Herausgeberkolumne
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Der Planet hat Lungenentzündung

Wir müssen die Bewohner des Regenwaldes beim Erhalt ihres Lebensraumes unterstützen, fordert Pirmin Spiegel.

Pirmin Spiegel ist Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor
Jair Bolsonaro hatte es im Wahlkampf bereits angekündigt: „Keinen Zentimeter Land“ wolle er künftig den traditionellen Völkern überlassen, außerdem große Flächen des Amazonas-Regenwaldes für Bergbau- und Landwirtschaftsunternehmen freigeben. Seit Januar ist er nun im Amt des Staatspräsidenten von Brasilien. Es ist zu befürchten, dass seine Regierung einer unheilvollen Entwicklung weiter Vorschub leistet, die sich schon seit Jahren abzeichnet: dem Ausverkauf Amazoniens.

Amazonien gehört zu den artenreichsten Zonen der Erde. Hier befindet sich ein Fünftel der globalen Süßwasserreserven. Es umschließt das weltweit größte zusammenhängende Regenwaldgebiet. Die „grüne Lunge“ unseres Planeten, wie Amazonien auch genannt wird, ist von zentraler Bedeutung für die Stabilität des globalen Klimas. Sie ist 21-mal so groß wie Deutschland und umfasst mehr als 7,5 Millionen Quadratkilometer, die unter neun Ländern aufgeteilt sind.

In diesen Ländern lebt eine indigene Bevölkerung von annähernd drei Millionen Menschen, in etwa 390 verschiedenen Völkern und Nationalitäten. Diese Bewohner werden „Hüter des Waldes“ genannt, weil sie weitgehend im Einklang mit der Natur leben und schonend mit den Ressourcen umgehen. Doch sie und ihr Territorium sind stark bedroht. Die Regierungen Lateinamerikas befinden sich in wirtschaftlichen Nöten, denen sie mit den üblichen Antworten begegnen: Freigabe auch von geschützten Gebieten für Bergbau, Staudämme, Weidewirtschaft und den Anbau von Gensoja, Mais und Baumwolle in riesigen Monokulturen.

„Wahrscheinlich waren die indigenen Völker Amazoniens in ihren Territorien nie derart bedroht, wie sie es heute sind“, mahnt Papst Franziskus. Es geht hier um Mensch und Natur. Denn es droht ein unwiederbring­licher Verlust von Vielfalt. Über Jahrtausende eingespielte sensible Wechselwirkungen zwischen Mensch, Natur und Klima stehen auf dem Spiel. Wenn Amazonien die Lunge der Erde ist, dann leiden dieser Planet und seine Bewohnerinnen und Bewohner an einer akuten Lungenentzündung. In absehbarer Zeit kann uns allen die Luft ausgehen.

Auswege aus der Konsum- und Wegwerfkultur

So wird es zu unserer aller Aufgabe, die Bewohner des Regenwaldes in ihrem Einsatz um den Erhalt ihres Lebensraumes zu unterstützen. Wir müssen erkennen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen uns „hier“ und den Menschen „dort“. Wir sind durch unseren ressourcenzerstörenden Lebensstil Mitverursacher. Noch immer halten wir an Vorstellungen von Fortschritt und Entwicklung fest, die nicht zukunftsfähig sind, etwa weil sie auf einen Extraktivismus setzen, der von der Natur nimmt und nichts zurückgibt.

Papst Franziskus ist Anwalt der „Sorge um das gemeinsame Haus“, wie er es in „Laudato si“ so wunderbar formuliert hat. In diesem Zusammenhang steht die von ihm einberufene Sonderversammlung der Bischofssynode für das Amazonasgebiet im Oktober. Schon jetzt engagieren sich immer mehr Akteure in der Region im sogenannten kirchlichen Netzwerk Pan­amazonien (REPAM), das in 45 regionalen Versammlungen bis Ende Februar Beobachtungen und Meinungen der Bewohnerinnen und Bewohner Amazoniens zusammenträgt. Die Ergebnisse fließen in die Synode ein. Ziel ist, auf die vorherrschende Zerstörungsdynamik hinzuweisen und neue Wege einer ganzheitlichen Ökologie zu formulieren, den dort lebenden Menschen zuzuhören und von ihnen zu lernen. Sie beherbergen einen kulturellen und spirituellen Schatz: einen anderen Umgang mit Zeit, eine Verbundenheit mit dem natürlichen Lebensraum, einen respektvolleren, schonenderen Umgang mit der Schöpfung.

Hier liegen Impulse, um einen Ausweg aus der herrschenden Konsum- und Wegwerfkultur zu finden, die unseren Planeten in einen Müllabladeplatz verwandelt, wie Papst Franziskus es ausdrückt. Es geht um ein respektvolles Miteinander. Es geht um unser gemeinsames Haus. Wir sollten es nicht länger denjenigen überlassen, die Menschen und Natur immer wieder und immer weiter ausgrenzen und zur Ware machen, so wie es Präsident Bolsonaro angekündigt hat. Sonst kann aus der Lungenentzündung schnell ein Atemstillstand werden, und der betrifft dann alle.

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