Bösartiger Dinosaurier

Nordkorea scheint unberechenbar. Die Annäherungsversuche von US-Präsident Barack Obama wies der „geliebte Führer“ Kim Jong-Il zurück und startete stattdessen einen neuen Atomtest. Verschärfte Sanktionen nahm er in Kauf. Ein paar Monate später traf er sich mit Ex-Präsident Bill Clinton. Ist das ein Signal für eine Öffnung? Der Westen muss auf jede Art plötzlicher Veränderung gefasst sein, und falls das kommunistische Regime zusammenbricht, müssen China, Russland, die USA und Südkorea unbedingt an einem Strang ziehen.

Nordkorea hat Anfang August wieder einmal Schlagzeilen gemacht, und ausnahmsweise waren es gute Nachrichten. Mit seinem Überraschungsbesuch in Pjöngjang stahl der amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton seiner Frau Hillary die Schau, die als Außenministerin in Afrika unterwegs war. Zwar besitzt die Befreiung der beiden amerikanischen Journalistinnen, die  Bill Clinton erreichte, keine besondere politische Bedeutung, doch ermöglichte sie eine kurze, aber sehr wichtige politische Begegnung auf höchster Ebene. Clinton verbrachte drei Stunden mit dem „Geliebten Führer“ Kim Jong-Il, über dessen persönliches und politisches Wohlergehen seit seinem Schlaganfall vom vergangenen Jahr viel spekuliert wird.

Die Beziehungen zwischen den USA und der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK) waren zuvor nach einem verbalen Schlagabtausch zwischen Hillary Clinton und der nordkoreanischen Führung ziemlich angespannt. Das trägt nicht zur Problemlösung bei, aber Hillary Clintons Frustration ist verständlich. Bei allem, was man von Nordkorea gewöhnt ist, war sein Auftreten in jüngster Zeit über die Maßen provokativ und absonderlich.

Bekanntlich ist die Regierung von Barack Obama gewillt, auch mit den Gegnern der USA ins Gespräch zu kommen. Doch die DVRK dachte gar nicht daran, die ausgestreckte Hand zu ergreifen. Am 5. April schoss sie eine Langstreckenrakete ab, ein paar Wochen später folgte Nordkoreas zweiter Atomwaffentest. Den USA und dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) blieb nichts anderes übrig, als die Verstöße gegen bestehende Resolutionen zu verdammen und im Falle des Nukleartests auch zu sanktionieren. Die Verurteilung geschah einstimmig, obwohl Russland und China für mildere Maßnahmen plädierten, während Japan energisch auf schärfere Repressionen drang. Strategische Differenzen zwischen seinen Kontrahenten weiß Pjöngjang seit langem zu seinem Vorteil zu nutzen.

Die Ursachen für die jüngsten Entwicklungen wurzeln tief in der Geschichte Koreas. Das Land liegt auf einer kleinen, gebirgigen, aber dicht besiedelten Halbinsel in Nordostasien und ist eine ethnisch ungewöhnlich homogene Nation mit einer alten und bedeutenden Kultur. Doch gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war das „hermit kingdom“ (Einsiedler-Reich) im Niedergang begriffen. Es wurde zum Zankapfel zwischen den drei benachbarten Großmächten. Da Russland und China ebenfalls in den letzten Zügen lagen, gelang es dem durch die Meiji-Restauration erstarkten Japan, Korea an sich zu reißen und von 1910 an zu beherrschen.

Autor

Aidan Foster-Carter

ist Forschungs- beauftragter für Soziologie und Korea-Fragen an der Universität Leeds und arbeitet frei­beruflich als Berater, Autor und Verfasser von Radiobeiträgen zum Thema Korea.

Die brutale Kolonialherrschaft der Japaner endete 1945. Die USA und die Sowjetunion (UdSSR) hatten kein Konzept für die Zukunft Koreas und teilten es deshalb schon vor der Kapitulation der Japaner „vorläufig“ entlang des 38. Breitengrades. Diese Grenzziehung geschah vollkommen willkürlich und die schockierten Koreaner wurden nicht nach ihrer Meinung gefragt. Mit dem Kalten Krieg wurde die Teilung zementiert, und 1948 wurden zwei unabhängige Staaten proklamiert: Die Republik Korea (RK) im Süden und die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) im Norden. Dann fiel im Juni 1950 die koreanische Volksarmee im Süden ein. Die USA und ihre Verbündeten intervenierten im Rahmen eines UN-Mandats und schlugen sie bis fast an die chinesische Grenze zurück, worauf China auf der Seite Nordkoreas in den Krieg eintrat. Seoul wurde viermal erobert. Bis 1953 gab es vier Millionen Tote, aber am Verlauf der Grenze hatte sich fast nichts geändert. Seit 1953 sorgt ein Waffenstillstand für einen unsicheren Frieden. Ein Friedensvertrag wurde nie geschlossen, der Krieg ist also offiziell nicht beendet. Die beiden tief verfeindeten Hälften Koreas setzen derweil ihre Auseinandersetzung auf andere Weise fort.

Heute ist es schwer vorstellbar, doch kurz nach dem Krieg standen die Nordkoreaner besser da. Der jugendliche Führer Kim Il-sung führte eine Landreform durch und trieb die Gleichstellung der Geschlechter voran. Mindestens bis 1970 war der Norden wohlhabender als der Süden. Doch als die stalinistische Industrialisierung an ihre Grenzen stieß, widersetzte sich die DVRK jeder Reform. Seit den späten 1960er Jahren belastet ein aufgeblähter Militärapparat die Wirtschaft – die koreanische Volksarmee ist die fünftgrößte Armee der Welt. Der schlimmste Schlag traf die DVRK 1991, als die in Auflösung begriffene UdSSR plötzlich ihre Finanzhilfen einstellte. Zwar veröffentlicht Pjöngjang selten Statistiken, doch kann man davon ausgehen, dass das Nationaleinkommen in den 1990er Jahren um die Hälfte zurückging. Damals erlitten Industrie und Landwirtschaft, die auf Öl aus „befreundeten Staaten“ angewiesen waren, große Einbrüche.

Als Kim Il-sung 1994 starb, war aufgrund des extremen Personenkults aus dem Kommunismus praktisch wieder eine neo-feudalistische Monarchie geworden. Der Nachfolger, sein Sohn Kim Jong-Il, vollzog keinen Kurswechsel. Der „große Sprung zurück“ führte in den Jahren 1996 bis 1998 zu einer katastrophalen Hungersnot. Von 23 Millionen Nordkoreanern starben mindestens eine Million - vielleicht waren es auch drei Millionen. Seither bleibt das Land ständig vom Hunger bedroht. Doch dem „geliebten Führer“ lag gemäß seiner politischen Losung „Songun“ (Primat des Militärs) mehr daran, sein Land zu einem fernöstlichen Sparta auszubauen als für die Ernährung der Bevölkerung zu sorgen.

Nordkorea steuert offenbar auf eine letzte Krise zu. Es ist heute ein gescheiterter Staat. Sein veraltetes Wirtschaftsmodell führt in eine Sackgasse. Die endlosen militärisch organisierten Produktionsschlachten, in denen eine ausgehungerte und entkräftete Bevölkerung angetrieben wird, mit alten Maschinen und ohne neues Kapital mehr und schneller zu produzieren, sind ein grausames Betrugsmanöver. Doch selbst die halbherzigen Reformen von 2002 werden jetzt wieder zurückgenommen: Das bornierte Regime will die privaten Bauernmärkte zurückdrängen, von denen die Ernährung der Bevölkerung abhängt. Das Korea des 21. Jahrhunderts ist ein Atavismus: ein kleiner, bösartiger Saurier in einer Welt der Säugetiere. Kann es sich anpassen? Und wenn nicht, kann es dann überleben?

Vier Szenarien sind denkbar. Das ideale wäre die „weiche Landung“: Nordkorea besinnt sich endlich eines Besseren und entscheidet sich außenpolitisch für den Frieden und im Inneren für Reformen. Die internationale Gemeinschaft könnte aufatmen und würde das Land mit massiver finanzieller Unterstützung belohnen, so dass es zu Umstrukturierungen und Wirtschaftswachstum kommen könnte. Vom Standpunkt der Außenstehenden ist dies der einzig richtige Weg. Doch Nordkorea hat ihn bisher entschieden abgelehnt. Der Zusammenbruch des Kommunismus in der Sowjetunion und in Osteuropa hat Kim Jong-Il traumatisiert, und von dessen zähem Überleben in China lässt er sich nicht beeindrucken.

Sein Problem ist der Süden, der inzwischen so wohlhabend geworden ist, dass man von Korea als „einem Land auf zwei Planeten“ sprechen könnte. Das Pro-Kopf-Einkommen in Südkorea liegt siebzehnmal höher als im Norden. Kim Jong-Il muss also damit rechnen, dass jede Öffnung für sein System tödlich sein könnte. Wenn die Nordkoreaner sehen, wie sie unterdrückt und belogen werden, könnten sie rebellieren wie die Bevölkerung Rumäniens. Mit dieser Befürchtung könnte Kim Recht behalten.

Doch falls er denkt, Seoul wolle sich die DVRK im Rahmen einer Wiedervereinigung nach dem Modell Deutschlands einverleiben, täuscht er sich. Ganz im Gegenteil, die Perspektive einer Vereinigung – das zweite mögliche Szenario – ist für den Süden ein Alptraum. Aufgrund der deutschen Erfahrungen sehen die Südkoreaner den Norden lieber so lange wie möglich unabhängig. Die allmähliche Intensivierung der Kontakte wäre denkbar, eine vollständige Integration in näherer Zukunft jedoch nicht.

Auch Peking ist gegen eine von Südkorea ausgehende Vereinigung, denn dort stehen noch 28.000 amerikanische Soldaten, und außerdem würden noch mehr Flüchtlinge nach China strömen, wenn der Norden nach einem Kollaps der DVRK im Chaos versinken würde. China ist der wichtigste Handelspartner und Investor in Pjöngjang und damit sehr einflussreich, seit Südkoreas konservativer Präsident Lee Myung-bak die im vergangenen Jahrzehnt praktizierte Freundschaftsoffensive gegenüber dem Norden aufgegeben hat.

Das dritte Szenario – die Beibehaltung des Status quo – ist zwar nicht wünschenswert, aber denkbar. Bislang ist Nordkorea als Krisengebiet immer noch von sekundärer Bedeutung. Die Eindämmungspolitik, die auch Südkorea eine gesunde Entwicklung ermöglicht, funktioniert seit einem halben Jahrhundert, und der islamistische Terror ist für die USA eine viel stärkere Bedrohung. Die aggressive Bettelei der Nordkoreaner, die immer wieder dafür bezahlt werden müssen, dass sie aufhören sich schlecht zu benehmen, ist gewiss recht lästig. Aber sie kostet relativ wenig und ist der vierten Option – einem zweiten Koreakrieg – bei weitem vorzuziehen. Damit würde die DVRK ausgelöscht, aber vorher würde sie einen großen Teil von Südkorea in Schutt und Asche legen.

Wenn sie diese verschiedenen Möglichkeiten abwägen, bleibt Pjöngjangs Kontrahenten wenig anderes übrig als die Zähne zusammenzubeißen und sich weiterhin um Kompromisse zu bemühen. Dabei wird es immer Meinungsverschiedenheiten darüber geben, in welchem Verhältnis Zuckerbrot und Peitsche zum Einsatz kommen sollen, aber genau genommen haben beide bisher nicht viel bewirkt.

Zur Zeit haben Nordkorea und die übrige Welt ein zusätzliches Problem: Der Tod des schwer kranken Kim Jong-Il steht bevor. Er hat sich nach langem Überlegen anscheinend für seinen dritten und jüngsten Sohn als Nachfolger entschieden, den unerfahrenen Kim Jong-un; bisher gibt es allerdings keine offizielle Bestätigung aus Pjöngjang. Die Regelung der Nachfolge ist schon seit jeher die Achillesferse jeder Diktatur. Kim Jong-un ist ein vollkommen unbeschriebenes Blatt. Wird das nordkoreanische Establishment ihm seine Zukunft anvertrauen, oder wird es zu einem Machtkampf oder gar zu einem Militärputsch kommen? Vorerst ist von einer Opposition nichts zu bemerken, und wenn sie offen aufträte, wäre das für die Beteiligten tödlich; wer in Ungnade fällt, wird in der Regel entmachtet oder gar hingerichtet.

In jüngerer Zeit ist nur eine einzige Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftsfachleuten bekanntgeworden, bei der alle Beteiligten nur vorsichtig verschlüsselte Andeutungen machten. Dabei ging es darum, ob wirtschaftliches Wachstum die Voraussetzung für militärische Schlagkraft ist oder umgekehrt. Die Falken setzten sich durch, und der als Reformer bekannte Ministerpräsident Pak Pong-ju wurde 2007 abgesetzt. Andererseits streiten sich Armee, Partei und Kabinett um die richtige Strategie und darum, wer von ihnen sich den stärksten Einfluss und die größten materiellen Vorteile sichern kann. Die Technokraten wissen nur zu gut, dass die Zeit des Regimes abgelaufen ist, sie wagen es nur nicht offen auszusprechen. Der Zusammenhalt der Nomenklatura ist also nicht besonders tragfähig, und unter dem Druck der Ereignisse könnte es geschehen, dass er auseinanderbricht.

Zwar ist schwer vorstellbar, dass sich Nordkoreas leidgeprüfte Bevölkerung endlich zu Wort meldet. Sie ist seit langem völlig mundtot gemacht. Aber auf lokaler Ebene gibt es offenbar Proteste von Marktfrauen und anderen Gruppen, und demnach scheint der Würgegriff des Regimes sich zu lockern. Trotz aller Unterschiede trifft auch hier zu, was in Osteuropa zu beobachten war: dass auch stabil erscheinende erstarrte Systeme ganz plötzlich zusammenbrechen können.

Nordkorea steht vor gewaltigen Problemen. Es ist weiterhin dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen, vor allem auf Lebensmittel und Medikamente. Doch in diesen schwierigen Zeiten ist es für das Welternährungsprogramm und andere Institutionen der Vereinten Nationen nicht leicht, für einen Staat Geld aufzutreiben, der dieses Jahr verschiedene amerikanische Organisationen, die Lebensmittel verteilen wollten, des Landes verwiesen hat.

Auf diplomatischer Ebene zeigt die Geschichte der beiden Clintons das grundlegende Dilemma. Auch wenn die USA und die UN ihre Sanktionen verschärfen, muss man gleichzeitig die Augen offen halten für die Möglichkeit, dass Kim Jong-Il doch noch eine Kehrtwendung im Stile Gaddafis vollführt und auf seine Massenvernichtungswaffen verzichtet – falls es ihm gelingt, die Falken im eigenen Militärapparat zu überzeugen oder zu übertölpeln. Aber vielleicht ist das auch nur Wunschdenken, und Kim hat auf Zeit gespielt nach dem Prinzip: nach mir die Sintflut. In diesem Fall muss man auf jede Art plötzlicher Veränderung gefasst sein. Anders als vor einem Jahrhundert müssen unbedingt alle Weltmächte an einem Strang ziehen. Die USA und Südkorea halten Notfallpläne für den Fall eines Zusammenbruchs der DVRK bereit, und unabhängig von ihnen tut das auch China. Lange bevor Korea geeint werden kann, sollten sich diese Länder im Stillen auf ein gemeinsames Vorgehen einigen.

Aus dem Englischen von Anna Latz.

 

erschienen in Ausgabe 9 / 2009: Medien: Die heiße Ware Information