Konvention (UNCBD) und der UN-Klimarahmenkonvention um Anerkennung und Geld und versucht, die Aufmerksamkeit des internationalen Publikums zu gewinnen. Aktuelle Dokumente unterstreichen die Verbindung zwischen Wüstenbildung, Konflikten und Krisen und behaupten gar, ein zu geringes Interesse an der Desertifikation sei gewissermaßen für Unruhen und politische Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten mit verantwortlich. Indem die Landverödung als Anlass globalen Handelns vorgegeben wird, entlässt das UNCCD nationale Regierungen aus ihrer Verantwortung, obwohl diese jahrzehntelang Land, Boden und Agrarsysteme vernachlässigt haben.

Das Gerede von der Wüstenbildung aufgeben

Ein neues Paradigma für Entwicklung in Trockengebieten entsteht seit mehr als zwanzig Jahren und stützt sich auf eine große Bandbreite an Schauplätzen und Erfahrungen, um zu zeigen, was geht. Zu den Schlüsselelementen gehört es, das Gerede von der Wüstenbildung aufzugeben und die Zuständigkeit zu den Menschen vor Ort zu verlagern. Jüngste Initiativen zur Anpassung an den Klimawandel und zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit konzentrieren sich auf lokal getragene Strategien.

Das Engagement zur Entwicklung von Trockengebieten war in den vergangenen 35 Jahren von einem ständigen Tauziehen geprägt: am einen Ende die Befürworter eines vor Ort verwurzelten, dezentralisierten Ansatzes, und am anderen jene, die Macht und Expertise unter Beweis stellen, indem sie Großprojekte planen und hohe Investitionen an Land ziehen. Nach der politischen Krise in Mali 2012/13 investierten die Weltbank und die Europäische Union (EU) mehr als acht Milliarden US-Dollar in Bewässerungslandwirtschaft und Viehzucht im Sahel. So sollten der Klimawandel bekämpft und Existenzgrundlagen gefestigt und außerdem etwas für die Sicherheit getan werden. Junge Menschen sollten davon abgehalten werden, auszuwandern oder sich zu radikalisieren.

Zu den großen staatlichen Geldgebern gesellen sich eine Vielzahl neuer Akteure wie landhungrige Agrarkonzerne und Baufirmen mit Interesse an großen Infrastrukturprojekten. Die meisten Entwicklungsorganisationen preisen inzwischen die Rolle des Privatsektors, womit gewöhnlich Großkonzerne anstelle von Millionen Kleinunternehmern gemeint sind. Großinvestoren sind viel weniger bereit, sich mit mühsam errungenen Nachweisen für bewährte lokale Ansätze zu beschäftigen. Sie möchten die Kontrolle behalten und Ergebnisse sehen.

Die Zukunft der Trockengebiete

Im Gegensatz zu großen Dämmen, Bewässerungsanlagen und Projekten, in denen Bäume gepflanzt werden, bietet das alternative Konzept zur Entwicklung der Trockengebiete geringe Aussichten, große Summen in die Hand zu nehmen. In einer Zeit knapper Budgets sollte man meinen, dass sei attraktiv. Das ist aber nicht so, denn nur wenige Verantwortliche in Wirtschaft, Politik oder Geberinstitutionen erkennen, inwieweit ein solcher Weg ihren Interessen dient.

Autoren

Karen Brock

ist beim Institut für Entwicklungs­studien (IDS) an der Universität von Sussex beschäftigt. Sie arbeitet dort zu Strategien zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeits- und Advocacy-Arbeit im Norden und im Süden.

Camilla Toulmin

ist Ökonomin und arbeitet beim Internationalen Institut für Umwelt und Entwicklung (IIED) in Edinburgh unter anderem zu den Folgen des Klimawandels.
Die Zukunft der Trockengebiete ist in den vergangenen zehn Jahren noch komplizierter geworden – und zwar weil sich sowohl neue Chancen als auch neue Konflikte aufgetan haben. Die Grundwasserreserven scheinen viel ergiebiger zu sein als gedacht, das bietet neue Perspektiven für Land- und Weidewirtschaft. Die Solarenergie hat das Leben von Millionen Menschen ohne Anschluss an das Stromnetz verändert: Sie müssen nun nicht mehr jahrzehntelang auf die Elektrifizierung warten. Die Suche nach Öl, Gas und Mineralien hat das Interesse an ehemals vernachlässigten Regionen erhöht und zieht Investitionen nach sich. Mobiltelefone erschließen früher abgehängten Gebieten den Zugang zu Kommunikation, Märkten und Informationsquellen. Unter günstigen Bedingungen bieten die Urbanisierung und die Entwicklung von Märkten sowohl Wohlhabenden als auch Armen bessere Lebensgrundlagen.

Gleichzeitig rücken als Folge zunehmender Konflikte und der Besetzung weiter Wüstenstriche durch militante Gruppen in Libyen, Mali, Niger, Nordnigeria, Nordostkenia und Somalia Sicherheitsinteressen stärker in den Vordergrund und behindern die Bewirtschaftung. Eine starke militärische Präsenz blockiert inzwischen die Bewegungen von Herden und das Wassermanagement sowie die Nutzung früherer Weidegründe. Die Viehhirten selbst sind im Kreuzfeuer gefangen.

Den Mythos der Wüstenbildung infrage zu stellen heißt nicht, die Umwelt- und Wirtschaftsprobleme von Trockengebieten zu leugnen – ganz im Gegenteil. Es ist vielmehr zwingend nötig, um die Ökologie, die Instabilität und die Verbindungen zwischen Klima, Vegetation und Mensch zu verstehen, um Lösungen zu finden, die zu den Institutionen und Wissenssystemen der Bewohner vor Ort passen. Denn sie müssen sich weiter an extreme Klimaereignisse und steigende Temperaturen anpassen. Beim Blick in die Zukunft müssen deshalb Vielfalt und Bedeutung von indigenem Wissen anerkannt werden. Nur so kann die Widerstandsfähigkeit der Ökosysteme in Trockengebieten in einem größeren sozialen und geografischen Rahmen erhalten werden.

Aus dem Englischen von Barbara Kochhan.

erschienen in Ausgabe 7 / 2017: Die Wüste lebt

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