Filmindustrie in Nigeria
Nollywood-Filme werden vor allem auf DVD vertrieben – so wie in diesem Laden in Lagos.
Filmindustrie in Nigeria

Netflix geht nach Nollywood

Der US-amerikanische Streamingdienst kauft sich in Afrikas wichtigste Filmindustrie ein. Ob das anspruchs­vollen afrikanischen Filmemachern mehr Geld und mehr Zuschauer bringt, ist jedoch fraglich.

Während des Internationalen Filmfestivals in Toronto 2018 verkündete der globale Streamingdienst Netflix, man habe die weltweiten Vertriebsrechte für das Regiedebut des Nollywoodstars Genevieve Nnaji erworben, die Komödie „Lionheart“. Der Film erzählt von den ungeschickten und bisweilen urkomischen Versuchen von Adaeze, zusammen mit ihrem Onkel Godswill  die von ihrem Vater geerbte Firma vor dem Bankrott zu bewahren. Der Film war die erste Netflix-Originalproduktion aus Nigeria. Der Erwerb der Rechte daran hat bei vielen Filmschaffenden den Eindruck erzeugt, zwischen einer der weltweit größten Strea­mingplattformen und Afrikas wichtigster Filmindustrie sei eine neue Ära angebrochen. Aber ist das wirklich so?

Seit ihren Anfängen in den frühen 1990er Jahren hat die Filmindustrie Nigerias, besser bekannt als Nollywood, ein exponentielles Wachstum verzeichnet. Sie ist heute eine der größten Filmindustrien der Welt, die bis zu 2000 Filme pro Jahr produziert. Inzwischen ist diese Zahl nicht mehr so leicht zu überprüfen, da die Filme heute auf den unterschiedlichsten Plattformen (Streamingdienste, Satelliten- und Kabelfernsehsender, Erstveröffentlichungen auf Video-CDs und DVDs) zirkulieren, ohne dass der Vertrieb von einer zentralen Stelle überwacht wird.

Unbestritten hat Nollywood in Afrika und bei im Ausland lebenden Afrikanern großen kulturellen Einfluss. Genau das hat die nigerianische Filmin­dustrie für den Streaming-Riesen so attraktiv gemacht. Der Vertrieb nigerianischer Produktionen über Netflix begann um 2015. Damals kaufte der amerikanische Gigant die Lizenz für Kunle Afolayans Kassenschlager „October 1st, Biyi Bandeles „Fifty“ und verschiedene andere Filme, nachdem sie bereits in nigerianischen Kinos gelaufen waren.

Raubkopien haben auf dramatische Weise die Vertriebserlöse verringert

Zu beziehen ist Netflix in Nigeria in drei verschiedenen monatlichen Abonnements zu Preisen zwischen umgerechnet sieben und zehn Euro im Monat. Das macht Netflix erschwinglicher als seinen wichtigsten Konkurrenten, den südafrikanischen Satellitenfernsehanbieter DStv MultiChoice, dessen billigstes Satellitenfernsehpaket für eine monatliche Gebühr von rund 25 Euro zu haben ist. Netflix-Nutzer müssen allerdings die zusätzlichen Kosten für den Internetanschluss mit ins Kalkül ziehen.

Während der vergangenen zwanzig Jahre kamen nigerianische Filme hauptsächlich auf Videobändern und Video Compact Discs (VCDs) in Umlauf. Dieses Verbreitungssystem hat die Filmindustrie in ganz Afrika und bei Aus­lands­afrikanern populär gemacht. Es hat jedoch verhindert, dass Nollywood sich wirtschaftlich konsolidieren und die künstlerische und inhaltliche Qualität der Filmproduktion steigern konnte. Zudem haben Raubkopien auf dramatische Weise die Vertriebserlöse verringert; die Produzenten hatten und haben große Mühe, am Vertrieb ihrer Filme zu verdienen.

Autor

Alessandro Jedlowski

ist Medienanthropologe an der Freien Universität Brüssel. Er forscht zur Film- und Fernsehproduktion in Nigeria, Äthiopien und der Elfenbeinküste und hat dazu mehrere Bücher verfasst.
Nollywood bevorzugt den Direktvertrieb als Video, weil in Nigeria wie fast überall in Afrika Kinos als Folge der katastrophalen Wirtschaftskrise in den Achtzigern nahezu von der Bildfläche verschwunden sind. In den vergangenen Jahren sind zwar neue Multiplexe entstanden. Dennoch gibt es heute für eine Bevölkerung von fast 200 Millionen Menschen nur etwa 150 Großkinos. Ein Großteil der Verbraucher kauft Nollywood-Filme auf Videobändern, weil ihnen Kinokarten zu teuer sind.

Vor diesem Hintergrund glauben viele in der Filmindustrie, dass das Streamen die beste Lösung für die Vertriebsprobleme der Branche sein könnte. Betrachtet man jedoch die Geschichte von ­iROKO.tv, der führenden Streamingplattform für nigerianische Filme, die als „nigerianisches Netflix“ bezeichnet wird, dann stellt man fest, dass die Realität komplizierter ist. Das nigerianisch-amerikanische Unternehmen IROKO.tv wurde 2011 gegründet und rasch zur größten Online-Streamingplattform für ausschließlich nigerianische Inhalte. Als die Firma ­beschloss, ihren Sitz von Manhattan nach Lagos zu verlegen, stieß sie auf ungeahnte Schwierigkeiten, vor allem in Bezug auf die Infrastruktur in Nigeria und die feindselige Haltung örtlicher DVD-Händler, die mit Nollywood-Filmen Geld verdienen.

Große Bühne für Nigerias Filmindustrie: Der Regisseur Kunle Afolayan und die Schauspielerin Genevieve Nnaji diskutieren beim Filmfestival in Toronto im Jahr 2016 über die Zukunft der Branche.Tara Ziemba/Getty Images
In Nigeria ist die Internetverbindung immer noch zu schwach und zu teuer für das Streamen. Deshalb werden Nollywood-Inhalte aus dem Angebot von iROKO.tv und Netflix vor allem von Nigerianern im Ausland abgerufen. Netflix ist sich dieses Problems bewusst und investiert in die Infrastruktur, um seinen nigerianischen Kunden eine bessere Verbindung zu sichern. Das Unternehmen hat in Partnerschaft mit einer nigerianischen Firma einen sogenannten Dedicated Server in Nigeria installiert, um dort sein gesamtes Angebot zu speichern und die Leistung seines Dienstes zu erhöhen.

Das hat die Qualität zwar wesentlich verbessert, hat jedoch keinen Einfluss auf den Preis des Internet-Datenvolumens für die Kunden. Und der ist eines der Haupthindernisse für ein weiteres Vordringen von Netflix und anderen Streamingdiensten in Nigeria und im übrigen Afrika südlich der Sahara. Die meisten Zuschauer in Nigeria werden Nollywood-Filme auf absehbare Zeit weiter auf DVDs oder in lokalen Kinos anschauen. Der Zugang zu örtlichen Videotheken und zu im Straßenhandel erhältlichen Raubkopien ist nach wie vor die günstigste Option.

Netflix ist eher was für wohlhabende Kunden

Bessere Chancen könnte Netflix dagegen im oberen Segment des Marktes haben, denn in Nigeria haben wie überall in Afrika reichere Menschen eher Zugang zu einer verlässlichen Stromversorgung und zum Internet. Das könnte der Grund dafür sein, dass der südafrikanische Telekommunikationsriese ­MultiChoice, der über seine Africa-Magic-Kanäle einen Großteil des Nollywood-Vertriebs in Afrika kontrolliert, auf das gesteigerte Interesse von Netflix an afrikanischen Märkten ziemlich nervös reagiert hat. In Südafrika beispielsweise setzt MultiChoice sich dafür ein, dass Netflix strengeren Vorschriften unterworfen wird. Andere Medienunternehmen, die in dem Land tätig sind, müssen benachteiligte Gruppen fördern und bei der Einstellung von Personal Richtlinien befolgen, nach denen schwarze Bewerber bevorzugt werden sollen.

Doch Netflix und MultiChoice sind nicht die einzigen Telekommunikations-Supermächte in Afrika. Auch Frankreichs Canal Plus und der chinesische Kanal StarTimes haben im Laufe der letzten Jahre in Nollywood investiert. Der Konkurrenzkampf zwischen all diesen Unternehmen wird sich für Zuschauerinnen und Zuschauer in Nigeria und auf dem ganzen Kontinent vermutlich günstig auswirken: Die Folge könnten niedrigere Abonnementgebühren fürs Streamen und für TV-Inhalte sein.

Wahrscheinlich wird es auch weitere Investitionen in Inhalte und in die Infrastruktur geben. Und es könnte sein, dass Nollywood-Filme in Afrika und weltweit stärker verbreitet werden. Allerdings bleibt abzuwarten, welchen Nutzen diese Entwicklungen für die Produzenten haben werden. Bislang haben ausländische Investitionen in Nollywood meistens dazu geführt, dass noch mehr vom Selben produziert wurde. Die Arbeitsbedingungen für Filmteams und Schauspieler – in der Regel niedrige Budgets, oft gerade mal 5000 bis 10.000 US-Dollar, und kurze Drehzeiten (eine Woche für einen Spielfilm) – haben sich nicht geändert.

Nicht für ein internationales Publikum produziert

Tatsächlich scheinen Großinvestoren hauptsächlich an Nollywoods Popularität bei afrikanischen Zuschauern interessiert zu sein. Nigerianische Filme einem internationalen Publikum schmackhafter zu machen, steht dagegen nicht auf ihrer Agenda. Das bedeutet, dass sie in den meisten Fällen nicht bereit sind, viel Geld in Produktionsbudgets zu stecken. Stattdessen investieren sie in bessere Vertriebsnetze, um aus der nigerianischen Filmindustrie so viel Profit wie möglich zu schlagen. Und die meisten afrikanischen Zuschauer sind mit Nollywood, so wie es ist, im Grunde ganz zufrieden – auch wenn sie sich immer wieder über die niedrige Qualität und die Wiederholung von Filminhalten und ästhetischen Mitteln beschweren.

Dennoch sind in Nollywood in den vergangenen Jahren einige größere Produktionen mit höherem Qualitätsanspruch entstanden. Allerdings waren sie nicht etwa das Ergebnis von Investitionen ausländischer Firmen wie Netflix, Canal Plus oder MultiChoice. Nigerianische Produzenten selbst sind am meisten auf eine bessere Qualität ihrer Filme bedacht. Sie möchten ihrem Publikum anspruchsvollere Inhalte bieten und internationale Leinwände erreichen.

Vor allem unabhängige Produzenten oder Investoren, die mit dem neuen Geschäftszweig der Multiplexe in Nigeria zu tun haben, ­haben in derartige Projekte investiert. Beim einheimischen Publikum sind die Namen unabhängiger Produzenten und Regisseure wie Kunle Afolayan, Abba Makama, Ema Edosio oder Daniel Oriahi zu Synonymen für künstlerisch höherwertige Produktionen geworden. Einen ähnlich guten Ruf haben einheimische Medienunternehmen wie EbonyLife TV, ­FilmOne und BiolaAlabiMedia.

Die Filme, die diese Unternehmen und Regisseure produzieren, sind zwar beim heimischen Publikum oft sehr erfolgreich. Sie werden tendenziell aber nicht so weit verbreitet, weil ihre Rechteinhaber beim Vertrieb sehr vorsichtig sind: Gegenüber informellen lokalen Vertriebsnetzen bevorzugen sie ­Kinonetzwerke und Streamingplattformen. Immerhin haben sie beträchtliche Summen in ihre Produktionen gesteckt.

In Zukunft wird es zwei Nollywoods geben

Das macht diese Filme bei Eliten und einem internationalen Publikum bekannter als beim herkömmlichen einheimischen Publikum, das einmal die Stammkundschaft der Branche gebildet hat. Einkommensschwache Zuschauerinnen und Zuschauer wären vermutlich begeistert von diesen hochwertigen Produktionen, haben aber oft nur schwer ­Zugang zu ihnen und schauen deshalb weiterhin inhaltlich weniger anspruchsvolle Filme, die sie sich leisten können.

Die Schlüsselfrage lautet daher: Werden die Leute, die Geld und Mühe in die Produktion qualitativ höherwertiger Filme stecken, von Netflix profitieren, so dass sie auch in Zukunft in künstlerisch wertvollere Inhalte investieren? Oder werden am Ende Netflix und andere internationale Firmen Nollywood übernehmen, um möglichst viel Geld damit zu machen, ohne die Industrie künstlerisch voranzubringen?

Höchstwahrscheinlich wird sich die Filmindustrie weiter aufspalten, so wie sie es bisher immer getan hat. In Zukunft wird es mindestens zwei Nollywoods geben: das eine fürs Massenpublikum, das wie bisher die Billigproduktionen auf DVD oder lokalen TV-Sendern anschaut, und das andere für die reicheren Kunden, die Internet haben oder ins Kino gehen. Sie werden imstande sein, die teureren Produktionen anzuschauen, die dann hoffentlich von nigerianischen Produzenten gemeinsam mit internationalen Streamingdiensten wie Netflix produziert werden.

Aus dem Englischen von Juliane Gräbener-Müller.

erschienen in Ausgabe 4 / 2019: Erde aus dem Gleichgewicht

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