FSC
Trotz FSC-Zertifizierung ist ein großer Teil des Dwinsky-Waldes im Nordwesten Russlands zerstört worden.
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Ein Siegel, das den Wald kaum schützt

Wälder nachhaltig bewirtschaften und sie so erhalten – das ist das Ziel des FSC-Zertifikats. Doch es ist vor Missbrauch nicht gefeit und bewirkt am wenigsten, wo Waldschutz am nötigsten ist: in Ländern des Südens.

Als der Forest Stewardship Council (FSC) 1993 seine Arbeit aufnahm, galt das als Sieg des marktorientierten Denkens über das schwerfällige System staatlicher Regelungen und Kontrollen. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung hatte sich 1992 in Rio de Janeiro nicht auf staatliche Eingriffe einigen können, um den Raubbau in den Tropen einzudämmen. Danach sprangen Umweltorganisationen, soziale Bewegungen und die Industrie selbst in die Bresche.

Sie schufen auf freiwilliger Basis ein gemeinsames System, um die Praxis des Holzeinschlags zu verbessern und nachhaltig gewonnenes Nutzholz zu zertifizieren. Der FSC setzte Standards, die Umwelt- und Gesellschaftsaktivisten vielversprechend schienen – für den Schutz der Wälder, die Wiederaufforstung, die Rechte der Ureinwohner sowie die finanzielle und soziale Absicherung der Waldarbeiter. Der Holzindustrie stellte die Zertifizierung nicht nur eine umweltfreundlichere Art in Aussicht, ihr Geschäft zu betreiben, sondern auch höhere Preise für Holz mit dem FSC-Siegel für umweltfreundliche Waldwirtschaft.

Ein Vierteljahrhundert später ziehen enttäuschte Unterstützer des FSC eine kritische Bilanz. Das System funktioniere nicht, wie gedacht – abgesehen von den Preisaufschlägen: Nach Angaben des FSC bringt Holz mit seinem Siegel auf Auktionen 15 bis 25 Prozent mehr ein als ohne. Doch auf die Abholzung der Regenwälder habe die Zertifizierung wenig bis keinen Einfluss.
Zudem nährt eine Reihe von Skandalen in der Forstindustrie den Verdacht, dass das FSC-Siegel zuweilen als Deckmantel für den Handel mit illegal geschlagenem Holz gedient hat.

Zertifizierte Holzfäller verwüsteten russische Taiga

So warf Greenpeace, ein Mitglied des FSC, der Organisation 2014 in einem Bericht vor, tatenlos zuzuschauen, wie von ihr zertifizierte Holzfäller die russische Taiga verwüsteten, insbesondere den mehr als tausend Kilometer nördlich von Moskau gelegenen Dwinsky-Wald. Die vom FSC zertifizierten Forstwirtschaftsunternehmen bauten das Holz ab wie Kohle im Tagebau, als wäre es kein nachwachsender Rohstoff. Und sie schlügen auch in Gebieten ein, die entweder vom Gesetz oder nach den Standards des FSC geschützt seien.

Enttäuscht vom Versagen ihrer Regierung nehmen Ka’apor- Indigene im brasilianischen Amazonas Mitte 2014 den Schutz des Regenwaldes selbst in die Hand: Sie vertreiben illegale Holzfäller.Lunae Parracho/Reuters
2015 bekannte sich der US-amerikanische Parkettbodenhersteller Lumber Liquidators schuldig, illegal geschlagenes Holz ins Land geschmuggelt zu haben, das aus dem letzten Lebensraum des sibirischen Tigers im Osten Russlands stammte. Sein Hauptlieferant für Eichenholzparkett war die chinesische Firma Xingjia, die ein FSC-Produktkettenzertifikat besaß – das heißt, sie durfte FSC-zertifiziertes Holz verarbeiten und vertreiben. Ermittlungen ergaben, dass eine andere in die USA exportierende chinesische Firma angeboten hatte, gegen einen Aufpreis von zehn Prozent illegal produziertes Holzparkett mit dem FSC-Label zu versehen.

Ebenfalls 2015 fand eine verdeckte Recherche, dass das FSC-zertifizierte österreichische Unternehmen Holzindustrie Schweighofer in illegalen Holzeinschlag in Rumänien verwickelt war – zum Teil in Nationalparks und anderen geschützten Gebieten. Eine externe Untersuchungskommission des FSC entdeckte „eindeutige und überzeugende Hinweise“ auf Fehlverhalten und empfahl, Holzindustrie Schweighofer aus dem FSC auszuschließen. Der FSC beschloss, die Mitgliedschaft zunächst zu suspendieren. Erst ein Aufschrei von Umweltschützern führte dazu, dass die Verbindungen schließlich gekappt wurden. Aber der FSC arbeitet bereits an einem Bedingungskatalog, um Schweighofer erneut in die Zertifizierung einzubinden.

90 Prozent des Holzes waren illegalen Ursprungs

Vor zwei Jahren kam in Peru ans Licht, dass mehr als 90 Prozent des Holzes in zwei Lieferungen aus dem Amazonas nach Mexiko und in die USA illegalen Ursprungs waren. Der Handelsbeauftragte der Vereinigten Staaten sperrte im Oktober 2017 in einer nach eigener Darstellung „beispiellosen Amtshandlung“ den hauptverantwortlichen Großexporteur vom amerikanischen Markt aus. Obwohl der FSC dem Unternehmen, Inversiones La Oroza, 2017 endlich die Zertifizierung entzogen hat, rühmte es sich auf seiner Website noch Anfang 2018, „die Prinzipien und Kriterien des Forest Stewardship Council (FSC)“ zu befolgen.

Die Fälle in China, Peru und Rumänien wurden von der Environmental Investigation Agency aufgedeckt, einer in Washington ansässigen gemeinnützigen Organisation. „Es war gar nicht unsere Absicht, den FSC bloßzustellen“, sagt David Gehl, Programmkoordinator für Europa und Asien. Der FSC sei einfach immer wieder an denselben Stellen aufgetaucht wie ein Gutteil des illegalen Holzeinschlags. Es schien, dass viele Holzfirmen eine FSC-Zertifizierung für den Umgang mit einem bestimmten Wald bekamen; die nutzten sie dann, um einen Schleier über sehr viel umfangreichere Geschäfte mit Holz anderswo zu legen, bei denen sie sich nicht um Nachhaltigkeit und Legalität scherten.

Kim Carstensen, der Generaldirektor von FSC International in Bonn, erklärt, seine Organisation habe in diesen Fällen angemessen reagiert. „Unsere Kontrollsysteme sind im Großen und Ganzen belastbar und solide. Sie werden kontinuierlich weiterentwickelt“, meint er. „Nichts ist perfekt, und natürlich gibt es Probleme mit FSC-Zertifikaten. Aber am FSC sind viele beteiligt, weisen uns auf Probleme hin und veranlassen uns zum Handeln. Wir justieren ständig nach, und alles in allem ist das System sehr solide.“

FSC kontrolliert Zertifizierungsstellen nicht

Simon Counsell, der Geschäftsführer der Rain­forest Foundation UK und ein früher Vorkämpfer der Holzzertifizierung, ist ganz anderer Ansicht. Aus Enttäuschung über den FSC hat er die Website FSC-Watch.com mitgegründet. Dort, sagt er, seien „viele, viele Beispiele aus der gesamten Geschichte des FSC aufgelistet, aus verschiedensten Wäldern und Plantagen, die zeigen, dass es nach wie vor schwere, systematische Probleme im FSC gibt. Eines ist, dass die Leitung des FSC nicht in der Lage und womöglich auch nicht willens ist, die Zertifizierungsstellen zu kontrollieren, die in ihrem Namen das FSC-Siegel vergeben.“ Die offenbarten bei ihren Besuchen von Holzeinschlagoperationen oft einen Mangel an Fachkenntnis, sagt Counsell. Zudem „spielen sie systematisch Probleme, die sie identifizieren, herunter und achten nicht ausreichend auf möglichen Betrug und Falschinformationen“.

Diese Nachsicht kann teilweise da­rauf zurückzuführen sein, dass die Zertifizierer direkt von den Unternehmen bezahlt werden, die sie überprüfen sollen. Sie „wissen, dass sie Zertifikate auch an Unternehmen ausstellen können, die in eklatanter Weise das Gesetz brechen, ohne ernste Schritte von Seiten des FSC fürchten zu müssen“, meint Counsell. Carstensen entgegnet, der FSC unterwerfe seine zertifizierenden Unternehmen unabhängigen Audits und werde auf dieser Grundlage tätig. Und die Regeln für die Bezahlung seien nicht anders als bei Unternehmen, die einen externen Wirtschaftsprüfer bezahlen, der ihre Finanzen unter die Lupe nimmt.

Kritiker sagen, Geldfragen beeinträchtigten die Arbeit des FSC auch in anderer Weise. Das Entscheidungsgremium der Organisation besteht aus drei Kammern, der Umwelt-, der Wirtschafts- und der Sozialkammer, die bei Abstimmungen alle dasselbe Gewicht haben. Aber viele Probleme werden an Arbeitsgruppen ausgelagert, die oft Jahre brauchen, bis sie zu einem Konsens finden. Und in der Praxis, sagt Counsell, hätten die Gruppen und Initiativen in der Umwelt- und Sozialkammer weder die finanziellen Mittel noch die Zahl von Mitarbeitern, die Holzunternehmen aufbringen können. Carstensen erwidert darauf, Umwelt- und Sozialgruppen könnten sich unter anderem deshalb gut behaupten, weil sie es verstünden, die Medien gegen Umweltsünder zu mobilisieren.

Industrie hat an Einfluss gewonnen

Wenn ein Antrag in der alle drei Jahre stattfindenden Generalversammlung des FSC zur Abstimmung kommt, kann jede Kammer missliebige Initiativen stoppen: Stimmt eine mit ihrem Drittel der Stimmen geschlossen dagegen, kommt die nötige Dreiviertelmehrheit nicht zustande. Auf der Generalversammlung von 2017 „bildete sich ein Vetoblock der Wirtschaftskammer, um Anträge abzuschmettern“, schrieb Grant Rosomon von Greenpeace nach der Tagung. Man sprach vom „Roten Meer“ nach der Farbe der Neinkarten, die Industrievertreter geschlossen hochhielten. „Das ist höchst beunruhigend“, sagte Rosomon, „besonders weil Anliegen, die für die Sozial- und Umweltkammer sehr wichtig waren, ohne Erklärung, Begründung oder vorherige Behandlung im die Kammern übergreifenden Vorbereitungsprozess niedergestimmt wurden.“

Autor

Richard Conniff

ist US-amerikanischer Wissenschaftsjournalist und schreibt über Umweltschutz und Naturthemen.
Die Industrie hat auch deshalb an Einfluss im FSC gewonnen, weil der inzwischen Konkurrenz von anderen Zertifizierungsorganisationen hat, insbesondere vom Programme for the Endorsement of Forest Certification (PEFC). David Gehl von der Environmental Investigation Agency nennt das PEFC „praktisch eine Eigenzertifizierung der Industrie“ und ohne Sozial- und Umweltkammer. Für die Verbraucher ist es nicht einfach, solche von Greenpeace als „unecht“ bezeichneten Siegel von echten zu unterscheiden. Das erschwert es wiederum dem FSC, bei Holzunternehmen strengere Standards durchzusetzen. Aber laxe Standards könnten ihn selbst zu einem „Pseudo-Holzzertifizierer“ machen.

Auf einem weiteren Weg machen Geldfragen eine wirksame Zertifizierung schwieriger. Die Aufgabe des FSC sollte ursprünglich vor allem sein, der Abholzung des Regenwalds entgegenzuwirken, doch in den Tropen tritt er kaum auf. Fast 85 Prozent der etwa 200 Millionen Hektar Wald, die der FSC derzeit zertifiziert, befinden sich in Nordamerika und Europa. „Das ist, als hätte jemand eine Armada ausgerüstet, um das Waldmanagement in den Tropen zu verbessern, hätte sie dann aber Richtung Norden segeln lassen“, meint ein Beobachter.  

FSC verändert kaum die Waldwirtschaft im Süden

Das war so nicht geplant. Doch eine Zertifizierung kann teuer sein, weil man zehn Prozent der Waldfläche unter Schutz stellen und die Arbeitsbedingungen sowie die Methoden des Holzeinschlags verbessern muss. Holzfirmen in entwickelten Ländern sind meist eher als solche im globalen Süden in der Lage, dies alles zu finanzieren – wenn sie es nicht ohnehin tun müssen, um Gesetze einzuhalten. Das hat laut Counsell zur Folge, dass der FSC „im wesentlichen Waldwirtschaft belohnt, die bereits höhere Standards befolgt, weil sie einer besseren Regulierung unterliegt. Der FSC verändert jedoch kaum die Waldwirtschaft in den Tropen und im Süden, die schwach gesetzlich reguliert ist. Das ist ein Indiz, dass ein solches freiwilliges System nicht ausreicht, um Praktiken zu verändern.“

Eine Auswertung wissenschaftlicher Studien kam 2016 zu dem Ergebnis, dass in den Tropen die FSC-Zertifizierung in davon erfassten Wäldern die Schäden verringert und die Arbeits- und Umweltbedingungen verbessert hat – ein beachtlicher Erfolg. Doch laut anderen Untersuchungen, die die Entwaldung insgesamt betrachten, hat der FSC darauf wenig bis keinen Einfluss. Auch das mag eine Geldfrage sein, sagt Allen Blackman, ein Wirtschaftswissenschaftler der Umweltorganisation Resources for the Future und federführender Autor einer Studie von 2015 über die FSC-Zertifizierung in Mexiko. In den Tropen gibt es zahlreiche kleine, wenig rentable Holzfällerfirmen, und davon lassen sich die wenigsten zertifizieren.

Womöglich kann der FSC die Entwaldung aus dem einfachen Grund nicht stoppen, dass „ein Großteil der Entwaldung in Entwicklungsländern nicht mit Waldbewirtschaftung zusammenhängt“, sagt Blackman. Der stärkste Antrieb ist vielmehr die Umwandlung natürlicher Wälder in Palmölplantagen, Viehweiden oder Äcker für großflächige kommerzielle Landwirtschaft. Dass die Zertifizierung offenbar wenig bewirkt, schließen Blackman und seine Mitautoren, sollte „Politikern zu denken geben“, die sie als geeignetes Werkzeug gegen die Entwaldung ansehen.

Nimmt man die eklatanten Verstöße vonseiten FSC-zertifizierter Unternehmen hinzu, die in jüngerer Zeit bekannt geworden sind, dann dürfte das auch Konsumenten zum Nachdenken bringen, die auf das FSC-Siegel vertraut haben. Und es sollte der gesamten Holzindustrie zu denken geben, die bisher davon profitiert hat, über diese illegalen Praktiken hinwegzusehen. Früher oder später wird sie ein viel strengeres Zertifikationssystem benötigen und dazu staatliche Regulierung – etwa, um die Umwandlung von Wald in Nutzland aufzuhalten –, wenn sie will, dass in Zukunft noch Wälder übrig bleiben, mit denen sie Geld machen kann.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

erschienen in Ausgabe 7 / 2018: Vormarsch der starken Männer

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