Nothilfe
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Afrikanische Hilfe für afrikanische Not?

Die Afrikanische Union gründet eine eigene Agentur für humanitäre Hilfe. Richtig so, findet Oheneba Boateng.

Oheneba Boateng ist Politikwissenschaftler und forscht derzeit am Global Public Policy Institute (GPPi) in Berlin. privat
Herr Boateng, im Oktober will die Afrikanische Union (AU) eine eigene Nothilfe-Organisation gründen, die African Humanitarian Agency (AfHA). Was ist ihre Aufgabe?
Sie soll die gesamte Nothilfe koordinieren, die in afrikanischen Ländern verteilt wird. Das heißt, sie ermittelt bei Naturkatastrophen oder Hungersnöten den Bedarf und überwacht die Verteilung. Sie soll also das tun, was heute die UN und internationale Hilfsorganisationen machen.

Was kann eine afrikanische Organisation besser als die internationalen Helfer?
Es geht nicht um besser oder schlechter. Sondern darum, dass die Afrikaner die humanitäre Hilfe auf ihrem Kontinent in die Hand nehmen. 65 bis 70 Prozent der globalen Nothilfe fließen in afrikanische Länder, aber die Verteilung dort kontrollieren internationale Organisationen. Das gibt ihnen Macht über die Hilfsempfänger. Dieses Ungleichgewicht ist auch die Ursache für viele Probleme wie die fehlende Beteiligung lokaler Organisationen.  

Wenn die AfHA mehr Einfluss haben will, müssen internationale Organisationen Platz machen. Wie will man sie dazu bringen?
Viele internationale Helfer sagen, dass sie afrikanische Lösungen unterstützen. Aber zugleich ist die Auffassung noch immer weit verbreitet, dass die Afrikaner dazu nicht wirklich in der Lage sind. Hinzu kommt, dass die Nothilfeorganisationen natürlich ein Interesse haben, sich selbst zu erhalten. Organisationen wie das UN-Büro zur Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha), das Flüchtlingshilfswerk UNHCR und internationale Nothilfeorganisationen wie das Rote Kreuz unterstützen den Aufbau der AfHA zwar. Aber das wird nicht so weit gehen, dass sie sich überflüssig machen. Es geht auch nicht darum, die internationalen Helfer zu verdrängen. Sie sollten sich nur an die Regeln halten, die die Afrikaner vorgeben.  

Welche konkreten Schritte sind geplant?
Zunächst soll ein Hauptsitz in Addis Abeba in Äthiopien eingerichtet werden, später dann regionale Büros. Dort sollen Fachleute in den Mitgliedsländern geschult werden. Mittelfristiges Ziel ist es, den Katastrophenschutz zu vereinheitlichen und nationale und regionale Regeln besser abzustimmen. Langfristig soll es auch darum gehen, dass die AfHA selbst Hilfslieferungen finanziert und unabhängiger von den Gebern wird.

Ist das realistisch? Das jährliche Budget der AfHA liegt bei 20 Millionen US-Dollar. Der Bedarf an Nothilfe geht in die Milliarden …
Ja, das ist Zukunftsmusik. Aber es ist wichtig, auf mehr Unabhängigkeit hinzuarbeiten. Und auch ärmere Länder können dazu beitragen. 2010 haben 25 afrikanische Länder Hilfe für die Erbebenopfer in Haiti bereitgestellt. Und beim Ebola-Ausbruch 2014 hat die AU 750 Helfer in die Krisenregion geschickt. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Logistik, Hilfsgüter und Nahrung. Es gibt Ressourcen und es gibt die nötige Solidarität.

Das Gespräch führte Sebastian Drescher.

 

erschienen in Ausgabe 10 / 2019: Ab in die Steueroase

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