Die Hintermänner

Lokale Vermittler, sogenannte Stringer, verhelfen ausländischen Reportern in Afghanistan zu Kontakten mit den Taliban oder Regierungsmitgliedern, Interviews und spannenden Geschichten. Die Zuschauer und Leser erfahren jedoch nur selten etwas über diese Mitarbeiter, die für Recherchen oft sogar ihr Leben aufs Spiel setzen. Denn je gefährlicher es wird, desto mehr Geld können sie verdienen. Und der Informationsmarkt ist heiß umkämpft.

Anfang Juli im Konferenzraum der „New York Times“: Der Reporter David Rohde bemüht sich sichtlich, seinen afghanischen Mitarbeiter in den Mittelpunkt zu stellen. Tahir Ludin habe den Kidnappern gesagt, sie sollten lieber seinen eigenen Kopf abschlagen, als den  ausländischen Journalisten zu töten, berichtet der Amerikaner. Ludin sei „ein guter Muslim“, anders als die radikal-islamischen Entführer. Die beiden Männer sind gerade aus einer sieben Monate langen Geiselhaft im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet entkommen. Sie waren verschleppt worden, als sie einen Taliban-Kommandeur unweit von Kabul interviewen wollten.

Erst durch dieses Ereignis gerät ein Mann ins Blickfeld, der für die Leser der „New York Times“ bislang unsichtbar war: Rohdes Stringer. Ohne ihn hätte der Amerikaner einen großen Teil seiner mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Afghanistan-Berichte gar nicht schreiben können. Stringer sind lokale Vermittler, die für Journalisten Kontakte zu Interviewpartnern herstellen, als Übersetzer fungieren und zum Teil selbst Informationen beschaffen. Zugleich sind sie Sicherheitsberater für ortsunkundige ausländische Reporter, die oft nur für einige Tage einfliegen. Sie entscheiden, was geht und was nicht. Ludin zum Beispiel hatte den Taliban-Kommandeur, den Rohde in der unsicheren Provinz Logar interviewen wollte, vorher bereits fünfmal getroffen. Er verfügte über ein besonders gutes Netzwerk an Taliban-Kontakten. Das war sein wichtigstes Firmenkapital. Man ahnt das Dilemma, das sich aus der Beziehung zwischen Journalist und Stringer ergibt: Zwei Männer, die sich aus unterschiedlichen Motiven gemeinsam in Gefahr begeben. Je gefährlicher die Mission, desto mehr verdient der Stringer. Doch er riskiert dabei sein Leben. Für den Journalisten hingegen geht es vor allem um die Story und den guten Ruf.

Ein anderes Beispiel: Die französische Journalistin Claire Billet vom Fernsehsender France 24 begleitete die Taliban bei einem Angriff auf eine NATO-Patrouille, vermittelt von ihrem lokalen Kontaktmann. In einem Bericht für die Kabuler Zeitschrift „Scene“ beschreibt sie ihre Todesangst. „Mein Stringer blieb bei mir, damit er mich tragen konnte, wenn ich verletzt würde.“ Wie es ist, einen Menschen dafür zu bezahlen, dass er sich in tödliche Gefahr begibt, erwähnt sie nicht.

Autorin

Friederike Böge

ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

Längst nicht alle Stringer in Kabul würden einen solchen Auftrag annehmen: „Wenn meine Kunden Aufständische interviewen wollen, lade ich Taliban-Kommandeure nach Kabul oder an einen anderen sicheren Ort ein“, sagt Zia Ahmad Hidary. „Ich rate jedem Journalisten davon ab, in von Taliban kontrollierte Gebiete zu reisen.“ Dennoch, berichtet er, würden manche Reporter versuchen, ihn umzustimmen – mit Geld. Eine polnische Journalistin bot ihm zum Beispiel 500 Dollar pro Tag. Dafür muss ein afghanischer Lehrer ein halbes Jahr arbeiten. Hidary lehnte ab. „Wer“, fragt er, „versorgt meine Familie, wenn mir etwas zustößt?“ Während westliche Journalisten von ihren Arbeitgebern für den Ernstfall versichert werden, gilt das nicht für ihre Stringer. „Ich habe ihr gesagt: Wenn wir gekidnappt werden, wird deine Regierung oder deine Zeitung dich freikaufen. Ich werde sterben, und du wirst berühmt werden.“

So war es im März 2007, als der italienische Journalist Daniele Mastrogiacomo nach einer Entführung durch die Taliban frei kam, während sein afghanischer Kontaktmann Adschmal Nakschbandi geköpft wurde. Rom übte Druck auf die afghanische Regierung aus, so dass diese den Forderungen der Entführer nachgab und mehrere Taliban-Gefangene freiließ. Die Islamisten erkannten die Chance für einen Propaganda-Coup, töteten Nakschbandi und warfen Präsident Hamid Karsai vor, Ausländer besser zu schützen als das Leben der eigenen Bevölkerung. Der Plan ging auf. Viele Afghanen waren empört, vor allem Journalisten, von denen viele nebenbei als Stringer arbeiten.

Der Leiter des afghanischen Journalistenverbandes, Rahimullah Samander, beschrieb die Stimmung seiner Kollegen damals so: „Ausländische Reporter bringen uns in Gefahr, dann gehen sie nach Hause und lassen uns mit der unveränderten Situation zurück.“ Doch ist die Beziehung zwischen Journalisten und Stringern in Kriegsgebieten tatsächlich so ungleich? Wohl nicht zufällig empfing die „New York Times“ Ludin und Rohde nach ihrer Befreiung gemeinsam – offenbar um zu demonstrieren: Für uns sind beide Mitarbeiter gleich viel wert.

Die Afghanen sind dennoch stärker gefährdet, nicht nur von Seiten der Taliban. Gerade die Nähe zu den Aufständischen, die für ihre Arbeit wichtig ist, macht Stringer für Behörden und Sicherheitskräfte verdächtig. So wurde der Mitarbeiter der kanadischen Journalistin Mellissa Fung tagelang von der afghanischen Polizei festgehalten. Ein anderer wurde zehn Monate von der US-amerikanischen Armee in Haft gehalten. Der Kontaktmann Shukoor wurde während der Taliban-Herrschaft im Jahr 2000 von der Regierung verhaftet, während er mit einer amerikanischen Fotografin zusammenarbeitete. Nach zehn Tagen kam er frei. „Sie hat nie nachgefragt, was aus mir geworden ist“, sagt er und fordert: „Afghanisches Leben sollte genauso hoch bewertet werden wie amerikanisches.“

Der Filmemacher Ian Olds hat im Mai eine Dokumentation über Adschmal Nakschbandi vorgelegt, mit Material, das er vor dessen Tod aufgenommen hatte. In einer Szene  kommentiert der Stringer ungewollt das Verhältnis zu seinen Klienten: „Sie wissen gar nicht, was sie tun“, erzählt er einem anderen Afghanen, ohne zu ahnen, dass er gefilmt wird. Regisseur Olds deutet diesen Kommentar so: „All diese Journalisten kommen für ein paar Wochen oder Monate aus der Ferne hierher, und sie gehen enge Beziehungen mit ihren Kontaktleuten ein. Sie sagen Dinge wie ,Komm mich besuchen, ich kann dir helfen‘. Dann verlassen sie das Land und lassen häufig nie wieder von sich hören, während der Stringer inmitten einer Kampfzone zurückbleibt.“ Gleichzeitig betont Olds, dass die Kontaktleute ihre Risiken sehr genau abwägen und ihre eigenen Interessen im Blick haben. „Ihnen das abzusprechen, wäre unterschwelliger Rassismus“, sagt der Filmemacher in einem Interview mit der Internet-Zeitung „Huffington Post“. Stringer sind Unternehmer. Sie verkaufen Kontakte und arbeiten häufig eng mit Mietwagenfirmen zusammen. „Nakschbandi hatte sich auf die Taliban-Gebiete spezialisiert, um mehr zu verdienen“, sagt Hidary. „Er bat uns, unsere Kunden an ihn weiterzugeben, wenn wir selbst nicht in ein Gebiet reisen wollten.“

Hidary hat zwei Mitarbeiter, die er gerade in der Kunst der Vermittlung schult, um noch mehr Journalisten bedienen zu können. In seinem Mobiltelefon hat er die Nummern von bekannten Kriegsreportern und Korrespondenten der renommiertesten Zeitungen der Welt gespeichert. Amerikaner, Briten, Polen, Australier, Japaner. Die meisten Kunden wollen Termine mit hochrangigen Regierungsmitarbeitern, Taliban und Drogenhändlern. Englischsprachige Medien haben weniger Probleme. Minister und Aufständische kennen sie. Bei allen anderen muss Hidary Überzeugungsarbeit leisten und die Zeitungen seiner Kunden bisweilen etwas größer ankündigen, als sie sind.

Ein paar Tage vor einem Auftrag bekommt der Stringer eine Liste mit den gewünschten Gesprächspartnern. Nicht immer sind die Vorstellungen realistisch. Eine kanadische Journalistin wollte 19 Interviews in zwei Tagen führen, darunter Gouverneure, Polizeichefs und Minister. Andere Journalisten beauftragen Hidary mit Vorrecherchen: „Ermittle alle Kritikpunkte an den ausländischen Truppen in Uruzgan.“ Oder „Finde alle alle Schwachpunkte der Regierung Karsai“. Manchmal macht er auch selbst Filmaufnahmen oder führt Interviews, falls die gewünschte Region zu gefährlich für Ausländer ist.

Das Ziel, den Kunden zufriedenzustellen, gerät bisweilen mit der journalistischen Ethik in Konflikt. Für einen britischen Fotografen sollte ein Stringer – der nicht genannt werden möchte – arme Kabuler finden, die bereit waren, sich fotografieren zu lassen. Dabei half er ein wenig nach: Es sei möglich, dass nach dem Foto im Westen eine Spendenaktion für ihn gestartet werde, erklärte er dem Mann, der sich mit seinen Kindern in seiner Hütte abbilden ließ. „Kleine Lügen“, nennt der Stringer das. Das sei Teil seines Jobs.

Viele Kontaktleute sind wie Hidary ehemalige Englischlehrer. Dank ihrer Sprachkenntnisse wurden sie über Nacht zu Großverdienern. In den Tagen, nachdem die Taliban aus Kabul vertrieben worden waren, zogen hunderte Journalisten im Gefolge der Mudschaheddin in die Hauptstadt ein. Damals lag der Tagessatz bei 500 Dollar. Hidary wechselte noch am selben Tag seinen Beruf. Inzwischen liegen die Preise bei 100 bis 200 Dollar pro Tag innerhalb von Kabul. Außerhalb der Hauptstadt wird es erheblich teurer.

Aus den ehemaligen Übersetzern sind in den vergangenen Jahren Informationsbeschaffer geworden, denn die Gebiete, in denen sich Ausländer bewegen können, sind mit der Rückkehr der Taliban kontinuierlich geschrumpft. Immer öfter werden die Stringer allein losgeschickt, um Interviews zu machen und Bildmaterial zu produzieren. Medienexperten rechnen damit, dass die Bedeutung von Stringern weiter steigen wird, auch deshalb, weil die Medien mit sinkenden Einnahmen kämpfen. Stringer sind billiger als westliche Reporter.

Doch wie können Journalisten sichergehen, dass die beschafften Fakten nicht durch die Überzeugungen oder die politische Agenda ihrer Stringer gefärbt sind? Das gilt vor allem für ein Land wie Afghanistan, das ethnisch und ideologisch tief gespalten ist. Und dann stellt sich noch die Frage, ob die grimmigen Männer auf dem Video tatsächlich Taliban-Kommandeure sind und nicht verkleidete Geschäftspartner der Stringer in einem wachsenden Informationsmarkt.

 

erschienen in Ausgabe 9 / 2009: Medien: Die heiße Ware Information

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