Lateinamerika
Mit Amuletten behängt ­ziehen Drogenhändler an jedem 3. Mai, dem Todestag ihres „Heiligen“ Jesus Malverde, durch das mexikanische Culiacán. Die Prozession ist fester Bestandteil der Narcokultur.
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Der Chic, den Narcos wollen

In der Welt der Drogenhändler in Lateinamerika gelten Frauen wenig: Sie sollen vor allem schön sein und große Brüste haben. Viele junge Frauen eifern diesem Ideal tatsächlich nach.

Zwei Mal gelang dem mexikanischen Drogenpaten Joaquín „El Chapo“ Guzmán eine spektakuläre Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Zum Verhängnis wurden ihm dann sein Ego und die Absicht, sein Leben verfilmen zu lassen: Bei der Kontaktaufnahme mit den Produzenten, deren Telefone verwanzt waren, spürten ihn 2016 die Ermittler auf. Im schrillen Genre der „Narconovelas“ – der erfolgreichen Bücher und Fernsehserien über die Drogenwelt in Lateinamerika – befruchten sich Realität und Fiktion. Die Filmemacher erschaffen Kunstfiguren, die von realen Personen inspiriert sind, und diese beeinflussen wieder die Realität. So ist die „Narcokultur“ entstanden, die mittlerweile im Mainstream der Jugendkultur angekommen ist.

Besonders auf unzufriedene Jugendliche können Mafiapaten mit ihrem Hauch von Rebellion gegen die Autorität attraktiv wirken. Aber das ist ein Zerrbild. Die Welt der Drogenhändler ist alles andere als progressiv. Sie frönt einem archaischen Männlichkeitswahn, zelebriert Gewalt, Willkür und Autoritarismus und appelliert nicht an den Verstand, sondern an Gefühle. Gesellschaftliche Missstände werden nicht angeprangert, sondern vielmehr für eigene Zwecke und Machtambitionen ausgenutzt. Das zeigt sich etwa, wenn ein Anführer, ein sogenannter Capo, Dorffeste ausrichtet oder Medikamente verteilt und damit die Rolle des abwesenden Staates übernimmt.

Kurvenreiche Latinaschönheit statt ätherischer Prinzessin

Das Kokettieren mit der Grenzüberschreitung hatte schon immer seinen Reiz für die Menschheit, wie Elsa Jiménez von der mexikanischen Jesuitenuniversität Iteso in einer Studie schreibt. Und die Welt des Drogenhandels sei dafür beispielhaft: „Die Narcokultur verherrlicht einen Lebensstil, der auf Verschwendung basiert, auf Korruption und Straffreiheit in einer Welt voller Gewalt, Drogen und Waffen“. Es sei eine Welt, „die mit dem schnellen Reichtum und schneller Befriedigung aller Bedürfnisse lockt, zum Preis einer kurzen Lebenserwartung.“ Frauen kommen in dieser Kultur ganz schlecht weg. Sie haben die Wahl zwischen schönem Flittchen und loyaler, duldsamer Ehegattin. „Feminismus hat in der Drogenwelt keinen Platz“, sagt die Autorin und Professorin an der Autonomen Universität von Mexiko-Stadt, Francesca Gargallo. Dennoch haben Literatur, Musik und Medien einen glamourösen Mythos geschaffen, dem reihenweise junge Frauen erliegen.

Mausoleum für Susana Flores in Guamúchil, Mexiko. Die Schönheitskönigin und Freundin eines Drogenbosses wurde bei einer Razzia erschossen. Adriana Gomez/picture alliance/AP Photo
Das Frauenbild in der Welt der Drogenhändler ist nur geringfügig anders als bei den Gebrüdern Grimm oder in den klassischen Prinzessinnenfilmen von Walt Disney. In den Narconovelas wird jedoch aus dem edlen Prinzen ein brutaler Gesetzesbrecher und aus der ätherischen Prinzessin eine kurvenreiche Latinaschönheit. Das Geschäft mit den illegalen Drogen samt seiner gewaltverherrlichenden Ästhetik und seiner frauenfeindlichen Subkultur, das bis dahin der Schattenwelt angehörte, ist im 21. Jahrhundert über die Massenmedien plötzlich gesellschaftstauglich geworden. Und junge Mädchen eifern einem Schönheitsideal nach, das sie zum Spielzeug für die Befriedigung männlicher Wünsche degradiert und gegen das ihre Mütter angekämpft oder das sie zumindest ordinär gefunden haben. Für Francesca Gargallo ist das „der Gipfel des Kapitalismus, wo Geld zum Gott wird, alles einen Preis hat und Ethik keine Rolle mehr spielt“.

„Frauen sind für Narcos Trophäen“, sagt der Soziologe José Manuel Valenzuela Arce vom Colegio de México. „Mit ihnen protzt der jeweilige Capo und demonstriert sozialen Aufstieg.“ Das sollte für emanzipierte Frauen wenig attraktiv sein. Aber in Lateinamerika ist die Emanzipation noch nicht weit fortgeschritten und erfasst nur eine winzige, städtische Mittel- und Oberschicht. Frauen definieren sich oft über ihren Partner. „Das Stereotyp der verzichtenden, selbstlosen Partnerin ist noch stark in den Köpfen verankert“, schreibt Jiménez in ihrer  Studie. Die Selbstlosigkeit gipfle manchmal sogar darin, dass Frauen sich für ihre Männer opfern.

Autorin

Sandra Weiss

ist Politologin und freie Journalistin in Mexiko-Stadt. Sie berichtet für deutschsprachige Zeitungen und Rundfunksender aus Lateinamerika. Ihr Spezialgebiet sind Sozialreportagen.
Dazu kommt der wirtschaftliche Aspekt. Für Kinder aus der Unterschicht ist die Schattenwirtschaft oft der einzige Weg zum materiellen Aufstieg. In Mexiko bleibt die Hälfte der in Armut geborenen Jugendlichen ein Leben lang arm. Das gilt besonders für Frauen, die – wenn sie überhaupt berufstätig sind – zu zwei Dritteln im informellen Sektor arbeiten. In Kolumbien und Mexiko haben Bürger- und Drogenkriege die Gesellschaft militarisiert. Militär und Drogenkartelle schaukeln sich gegenseitig in einer Gewaltspirale hoch, der Staat scheint unfähig, dem etwas entgegenzusetzen. Ohne staatlichen Schutz, materiell schlechter gestellt, weniger gut ausgebildet als Männer und körperlich unter­legen, müssen die Frauen ihre eigenen Strategien zum Überleben finden – zum Beispiel an der Seite eines Drogenhändlers.

Die kolumbianische Telenovela „Sin senos no hay paraíso“ (Ohne Brüste kein Paradies) erzählte 2006 als erste Fernsehserie aus weiblicher Perspektive von der Drogenunterwelt Lateinamerikas. Darin will der Teenager Catalina Santana aus einem Armenviertel von Pereira mit einem Mafioso anbandeln. Denn deren Freundinnen steigen in der sozialen Hierarchie auf, können sich teure Kleider, Schmuck und Schönheitsoperationen leisten und werden von allen beneidet. Catalina Santana will dazugehören, blitzt aber wegen ihrer kleinen Brüste immer ab. Fortan werden Silikonimplantate zu ihrer Obsession.

Alle wollen so aussehen wie Kim Kardashian

Die Serie griff zwar auch kritisch die Verflechtung von Politik, Wirtschaft und Mafia auf. Aber bei den Zuschauerinnen blieb vor allem etwas anderes hängen: die sensationelle Metamorphose der Catalina Santana. Schönheitsoperationen waren plötzlich keine verschwiegene Korrektur jenseits der 50 mehr, sondern ein legitimer Eingriff, den sich schon 15-Jährige zum Geburtstag wünschen. Schönheitskliniken schossen in ganz Lateinamerika wie Pilze aus dem Boden – luxuriöse für die Reichen, aber auch zweifelhafte in den Hinterhöfen der Armenviertel.

Anders als in den USA, wo Fettabsaugen an erster Stelle steht, lassen sich Frauen in Lateinamerika die Brust vergrößern, den Po liften, die Nase verkleinern oder die Lippen aufspritzen. Der Preis ist hoch. „Manche Mädchen unterziehen sich bis zu 30 Eingriffen, um dem Stereotyp zu entsprechen. Manchmal werden sie auch gegen ihren Willen von ihrem Gefährten unters Messer geschickt“, schreibt Jiménez.

„Alle wollen so aussehen wie Kim Kardashian“, sagt Gargallo unter Anspielung auf das US-Model: große Brüste, ein gelifteter Po, eine Wespentaille und ein blasser Teint zu dunklem, glatten Haar. Mit ihrer international ausgestrahlten Reality-Show und mit ihrer Modemarke scheffelt Kardashian Millionen und ist weltweit ein Vorbild für junge Mädchen. Ihr Look und die Narcoästhetik gleichen sich: Von Kardashian mit Sektglas auf dem Po ist es nur ein kleiner Sprung zu den Narcobräuten, die auf sozialen Netzwerken kaum bedeckt mit Dollarbündeln oder im Tanga mit goldenen Kalaschnikows posieren.

In Mexiko heißen Mädchen, die sich in einem solchen Outfit einen Drogenhändler angeln wollen, „Buchonas“, im übertragenen Sinne Angeberinnen. Früher war das abfällig gemeint, unter dem Einfluss der Kardashian-Ästhetik eifern nun aber auch Teenager aus der Mittelschicht diesem Schönheitsideal nach. Viele Mädchen sehen darin einen einfachen Weg, ihre Konsumträumezu verwirklichen, und blenden die Gefahren aus. Solche naiven Vorstellungen werden medial befeuert – etwa von der TV-Serie „Königin des Südens“, die der spanischsprachige US-Sender Telemundo 2011 ausgestrahlt hat.

Der gleichnamige in Lateinamerika spielende Roman des Spaniers Arturo Pérez-Reverte ist der erste, in dem eine weibliche Mafiapatin eine Hauptrolle hat. Die Figur der Teresa Mendoza, die von der schönen Geliebten eines Drogenkillers aufsteigt zur skrupellosen Statthalterin eines mexikanischen Kartells in Spanien, war reine Fiktion. Aber die Geschichte wurde von Medien und Politikern ausgeschlachtet, bis sich Fantasie und Wirklichkeit verquickten. Als 2007 Sandra Ávila Beltrán festgenommen wurde, die Nichte eines  großen Paten der mexikanischen Mafia, krönten die Medien sie zur „Pazifikkönigin“.  Der konservative Präsident Felipe Calderón, der den Krieg gegen die Drogen losgetreten hatte, präsentierte sie ebenfalls als „gefährliche Mafiapatin“. Weder Gerichte in den USA noch in Mexiko konnten ihr schwere Vergehen nachweisen. Verurteilt wurde sie schließlich nur, weil sie Beihilfe zum Drogenschmuggel gestand. 2015 wurde sie freigelassen. Dennoch ist die Mär von der Drogenkönigin nicht auszurotten; alle paar Monate wird in den Medien eine neue gekürt. „Das ist unhaltbar. Es gibt keine einzige Frau, die in der Hierarchie auf gleicher Stufe mit den Männern steht“, sagt Gargallo.

Weder Königinnen noch besonders blutrünstig

„Organisiertes Verbrechen ist Männersache. Fast drei Viertel der wegen Drogenhandels inhaftierten Frauen sind bettelarm und werden von den Männern vor allem als Kurierinnen oder Kleindealerinnen eingesetzt“, fügt sie hinzu. Das restliche Drittel seien Frauen, die entweder als Bordell- oder Barbesitzerinnen größere Mengen Drogen umsetzen oder deren Familien aus dem Drogenmilieu stammen und die oft aus Liebe oder Loyalität bestimmte Aufgaben ausführen, fast immer auf Befehl eines vorgesetzten Mannes. „Sie sind weder Königinnen noch besonders blutrünstig“, sagt die Dozentin. Dieser Mythos beschränke sich auf Musik, Literatur und Film. Er sei Männerköpfen entsprungen, „die fasziniert sind von der Idee mordender Musen“.

Frauen sind in der Drogenwelt vor allem Opfer, auch die Buchonas. Ihre dealenden Freunde posten etwa laszive Bilder, „um die Mädchen oder deren Familien damit zu erpressen und zur Kooperation zu zwingen“, sagt Gargallo. Die Fotos der Mädchen bringen sie in Zusammenhang mit dem Organisierten Verbrechen und somit geraten die Familien in die Schusslinie gegnerischer Kartelle oder der Streitkräfte. Die weiblichen Körper werden zum neuen Schlachtfeld um Macht und Einfluss. Oder zur Wegwerfware, wie die Kommunikationsstudentin und Schönheitskönigin Susana Flores: Sie verliebte sich in einen Drogenboss und wurde auf einer Partybei einer Militäroperation erschossen, als ihr Freund sie als lebenden Schutzschild und für ein Ablenkungsmanöver benutzte.

Laut Jiménez hat der Drogenkrieg die Gewalt gegen Frauen verstärkt. Sie geraten zwischen die Fronten. Ehefrauen, Töchter und Geliebte würden oft zur Zielscheibe, um damit dem Gegner eins auszuwischen. „Früher war die Familie tabu. Diesen Ehrenkodex gibt es heute in der Mafia nicht mehr.“ Die Zahl der Frauenmorde in Mexiko ist seit Beginn des Drogenkriegs 2007 sprunghaft gestiegen: Während die offiziellen Statistiken damals knapp über 1000 Frauenmorde ausweisen, waren es 2016 über 2700. Der Staat habe versagt, beklagt Jiménez. Während viel Geld ins Militär gepumpt werde, gäbe es wenig finanzielle Unterstützung für Frauenschutzprogramme, psychologische Betreuung von Gefängnisinsassinnen oder Frauenhäuser.

Gargallo hofft trotz allem, dass sich die materialistische Machokultur in Lateinamerika nicht auf Dauer durchsetzen wird. „Ich glaube sogar, sie ist bereits auf dem Rückzug“, sagt sie. Ihre Hoffnung setzt sie in Jugendbewegungen wie das feministische „Radio Violeto“, das für die Gleichstellung der Frauen und für gleiche Rechte für Homosexuelle eintritt.

erschienen in Ausgabe 9 / 2018: Drang nach Schönheit

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