China und Mongolei
China und Mongolei

Gespaltene Gobi

Mitten durch die Wüste Gobi verläuft die Grenze zwischen China und der Mongolei. Das eine Land pflegt die Traditionen, das andere hat der Natur den Kampf angesagt.

Die Wüste Gobi ist die drittgrößte und kälteste Wüste der Welt. Das riesige Gebiet in Ost- und Zentralasien ist der Inbegriff der Wüstenlandschaft, wo Nomaden auf Kamelen endlose Steppen durchstreifen. Doch sie beherbergt einen großen Reichtum an Bodenschätzen und heute mehr als 30 Millionen Menschen, auch in modernen Städten. Das Gebiet ist aufgeteilt zwischen der Mongolei und China: Eine willkürliche „Linie im Sand“ trennt nicht nur beide Länder, sondern zwei politische, kulturelle und ökologische Systeme. Selten gibt es bei der Wahrnehmung, Nutzung und Wertschätzung einer gemeinsamen Landschaft so große Unterschiede zwischen benachbarten Ländern.

Die Wüste Gobi wird von Kasachstan und Russland im Westen und Norden sowie Peking und dem Gelben Fluss im Osten und Süden eingefasst und hat etwa sechs Mal die Fläche Deutschlands. In ihr befinden sich die größten Sanddünen der Welt mit einer Höhe von bis zu 300 Metern. Überwiegend besteht die Gobi jedoch aus trockenen Schotterebenen und kargem offenem Weideland. Ihre Bewohner sind extrem kalten Wintern mit bis zu minus 40 Grad und heißen Sommern mit bis zu plus 40 Grad ausgesetzt und haben mit regelmäßig wiederkehrenden Dürreperioden und geringen Mengen an Oberflächenwasser zu kämpfen; in manchen Gegenden fallen jährlich nicht mehr als 50 Millimeter Niederschlag (in Deutschland im Durchschnitt 700 bis 800 Millimeter).

Ein vager Begriff von Grenzen

In der Gobi wird deutlich, wie unterschiedlich heute China mit seinem allmächtigen Staatsapparat und die Mongolei mit ihrer traditionellen nomadischen Gesellschaft an Wüstenlandschaften herangehen. Darin spiegeln sich traditionelle Werte, die Regierungspolitik und wirtschaftliche Kräfte. Wichtige Wurzeln finden sich in der ethnischen Zugehörigkeit, im Kalten Krieg und in überkommenen Glaubensvorstellungen.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte der chinesische Kaiser formal die Kontrolle über die südliche Hälfte der Gobi, während das nördliche mongolische Plateau lose der buddhistischen Hierarchie unterstand. Damals, als mongolische Hirten auf der Suche nach Futter für ihre Tiere – Schafe und Ziegen für Nahrung, Wolle und Kaschmir, Kamele und Pferde als Reit- und Zugtiere – die Landschaft durchstreiften, gab es nur einen sehr vagen Begriff von Grenzen.

Nach der russischen Revolution wurde 1924 die Mongolei unter dem Einfluss der russischen Bolschewiken ein kommunistischer Staat. Damals wurde die Grenze gezogen, die die innere, chinesische von der äußeren Mongolei trennt. Nach der chinesischen Revolution wurde die Mongolei zum Pufferstaat zwischen den kommunistischen Genossen.

Heute umfasst die Gobi zwei unterschiedliche Systeme und Wirtschaftsweisen. In der Mongolei wird das herkömmliche Hirtenleben aufrechterhalten, fast jeder dritte Einwohner ist für seinen Lebensunterhalt ganz oder teilweise auf die Viehzucht angewiesen. Mobilität, Jurten, gemeinschaftliche Landnutzung, familiäre Netzwerke, tradiertes ökologisches Wissen und ein tiefes Geschichtsbewusstsein tragen zu einer nachhaltigen Gestaltung von Leben und Land bei. Das beruht auf dem Glauben an den Geist des Himmels und der Erde; hieraus erwachsen Respekt vor der Natur, Rücksichtnahme auf Pflanzen und Tiere und eine Ethik des Bewahrens.

China ist im Gegensatz dazu über Jahrzehnte Mao Zedongs Diktum gefolgt, der Mensch solle die Natur bezwingen. Mao fürchtete den sowjetischen Expansionismus in der Wüste Gobi; deshalb siedelte er Millionen von chinesischen Bauern in die Region um, um die ethnische Zusammensetzung dort zu verändern und die Kontrolle aus Peking zu sichern. Die neu angesiedelten Bauern von der Volksgruppe der Han – sie stellt die große Mehrheit in China – kannten sich kaum mit Viehzucht aus, so dass für den Ackerbau mit großem Aufwand Wasser in die Wüste gebracht werden musste.

Künstliche Seen und moderner Konsum

Regionale Funktionäre folgten mit ihren Entwicklungsplänen den politischen Vorgaben, die Chinas autokratischer Staat anderswo beschloss. Unter einem Programm der „ökologischen Ansiedlung“ wurden Hirten im Namen des Schutzes für die Weiden aus dem Land entfernt. Weideland wurde in Ackerflächen umgewandelt, und die Regierung förderte die Nutzung von Wasser und Land für den Bergbau, bei dem die Minen und der Gewinn der Regierung gehörten. Großfarmen, übermäßige Wasserentnahme, hohe Luft-, Boden- und Wasserverschmutzung und Staubstürme, die in der Gobi ihren Ursprung haben, sind Beispiele für die Folgen dieser Politik. Kilometerlange Kohlehalden und stillgelegte Zechen haben eine Mondlandschaft geschaffen – Gebiete, die für Landwirtschaft nicht mehr zu gebrauchen sind. Unfruchtbares oder trockenes Ackerland bringt auch mit Dünger und modernen technischen Geräten wenig Ertrag und wird zur Quelle von Staubstürmen, die Peking, Seoul und Tokio überziehen.

Der sichtbare Nutzen ist ein rasches Wirtschaftswachstum, das glänzende Hochhäuser in Provinzhauptstädten, künstliche Seen und modernen Konsum möglich macht. Das ist ein Ausdruck der Strategie der kommunistischen Partei, Wirtschaftswachstum als Schlüssel für die soziale Stabilität und den Fortbestand der Ein-Partei-Herrschaft zu fördern. Offizielle Berichte und Statistiken zeichnen das Bild, dass jedes Jahr alles besser wird, denn danach richtet sich, welche Kader befördert werden. Die Entwicklung bevorzugt städtische Han-Chinesen und benachteiligt diejenigen, die als Viehzüchter oder Ackerbauern auf dem Land zu leben versuchen. Da Instanzen der politischen oder finanziellen Kontrolle fehlen, verfolgen Lokalregierungen grandiose, kostspielige und unrealistische Projekte. So wurden in Ordos und Lanzhou „Neue Städte“ für Millionen Menschen entworfen nach dem Motto: „Wenn man baut, werden sie kommen.“ Das Ergebnis sind Geisterstädte und Autobahnen ins Nirgendwo.

Dörfer aus Zement-Jurten

Chinas Gobi ist zu einem Gebiet geworden, das mit relativ wenigen Menschen ausgebeutet werden kann und wo die ethnischen Minderheiten keine Stimme haben. Die Provinz Innere Mongolei ist mittlerweile Chinas größte einheimische Energiequelle und der Bergbau schluckt den Großteil des Wasservorrats der Region. Der Ackerbau folgt dem Diktat der Behörden, die Wasser zuteilen und entscheiden, was anzubauen ist; dadurch wird er unproduktiv. Als Folge werden Landbewohner in die Städte gedrängt, wo sie die unterste Stelle der Rangordnung einnehmen. Die Vergangenheit wird nur als malerische Kulisse für den Tourismus anerkannt: Angehörige der mongolischen Volksgruppe dürfen sich in Dörfern aus Zement-Jurten zeigen, traditionelle Gesänge auf Chinesisch singen und künstliche Tanznummern darbieten, während glotzende Stadtbewohner sich an Hammelfleisch aus Steppenaufzucht gütlich tun.

Die eklatanten Umweltschäden werden nicht offen diskutiert, und Widerspruch wird nicht geduldet. Schon die geringsten Beschwerden oder Protestäußerungen haben Arrest, Blockierung des Internets und der Mobilfunkfrequenzen sowie Polizeiaufmärsche zur Folge. Das mussten Angehörige der mongolischen Minderheit 2017 erleben: Sie protestierten gegen den Verlust von Weideland an Farmen und Aufforstungsprojekte und gegen die Weigerung der Regierung, versprochene Subventionen an fest angesiedelte frühere Hirten auszuzahlen. Im April wurden unzählige Hirten wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Behinderung von Regierungsprojekten verhaftet.

In der Mongolei dagegen gehen die offene Demokratie und die bescheidene Wirtschaftskraft mit einem lebendigen öffentlichen Diskurs und einer pulsierenden Zivilgesellschaft einher. Aktive nichtstaatliche Organisationen (NGOs) und internationale Entwicklungsagenturen befeuern Debatten über Weidewirtschaft, nachhaltige Arten des Lebensunterhalts, Bildung, Katastrophenschutz und viele nationale Themen. Als in den 2000er Jahren die „größte Gold- und Kupfermine der Welt“ angekündigt wurde, hielt man das im Land für den Weg zur Entwicklung, doch das folgende Jahrzehnt erwies sich als enttäuschend, weil sich für die meisten Menschen die Lebensgrundlagen nicht änderten. Die Mine liegt nur achtzig Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt, und für den Verkauf und Abtransport der Bodenschätze ist das Land auf China angewiesen.

Große Minen haben auch hier das Potenzial, die Wüste zu verändern. Aber bisher liegen Minen, anders als beim intensiven chinesischen Ansatz, noch in weitem Abstand verstreut. Da es an Wasser, Straßen und Know-how fehlt, können die meisten von lokalen Gemeinden nicht betrieben werden oder erfordern ausländische Investitionen. Während das Augenmerk auf ein paar riesigen Minen liegt, zerstören kleine Bergwerke die Umwelt, weil die Regierung nicht in der Lage ist, die Gesetze durchzusetzen. Eine Minderheit profitiert, aber Gemeinschaften sind aufgebracht, wie das von den Ahnen übernommene Land misshandelt wird.

Offene Gesellschaft in der Mongolei

Die offene Gesellschaft der Mongolei bedeutet aber, dass viele Bürgerinitiativen die Minenbetreiber kritisieren und in Zusammenarbeit mit Forschern und der internationalen Gemeinschaft Themen wie Bildung, Straßenbau, Stromversorgung, Mobilfunknetz und Wasserversorgung angehen. Das wirkt sich bis in die Regierung aus, die versucht, auf Sorgen der Wähler zu reagieren. So hat eine NGO die Weltbank erfolgreich ersucht, den Einfluss einer riesigen Mine auf die örtliche Gemeinschaft und das Land erneut zu überprüfen. Das hat die Mine nicht gestoppt, aber zu Vermittlung und einer ausgehandelten Entschädigung geführt.

Autor

Troy Sternberg

hat in Philosophie promoviert und forschta am Geografischen Institut der Universität Oxford zu Klimarisiken und Wechselwirkungen zwischen Klima, Umwelt und Gesellschaft in Trocken­zonen Asiens, besonders in der Gobi.
Der Norden der Gobi ist dank ihrer Weite, des Wassermangels und des kalten Klimas so etwas wie ein nicht offiziell ausgewiesenes Naturschutzgebiet. In der Fantasie der städtischen Mongolen lebt sie weiter als entferntes und unberührtes Gebiet. Im mongolischen Teil der Gobi gibt es keinen Ackerbau, denn der gilt als für Hirten unehrenhaft; alle wissen, dass Wasser knapp und der Boden schlecht ist. Die zähen Hirten, die dort leben, können sich ohne Zäune  frei in der Wüste bewegen. Sie entscheiden, welche Tiere für das jeweilige Terrain am geeignetsten sind, und halten ihre technische Ausstattung und die Belastung der Umwelt möglichst gering. Ihre Jurten haben vielleicht Sonnenkollektoren und Satellitenschüsseln, aber ein Stromnetz gibt es nur in den Städten.

Beide Lager blicken mit Bangen und wenig Verständnis auf den Nachbarn. In China wird die Mongolei als rückständig dargestellt, wo die Menschen sich noch auf Pferden fortbewegen. Der Mangel an Infrastruktur und festen Häusern wird mit Armut und Mangel an Modernität gleichgesetzt. Mit ihrer kleinen Bevölkerung und als politisches Leichtgewicht wird der Mongolei wenig Bedeutung beigemessen. Die Mongolen fürchten den chinesischen Moloch, fühlen sich ihren Brüdern jenseits der Grenze kulturell überlegen, blicken aber sehnsüchtig auf die glänzenden Städte und die sichtbaren Zeichen des Wohlstands in China. Auf Fahrten in der Wüste sind beide Seiten überraschend vorsichtig, sobald sie sich der Grenze nähern, als fürchteten sie eine unbekannte Ansteckung.

Mit ihrer ungastlichen Landschaft wird die Gobi ein Symbol der Abgelegenheit bleiben. Die eine Seite erinnert an vergangene Jahrhunderte, während Teile der anderen von Ausbeutung gezeichnet sind. In der Mongolei ist man mit dem Naturraum zufrieden, wie er ist; das steht im Gegensatz zu der vom Menschen geprägten chinesischen Zone. Auf Jahrhunderte wird die empfindliche Wüste von den Narben der gegenwärtigen Ausbeutung gezeichnet sein.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.
 

erschienen in Ausgabe 7 / 2017: Die Wüste lebt

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