Saudi-Arabien
Die zentrale Moschee in Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens. Das afrikanische Land gehört zu den am wenigsten entwickelten ­Ländern; den Bau der prächtigen Moschee hat Saudi-Arabien finanziert.  
Saudi-Arabien

Das Königshaus mit neuer Mission

In Saudi-Arabien ist der Wahhabismus Staatsreligion. Lange half der Staat, die strenge Form des sunnitischen Islam im Ausland zu verbreiten. Nun will er mehr Kontrolle über die Lehren und das Geld der Geistlichen.

Als sich dieses Jahr Muslime auf der ganzen Welt auf das Fasten im Monat Ramadan vorbereiteten, kündigte Saudi-Arabien an, 70 Imame als Vorbeter und Prediger in 35 Länder zu schicken. Laut saudischen Medien überwachte der saudische Minister für Islamische Angelegenheiten, Missionstätigkeit und Rechtweisung, Abdullatif Al-Sheikh, das Programm selbst. Es zielte offiziell darauf ab, für „die islamischen Werte der Mäßigung und Toleranz zu werben“ und „sämtlichen Spielarten von Extremismus und Terrorismus eine Absage zu erteilen“.

Diese Botschaft macht deutlich, welchen Charakter und welches Ziel die staatlich unterstützte Missionstätigkeit unter der Herrschaft von Mohammed bin Salman hat, der seit 2017 Kronprinz ist: Er hat versprochen, Extremismus zu bekämpfen und sein Land zu religiöser Mäßigung zurückzuführen. Zugleich wird die religiöse Missionstätigkeit zunehmend zentralisiert, wobei die saudische Regierung die Fäden fest in der Hand hält.

Die Verbindung zwischen der saudischen Außenpolitik und der Missionstätigkeit ist nicht neu. Seit der Gründung Saudi-Arabiens in den 1930er-Jahren hat der Staat jene sunnitische Bewegung gefördert und zum Bestandteil seiner politischen Identität gemacht, die Außenstehende als Wahhabismus kennen. In dessen frühen Tagen Mitte des 18. Jahrhunderts war diese streng orthodoxe Bewegung überwiegend auf sich selbst bezogen und fiel vor allem durch eine sektiererische Ausrichtung auf. Sie betrachtete sowohl schiitische Muslime wie sunnitische Glaubensgenossen, die dem Sufismus (einer volksnahen, stark spirituellen Glaubensströmung) zuneigten, als Abweichler oder sogar als Ungläubige. Von ihnen versuchten Wahhabiten entweder, sich abzuschotten oder sie – je nach Möglichkeit – zu bekämpfen; Gewalt gegen sie galt als gerechtfertigt.

Hand in Hand für Religion und Staat: Kronprinz Mohammed bin Salman (rechts) und der oberste Religionsgelehrte Saudi-Arabiens, Großmufti Scheich Abdulaziz al-Sheikh. Bandar Algaloud/Courtesy of Saudi Royal Court/Handout via Reuters
Die globale saudische Missionstätigkeit entstand erst viel später im Wechselspiel mit politischen Entwicklungen und mit anderen religiösen Strömungen, besonders den Muslimbrüdern. Die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft hatte in den 1960er­­- Jahren Millionen Muslime dazu gebracht, sich als globale Gemeinschaft zu verstehen – eine Identität, die stark von ihrer Sicht auf die kolonialen und postkolonialen Erfahrungen der Region geprägt war. Aktivisten, die der Muslimbruderschaft nahestanden, wurden in Ägypten und anderen Staaten des Nahen Ostens von säkular und nationalistisch gesinnten Regierungen verfolgt, die mit der Sowjetunion verbündet waren. Sie fanden Zuflucht in Saudi-Arabien. Dort bot man ihnen Schlüsselposten in Bildungseinrichtungen und einer wachsenden Zahl religiöser Organisationen an. Das trug dazu bei, die wahhabitische Theologie mit dem Aktivismus der Bruderschaft und mit dessen weltumspannender Vision zu verschmelzen. Das Ergebnis war ein Netz an Organisationen, das mit Erdöleinnahmen Saudi-Arabiens finanziert wurde.

Der Antrieb waren aber nicht nur religiöse Impulse, sondern auch die regionale Polarisierung des Nahen Ostens während des Kalten Krieges. In den 1960er-Jahren wurde die saudische Missionstätigkeit vor allem befeuert von der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem damals sozialistischen Ägypten sowie vom Ziel, der Verbreitung sozialistischen Gedankenguts unter Muslimen etwas entgegenzusetzen. 1979 löste dann die Islamische Revolution im Iran im saudischen Königshaus die neue Sorge aus, revolutionäre Ideen aus dem schiitischen Iran könnten um sich greifen. Die Rivalität mit dem Iran um die Vormachtstellung in der muslimischen Welt trat in den Vordergrund; nach dem Einmarsch der USA im Irak 2003, der ideale Bedingungen für eine Ausweitung des iranischen Einflusses in der Region schuf, wuchs die Angst hiervor weiter.

Gehorsam gegenüber dem Herrscher

In den 1990er-Jahren war der Aufstieg der islamistischen Opposition in Saudi-Arabien ein Grund, wahhabitische Gruppen zu fördern, die als zentrales Element ihrer Lehre Gehorsam gegenüber dem Herrscher predigen. Und mit dem Arabischen Frühling 2011 galten islamistische politische Parteien, die aus der Muslimbruderschaft hervorgegangen waren, als größte Bedrohung des politischen Status quo. In all diesen Fällen diente der Wahhabismus dazu, die saudische Herrschaft im Land zu legitimieren und ihr Ansehen in der muslimischen Welt zu steigern. Er wurde im Laufe der Zeit herangezogen, um der Verbreitung des Sozialismus im Nahen Osten, dem Aufstieg des revolutionären Schiitentums oder islamistischen Strömungen etwas entgegenzusetzen.

Autor

Besnik Sinani

ist Doktorand an der Berliner Graduiertenschule „Muslimische Kulturen und Gesellschaften“ der Freien Univer­si­tät Berlin. Er forscht vor allem zum Sufismus im zeitgenössischen Saudi-Arabien, wo er mehr als fünf Jahre gearbeitet hat.
Die wahhabitische Missionstätigkeit zielt überwiegend auf andere muslimische Gemeinschaften. Sie hat für Angriffe auf andere Ausprägungen des Islam an verschiedenen Orten der Welt eine wichtige Rolle gespielt. Farah Pandith, die erste amerikanische Diplomatin, die zur Sonderbeauftragten für muslimische Gemeinschaften weltweit ernannt wurde und während ihrer Amtszeit mehr als 80 Länder besuchte, schrieb 2015 in der „New York Times“: „An jedem Ort, den ich besucht habe, war der Einfluss der Wahhabiten unterschwellig präsent … Er ersetzte historisch gewachsene, lebendige Formen islamischer Glaubenspraxis und zog Menschen an, die entweder dafür bezahlt wurden, den Regeln der Wahhabiten zu folgen, oder zu selbsterklärten Hütern ihrer Weltsicht wurden. Finanziert wurde all das mit saudischem Geld, etwa für Lehrbücher, Moscheen, Fernsehsender und die Ausbildung der Imame.“

Amerikanisch-saudische Kooperation

Den ideologischen Charakter dieser Mission hat Kronprinz Mohammed bin Salman in einem Interview mit der „Washington Post” 2017 selbst betont. Dort behauptet er, der Export des Wahhabismus aus Saudi-Arabien sei auf Geheiß der Vereinigten Staaten von Amerika erfolgt, um auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges den sowjetischen Einfluss einzudämmen. Das bekannteste Beispiel für eine amerikanisch-saudische Kooperation, die Wahhabiten einbezog, ist wohl die Unterstützung für den Widerstand gegen die sowjetische Invasion in Afghanistan nach 1980. Später, nach dem Ende des Kommunismus, dem Zerfall der Sowjetunion und den Balkankriegen, folgten wahhabitische Organisationen den Einfallschneisen, die die amerikanische Politik in diesen Regionen geschlagen hatte.

Im selben Interview gab der Kronprinz zu, dass es notwendig sei, das lose Netz der von der saudischen Regierung mitfinanzierten missionarischen Organisationen zu kontrollieren. Dies zeigt die Sorge der Saudis über wachsende internationale Bedenken: Indem das Land die Verbreitung des Wahhabismus fördere, leiste es Ideen Vorschub, die Gewalt und Ex­tremismus nach sich ziehen. Vor allem seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA sind Befürchtungen gewachsen, der Wahhabismus lehre Intoleranz gegenüber Andersgläubigen und gegenüber Muslimen anderer theologischer Schulen. Nicht zuletzt saudische Lehrbücher wurden kritisiert, die dank der Netzwerke missionarischer Organisationen auch außerhalb des Königreichs großen Einfluss haben. Dass der sogenannte Islamische Staat saudische Lehrbücher auf von ihm erobertem Territorium nutzte, diente als dramatischster Beleg für den problematischen Charakter dieser Texte.

Nach der iranischen Revolution demonstrieren im März 1979 in Teheran Anhänger von Ayatollah Khomeini. Der Umsturz löst im saudischen Königshaus Angst vor Nachahmern aus. Christine Spengler/Sygma via Getty Images
Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts hat das religiöse Establishment Saudi-Arabiens einen gewissen Grad an Autonomie genossen und selbstständig über einen guten Teil seiner Außentätigkeit und Mittelverteilung entschieden. Seit den Anschlägen vom 11. September hat die saudische Regierung jedoch schrittweise umgesteuert in Richtung auf mehr Kontrolle über den religiösen Diskurs und die Finanzierung der Organisationen. Mit dem Amtsantritt des Kronprinzen hat sich dieser Trend beschleunigt. Er trifft nicht nur die religiösen Institutionen; auch private Spender werden bei der Wahl ihrer Zuwendungen kontinuierlich eingeschränkt.

Kontrolle der Regierung über die Religion

Damit einhergehend werden Religionsbeamte ernannt, die die Eindämmung des politischen Aktivismus unterstützen, aber auch Konservative, die die staatlich geförderte Modernisierung ablehnen. Beide haben bisher gleichermaßen mehr Kontrolle der Regierung über die Religion befürwortet. Als zum Beispiel Abdullatif Al-Sheikh, ein Nachfahre des Gründers der wahhabitischen Lehre, im Sommer 2018 zum Minister für Islamische Angelegenheiten ernannt wurde, nachdem er drei Jahre Chef der religiösen Polizei (Haia) gewesen war, da erklärten saudische Medien es zu seiner größten Leistung als Polizeichef, dass er „extremen Willkürakten mancher Haia-Mitglieder ein Ende gesetzt“ habe.

Jüngst ist die Islamische Weltliga – offiziell eine internationale nichtstaatliche Organisation mit dem Ziel, islamische Solidarität zu fördern – zu einem entscheidenden Baustein der religiösen Diplomatie Saudi-Arabiens geworden. Der Generalsekretär der Organisation, Muhammad al-Issa, gilt als liberaler Religionsgelehrter. 2016 wurde er zum Mitglied des Rats der Höchsten Religionsgelehrten ernannt, das ist das höchste religiöse Gremium Saudi-Arabiens. Er wurde vor allem dadurch bekannt, dass er im Auftrag der saudischen Regierung Beziehungen zu Repräsentanten von Judentum und Christentum knüpfte. Er geht auch auf nicht wahhabitische muslimische Gelehrte zu, vor allem jene, die während des Arabischen Frühlings gegen die revolutionären Erhebungen gepredigt hatten. Initiativen mit dem Ziel, die Beziehungen zu Judentum und Christentum zu verbessern, haben bisher aber keine vergleichbaren Schritte gegenüber Schiiten oder sunnitischen Sufis nach sich gezogen. Weder zu Hause noch im Ausland wurden Brücken zu ihnen gebaut.

Weltumspannendes Netzwerk von Imamen

Kritik von außen richtet sich häufig gegen die Islamische Universität von Medina, denn sie gilt als wichtigste wahhabitische Einrichtung für die Ausbildung nicht saudischer Imame. Mittels Stipendien für diese Universität hat Saudi-Arabien ein weltumspannendes Netzwerk solcher Imame aufgebaut, von denen viele in den Verbund der von Saudi-Arabien finanzierten Missionsorganisationen und Moscheen eingebunden sind. Die Lehren der Universität waren jedoch stets einem Wandel unterworfen; dabei sind Strömungen oder Gelehrte hervorgetreten, die beauftragt waren, politische Belange der königlichen Familie aufzugreifen. Studenten der Universität Medina, die aus Südafrika, den USA, der EU und dem Balkan stammten, haben mir gegenüber im Frühjahr 2018 in Saudi-Arabien betont, die Zahl der Stipendien für ausländische Studenten sei drastisch zurückgegangen. Auch schlage sich die neue Politik unter Mohammed bin Salman in der Lehre der Universität nieder.

Die religiöse Ausrichtung Saudi-Arabiens ist im Wandel begriffen. Ein Fokus der künftigen saudischen Missionstätigkeit wird sein, religiös motivierte politische Bewegungen, die die Rechtmäßigkeit der Regierung Saudi-Arabiens oder anderer Regime des Mittleren Ostens anzweifeln, zu delegitimieren und zu verdammen. Ebenso bedeutend wird das Auftreten gegen die Schia sein. Wie schon in der Vergangenheit wird die saudisch-wahhabitische Missionstätigkeit die politischen Prioritäten des saudi-­arabischen Staates widerspiegeln – vor allem sein Bemühen, Saudi-Arabien als religiös gemäßigten, aber einflussreichen Spieler auf der internationalen Bühne erscheinen lassen.

Das Beispiel der religiösen Lehrbücher zeigt, dass sich Saudi-Arabien mit den Widersprüchen auseinandersetzen muss zwischen seinem wahhabitischen Vermächtnis und der neuen Rolle, die es nun spielen möchte. Dem jüngsten Wandel zum Trotz bleiben der religiöse Diskurs der offiziellen Prediger und Gelehrten sowie die Lehrinhalte der saudischen Universitäten hochgradig sektiererisch. Dies nährt Befürchtungen, dass die Religionsfreiheit nicht wahhabitischer Muslime in Saudi-Arabien verletzt wird und das Land Sektierertum exportiert.

Der eingangs erwähnte Bericht, dass das saudische Ministerium für Religiöse Angelegenheiten 70 Imame ins Ausland geschickt habe, um die Botschaft der Mäßigung zu verbreiten, zeigt auch: Die Inhalte religiöser Diskurse stehen verstärkt unter Kontrolle. Der Wahhabismus ist aber während des 20. Jahrhunderts nicht nur wegen seiner finanziellen Mittel für viele Muslime attraktiv geworden, sondern auch weil er einen Islam predigte, der ohne Gelehrte oder Heilige als Vermittler auskommt. Es bleibt daher die Frage, wie attraktiv der Wahhabismus noch sein wird, wenn der saudische Staat ihn bis ins Detail geregelt hat und als sein Schirmherr auftritt.

Aus dem Englischen von Julia Lauer.

erschienen in Ausgabe 9 / 2019: Mission und Macht

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