Lokale Selbsthilfe
Schwarze als Hilfsobjekte, Weiße als strahlende Retter in der Not: Gegen dieses Abziehbild formiert sich in Afrika immer mehr Widerstand (Archivbild).
Lokale Selbsthilfe

„Keine weißen Retter“

Der weiße Helfer im Landrover ist überholt, finden immer mehr Afrikaner. Sie fordern, ihre eigene Rolle bei der Hilfe anzuerkennen. Dafür finden sie zunehmend Unterstützer. Doch finanziell ändert sich noch kaum etwas.

Eine Hilfsaktion für die britische BBC wurde der Fernsehmoderatorin Stacey Dooley zum medialen Verhängnis: Bei einem Besuch in Uganda posierte sie mit Baby auf dem Arm und postete das Bild auf Instagram. Damit trat sie einen Shitstorm los. "Man geht zu den ärmsten, den wirklich allerärmsten Menschen bei uns und tut so, als wäre das Afrika", protestierte die Uganderin Olivia Alaso. Wer helfen wolle, solle doch zunächst einmal die Ugander fragen, welche Hilfe sie sich wünschten. "Dann wird sie auch sehr geschätzt werden."

Schwarze als Hilfsobjekte, Weiße als strahlende Retter in der Not: Gegen dieses Abziehbild formiert sich in Afrika immer mehr Widerstand. Und Alaso führt ihn im Netz mit dem Hashtag #NoWhiteSaviors - keine weißen Retter - an. Dabei haben weder sie noch ihre (weiße) Mitstreiterin Kelsey Nielsen etwas gegen die Ausländer, wie sie betonen, sondern gegen den Mythos des weißen Retters. Die aus den USA stammende Nielsen war selbst eine von denen, die glaubte, Afrika retten zu können. Mit 23 leitete sie ihre eigene Hilfsorganisation und stellte Alaso ein. Verrückt, sagt sie heute.

Ausmaß schlechter Entwicklungshilfe nicht unterschätzen

"Da gibt es diese Gruppe vor allem junger, weißer Frauen, die voll motiviert sind und es wirklich gut meinen", erklärte sie im Podcast "Tiny Spark" ein Extrem der vermeintlichen Hilfe. "Aber sie haben auch eine irre Überzeugung von dem, wozu sie angeblich berechtigt und fähig sind: Probleme auf der anderen Seite der Welt zu bewältigen, deren Lösung man uns zu Hause niemals anvertrauen würde." Heute wisse sie: Der Grund, warum sie der Boss und Alaso die Angestellte war, war ihre Hautfarbe und das damit verbundene Privileg.

Das Ausmaß schlechter Entwicklungshilfe könne nicht unterschätzt werden, glaubt auch Tobias Denskus, der an der Universität Malmö Entwicklungs-Kommunikation unterrichtet. Dass sich nach Jahrzehnten erfolgloser Hilfsrezepte aus dem Ausland Frust aufbaue, versteht er.

"Solidarität und Hilfe werden immer demokratischer"

Aus dem Frust Konsequenzen gezogen hat Oxfam. Vor drei Jahren kündigte die Organisation an, mit ihrem internationalen Sekretariat nach Nairobi in Kenia zu ziehen. Dabei gehe es um eine interne Machtverlagerung, betont Marion Lieser, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der deutschen Sektion von Oxfam. "Die drückt sich darin aus, dass es immer mehr Oxfam-Organisationen im Süden gibt." Die Idee: Starke Organisationen in den Empfängerländern bestimmen mit, wofür Spenden ausgegeben werden.

Heba Aly sieht darin einen Trend. Die Direktorin des Informationsdienstes "The New Humanitarian" beobachtet einen unaufhaltbaren Wandel in der einst von weißen Männern dominierten Entwicklungszusammenarbeit. "Solidarität und Hilfe werden immer demokratischer: Am wichtigsten sind diejenigen, die selber Opfer einer Krise sind, sie sind die ersten Helfer." Nicht Leute in weißen Landrovern, sondern lokale Organisationen hätten die richtigen Antworten. "Das ist nicht neu, aber wird jetzt endlich anerkannt."

Einheimische Helfer verdienen weniger

Das Lob für lokale Helfer schlägt sich bis heute nicht monetär nieder. Ausländer verdienen mit einem Job in der Entwicklungshilfe bis zu neun Mal mehr als Kollegen aus der Region - bei gleicher Qualifikation. Extras wie Schulgeld oder Wohnungszulage sind da nicht einmal mitgerechnet. Das hat eine Studie im Auftrag des britischen Wirtschafts- und Sozialforschungsrats vor drei Jahren ergeben. Und die Studie sagt auch: Einheimische Helfer empfinden diese Ungerechtigkeit als eines der größten Probleme am Arbeitsplatz.

Dabei werden die lokalen Helfer gebraucht. Immer neue Krisen, dazu eine Vielzahl von scheinbar unlösbaren Dauerkonflikten hat die Not explodieren lassen. Nach UN-Angaben waren 2018 mehr als 135 Millionen Menschen weltweit auf Hilfe angewiesen. "Die lokalen Gruppen sind die, die die Risiken auf sich nehmen", weiß Ramesh Rajasingham von der UN-Nothilfekoordination. "Hunderte von ihnen sind bei dieser Arbeit getötet worden." Das ist ein Nachteil der Lokalisierung von Hilfe: Die, die besonders schlecht geschützt sind, machen oft die gefährlichste Arbeit.

"Keine weißen Retter" bedeutet in der Entwicklungszusammenarbeit vor allem einen umfangreichen Kulturwandel. Olivia Alaso und Kelsey Nielsen von "NoWhiteSaviors" wollen es deshalb nicht bei der Kritik belassen. Sie haben eine eigene Hilfsorganisation gegründet, die ugandische Initiativen bündeln und stärken soll. Und natürlich wollen sie unbequem bleiben.

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