Grundeinkommen Kenia

Geld ohne Gegenleistung

Jael und Andrew Abeta haben viel vor: Sie investiert einen großen Teil ihres Grundeinkommens in das Haus, er will ein Ochsengespann kaufen.
Die Organisation GiveDirectly will Tausenden Kenianern in den kommenden Jahren mit einem bedingungslosen Grundeinkommen aus der Armut helfen. Die ersten Erfahrungen stimmen optimistisch – doch Vorsicht bleibt angebracht.

Das kleine unscheinbare Dorf im Westen Kenias ist für die nächsten zwölf Jahre Schauplatz der Entwicklungsforschung. Nach dem Willen der Organisation GiveDirectly soll es namenlos bleiben – sie testet hier, was passiert, wenn man allen erwachsenen Bewohnern einer Gemeinde Geld gibt.

Jeden Monat erhalten sie umgerechnet 22 US-Dollar, ohne Bedingungen, ohne Leistungskontrolle. Die etwa 95 Empfänger des allgemeinen und bedingungslosen Grundeinkommens sind nur die ersten, die in diesen Genuss kommen. Insgesamt will die Organisation 30 Millionen US-Dollar ausgeben, um gemeinsam mit mehr als 24.000 Kenianern in einem Feldversuch herauszufinden, wie man Menschen am besten aus der Armut hilft. Unterstützt wird sie von Entwicklungsforschern wie Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology und Alan Krueger von der Universität Princeton. GiveDirectly hofft, dass seine Ergebnisse die entwicklungspolitische Praxis nachhaltig verändern werden.

Für die Bewohner des Pilot-Dorfes sind solche Erwägungen weit weg. Äußerlich hat sich in der Gemeinde seit Beginn der Zahlungen im Oktober 2016 wenig verändert. Die Straßen sind noch immer unbefestigt, verstreute Gehöfte mit Fußböden aus gestampfter Erde und Dächern aus Wellblech bestimmen das Bild. Hin und wieder kreuzt ein ausgemergeltes Rind den Weg.

Der Beginn des Projektes war für viele dennoch ein einschneidendes Erlebnis. „Die Menschen sind glücklicher“, sagt Mary Abagi. „Sie haben mehr Energie und neue Ideen.“ Dass sich die Dorfbewohner über Geldgeschenke freuen, überrascht wenig. In Gesprächen wird aber schnell klar, dass die regelmäßigen und verlässlichen Zahlungen auch einige grundlegende Probleme der Menschen fast vollständig beseitigt haben.

Gut zu wissen: Am Ende des Monats kommt das Geld

„Wir erleben schon seit acht Monaten eine Dürre in Kenia“, erzählt der Dorfvorsteher Aswan Abagi, der mit seiner Frau fünf Kinder versorgt. „Mais ist sehr teuer geworden.“ Eigentlich müssten viele Menschen in dem Dorf, das von Subsistenzlandwirtschaft abhängig ist, hungern. Dank des Grundeinkommens können sie sich Lebensmittel kaufen. „Selbst wenn das Geld einen Monat nicht reicht, bekommen sie jetzt im Laden Kredit“, berichtet Aswan. „Zu wissen, dass am Ende des Monats Geld kommt, gibt Hoffnung. Und Hoffnung verändert das Leben.“

Phoebe Abagi – hier mit Leakey Odongo von GiveDirectly – kann sich jetzt Hilfe auf dem Feld leisten.Peter Dörrie
Nach Lebensmitteln stehen Schulgebühren ganz oben auf der Liste für die Verwendung des Grundeinkommens. „Ohne dieses Geld würde ich nicht zur Schule gehen“, meint der 18-jährige Duncan Omondi Kira.  Seine Eltern könnten sich den Besuch einer weiterführenden Schule nicht leisten, in Kenia ist nur der Grundschulunterricht kostenlos. Duncan hatte die Schule schon abgebrochen, mit dem Geld von GiveDirectly kann er seine Ausbildung fortsetzen.

„Wir haben noch keine belastbaren Zahlen, aber aus den Gesprächen, die wir alle drei Monate mit den Empfängern einzeln und in Fokusgruppen führen, können wir zumindest anekdotenhaft Trends ausmachen“, meint Caroline Teti, die Direktorin für externe Beziehungen von GiveDirectly in Kenia. „Das Erste, wofür das Geld ausgegeben wird, sind Nahrungsmittel. Wir haben in der gesamten Dorfbevölkerung eine Verbesserung des Ernährungszustands festgestellt. Dann denken die Menschen über Schulgeld für ihre Kinder nach und über Medikamente. Viele sparen aber auch einen Teil.“

Vor dem Grundeinkommen gab es im Dorf eine Spargruppe mit sechs Mitgliedern, erzählt Margaret Abagi, die Stiefmutter des Dorfvorstehers Aswan. Jedes Mitglied musste pro Monat etwa zehn Dollar in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Reihum bekam ein Mitglied pro Monat diesen Topf ausgezahlt. Margaret konnte also alle sechs Monate auf eine Auszahlung von 60 Dollar hoffen, um damit größere Anschaffungen zu tätigen. Besonders gut hat das nicht funktioniert, denn oft fehlte einzelnen Mitgliedern das Geld, um ihren monatlichen Beitrag zu leisten. Es kam zum Streit. „Inzwischen hat unsere Gruppe zehn Mitglieder und es haben sich noch weitere Gruppen gegründet“, berichtet Margaret. Dank des Grundeinkommens könnten fast alle Dorfmitglieder für größere Investitionen zumindest ein wenig Geld zurücklegen.

Jael und Andrew Abeta sind ein gutes Beispiel dafür. Jael investiert einen großen Teil des Geldes in den Bau eines neuen Hauses, während ihr Mann Andrew auf die Anschaffung von zwei Ochsen spart. „Die Ochsen bringen mir langfristig Geld, denn im Moment muss ich zum Pflügen einen Traktor mieten“, erklärt er. Die Tiere hingegen könne er selbst gegen eine Gebühr an andere Bauern ausleihen.

Samson Wandolo Adera (unten links) züchtet Fische im Viktoriasee.Peter Dörrie
Auch Samson Wandolo Adera investiert sein Grundeinkommen. Der ehemalige Staatsbedienstete gilt allgemein als wohlhabendster Bewohner des Dorfes. „Ich hatte schon vor dem Grundeinkommen eine Fischzucht im Viktoriasee begonnen“, erzählt er. Schnell habe er jedoch gemerkt, dass sein reguläres Einkommen für den Betrieb der Anlage nicht ausreicht. „Auf einen Bankkredit muss man zu viel Zinsen zahlen, das hätte sich nicht gelohnt“, sagt er. Er stand kurz davor, die Zucht aufzugeben – nun kann er sie weiter betreiben. „An der Zucht sind mehrere Investoren beteiligt. Wir haben ein paar Arbeiter angestellt, die die Fische füttern und bewachen.“

Phoebe Abagi nutzt ihr regelmäßiges Einkommen, um Arbeiter zu bezahlen. Die 84-Jährige konnte in den vergangenen Jahren wegen ihrer Arthritis ihre Felder nicht mehr vollständig bestellen. Dank der Feldarbeiter, die sie sich jetzt leisten kann, hat sie trotz der Dürre ihre Ernte in diesem Jahr gesteigert.

Aus Hunger muss niemand mehr stehlen

Neben der wirtschaftlichen Lage haben sich die Beziehungen untereinander verbessert. „Früher war die Verlockung groß, zu stehlen, wenn man Hunger hatte“, erzählt Samson. „Seitdem das Geld kommt, gibt es das nicht mehr.“ Frauen und Männer, die jeweils ein eigenes Grundeinkommen erhalten, diskutierten konstruktiv, wie das Geld am besten zu verwenden sei, bestätigen Dorfbewohner. Von Problemen aufgrund des plötzlichen Geldsegens weiß keiner zu berichten. Die Transferleistung habe weder zu Alkoholmissbrauch noch zu Arbeitsverweigerung geführt. Bislang sind keine Fremden zugezogen, wohl auch, weil GiveDirectly deutlich gemacht hat, dass es keine zweite Aufnahmerunde in das Programm im Pilot-Dorf geben wird.

Aus Sicht von GiveDirectly sind diese ersten Eindrücke interessant, so Caroline Teti, überbewerten will sie die Anekdoten aber nicht. „Damit wir am Ende belastbare Ergebnisse haben, wird es drei unterschiedliche Teilstudien geben.“ 6000 Kenianer werden wie die Bewohner des Pilotdorfs zwölf Jahre ein bedingungsloses Grundeinkommen von 22 Dollar im Monat bekommen. Jeweils 10.000 weitere Empfänger bekommen das gleiche Grundeinkommen für nur zwei Jahre oder die entsprechende Summe, gut 500 Dollar, als bedingungslose Einmalzahlung. Hinzu kommt eine Kontrollgruppe, die ebenfalls wissenschaftlich begleitet wird, aber keine Leistungen erhält. Auswählt werden sollen stets ganze Dörfer, in denen alle erwachsenen Bewohner die Leistungen empfangen.

GiveDirectly hat schon viel dazu gelernt

Eine regelmäßige Befragung der Empfänger und der Kontrollgruppe soll am Ende Aufschluss darüber geben, welche Auswirkungen die Hilfen auf nachhaltige Armutsreduktion, Bildung, Sparen, Risikoaversion, Gender-Beziehungen, Migration, Arbeitszeit und die individuelle Weltanschauung haben. Das Pilot-Dorf habe schon jetzt wertvolle Hinweise für ein besseres Forschungsdesign gegeben, so Caroline Teti. „Wir haben viel dazugelernt, vor allem wie man das Projekt in einer Gemeinde einführt.“ Um Misstrauen vorzubeugen, müsse man häufige Informationsveranstaltungen abhalten und ständig für die Teilnehmer ansprechbar sein.

Einige Bewohner berichten von Gerüchten nach der ersten Kontaktaufnahme, dass GiveDirectly das ausgezahlte Geld zurückfordern oder auch Kinder als Ersatzzahlungen verlangen würde. Einige Punkte des Forschungsdesigns wurden komplett geändert. Ursprünglich war geplant, dass nach einem Todesfall ein Familienmitglied das Grundeinkommen übernehmen kann. Das sei nicht praktikabel, erklärt Teti. Zu oft sei eine klare Erbfolge nicht feststellbar.

Caroline Teti von GiveDirectly ist gespannt auf die Ergebnisse des Pilotprojektes.Peter Dörrie
Das Experiment ist allein durch sein Ausmaß und seine Dauer ein anspruchsvolles Unterfangen. GiveDirectly hofft, dass seine Ergebnisse die Sozial- und Entwicklungspolitik in Ländern wie Kenia nachhaltig beeinflussen werden. „Kenia hat schon heute ein soziales Sicherungsprogramm für Senioren, das auf bedingungslosen Geldzahlungen basiert“, sagt Teti. Der Versuch mit dem Grundeinkommen könnte weitere Argumente liefern, um das Programm auf andere Teile der Bevölkerung auszudehnen.

„Wir wissen schon heute, dass Bargeld Wirkung zeigt“, sagt Teti. Die britische Denkfabrik Overseas Development Institute hat sich verschiedene Bargeld-Transferprogramme genauer angeschaut. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie Armut nachhaltig reduzieren, die Teilnahme am Schulunterricht erhöhen, Kinderarbeit entgegenwirken, mehr Menschen in den Arbeitsmarkt bringen und die Unabhängigkeit von Frauen fördern. Ähnlich Effekte lassen sich bei Sachspenden nicht nachweisen.

Für andere Länder schwierig

Die ersten Empfänger des bedingungslosen Grundeinkommens in Kenia ziehen es in jedem Fall anderen Entwicklungsprogrammen vor. „Es war immer schwer vorhersehbar, ob und wie viel Hilfe kommt“, meint Mary Abagi. „Vielleicht brauchst Du drei Kilo Mais, aber die Hilfsorganisation gibt eins, zwei oder vier.“ Und Arielle Atieno bringt auf den Punkt, was viele Empfänger denken: „Ich weiß besser, was ich brauche, als jemand anders.“
Die Mehrheit der Bewohner des Pilot-Dorfes finden schon jetzt, dass das Programm auf das ganze Land ausgeweitet werden sollte. Doch ob das geschieht, hängt nicht nur von den Ergebnissen der GiveDirectly-Studie ab. Bei etwa 25 Millionen Erwachsenen würde es Kenia mehr als 6,6 Milliarden US-Dollar im Jahr kosten, ein allgemeines und bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. Das entspricht dem gesamten Entwicklungsbudget von 6,1 Milliarden US-Dollar, das die Regierung für den Haushalt 2017/18 vorgesehen hat. Dieses Budget umfasst alle nicht wiederkehrenden Ausgaben von Infrastrukturprojekten über den Ausbau des Schulsystems bis hin zur Stärkung der Landwirtschaft. Die Fördermittel internationaler Geber sind schon eingerechnet.

Autor

Peter Dörrie

ist freier Journalist und berichtet über Ressourcen- und Sicherheitspolitik in Afrika.
Das Grundeinkommen solle staatliche Dienstleistungen wie Infrastruktur und ein funktionierendes Gesundheitssystem nicht ersetzen, sagt Caroline Teti. Kenia müsste seine Steuereinnahmen also deutlich steigern und an anderen Stellen, etwa beim eine Milliarde US-Dollar umfassenden Militärbudget, kürzen, um ein allgemeines bedingungsloses Grundeinkommen finanzierbar zu machen. Beides ist theoretisch möglich, politisch in absehbarer Zukunft aber kaum vorstellbar.

Noch schwerer hätten es andere Länder. „Wir können das Programm hier nur machen, weil es mit M-Pesa ein mobiles Zahlungssystem gibt, das jeden Erwachsenen im Land erreichen kann, und weil jeder Kenianer einen Ausweis hat“, gibt Caroline Teti zu bedenken. In Ländern ohne diese Voraussetzungen wäre schon die Logistik der Auszahlungen ein unüberwindbares Hindernis.

Und auch bei einer Übertragung der Ergebnisse auf Länder wie Deutschland ist Caroline Teti vorsichtig. „In Industrienationen wird ein bedingungsloses Grundeinkommen oft als Reaktion auf die Folgen der Automatisierung diskutiert.“ Armutsbekämpfung sei ein anderes Ziel, auch wenn einzelne Ergebnisse, etwa die Auswirkungen eines Grundeinkommens auf die Arbeitsmoral der Empfänger, sicher auch im Westen in die Diskussion einfließen werden. Doch solche Fragen gehören in die Zukunft. Noch steht das Forschungsprojekt von GiveDirectly ganz am Anfang – und wird in den nächsten Jahren für reichlich Diskussionsstoff sorgen.

erschienen in Ausgabe 9 / 2017: Religion und Umwelt

Neuen Kommentar schreiben