Den Umsatz steigern oder politisch aufklären?

Die Umsätze des fairen Handels haben sich in Deutschland zwischen 2004 und 2007 verdoppelt. Das ist für die Beteiligten einerseits eine gute Nachricht, andererseits stellt sich die Frage nach dem künftigen Profil von Fair Trade. Soll es um möglichst hohe Umsätze oder um die Förderung alternativer Wirtschaftsweisen und Bewusstseinsbildung bei den Konsumenten gehen? Bei einem Thementag Ende April in Frankfurt am Main kamen beide Sichtweisen zur Sprache.

„Der Faire Handel wird immer ein Nischenprojekt bleiben", zeigt sich Rudi Pfeifer, Geschäftsführer von BanaFair, überzeugt. Schlimm findet er das nicht, denn Fair-Trade sei schließlich mehr als Handel: eine politische Bewegung und Ausdruck zivilgesellschaftlichen Engagements. Die ausschließliche Fixierung auf Umsatz greife daher zu kurz. Fair-Trade-Produkte könnten „eine Vorstellung davon vermitteln, dass eine andere Welt möglich ist". Dennoch ist Pfeifer nicht „so blauäugig, zu meinen, dass die Lösung globaler Verteilungskämpfe auf der Ebenen des individuellen Konsumverhaltens läge": Für einen fairen Agrarhandel müsse die Macht der Agrarkonzerne gebrochen werden.

„Es gibt eine Chance, vom Nischenprodukt wegzukommen, wenn es uns gelingt, Fair-Trade zum Modebegriff zu machen", meint dagegen Frank Albrecht, der Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbandes. Den Inhaber einer Parfümeriekette beeindruckt am Fairen Handel vor allem, dass der noch nach dem Prinzip des „ehrbaren Kaufmanns" funktioniere. Allerdings betrage der bundesweite Umsatz von 213 Millionen Euro in 2008 gerade mal das Zweifache des Umsatzes der Kaufhof-Filiale in Frankfurt am Main. Albrecht sieht aber große Chancen, dass der Markt wächst, denn auch in seinem Verband beschäftigten sich viele mit dem Thema.

Auch Oswald Bellinger vom Frankfurter Verein FAIRein und Gründer eines Weltladens in der Mainmetropole konstatiert einen Imagewandel fair gehandelter Waren: Die Kunden betrachteten Fair-Trade-Produkte heute nicht mehr nur unter dem Aspekt der Wohltätigkeit, sondern schätzten sie zunehmend wegen ihrer hochwertigen Qualität. Man müsse die Konsumenten also für fair gehandelte Waren begeistern - indem man diese „vom Marketing her aufrüstet und mit Goldglanz verkauft".

Bemerkenswert ähnlich äußert sich Jürgen Kögel, bis vor kurzem Leiter des Bereichs Gesellschaft und Umwelt beim Discounter Lidl: „Fair gehandelte Produkte gilt es attraktiv zu präsentieren, nicht in irgendeiner verstaubten Ecke." Die Produkte müssten außerdem „Top-Qualität" haben. Lidl führt seit 2006 Produkte der Eigenmarke Fairglobe, vor allem Lebensmittel, die das Transfair-Siegel tragen und laut Kögel oft auch Bio-Qualität haben. Noch in diesem Jahr will Lidl außerdem bundesweit fair gehandelte Textilien anbieten. Kritische Fragen nach einer Quersubventionierung der Fair-Trade-Produkte, die bei Lidl weitaus günstiger zu haben sind als in den Weltläden, wehrt Kögel ab: Gemäß der Politik seines Hauses spreche er nicht über Preiskalkulationen.

Dennoch konnte der Lidl-Vertreter bei den Teilnehmern der Frankfurter Konferenz punkten. In der Diskussion um die Zukunft der Weltläden sah ihn einer gar als künftigen Geschäftsführer einer Weltladenkette mit Filialen an allen Flughäfen. Andere betonten dann aber doch, die Weltläden müssten sich auf ihre Ursprünge zurückbesinnen und wieder politischer werden. Sie müssten Welthandel und Weltwirtschaft thematisieren und Alternativen benennen, denn „verkaufen können andere besser und werben auch".

Anja Ruf

erschienen in Ausgabe 6 / 2009: Kleidung – Wer zieht uns an?