Platinmine Marikana
Fünf Jahre danach: Bergarbeiter erinnern im August 2017 an das Massaker von Marikana.
Platinmine Marikana

Noch immer Slums und Hungerlöhne

Sechs Jahre nach einem Massaker an Streikenden hat sich für die Arbeiter in der Platinmine Marikana in Südafrika wenig verbessert. Aktivisten machen deutsche Firmen, die das Platin kaufen, mitverantwortlich.

Welche Verantwortung tragen deutsche Unternehmen, wenn ausländische Zulieferer Menschen- oder Arbeitsrechte missachten oder sogar Menschen getötet werden? Diese Frage stellen die Angehörigen der Opfer des Marikana-Massakers seit sechs Jahren. Damals schlugen in der südafrikanischen Platinmine Marikana Polizisten auf Druck der Betreiberfirma Lonmin einen Streik gewaltsam nieder. 34 Arbeiter starben, 78 weitere wurden verletzt. Hauptabnehmer des südafrikanischen Platins sind in Deutschland tätige Unternehmen wie der Chemiekonzern BASF, aber auch Automobilfirmen wie BMW. Damit ist Deutschland der drittgrößte Importeur des südafrikanischen Edelmetalls; besonders die Automobilindustrie ist auf Platin zum Bau von Abgaskatalysatoren angewiesen.

Die Lage in der Mine hat sich laut einer neuen Studie von Brot für die Welt seit dem Massaker nur wenig verbessert. Bergbaufirmen sind in Südafrika seit 2002 gesetzlich verpflichtet, als Gegenleistung für eine Bergbaulizenz einen Sozial- und Arbeitsplan aufzustellen und zu befolgen. Sie sollen für ihre Arbeiter unter anderem Aufstiegschancen schaffen und angemessenen Wohnraum bereitstellen. Laut der Studie und Berichten von Aktivisten aus Südafrika verdienen aber die Minenarbeiter trotz lebensgefährlicher Arbeit unter Tage weiter ein Gehalt, das kaum das Existenzminimum erreicht. Fast alle der insgesamt 32.000 Arbeiter in Marikana wohnen in Slums in der Umgebung der Mine – ohne Strom, fließendes Wasser und Sanitäranlagen. Hinterbliebene und Verletzte des Massakers wurden erst teilweise finanziell entschädigt; ein Sterbegeld erhielten laut der Studie nur die Familien jener getöteten Arbeiter, die fest angestellt waren, nicht die von getöteten Leiharbeitern. Die beteiligten Polizisten wurden nicht strafrechtlich belangt.

Erst drei Jahre danach Stellung bezogen

„Wie kann es sein, dass Menschen, die das wertvollste Metall überhaupt abbauen, unter diesen schlechten Bedingungen leben und arbeiten?“, fragt Britta Becker, Mitherausgeberin des im April erschienenen Buches „Zum Beispiel BASF – Über Konzernmacht und Menschenrechte“. Sie sieht nicht nur Lonmin, sondern auch dessen Hauptkunden BASF in der Pflicht. Der Chemiekonzern hatte erst drei Jahre nach dem Massaker Stellung dazu bezogen. Rein rechtlich sind deutsche Firmen nicht gezwungen, Verantwortung für die Wahrung der Menschenwürde entlang der gesamten Lieferkette zu übernehmen. Um die Details des Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte der Bundesregierung wird im politischen Berlin derzeit heftig gerungen.

Dennoch sieht Plough Back The Fruits den Chemiekonzern in der Verantwortung; das Netzwerk aus lokalen und internationalen Hilfsorganisationen beobachtet Lonmin und BASF seit dem Massaker kritisch und fordert eine Entschädigung von 25 Millionen Euro von BASF für die Hinterbliebenen und Verletzten des Vorfalls. „Viele Menschen wurden traumatisiert, Witwen und Kinder mit ihren Problemen allein gelassen“, sagt die südafrikanische Bürgerrechtlerin Thumeka Magwangqana im Mai bei Vorstellung des neuen Buches. Sie fordert: „Marikana darf nicht in Vergessenheit geraten.“

Ohne Nachhaltigkeitscheck keine Zusammenarbeit

Immerhin: Bei den Automobilkonzernen Daimler, VW und BMW, die südafrikanisches Platin verwenden, wächst laut der Studie die Sensibilität für Standards entlang der Lieferkette. So lasse BMW neue Zulieferer seit 2014 einen Nachhaltigkeitscheck durchlaufen; erfülle der potenzielle Vertragspartner dessen Anforderungen nicht, komme keine Zusammenarbeit zustande. Wie BMW habe auch VW schon laufende Geschäftsbeziehungen aufgrund von Verstößen gegen Nachhaltigkeitsvereinbarungen aufgekündigt, sei aber deutlich weniger engagiert. Auch Daimler frage die Menschenrechtssituation in Zuliefererketten bei der Neuvergabe von Verträgen ab.

Vorsichtiger sind Unternehmen bei Rohstoffen, deren Förderung großes soziales Konfliktpotenzial birgt, sogenannten Konfliktmineralien. Sie stammen oft aus Kriegsgebieten wie dem Ostkongo. Platin gehört nicht dazu; hier werden Menschenrechtsverletzungen laut der Studie oft vernachlässigt. Dass der Platinabbau in einer weiteren südafrikanischen Mine, Mogalakwena, zu schweren Problemen wie Wasserknappheit, Landverlusten und hoher Arbeitslosigkeit führt, sei BMW trotz Lieferantenscreenings erst auf Hinweis von Menschenrechtsorganisationen bewusst geworden.

erschienen in Ausgabe 6 / 2018: Neu ist Kult

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