Frauenarmut
Männer, die genauso selbstverständlich wie Frauen Hausarbeit und ­Kinderbetreuung übernehmen: Wäre das weltweit die Regel, dann müssten erwerbstätige Frauen nicht mit Doppelbelastungen kämpfen.  
Frauenarmut

Gleichberechtigung würde helfen

Die Armut von Frauen ist in vielen Regionen der Welt zurückgegangen, weil mehr von ihnen arbeiten gehen und ein Einkommen haben. Doch patriarchalische Gesellschaftsstrukturen und soziale Ungleichheit bedingen noch immer ein höheres Armutsrisiko für Frauen und Mädchen.

Eine Zahl taucht bei der Recherche zum Thema Armut bei Frauen immer wieder auf: 70 Prozent der armen Menschen weltweit seien Frauen, heißt es oft. Die gute Nachricht: Es sind nicht mehr ganz so viele, sondern „nur“ noch etwas mehr als 50 Prozent. Das zeigen neue Erkenntnisse der Vereinten Nationen und der Weltbank.

Diese neuere Zahl spiegelt zum einen den Trend, dass fast überall auf der Welt mehr Frauen arbeiten und eigenes Geld verdienen. Sie zeigt aber auch, dass Frauen nach wie vor stärker von Armut betroffen sind als Männer: Laut Angaben der Weltbank kommen im Alter zwischen 25 und 34, wo die Schere am größten ist, auf 100 extrem arme Männer 122 extrem arme Frauen.  Besonders gefährdet sind alleinerziehende Mütter, deren Zahl weltweit steigt, etwa weil es die Männer im globalen Süden zum Arbeiten weg von der Familie zieht, sie früher sterben oder mehr Ehen in die Brüche gehen. Eine Hauptursache für Armut ist trotz einiger Fortschritte die soziale Ungleichheit: Frauen werden in vielen Bereichen des Lebens gegenüber Männern benachteiligt und diskriminiert.  

Bis vor einigen Jahren noch hat man von einer Feminisierung der Armut gesprochen. Heute taucht der Begriff nur noch selten auf, allerdings hat Armut eindeutig eine geschlechterspezifische Perspektive. Christa Wichterich sagt, es reiche nicht, den Armutsbegriff auf  Einkommens- und Konsumdefizite zu verengen. „Frauen sind arm an Ressourcen, Bildung, Gesundheit, Beschäftigung, Einkommen, weil sie arm an Rechten, Chancen, Macht, sozialer Sicherheit, Zeit und Gewaltfreiheit sind. Die verschiedenen Dimensionen von Armut bedingen sich wechselseitig.“ Diesen Satz hat die Geschlechterforscherin im Jahr 2006 in ihrer Kritik an den Millenniumszielen formuliert. „Doch er ist immer noch gültig“, sagt sie heute.  

2010 haben die UN-Nachhaltigkeitsziele, die SDGs, die Millenniumsziele ersetzt. Ziel Nummer fünf heißt Geschlechtergleichheit, doch auch andere Ziele wie Bildung, Klimaschutz oder Gesundheit nehmen Frauen in den Fokus. Bei allen Zielen besteht größerer Nachholbedarf auf Seite der Frauen.

Armut ist oft ein Teufelskreis: Ein Mädchen, das in einem armen Haushalt geboren und zu einer frühen Heirat gezwungen wird, wird wahrscheinlich früher die Schule abbrechen, früher Mutter werden, eher Komplikationen bei der Geburt ihrer Kinder haben und häusliche Gewalt erfahren als ein Mädchen, das in einem Haushalt mit hohen Einkommen aufwächst und erst später heiratet. Das Beispiel zeigt, wie schwer es für arme Mädchen oder Frauen ist, der Armut zu entkommen. Natürlich sind auch Jungen aus armen Haushalten stärker armutsgefährdet, aber im Gegensatz zu Mädchen haben sie mehr Privilegien und nicht die Bürden wie etwa häusliche Gewalt.

Alleinerziehende Mütter am stärksten von Armut betroffen

Am häufigsten sind alleinerziehende Mütter arm. Egal, ob man in Deutschland oder etwa in Simbabwe in die Statistik schaut, hauptsächlich sind sie es, die an oder unter der jeweiligen Armutsgrenze leben. Das Paradoxe: In Ländern mit hohem Einkommen sind mehr als vier Fünftel der alleinerziehenden Mütter erwerbstätig, doch ihr niedriges Einkommen reicht oft nicht, um sich selbst und die Kinder aus der Armut zu ziehen. Sie werden daher auch als „working poor“ bezeichnet, die arbeitenden Armen. In Ländern des globalen Südens fehlt zusätzlich oft noch die soziale Unterstützung. In Malaysia etwa, wo etwa jede fünfte Ehe geschieden wird, hält sich ein Großteil der Männer nicht an gerichtliche Auflagen für Unterhaltungszahlungen.

Auch wenn beim Thema Armut für manche Statistik vergleichbare Daten fehlen, vermeldet UN Women in ihrem Bericht „Families in a changing world“ von Juni 2019 auch einen erfreulichen Trend: In vielen Ländern ist die Rate der erwerbstätigen Frauen (25 bis 54 Jahre) zwischen 1998 und 2018 gestiegen, mit zehn Prozent am stärksten in Lateinamerika und der Karibik (von 57 auf 67 Prozent). In Europa und Nordamerika stieg die Rate von 76 auf 80 Prozent, während sie in Nordafrika und Westasien trotz eines kleinen Anstiegs von 29 auf 33 Prozent am niedrigsten liegt. In Subsahara-Afrika liegt sie mit 76 Prozent bei den Frauen ziemlich hoch, das liegt dort auch an der großen Bedeutung der Landwirtschaft als Arbeitsplatz. Im weltweiten Durchschnitt beträgt die Erwerbstätigenquote von Frauen zwischen 25 und 54 Jahren 63 Prozent und die von Männern 94 Prozent.

Außerdem haben Frauen insgesamt mehr Zugang zu Ressourcen wie Geld und Land bekommen. Frauen entscheiden eher mit, für was das Einkommen verwendet wird. Und ihr Verdienst trägt zu mehr finanzieller Sicherheit der Familien bei. Das ist aber nicht überall so: Statt mehr Gleichberechtigung im Haushalt kann ein eigenes Einkommen der Frau auch zu Konflikten bis hin zu häuslicher Gewalt führen, weil die Männer ihre Rolle als Ernährer der Familie gefährdet sehen. In 18 Ländern wie etwa Saudi-Arabien dürfen Männer ihren Frauen noch verbieten, arbeiten zu gehen.

Autorin

Melanie Kräuter

ist Redakteurin bei "Welt-Sichten".
Durch die in vielen Ländern auch heutzutage noch tief verwurzelte Rollenverteilung – Frauen kümmern sich um den Haushalt, die Kinderbetreuung und die Pflege älterer Angehöriger, Männer sind die „Ernährer“der Familie  – haben Frauen, die erwerbstätig sind, eine enorme Zusatzbelastung. Generell lässt sich sagen: Frauen leisten weniger bezahlte Arbeit als Männer, aber dafür zweieinhalbmal so viel unbezahlte Haus- und Pflegearbeit.

Überall auf der Welt führen Heirat und kleine Kinder dazu, dass Frauen (vorübergehend) aus dem Arbeitsleben aussteigen. Meist bleiben die Frauen nach der Geburt zu Hause, um für die Kinder zu sorgen – übrigens in Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen häufiger als in Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen. Wenn Frauen wieder ins Arbeitsleben einsteigen, dann oft in Teilzeit. Durch die Babypause(n) kommen sie insgesamt auf weniger Arbeitsjahre. Rechnet man noch die Gender Pay Gap hinzu, die weltweit im Schnitt 23 Prozent beträgt, erklärt sich, warum Frauen im Alter oder im Falle einer Trennung stärker von Armut betroffen sind als Männer. Forscher nennen dieses Phänomen „Motherhood Penalty“, die Strafe des Mutterseins. Denn Konzepte wie Elterngeld und Elternzeit sind im globalen Süden eine Seltenheit.

Nicht die gleichen Erb- und Besitzrechte wie Männer

Doch auch wenn Frauen außerhalb des Hauses arbeiten gehen, bedeutet das nicht unbedingt ein eigenes Einkommen. Häufig arbeiten sie für die Landwirtschaft oder ein Kleinunternehmen der Familie und stellen ihre Arbeitskraft quasi umsonst zur Verfügung – oder ihr Einkommen reicht gerade mal fürs Überleben. Das ist vor allem in Subsahara-Afrika der Fall, in Kenia, Malawi, Ruanda, Uganda, Tansania oder Sambia. Da viele Männer zur Arbeit in die Stadt ziehen, sind fast 70 Prozent aller Arbeitskräfte in Familienbetrieben in Sub-Sahara-Afrika Frauen, so der UN-Bericht.

Alleinerziehende Mütter wie diese im Bezirk Miraflores in Lima (Peru) sind überalll am stärksten von Armut bedroht. SeBastian Castaneda/Anadolu Agency/Getty images
Obwohl Frauen täglich in der Landwirtschaft und auf den Farmen der Familie arbeiten, haben sie nicht die gleichen Erb- und Besitzrechte wie Männer. 1981 ist die „Konvention zur Eliminierung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen“ (CEDAW) in Kraft getreten, sie wirkt sich aber nicht überall auf die Realität aus. In vielen Ländern wurden durch CEDAW die Besitzrechte von Frauen gestärkt. Sie stehen aber, vor allem in afrikanischen Ländern, im Widerspruch zu lokalen oder religiösen Bräuchen. Sprich: Die Gesetze werden missachtet. Im Senegal zum Beispiel besagt das Familienrecht, dass die Ehefrauen nach dem Tod des Mannes einen Teil des Landes erben müssen, welcher dem für die Kinder entspricht. In der Praxis jedoch werden Frauen oft vom Erbe ausgeschlossen. Damit werden die Mütter und ihre Kinder ohne Besitz sich selbst überlassen. Die FAO geht davon aus, dass im weltweiten Durchschnitt gerade mal 15 Prozent der Landbesitzer Frauen sind.

Bei der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking wurden Handlungsanweisungen beschlossen, um die geschlechterspezifischen Aspekte der Armut anzugehen. Viele Projekte, Konferenzen und Förderprogramme für Frauen hat es seitdem gegeben. Doch was haben sie bewirkt?

Wie so oft gibt es hier keine generelle Antwort – die Entwicklungen unterscheiden sich von Land zu Land stark. „In vielen Ländern Lateinamerikas hat sich einiges getan in Bezug auf Gleichberechtigung, auch bezüglich reproduktiver Rechte“, erklärt Carsta Neuenroth, Referentin für Gender bei Brot für die Welt. In Bezug auf die Gewalt gegen Frauen habe sich dagegen nichts gebessert. Man müsse sich nur die hohe Rate der Frauenmorde anschauen.

"Empowerment" von kann Arbeitsbelastung erhöhen

Im Zusammenhang mit der Bekämpfung von Frauenarmut taucht immer wieder das Schlagwort „Empowerment“ auf. Das sei aber ein zweischneidiges Schwert, gibt Neuenroth zu bedenken. „Wir müssen sehr vorsichtig sein, dass wir Frauen nicht zu Arbeitstieren machen, während Männer nicht zur Verantwortung gezogen werden.“ Solange sich an den Strukturen und der gesellschaftlichen Rollenverteilung nichts ändere, ändere sich auch nichts an der Arbeitsteilung. „Frauen werden immer mehr mit einbezogen, sie arbeiten auf lokaler Ebene an Projekten mit.“ Das führe aber gleichzeitig zu einer „hohen Arbeitsbelastung“ für Frauen, da sie ja weiterhin noch die häuslichen Tätigkeiten und die Care-Arbeit übernehmen.

Serene J. Khader, Philosophie-Professorin am Brooklyn-College, kommt in einem Kommentar in der „New York Times“ zu einer ähnlichen Ansicht – und bezeichnet auch die reichen Länder als Verursacher von Armut bei Frauen im globalen Süden. So seien die Armen die Leidtragenden von unfairen Handelsabkommen, bei denen Importe aus reichen Ländern die lokalen Märkte zerstörten. Oder wenn aus wirtschaftlichem Druck die Gesundheitsversorgung verringert wird. „Wenn die Gesundheitsversorgung reduziert wird, werden die Menschen nicht weniger krank: Die Frauen springen dann ein und übernehmen die Pflege der Kranken ohne Bezahlung.“

Die Idee, man müsste Frauen nur einen Job geben, mit dem sie sich dann aus der Armut befreien, funktioniere nicht, sagt Khader. Denn die Arbeit, die Frauen im globalen Süden häufig machten – Bäuerin, Dienstmädchen oder Näherin – seien schlecht bezahlte Tätigkeiten ohne jegliche Sicherheit. Hinzu komme, dass Frauen schon „überbeansprucht“ seien: Vom Kochen, Wasserholen über Haus- und Farmarbeit bis hinzu Kinderbetreuung und Pflegetätigkeiten. „Wir sollten uns eingestehen, dass die globale Wirtschaft zu viel von Frauen fordert, die sowieso schon überlastet sind. Wir sollten darüber reden, welchen Teil die Politik der reichen Ländern in dem ganzen Armutspuzzle ausmacht.“  

Ähnlich argumentiert Carsta Neuenroth: „Auf der einen Seite ist das patriarchale System, das soziale Ungleichheit schafft, zum anderen beutet das kapitalistische System Frauen besonders aus, etwa als billige Arbeitskräfte oder im informellen Sektor.“ Und dann fehlt oft noch eine soziale Absicherung. Global gesehen ist weniger als ein Drittel der Weltbevölkerung durch soziale Sicherungssysteme geschützt. Und Frauen machen den größten Teil der „Ausgeschlossenen“ aus. Zumindest an diesen Stellschrauben müsste die Politik drehen, um das Leben von armen Frauen schnell zu erleichtern. Doch langfristig, darin sind sich Experten einig, ist Gleichberechtigung der wohl wichtigste Schlüssel zur Bekämpfung von Frauenarmut.

erschienen in Ausgabe 12 / 2019: Armut: Es fehlt nicht nur am Geld

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