Klimaschutz
Klimaschutz

Das große Illusionstheater

Wissenschaftler propagieren Klimaschutz als Weg zu mehr Reichtum für alle. Das ist ein Märchen und behindert eine ehrliche Debatte, findet Bernd Ludermann.

Bernd Ludermann ist Chefredakteur von "welt-sichten".
Die Zahl klingt gewaltig: 26.000 Milliarden US-Dollar soll es der Menschheit bis 2030 einbringen, wenn sie rasch auf nachhaltiges Wirtschaften umstellt. Das legt die Global Commission on the Economy and Climate  in ihrem jüngsten Bericht "The New Climate Economy” dar. Der Kommission, die sieben Industrie- und Entwicklungsländer ins Leben gerufen haben, gehören frühere prominente Politiker sowie Entscheider aus Unternehmen und der Finanzwirtschaft an. Ihre Studien erarbeiten neun Denkfabriken, koordiniert vom World Resources Institute in Washington.

Der Titel der jüngsten zeigt schon, dass Nachhaltigkeit hier vor allem klimaverträglich heißt, auch wenn die Klimaökonomie laut der Kommission sozial inklusiv sein soll. Vor allem aber sei sie der einzige Weg zu anhaltendem Wachstum. Und weil die Weltwirtschaft mit energischem Klimaschutz stärker wachsen werde als nach heutigem Trend, soll bis 2030 ein Gewinn von 26 Billionen Dollar anfallen.

Politische Signale fehlen

Lobenswert ist: Die Kommission drängt auf sofortige Schritte für den Klimaschutz. Die Energiewirtschaft und die Städte, Landwirtschaft, Industrie und Infrastruktur müssten sämtlich bis 2030 ihre Emissionen um die Hälfte verringern und könnten das auch mit heute verfügbarer Technik. Nötig seien politische Signale wie ein Preis für Emissionen, bessere Stadtplanung und Anreize für eine Kreislaufwirtschaft.

Aber dafür wirbt die Kommission nach altem, schlechtem Muster mit der Behauptung, dass Klimaschutz uns alle reicher mache. Ihre Rechnung ist fragwürdig. Denn sie muss dazu das globale Wirtschaftswachstum bis 2030 voraussagen; schon das scheint gewagt, wie die Krise von 2007-2008 gezeigt hat. Dann muss sie berechnen, wie der von ihr geforderte Klimaschutz das Szenario per Saldo verändert – bei Gewinnen in manchen Wirtschaftszweigen und Verlusten in anderen. Solche Prognosen müssen Störfaktoren ausblenden wie drohende Handelskriege. Zudem wird  das Ergebnis stark beeinflusst von Annahmen zum Beispiel über Zinsraten. Kurz: Es ist weder genau noch verlässlich.

Wen will die Kommission damit zu einschneidenden Entscheidungen bewegen? Seit langem ist klar, dass Klimaschutz weniger kostet als die Schäden infolge der Erderwärmung. Es gibt aber einflussreiche Verlierer. Ein Ausgleich zwischen ihnen und den Gewinnern hängt stets von politischen Kräfteverhältnissen ab und ändert ein Kernproblem kaum: Wer verliert – zum Beispiel Kohlekumpel und Autokonzerne –, sieht das sofort, während ein Gutteil der künftigen Gewinne unsicher und kaum absehbar ist. Widerstand gegen grundlegende Veränderungen ist deshalb einfacher zu organisieren als eine Lobby dafür.

Die großen Verlierer bremsen

Noch höhere globale Gewinne des Klimaschutzes auszurufen, ändert daran nichts. Das zeigt auch das Verhalten der Wirtschaftslenker: Firmen, die am Klimaschutz verdienen oder ein grünes Image brauchen, geben sich Klimaziele und treten öffentlich für politische Vorgaben ein. Andere Unternehmen und ihre Verbände tun das Gegenteil. So arbeitet jetzt Business Europe, Europas mächtigster Industrieverband, in Brüssel hinter den Kulissen darauf hin, schärfere Klimaziele der Europäischen Union zu verhindern. Das Bild, das die Globale Kommission zeichnet – die Privatwirtschaft stehe in den Startlöchern und die Politik auf der Bremse –, ist arg verzerrt.

Und es predigt genau das Falsche: Mehr Wachstum ist immer besser, Klimaschutz muss sich ökonomisch rechnen und das Profitstreben darf nicht hinterfragt, sondern muss dafür eingespannt werden. Doch es ist zweifelhaft, dass reiche Gesellschaften ihre Emissionen auf null senken und dabei Wirtschaftswachstum behalten können. Nur die Praxis kann das zeigen. Wer Klimaschutz davon abhängig macht, dass keine wirtschaftlichen Einbußen folgen, macht jede Chance zunichte, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Dazu muss man den Übergang zur Null-Emissions-Gesellschaft trotz aller Unsicherheiten jetzt in Gang setzen und sowohl Kosten als auch Gewinne, die dann auftreten mögen, akzeptabel verteilen.

Sicher ist das sehr schwierig. Doch die Kommission hält von solcher kollektiven Willensbildung wenig: Sie stellt den Umbruch als Managementaufgabe dar, die im Ergebnis allen nur Vorteile bringe. Das ist ein Märchen. Und es behindert ehrliche politische Debatten und Entscheidungen darüber, was notwendig und was für wen verkraftbar ist, um die Erderwärmung jetzt noch zu bremsen.

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