Herr Rachel, Sie müssen mit deutlich weniger Mitteln und Personal auskommen als Ihr Vorgänger. Welche Prioritäten setzen Sie?
Ich möchte zuallererst den Menschen eine Stimme geben, die wegen ihres Glaubens diskriminiert, verfolgt oder ins Gefängnis geworfen werden. Deren Anzahl nimmt leider zu, weil auch die Zahl autoritärer Regime zunimmt.
Fragen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit spielen in der deutschen Öffentlichkeit keine große Rolle. Wie erklären Sie, dass die Bundesregierung dafür ein eigenes Amt geschaffen hat?
Ich mache Politik für Menschen: Für eben 80 Prozent der Menschen auf dieser Welt ist Religion ein zentrales Thema, das viel mit ihrer Identität zu tun hat. Glaube und Religion sind für viele Menschen sinnstiftend und bieten Orientierung für eigenes Handeln. Mir ist auch wichtig, ein Bewusstsein für die hohe Bedeutung von Religion in der Außenpolitik zu schaffen. Gerade religiöse Akteure reichen weit in die Gesellschaften hinein und verfügen oftmals über bessere Zugänge zu den Menschen als staatliche Stellen.
Religionsfreiheit in Deutschland zu betrachten, gehört nicht zu Ihrem Auftrag. Aber Sie wollen das Bewusstsein für ein universelles Menschenrecht in einer Gesellschaft schärfen, in der Religion als Privatsache gilt. Wie geht das?
Religion ist doch nicht aus der Öffentlichkeit verschwunden. Kirchen, Synagogen und Moscheen spielen in Deutschland und auch in Europa nach wie vor eine wichtige Rolle. Sie sind aus unserer Gesellschaft nicht wegzudenken. Und ganz nebenbei: Wir genießen hierzulande einen sehr hohen Schutz der Religionsfreiheit.
Aber gerade weil das bei uns selbstverständlich ist, rückt dieses Recht oft in den Hintergrund. Wie erklären Sie, dass Religionsfreiheit alle etwas angeht?
Eine werteorientierte Außenpolitik, die den einzelnen Menschen ernstnimmt, muss auch seine Religion und Weltanschauung ernstnehmen. Außerdem ist die Religionsfreiheit kein abstraktes Prinzip, sondern kann eine Frage von Leben und Tod sein. Wenn beispielsweise gezielt Menschen in Gotteshäusern angegriffen werden. Unabhängig davon ist Religionsfreiheit ein Indikator für die Wahrung der Menschenrechte: In Ländern, in denen sie eingeschränkt wird, sind recht schnell auch andere Menschenrechte gefährdet wie die Meinungs-, Versammlungs- und Pressefreiheit.
Ihr Vorgänger hat als einer der ersten das Augenmerk auf die Religionsfreiheit von Indigenen gelegt und deutlich gemacht, dass diese im Kampf um Rohstoffe oft schwer verletzt wird. Werden Sie an dem Thema dranbleiben?
Die Religionsfreiheit Indigener ist und bleibt ein wichtiges Thema. Ich war vor kurzem in Mexiko und habe mit Vertretern von Indigenen Gruppen gesprochen. Der Abgeordnete Emilio Ramón Ramírez Guzmán, der selbst einer indigenen Gruppe in Chiapas angehört, hat mir eindrücklich geschildert, wie ihre Rechte und Traditionen unter Druck geraten.
Gerade bei dem Thema zeigt sich, wie schnell ein Menschenrecht mit Wirtschaftsinteressen kollidieren kann. Wenn die eigene Spiritualität mit Land verbunden ist, das andere ausbeuten wollen, wird Religionsfreiheit oft hintangestellt. Wie gehen Sie damit um?
Auch in anderen Kontexten gibt es kontroverse Interessen. Nehmen Sie nur das Beispiel China und die Lage der muslimischen Uiguren. Da gibt es ganz unterschiedliche Interessen, die miteinander kollidieren. Wichtig ist, dass wir die Dinge dennoch öffentlich machen. Das kann in den Regierungen vor Ort für Nervosität sorgen. Das Schlimmste aber, was Menschen passieren kann, die wegen ihres Glaubens oder ihrer Weltanschauung verfolgt werden, ist, dass keiner ihr Schicksal zur Kenntnis nimmt und sie allein gelassen werden. Außerdem neige ich nicht zu Pessimismus. Manchmal fangen Verbesserungen im Kleinen an. Als ich jetzt zum Beispiel in Mexiko war, habe ich mich mit dem Interreligiösen Rat getroffen und dafür geworben, auch Vertreterinnen und Vertreter der Indigenen mit aufzunehmen.
Christenverfolgung ist ein weltweites Phänomen, aber nur ein Teilbereich der Religionsfreiheit. In den Medien und der Politik bekommt der wesentlich mehr Aufmerksamkeit als das Menschenrecht der Religionsfreiheit insgesamt. Wie erklären Sie das?
Christen sind ohne Zweifel in zahlreichen Ländern vielfältiger Unterdrückung ausgesetzt. Von Nicaragua über den Iran bis nach Nordkorea werden sie aufgrund ihres Glaubens vom Staat schikaniert, gezielt verfolgt oder willkürlich verhaftet. Mein Einsatz gilt diesen Menschen sowie allen anderen, die wegen ihrer Religion und Weltanschauung verfolgt werden. Ich finde es wichtig, wenn sich Christen nicht nur für verfolgte Christen einsetzen, sondern auch für verfolgte Menschen anderer Religionen.
Wie begründen Sie das?
Mit dem christlichen Menschenbild, das davon ausgeht, dass jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde. Jeder und jede hat die gleiche Würde. Auch auf dieser Grundannahme fußt das Recht auf Religionsfreiheit.
Was wollen Sie am Ende Ihrer Amtszeit erreicht haben?
Ich möchte bewirken, dass die Dimension von Religion in der Außenpolitik Deutschlands wieder stärker mitgedacht wird. Das war bei der vorherigen Koalition nicht der Fall. Außerdem soll das staatliche wie auch das zivile Engagement für Religionsfreiheit gestärkt werden, damit mehr Menschen ihre Religion und Weltanschauung frei ausleben können. Leider erleben viele Menschen derzeit einen gegenläufigen Trend. Deswegen ist mir wichtig, das öffentliche Bewusstsein für Religions- und Weltanschauungsfreiheit zu erhöhen, damit wir gemeinschaftlich diesem Trend entgegenwirken können.
Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck.
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