Friedensmissionen
Blauhelme aus Burkina Faso auf Patrouille in Timbuktu 2018. Malis Nachbarland stellt die meisten Soldaten für diese UN-Mission.  
Friedensmissionen

Blechhelm trifft Blauhelm

In Mali müht sich eine UN-Mission, das Land zu stabilisieren. Das gelingt auch deshalb nicht, weil die Soldaten aus mehr als 50 Ländern keine einheitliche Truppe bilden.

Es war schon dunkel, als die deutschen Rettungshubschrauber in der zentralmalischen Stadt Gao alarmiert wurden. Eine Flugstunde nördlich war eine ägyptische Militärpatrouille der UN-Friedensmission Minusma (französisch: Mission multidimensionnelle intégrée des Nations Unies pour la stabilisation au Mali) auf einen Sprengsatz gefahren. Mehrere Soldaten waren schwer verletzt. Die Bundeswehr schickte zwei Helikopter mit Ärzten und Sanitätern an Bord sowie zwei Kampfhubschrauber, die aus der Luft die Bergung der Verwundeten bewachen sollten.

Als die Helikopter an der Anschlagsstelle eintrafen, standen die Piloten vor einem Problem. Die Nacht in der Wüste war tiefschwarz, sie konnten den Boden kaum sehen. Außerdem wirbelte der Hubschrauber bei der Landung Staub auf. Die deutschen Piloten waren darauf angewiesen, dass ihnen vom Boden aus geholfen wurde. Doch die ägyptischen Soldaten konnten das nicht leisten. Ihre Funkgeräte waren so veraltet, dass sie mit den Deutschen in den Cockpits nicht in Kontakt treten konnten. Die Piloten wagten dennoch die gefährliche Landung und brachten die vier Schwerverletzten ins UN-Lazarett in Gao.

Diese Begebenheit aus dem Februar 2018 illustriert die Schwierigkeiten, mit denen die Bundeswehr bei der UN-Mission in Mali zu tun hat. Seit gut dreieinhalb Jahren sind zwischen 600 und 800 deutsche Soldaten am Rand der Sahara für die Vereinten Nationen im Einsatz. Ihre Hauptaufgabe ist es, der Minusma ein Bild von der Sicherheitslage in Nordmali zu verschaffen. Dazu setzen sie Drohnen in der Luft und Aufklärungskräfte am Boden ein, mit deren Hilfe die Bundeswehr ein Gebiet überwachen soll, das doppelt so groß ist wie Deutschland.

Schutzhelme aus dünnem Blech

Mitunter kollidieren dabei zwei militärische Welten. Auf der einen Seite stehen westliche Nationen wie Deutschland mit Hightech-Ausrüstung und hoch professionellem Personal, auf der anderen vor allem afrikanische und südasiatische Staaten, deren Truppen so schlecht ausgerüstet sind, dass sie von den wohlhabenden Mitgliedsstaaten mitunter spöttisch „Blechhelme“ und nicht Blauhelme genannt werden. Sie spielen damit darauf an, dass die Schutzhelme der Soldaten tatsächlich aus dünnem Blech und nicht wie bei westlichen Militärs aus widerstandsfähigem Kevlar sind.

Gao, seit 2016 Stationierungsort der Bundeswehr und direkt an Malis Lebensader, dem Fluss Niger, gelegen, befindet sich mitten in einem Konfliktgebiet. Nördlich der Stadt beginnt die Sahara, in der seit mehr als sechs Jahren islamistische und andere bewaffnete Gruppen die Bevölkerung terrorisieren. Zwischenzeitlich hatten Tuareg-Rebellen den gesamten Norden Malis besetzt, die staatlichen Sicherheitskräfte vertrieben und die Region für unabhängig erklärt.

Dann stießen dschihadistische Gruppen in das Gebiet vor und marschierten von dort aus auf die Hauptstadt Bamako zu. Französische Truppen stoppten den Vorstoß und bewahrten Mali vor dem Zusammenbruch. Die Regierung in Bamako und die Tuareg schlossen einen Waffenstillstand. Im Juli 2013 schickten die Vereinten Nationen etwa 13.000 Soldaten nach Nordmali. Sie sollen das Abkommen überwachen und verhindern, dass die Rebellen erneut zu den Waffen greifen.

Milizen in wechselnden Koalitionen

Doch Frieden gibt es in Mali nicht. Gut sechs Jahre nach dem Waffenstillstand wird das Land von unzähligen Milizen heimgesucht. Es kommt zu ständig wechselnden Koalitionen. So gibt es Tuareg-Gruppen, die mit der Regierung kooperieren, zugleich aber am Schmuggel von Menschen, Waffen und Drogen verdienen. Dann gibt es  Tuareg-Gruppen, die mit Dschihadisten zusammenarbeiten und ebenfalls am Schmuggel beteiligt sind. Und schließlich gibt es Tuareg, die an ihrem Widerstand gegen die Regierung festhalten und in ihren Herrschaftsgebieten keine staatlichen Strukturen zulassen.

Gemein ist allen Gruppen, dass sie sich von den UN-Truppen nicht entwaffnen lassen wollen. Der Preis, den die Minusma-Soldaten dafür zahlen, ist hoch. Seit Juli 2013 sind in Nordmali knapp 200 UN-Soldaten getötet worden. In keiner Peacekeeping-Mission hatten die UN nach so kurzer Einsatzdauer so viele Gefallene zu beklagen wie bei Minusma.

Ein Hubschrauber der Bundeswehr landet im malischen Sand. Bei der Anbindung an andere Teile der UN-Mission hapert es bisweilen. Bundeswehr
Der Einsatz in Mali zeigt die ganze Misere heutiger UN-Friedensmissionen. Von den derzeit etwa 90.000 Militär- und Polizeikräften in den 15 Peacekeeping-Missionen der Vereinten Nationen stammen die meisten aus Ländern wie Indien (6450), Pakistan (5250), Bangladesch (6550), Nepal (5750), Äthiopien (7550) und Ruanda (6500). Die Soldaten sind für einen Einsatz wie in Mali, in dem sie mit versteckten Bomben am Straßenrand oder in Hinterhalten überfallen werden, weder ausgerüstet noch ausgebildet. Den Blutzoll zahlen allerdings vor allem die Truppen aus den armen afrikanischen oder südasiatischen Staaten. Während sie oft über kaum mehr als einfache handelsübliche Pickups und Handfeuerwaffen verfügen, sind die Soldaten aus westlichen Ländern mit gepanzerten Fahrzeugen und modernen Waffen ausgerüstet. Die Bundeswehr ist in Mali bislang nicht angegriffen worden.

Kampffähige UN-Kontingente?

Die UN haben im vergangenen Jahr einen Bericht vorgelegt, in dem sie mit ihren eigenen Friedensmissionen ungewöhnlich hart zu Gericht gehen. Der sogenannte „Cruz-Report“ untersuchte die Gründe für die weltweit gestiegenen Opferzahlen unter dem UN-Personal. Darin kommen die UN zu dem Ergebnis, dass sie die Realität heutiger Friedensmissionen noch nicht verstanden hätten. „Feindliche Kräfte“, heißt es darin, verstünden „leider keine andere Sprache als die der Stärke“. Um Angriffe abzuwehren oder Angreifer zu schlagen, dürften die UN keine Angst vor Gewaltanwendung haben. In Einsatzgebieten wie in Mali sollten die Truppen auch proaktiv eingreifen und auch Präventivschläge verüben können. Dazu müssten sie allerdings besser vorbereitet werden. Ausstattungen wie beispielsweise Nachtsichtgeräte und minensichere Fahrzeuge müssten Standard werden.

Doch selbst wenn der politische Wille der UN-Mitgliedsstaaten dazu bestünde, würde der Aufbau kampffähiger Kontingente schwierig. Es sind überwiegend die westlichen Länder, die über modernes Militärgerät und gut trainierte Truppen verfügen. Sie scheuen aber die Kosten und die Verluste, die bewaffnete Einsätze mit sich bringen. So hat allein der seit 17 Jahren andauernde Konflikt in Afghanistan von den Nato-Staaten Ausgaben in Höhe von mehr als einer Billion Dollar und etwa 3500 gefallene Soldaten gefordert.

Ein weiterer Grund für die westliche Zurückhaltung bei UN-Einsätzen liegt in der Vergangenheit. Mitte der 1990er Jahre stellten die Nato-Staaten gut 40 Prozent aller Blauhelme. Doch die Soldaten konnten weder das Scheitern in Somalia noch die Katastrophe von Srebrenica und schon gar nicht den Völkermord in Ruanda verhindern. In allen drei Fällen sorgten die unterschiedlichen Interessen der Mitgliedsstaaten dafür, dass ein entschiedeneres militärisches Vorgehen im Mandat ausgeschlossen war.

Lieber Militärkoalitionen unter eigener Führung

Autor

Marco Seliger

ist Chefredakteur von „loyal“, dem Magazin des Reservistenverbandes der Bundeswehr. Er schreibt auch für die „Neue Zürcher Zeitung“ und war 2018 zur Recherche in Mali.
Diese Erfahrungen haben in den westlichen Staaten zu einer großen Skepsis gegenüber UN-Friedensmissionen geführt. Sie bildeten lieber Militärkoalitionen unter eigener Führung, wie etwa im Kosovo, in Afghanistan, im Irak, in Libyen und in Syrien. In Mali ist die Bundeswehr mit ihren gut 600 Soldaten heute der größte westliche Truppensteller. Staaten wie Bangladesch, Ägypten, Kambodscha, Senegal, Sri Lanka und Burkina Faso indes stellen teilweise deutlich mehr als eintausend Militärs.

Offiziell begründen das ihre Regierungen damit, dem Frieden zu dienen. Doch das ist nur ein Grund. Die UN zahlen den truppenstellenden Ländern pro Soldat eine Entschädigung, die mit 1200 Dollar pro Monat klar über dem üblichen Sold in diesen Armeen liegt. Oft behalten die Staaten einen großen Teil davon ein, den sie aber kaum in Ausbildung und Ausrüstung ihrer Truppen investieren.

Den schlechten Zustand ihrer Truppen können manche truppenstellenden Länder allerdings gut kaschieren. Ein UN-Mitarbeiter aus New York berichtet, als er vor einigen Jahren in einigen afrikanischen Ländern die für den Mali-Einsatz vorgesehenen Truppen besichtigte („Predeployment Visit“), seien ihm von den UN finanzierte Toilettencontainer und Truppenküchen vorgeführt worden. Sie sollten den Soldaten im Einsatz zur Verfügung stehen. Als er einige Monate später dann dieselben Kontingente in Mali besuchte, hätten die Soldaten ihr Essen in Suppenkesseln über Feuerstellen gekocht und ihre Notdurft in Erdlöchern verrichtet. Von den Toiletten und Kücheneinrichtungen sei nichts zu sehen gewesen.

Noch einschneidender sind allerdings die Folgen der schlechten Ausrüstung für die militärische Leistungsfähigkeit der UN-Truppen. Das zeigte sich zum Beispiel vor gut drei Jahren in Nordmali. Die Regierung von Bangladesch hatte sich bereiterklärt, in der Rebellenhochburg Kidal drei Transporthubschrauber zu stationieren. Damit hätten die UN-Truppen nicht mehr die oft verminten und gefährlichen Straßen nehmen müssen, um schnell an einen Einsatzort zu gelangen.

Doch Hubschrauber sind verwundbar, zum Beispiel, wenn sie auf ihren Abstellplätzen im Feldlager nicht ausreichend geschützt sind. Westliche Staaten haben deshalb Abwehrsysteme entwickelt, mit denen sie ihre Militärcamps im Ausland vor Raketen- und Granatbeschuss schützen können. Länder wie Bangladesch aber können sich solche Systeme nicht leisten. Deshalb waren die drei Hubschrauber für die Tuareg in Kidal ein leichtes Ziel. Noch ehe die Maschinen zu ihrer ersten Mission aufbrechen konnten, feuerten die Rebellen mehrere Raketen in das Feldlager der UN-Truppen am Rande der Stadt. Dabei wurden die drei Helikopter schwer beschädigt. Nach ihrer Reparatur zog Bangladesch die Maschinen wieder ab. Bis heute gibt es in Kidal keine UN-Hubschrauber.

Doch auch ein wohlhabendes Land wie Deutschland tut sich schwer, teures Militärgerät wie Helikopter in einen Auslandseinsatz zu schicken. Die Kampf- und Rettungshubschrauber, die im Februar vergangenen Jahres eingesetzt wurden, um die ägyptischen Soldaten zu bergen, sind seit einem Jahr wieder an ihrem Heimatstandort zurück. In der Bundeswehrführung herrscht wenig Bereitschaft, schon bald erneut Helikopter nach Mali zu schicken. Zu groß ist die Skepsis gegenüber dem Einsatz.

Mühsame Abstimmungsprozesse

Deutsche Soldaten beklagen vor allem die Ineffizienz der Mission. Verschiedene Sprachen und unterschiedliche Standards führten zu mühsamen und langwierigen Abstimmungsprozessen. „Wir bräuchten für UN-Einsätze ähnlich wie in der Nato eine harmonisierte Ausrüstung und Ausbildung“, sagt ein Bundeswehroffizier im Minusma-Hauptquartier in Bamako. Doch darauf, erklärt er, wollten sich die meisten Länder nicht einlassen. Sie fürchteten hohe Kosten, wenn sie ihre Truppen nach einheitlichen, möglicherweise westlichen Kriterien aufstellen müssten.

Dabei wollen die UN die Truppenausbildung schon seit vielen Jahren harmonisieren. Zu diesem Zweck haben sie 2004 in Accra in Ghana das Kofi Annan International Peacekeeping Training Centre eingerichtet. Dort sollen nicht zuletzt Führungskräfte der truppenstellenden Staaten trainiert werden. Doch die UN haben keinen Einfluss darauf, wen die Länder dorthin schicken. Oft ist es Personal, das anschließend nicht auf den Posten landet, auf denen es die Ausbildung und Ausrüstung der eigenen Peacekeeping-Kräfte beeinflussen könnte.

Deutschland hat im Minusma-Hauptquartier in Bamako ein gutes Dutzend Posten mit teils ranghohen Offizieren besetzt. So kann die Bundeswehr Einfluss auf die Einsatzführung nehmen. Doch über die Aufträge der deutschen Soldaten entscheidet am Ende nicht der UN-Stab in Bamako, sondern das militärische Oberkommando in Potsdam. Die Kommandogewalt über die Truppen bleibt in nationaler Hand, auch um das Risiko für die eigenen Soldaten möglichst klein zu halten.

Sechs Jahre nach Beginn des Einsatzes steht die UNO vor der Frage, wie ein Scheitern in Mali noch abgewendet werden kann. Doch es fehlt an allem: an einem der Sicherheitslage angepassten Mandat, an gut ausgerüsteten Truppen und an genügend Geld. Zumindest Letzteres ließe sich relativ einfach lösen. Dazu müssten die wohlhabenden Länder nur ihre Beitragszahlungen für Friedenseinsätze erhöhen. Das passiert aber nicht. Im Gegenteil: Im vergangenen Jahr reduzierten die USA, die ein Viertel des 7,3 Milliarden Dollar umfassenden Budgets für UN-Friedensmissionen tragen, ihre Zahlungen. Sie zwangen damit die Vereinten Nationen, den Etat für die 15 Einsätze erheblich zu kürzen.

Die Konsequenzen sind dramatisch. Eigentlich bräuchten die UN in Mali mehr Truppen, um auf die verschärfte Sicherheitslage in der Mitte des Landes zu reagieren. Doch weil das Geld knapp ist, lehnte das UN-Hauptquartier in New York die Forderung ab. Das stellte den Militärkommandeur der Mission in Bamako Mitte vorigen Jahres vor ein Dilemma. Er hätte Soldaten aus dem Norden abziehen können, um sie in Zentralmali zu stationieren. Dann wäre aber die Situation im Norden vollends außer Kontrolle geraten. Er entschied sich dafür, alles so zu belassen, und riskierte damit, dass sich die Lage in der Mitte weiter verschärft. Seitdem drängt er darauf, dass die UN das Mandat für den Mali-Einsatz an die veränderte Lage anpassen.

Seit Anfang 2018 wird in New York tatsächlich diskutiert, den Einsatzschwerpunkt der Minusma vom Norden in die Mitte Malis zu verlagern. Wie es heißt, soll im Laufe dieses Jahres eine Entscheidung getroffen werden. Möglich, dass die UN-Truppen dann Krieg führen müssen.

erschienen in Ausgabe 7 / 2019: Multilaterale Politik: Zank auf der Weltbühne

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