E-Tuk-Tuk
Malhar Dave (links) und sein Cousin Nikhil handeln in Nairobi mit E-Tuk-Tuks. Sie wollen mit der emissionsfreien Autorikscha den Verkehr in Kenia revolutionieren.
E-Tuk-Tuk

Panoramablick inklusive

Wie zwei Geschäftsleute den Verkehr in Kenias Städten umweltfreundlich machen wollen.

Beinahe geräuschlos gleitet Kenga Rocha über die Hauptstraße seines Heimatortes Ukunda, knapp 30 Kilometer südlich der kenianischen Hafenstadt Mombasa. Um ihn herum hupt und knattert es, die Motoren heulen und spucken tiefschwarzen Qualm. Das einzige Geräusch, das Rochas Autorikscha macht, ist ein leises Klick-Klack, Klick-Klack. Bis auf den Blinker hört man nichts. An der nächsten Kreuzung biegt er rechts ab, dann die zweite links und nach gut hundert Metern sind seine Fahrgäste im Hotel angekommen. Und das auf eine revolutionäre Art und Weise. Denn Rocha steuert eines der ersten elektrischen Tuk-Tuks in ganz Afrika. Und hofft, damit Teil einer grünen Revolution zu werden.

Bekannt sind die dreirädrigen Autorikschas vor allem aus Südostasien. Doch auch in vielen afrikanischen Ländern zählen sie inzwischen zu den wichtigsten Transportmitteln. Sie sind günstig, wendig und werden im Überfluss produziert. Seit Anfang des Jahres vertreibt die Firma Dave Tuk-Tuk Kenya Ltd. nun die ersten emissionsfreien, weil rein elektrisch betriebenen Tuk-Tuks auf dem afrikanischen Markt. Doch hat diese Vision tatsächlich eine Chance?

Jeden Tag um kurz vor zehn Uhr morgens zieht Rocha den Stecker aus der Steckdose in seiner Garage. Dann ist er startklar. Bis zum Feierabend gegen 19 Uhr fährt er Touristen, Schulkinder und Einheimische, die zum Shoppen oder in den Supermarkt wollen, von A nach B. Mehr als 20 Jahre lang hat Rocha in einem Hotel gearbeitet. Doch als die Touristen fernblieben, suchte er sich einen anderen Job. Im vergangenen November kaufte er sich ein E-Tuk-Tuk. Inzwischen sichert das Rikschafahren seine finanzielle Existenz. „Es ist fantastisch“, sagt der 48-Jährige, „damit helfe ich nicht nur der Umwelt, sondern verdiene auch deutlich mehr als mit einem traditionellen Tuk-Tuk.“ Denn das elektrische Tuk-Tuk verursacht deutlich niedrigere Betriebskosten.

Größer und viel günstiger

Eine mit Diesel oder Benzin betriebene Autorikscha kostet den Fahrer mehr als zehn Mal so viel wie die elektrische Variante: Umgerechnet knapp fünf Euro für 120 Kilometer (so weit fährt ein Tuk-Tuk-Fahrer im Schnitt pro Tag) stehen nicht einmal 50 Cent gegenüber. Ohne eigenes Zutun sparen Rocha und die anderen Elektrofahrer somit täglich 4,50 Euro. Das ist bei einem Tagesverdienst von etwa 8,50 Euro ein enormer Betrag. Außerdem finden im E-Tuk-Tuk vier statt lediglich drei Passagiere Platz, das bedeutet höhere Einnahmen aus jeder Fahrt. In der Anschaffung ist die elektrisch betriebene Variante ebenfalls deutlich günstiger: Rocha hat umgerechnet knapp 2900 Euro gezahlt; ein herkömmliches Modell kostet neu mehr als 4000 Euro. Neben dem Umweltgedanken sollen vor allem die deutlich geringeren Kosten dafür sorgen, dass bald möglichst viele E-Tuk-Tuks über kenianische Straßen rollen.

Entwickelt wurde das revolutionäre Dreirad von einem Team rund um Malhar Dave und Altaf Kana. Malhar, Jahrgang 1981, stammt aus Indien, kam jedoch 2005 nach Afrika, um für eine Schweizer Logistikfirma zu arbeiten; 2013 machte er sich im Transportwesen selbstständig. Kana, ebenfalls 1981 geboren, kommt aus Kenia und ist ausgebildeter Maschinenbauer. Seit 2016 arbeiten beide zusammen. Die Idee für das E-Tuk-Tuk kam ihnen während einer Indienreise: „Aus Umweltschutzgründen hat die Regierung jegliche Benzin- und Dieselfahrzeuge rund um den Taj Mahal verboten“, sagt Malhar. Um dennoch motorisiert unterwegs sein zu können, nutzen die Inder elektrische Golfautos. „Also überlegten wir, ob es etwas Ähnliches auch in Kenia gibt. Die Antwort war: Nein.“

Autor

Florian Sturm

ist freier Journalist in Leipzig und in Berlin.
Zwei Jahre lang feilten sie an ihrer Idee, ehe sie marktreif war. Die Teile für die Autorikscha fertigt derzeit ein chinesisches Unternehmen. Anschließend wird alles nach Mombasa verschifft und auf kenianischem Boden montiert. „Die zwei größten Herausforderungen bestanden darin, die Reichweite zu erhöhen und einen Weg zu finden, wie die vier Bleisäurebatterien sicher und schnell von einer haushaltsüblichen Steckdose geladen werden können“, sagt Malhar.

Einmal voll aufgeladen, schaffe man problemlos eine Distanz von 100 bis 120 Kilometern, so der Hersteller. Rochas Erfahrung zeigt allerdings, dass mitunter schon nach 80 Kilometern der Saft weg ist – je nach Passagierzahl und zurückgelegtem Höhenunterschied. Bis auf die Höchstgeschwindigkeit, die lediglich bei 35 Stundenkilometern liegt und die Rocha gern bei 50 km/h sähe, ist er mit dem E-Tuk-Tuk vollends zufrieden: Die Fahrt ist bequemer, es gibt Sicherheitsgurte für jeden, und aufgrund der offenen Chassis-Bauweise fühlen sich die Gäste wie auf einer Rundfahrt – Panoramablick inklusive. Da die Autorikscha ohne Pedale auskommt und alles über Handsteuerung funktioniert, können auch gehbehinderte Menschen als Fahrer arbeiten.

Ölwechsel überrflüssig

Obendrein ist das Gefährt fast vollkommen wartungsfrei. Getriebereparaturen oder Ölwechsel sind überflüssig. Einzig die Batterien müssen nach etwa 300 Ladungen – also nach knapp einem Jahr – ersetzt werden. Sollte vorher eine ausfallen, erreicht man über eine Notfallhotline den nächsten lokalen Händler, der umgehend Ersatz bringt.

Einer dieser Händler ist Kenneth Haji. Dem 48-Jährigen, der ursprünglich als Lehrer gearbeitet hat, liegt viel an einer umweltbewussten kenianischen Gesellschaft. Er verkauft nicht nur elektrische Tuk-Tuks, sondern auch Solarheizungen. „Viele Leute sind an den neuen Autorikschas interessiert“, sagt Haji, „vor allem, weil sie gut für die Umwelt und kosteneffizient sind.“ Dennoch beobachtet er eine gewisse Skepsis bei potenziellen Käufern: „Momentan fehlen einfach noch die Erfahrungswerte. Sobald mehr von den E-Tuk-Tuks auf den Straßen unterwegs sind und die Leute sehen, wie viele Vorteile sie haben, wird auch die Verkaufszahl steigen“, ist sich Haji sicher. Bislang hat er vier Stück verkauft.

Laut Hersteller gingen landesweit seit Markteinführung Mitte Januar knapp 50 Fahrzeuge über den Ladentisch. Von einem Massenandrang kann also keine Rede sein. Wenn es bis Jahresende ein paar hundert Stück sind, wäre er zufrieden, sagt Malhar.

Stromausfälle werden zum Problem

Es klingt absurd, doch das Alleinstellungsmerkmal der neuen Tuk-Tuks ist zugleich der größte Unsicherheitsfaktor: der elektrische Antrieb. Einerseits entspricht er dem Anliegen der Regierung, einen ökologisch nachhaltigeren Lebensstil in der Gesellschaft zu etablieren. Andererseits ist die Stromversorgung im Land nicht stabil. Thilo Becker, Verkehrsökologe an der TU Dresden, war bereits zwei Mal für Forschungsaufenthalte in Kenia. „Wer dort länger gelebt hat, weiß Notstromaggregate zur Überbrückung von Stromausfällen zu schätzen. Große Zusatzverbraucher aus dem Verkehrsbereich belasten die Netzstabilität natürlich zusätzlich“, sagt Becker.

Obwohl er die Initiative generell begrüßt, gibt Becker zudem zu bedenken, dass sich bei elektrischen Tuk-Tuks das gleiche Problem zeige wie bei Elektroautos in Deutschland: „Bis auf die Minderung lokaler Luftschadstoffe bleiben alle anderen Verkehrsprobleme wie Stau, Lärm, der Flächenbedarf und die gravierende Unfallgefahr bestehen.“ Die Lösung sieht er darin, Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr zu stärken sowie restriktive Maßnahmen gegen den Autoverkehr zu ergreifen.

Malhar Dave und Altaf Kana sehen dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Ihr Ziel ist es, das E-Tuk-Tuk nicht nur in Kenia, sondern in ganz Afrika zu etablieren. Spätestens im dritten Quartal dieses Jahres soll das Fahrzeug auch in Ägypten, Mosambik, Tansania, Ghana, Marokko und Nigeria auf den Markt kommen. Kenga Rocha wird bis dahin Tausende weitere Fahrgäste chauffiert haben. Leise, bequem und vor allem: umweltfreundlich.

erschienen in Ausgabe 6 / 2018: Neu ist Kult

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