Heraus aus der Nische

Kann eine „solidarische Ökonomie" einen Ausweg aus der Krise des Kapitalismus weisen? So hochgesteckte Erwartungen hatten wohl die wenigsten der rund 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Zweiten Kongress für Solidarökonomie am letzten Februarwochenende in Wien. Doch die Rückbesinnung auf andere Lebens- und Wirtschaftsformen ist längst nicht mehr nur ein Programm für schrullige Aussteiger.

Das 2001 in Québec gegründete Interkontinentale Netzwerk zur Förderung der Sozial- und Solidarökonomie (Réseau Intercontinental de Promotion de l'Economie Sociale et Solidaire, RIPESS) definiert die Solidarische Ökonomie als „Formen des Wirtschaftens, die menschliche Bedürfnisse auf Basis freiwilliger Kooperation, Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe befriedigen". Brasilien ist so etwas wie die Mutter der Solidarökonomie. Es gibt dort an Universitäten mehr als 70 Förderzentren für die Solidarische Ökonomie und sogar ein eigenes Staatssekretariat. Den brasilianischen Erfahrungen wurde beim dreitägigen Kongress an der Wiener Universität für Bodenkultur entsprechend breiter Raum gegeben.

Als Paradebeispiel in Europa, dass solidarische Ökonomie funktionieren kann, gilt die baskische Kooperative Mondragón, die vor einem halben Jahrhundert gegründet wurde und mittlerweile mit mehr als 100.000 Mitarbeitern die weltgrößte Industriegenossenschaft ist. Sie umfasst Bereiche wie Maschinenbau, Automobil- und Bauindustrie, Haushaltsgeräte und Einzelhandel und unterhält zudem Bildungs- und Sozialinstitutionen für ihre Mitglieder. Die maximale Einkommenskluft zwischen Niedrig- und Höchstverdienenden wurde mit 1:6 festgelegt. Das ist beispiellos in Spanien.

In Österreich bewegen sich die real existierenden Projekte auf der Ebene des Kollektivs „Wieserhoisl", das auf einem Bauernhof in der Südsteiermark die Subsistenzwirtschaft übt. Doch selbst in Gewerkschaftskreisen ist die Diskussion schon angekommen. Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) und die Arbeiterkammer (AK) diskutieren die Frage nach Formen solidarischen Wirtschaftens im Hinblick auf mögliche Antworten auf die gegenwärtige Wirtschaftskrise, die über einzelbetriebliche Übergangslösungen hinausgehen.

Auch der Ökologe und ATTAC-Aktivist Andreas Exner wirft in einem Beitrag die Frage auf, wie in Österreich mit insolventen Betrieben umzugehen sein wird: Sofern sie „aufgrund ihrer Produkte beziehungsweise mangelnder Konversionsfähigkeit nicht grundsätzlich stillzulegen sind, wäre dafür zu kämpfen, sie in die Selbstverwaltung der Belegschaft zu überführen. Nur so ist der Aufbau einer ökonomischen Gegenmacht zum ‚kapitalistischen Sektor‘ denkbar, ohne sich auf ‚Nischenprojekte‘ zu beschränken." Voraussetzung sei allerdings, dass die zwischenbetriebliche Konkurrenz im gleichen Schritt abgebaut und „durch egalitäre Gremien der bewussten Steuerung von Energie- und Stoffflüssen" ersetzt werde.

Ralf Leonhard

 

 

 

erschienen in Ausgabe 4 / 2009: Alte Menschen: Zu wenig geachtet