Ambazonien
Den Rebellen fehlen moderne Waffen. Dafür sollen mehrere Amulette und Zaubermittel sie im Kampf mit der Armee beschützen.
Ambazonien

Rebellen, die auf Magie vertrauen

Sie tragen Flip-Flops statt Stiefel und schießen mit alten Flinten: ein Besuch bei den Kämpfern für einen neuen Staat Ambazonien in den englischsprachigen Gebieten Kameruns.

Abang war Bauer und Elektriker – bis Soldaten sein Dorf zerstörten und seine drei Brüder töteten. Heute ist er einer von Hunderten Männern der englischsprachigen Minderheit Kameruns, die mit Jagdgewehren und magischen Amuletten für einen neuen, eigenen Staat kämpfen, den sie Ambazonien nennen. Abang ist Mitte 30, groß und beugt sich im Sitzen leicht nach vorne. Er wirkt freundlich und lacht gerne. Doch wenn er über die Ungerechtigkeit spricht, die ihn gezwungen hat, zur Waffe zu greifen, wird er ernst. „Mir ist es egal, ob ich getötet werde“, sagt Abang. „Ich bin bereit, mein Leben zu opfern.“

Die Forderungen der anglophonen Minderheit Kameruns nach mehr Selbstbestimmung gehen zurück bis ins Jahr 1961. Damals wurden die vormaligen britischen und französischen Kolonialgebiete zu einem afrikanischen Staat verschmolzen. Offiziell besitzt Kamerun zwei Amtssprachen, aber Französisch wird stark bevorzugt. Ein Sechstel der Bevölkerung lebt laut Statistik in den beiden anglophonen Regionen. Doch für die angesehensten öffentlichen Bildungseinrichtungen und Universitäten kann man sich nur auf Französisch bewerben – und nur sie bieten Zugang zu den begehrten Stellen im Staatsdienst.

Eskaliert ist der Konflikt seit Oktober 2016; damals wurden bei friedlichen Demonstrationen, die die Zulassung der englischen Sprache vor Gericht und in den Klassenzimmern forderten, mehr als hundert Menschen festgenommen. Die Proteste gipfelten darin, dass ein Jahr später Aktivisten die Unabhängigkeit Ambazoniens erklärten. Die Streitkräfte Kameruns reagierten, indem sie laut Amnesty International 20 Demonstranten töteten und mehr als 500 Personen ins Gefängnis warfen. Die Gewalt führte zur Bildung mehrerer bewaffneter Gruppen, zu denen auch die Ambazonia Defense Forces (ADF) gehören. Sie haben Regierungsvertreter entführt, Sicherheitskräfte getötet und versuchen, die anglophonen Gebiete „unregierbar“ zu machen. Sie haben zudem Schulen geschlossen, die sie als Symbole des frankophonen Staates betrachten.

Abang hat sich den ADF angeschlossen. Sie scheinen derzeit die größte der bewaffneten Gruppen im anglophonen Kamerun zu sein. Die Gruppe besteht laut ihrem Anführer Cho Ayaba aus rund 1500 Kämpfern, die in 20 verschiedenen Camps leben. Für das Nachrichtenportal Irin haben Journalisten einige der Männer eine Woche lang auf ihren Reisen und bei den Vorbereitungen auf Kämpfe begleitet.

Autor

Emmanuel Freudenthal

ist freier Journalist in Nairobi, Kenia, und recherchiert in ganz Afrika (www.emmanuel-freudenthal.com). Die längere Originalversion des Artikels ist in zwei Teilen auf dem Nachrichtenportal www.irinnews.org erschienen.
Abangs Lager besteht aus einigen Lehmhütten, einem Hof, Paradeplatz genannt, und ein paar Bambusstangen, an denen gelegentlich Flaggen aufgezogen werden. Es beherbergt insgesamt 50 Männer. Ihre Ausrüstung ist armselig; sie tragen meist Flip-Flops statt Kampfstiefeln. Abang hat eine in Nigeria hergestellte Jagdflinte umgehängt, in seinem Gürtel steckt ein halbes Dutzend rote Jagdpatronen. Mehr kann er sich nicht leisten.

Die Flinte zu laden, ist sehr umständlich: Man muss eine Schraube unter dem Lauf lösen, worauf man diesen nach vorne klappen kann. Dann schiebt man eine Patrone hinein, lässt den Lauf einschnappen und dreht die Schraube wieder fest. Keiner der ADF-Männer in Abangs Lager besitzt ein Sturmgewehr, die gesamte Rebellenarmee verfügt über kaum ein Dutzend. So können sie wenig ausrichten gegen die modernen Schnellfeuerwaffen der kamerunischen Soldaten, die von Frankreich und den USA für den Kampf gegen die islamistische Extremistengruppe Boko Haram ausgebildet und ausgerüstet worden sind. Deren Gewehre spucken Hunderte Kugeln pro Minute aus, Abang kann in dieser Zeit vielleicht einmal nachladen.

In sein Dorf kann Abang nicht mehr zurück

Das Alltagsleben sei schwierig, sagt Abang. In den Hütten, die ihnen ein nahe gelegenes Dorf zur Verfügung gestellt hat, haben sie kaum genug Platz, um Seite an Seite auf dem Boden zu schlafen. Sie werden nicht immer satt, und das Flusswasser, das sie trinken, ist von Schlamm milchig getrübt.

Doch Abang hat keine Wahl. Die Armee hat sein Dorf zerstört, seine gesamte Familie ist in den Busch geflohen, wo sie sich noch immer versteckt hält – so glaubt er zumindest. Seine Frau und seine Kinder hat er schon lange nicht mehr gesehen. Das Militär hat einen Stützpunkt in seinem Dorf errichtet, so dass er noch nicht einmal zurückkehren kann, um sich um seine Kakaobäume zu kümmern. Nach seiner Flucht hat er einige Zeit in einem Flüchtlingslager in Nigeria verbracht.

Fast alle ADF-Kämpfer haben ähnliche Geschichten hinter sich. Ihr Schicksal unterscheidet sich im Grunde nur wenig von dem der 180.000 Flüchtlinge, die wegen des Konflikts ihr Zuhause verlassen mussten. Human Rights Watch, Amnesty International und die BBC haben dokumentiert, wie Kameruns Armee mindestens 20 Dörfer niedergebrannt und Dutzende Zivilisten gefoltert hat. Die Regierung wies sämtliche Vorwürfe zurück.

Die Rebellen der ADF machen sich zum Kampf bereit.Emmanuel Freudenthal
Ein ADF-Kämpfer führt durch sein Heimatdorf, Mavas. Früher war es ein geschäftiger Marktflecken, heute erinnert es an ein Geisterdorf. Er öffnet eine Tür mit einem aufgebrochenen Schloss und fordert uns auf, einzutreten. „Das ist mein Zimmer“, sagt er. Ein Moskitonetz hängt über einem Bett ohne Matratze: „Die haben sie mitgenommen.“ Er erinnert sich noch gut daran, wie die Armee im Februar kam. Er spielte gerade mit den Kindern seiner Schwester. Da begannen die Soldaten „herumzuschießen, einfach so“, sagt er. Er floh, und kurz darauf schloss er sich den wachsenden Reihen der ADF an.

In einem Raum, der nur von der untergehenden Sonne erhellt wird, bereitet sich der ADF-Kommandeur Atim auf einen Kampf vor. Er breitet seine Ausrüstung auf einem Bett aus: eine Handfeuerwaffe, ein paar Dutzend Patronen, dazu mehrere Halsketten und andere Amulette. Seine Ausrüstung ist halb spirituell, halb militärisch. Die Kämpfer glauben, dass Magie ihr einziger Schutz ist im ungleichen Kampf gegen die von den USA ausgebildeten Soldaten der Armee Kameruns.

Atim ist einer der höchsten ADF-Kommandeure. Er genießt hohes Ansehen und ist in der ganzen Gegend unter dem Namen „Commando“ bekannt, doch seine Leute stupsen ihm immer noch vertraulich mit dem Finger in den dicken Bauch, wenn er sein Hemd auszieht. Seine Autorität bezieht er weniger aus seinem offiziellen Rang als aus seinem Kommunikationsgeschick: Er weiß, wann er zuhören und wann er jemanden zurechtweisen muss. Wie so viele ADF-Kämpfer war auch Atim vor dem Krieg Bauer.

Im Morgengrauen soll der Angriff beginnen

Nach einem langen Marsch zu einem Rastplatz in der Nähe des Ortes, an dem der Kampf stattfinden soll, bricht die Nacht herein. Atim liegt auf einer schmutzigen Matratze neben einem anderen Kommandeur – sie haben die besten Plätze im Haus belegt. Die übrigen Separatistenkämpfer müssen sich mit einem Lager auf dem blanken Fußboden begnügen.

Im Morgengrauen wollen die etwa 40 Kämpfer einen Posten schwer bewaffneter Regierungssoldaten überfallen – sofern diese nicht Wind von der Sache bekommen und die ADF zuerst angreifen. Dann werden die Regierungssoldaten wahrscheinlich alle töten, so wie es im Juni 2018 ungefähr 30 Separatisten einer anderen Gruppe ergangen ist.

Unweit des Eingangs schieben zwei junge Burschen Wache, die nur mit einem einzigen Gewehr bewaffnet sind. Sie halten sich mit Zigaretten und Geschichten wach, die sie einander leise erzählen. Von Zeit zu Zeit gibt einer dem anderen einen Knuff, damit er nicht einschläft. Der Kommandeur hat gedroht, ihnen ins Bein zu schießen, falls er sie schlafend erwischen sollte.

Die Waffen der Rebellen sind alt und schwer zu laden, an Patronen fehlt es oft. Gegen die Schnellfeuergewehre der kamerunischen Armee haben sie kaum eine Chance. Emmanuel Freudenthal
Die einzige andere Vorkehrung der Gruppe zur Abwehr eines Überraschungsangriffs befindet sich in einer dunklen Ecke des Hauses: ein kleiner Schrein mit geheimnisvollen Fläschchen, Tuchstücken und Amuletten, alles mit weißem Talkumpuder bestäubt. Der Duft des Parfüms, das zur Aktivierung ihrer magischen Kräfte eingesetzt wurde, hängt noch in der Luft.

Als endlich die Sonne aufgeht, stehen die Kämpfer unschlüssig auf dem Hof herum. Ein großer Sack mit Munition ist verschwunden. Die Person, die ihn bringen sollte, fand es offenbar profitabler, die Patronen einzustecken, statt sie zu verfeuern, und hat sich mit ihnen davongemacht. Der Angriff wird abgeblasen.

Die Magie, die alle Kämpfer nutzen, kann nicht alle Ängste vertreiben. „Einige Kämpfer nehmen auch Drogen, um sich Mut zu machen“, sagt der Lagerkommandeur Omega. Er erlaubt seinen Männern, das Opioid Tramadol zu nehmen, ein starkes Schmerzmittel. Er selbst benutzt es nicht. „Dann hat man keine Angst mehr“, sagt er. Das Pro­blem, erklärt Omega, sei aber, dass manche Kämpfer das Mittel auch später im Lager noch nehmen. Das komme zwar nicht oft vor, mache es aber schwieriger, sie zu disziplinieren.

Einige Bewaffnete erpressen von Zivilisten Lebensmittel und behaupten, zur ADF zu gehören, sagt Omega. Dann schickt er seine Männer los, um für Ordnung zu sorgen. „Wenn eine Gruppe anfängt, die Gegend zu terrorisieren, wird sie aufgelöst, das Land soll in Frieden, nicht in Furcht leben.“

Die Separatisten appellieren an die internationale Gemeinschaft, die Regierung Kameruns zu bewegen, ihnen die Unabhängigkeit zu geben. Es ist deshalb wichtig für sie, sich eine saubere Weste zu bewahren. Nach dem Verhaltenskodex der Separatisten „darf sich kein Kämpfer der ADF Vergewaltigung, Erpressung, Diebstahl, Folter oder Tötung unschuldiger Zivilisten“ zuschulden kommen lassen. Und Cho Ayabe, der Führer des politischen Arms der ADF, sagt, er habe auch den Konsum von Drogen verboten.

Doch Ayabe ist sehr weit weg, in Europa. 1998 ist der politische Aktivist nur knapp einer Festnahme entkommen und an Bord eines Holzfrachters aus Kamerun geflohen. Die meisten politischen Führer des halben Dutzends an­glophoner bewaffneter Separatistengruppen leben wie er im Ausland – typisch für ein Land wie Kamerun. So können Omega, Atim und die anderen Kommandeure nur über WhatsApp mit ihrer politischen Führung Kontakt halten. Sie kennen jedes Fleckchen, wo man eine Chance hat, eine Funkverbindung zu bekommen, ob auf einem Felsen, einem Berggipfel oder im Schatten eines Baums. Die meiste Zeit jedoch haben sie keinen Empfang.

Die bevorstehende Präsidentenwahl heizt den Konflikt an

Amnesty International und Human Rights Watch werfen den Separatisten vor, ihren Boykott staatlicher Schulen mit Gewalt durchzusetzen. Sie sollen mehr als 40 Einrichtungen zerstört und Lehrer attackiert haben, die sich ihnen in den Weg zu stellen versuchten. Zudem wird ihnen angelastet, Zivilisten zu entführen, die angeblich mit dem Staat zusammenarbeiten. Die ADF geben die „Verhaftung“ von Regierungsverbündeten zu, bestreiten aber, Schulen und Zivilisten angegriffen zu haben.

Ayaba sagt, er übernehme „die Verantwortung für alles, was die ADF tun“, betont aber zugleich, er könne nicht „jede kleine Aktion“ sämtlicher Gruppen überwachen. „Ich kümmere mich um die politische Führung, die Idee, die Richtung.“ Doch er warnt auch, dass die ADF und andere Separatistengruppen vielleicht nicht für immer ihren Verhaltensregeln treu bleiben können. „Wenn man den Konflikt zu lange schwären lässt und das Regime weiter so brutal vorgeht, dann wird es völlig unmöglich sein, alles und jeden unter Kontrolle zu halten. Es könnte dann vermehrt zu solchen Gewalttaten kommen“, sagte er mit Bezug auf Übergriffe gegen Frankophone.

Für den 7. Oktober sind in Kamerun Präsidentschaftswahlen angesetzt, die eine neue Welle der Gewalt befürchten lassen. „Es wird keine Präsidentschaftswahlen für Kamerun auf dem Gebiet Ambazoniens geben“, hat der Sprecher der ADF bereits verkündet, und einer ihrer prominenten „Generäle“ hat gedroht, jeden zu töten, der sich auch nur in die Nähe eines Wahlbüros wagt.

Aus dem Englischen von Thomas Wollermann.

Die Namen der Kämpfer wurden zu deren Schutz geändert.

erschienen in Ausgabe 10 / 2018: Privates Geld gesucht

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