Zusammen stark

Brasilien ist das einzige Land weltweit, in dem die Solidarwirtschaft vom Staat gefördert wird. Seit 2003 besteht das Sekretariat für solidarische Ökonomie im Arbeitsministerium und in den vergangenen sechs Jahren konnte sich eine beachtliche Zahl von Genossenschaften, Vereinen und anderen kollektiv geführten Organisationen etablieren. Weiteren Auftrieb erhalten sie durch die Zusammenarbeit mit privaten Großbetrieben. Voraussetzung für ihren Erfolg ist allerdings die Integration in den Markt.

Brasilien nimmt bei der Förderung und Verbreitung der solidarischen Wirtschaft eine Vorreiterrolle ein. Es ist weltweit das einzige Land, in dem gemeinschaftliche Formen der Arbeit, Produktion und Vermarktung vom Staat gefördert werden: Im Jahr 2003 rief Präsident Luiz Inácio Lula da Silva das nationale Sekretariat für solidarische Ökonomie (Secretaria Nacional de Economia Solidária) ins Leben. Unter Leitung von Staatsekretär Paul Singer ist es beim Arbeitsministerium angesiedelt. Aber auch in anderen Ressorts sowie auf bundesstaatlicher und kommunaler Ebene wurden neue Ansätze der Sozialpolitik entwickelt, die zum Wachstum und zur Stärkung der Solidarwirtschaft beigetragen haben.

Nach sechs Jahren intensiver Arbeit ist eine beachtliche Zahl solidarwirtschaftlicher Unternehmen entstanden. Das Arbeitsministerium registriert fast 22.000 solcher Unternehmungen, darunter 11.000 Vereine, 7900 informelle Gruppen sowie 2000 Genossenschaften und andere Organisationsformen. Andere statistische Quellen nennen sogar noch höhere Zahlen. Laut dem brasilianischen Statistikamt gibt es landesweit mehr als 7000 formal registrierte Genossenschaften und die Zahl der Vermarktungs-, Produktions- und Konsumvereinigungen lag schon im Jahr 2005 bei über 330.000. Darüber hinaus verzeichnete das Amt im selben Jahr auch mehr als 10 Millionen informelle Unternehmen.

Diese Zahlen zeigen, dass viele Arbeiter als Alternative zur Arbeitslosigkeit Kleinunternehmen gründen. Ferner schließen sich viele Kleinproduzenten zusammen, um ihren Zugang zu Märkten und Finanzierung zu verbessern. Auch die Zahl der Vereinsgründungen ist beträchtlich – auch wenn sie im Vergleich zum ausgeprägten Vereins- und Genossenschaftswesen in den europäischen Ländern, den USA und Kanada noch eher gering ausfällt.

Autor

Reginaldo Sales Magalhães

war von 1999 bis 2003 General­sekretär der Agentur für Solidarische Entwicklung (Agência de Desenvolvimento Solidário). Derzeit arbeitet er im Bereich soziale Entwicklung und Zivilgesellschaft für die International Finance Corporation (IFC), eine Tochter der Weltbank.

Der Vergleich der Daten über die Solidarwirtschaft mit der Gesamtzahl brasilianischer Unternehmen zeigt, dass die Regierung weniger als 30 Prozent der Genossenschaften und etwa drei Prozent der Vereine der Solidarwirtschaft zurechnet. Oder anders gesagt: Die solidarwirtschaftlichen Unternehmen machen nur einen kleinen Teil des gemeinschaftlichen Unternehmertums in Brasilien aus. Was aber rechtfertigt die Unterscheidung zwischen Solidarökonomie einerseits und anderen Formen kollektiver Organisation von Arbeit und Produktion andererseits?

Für das Brasilianische Forum der Solidarwirtschaft (Fórum Brasileiro de Economia Solidária) sind solidarische Unternehmen kollektive Organisationen, deren Arbeiter den Betrieb gemeinsam leiten und auch über die Gewinnaufteilung gemeinsam entscheiden. Die Organisationen können sowohl formal registriert als auch informell sein. Ihre wirtschaftlichen Aktivitäten sind auf die Warenproduktion, auf Dienstleistungen, die Absatzförderung oder den gemeinschaftlichen Konsum ausgerichtet. Was Unternehmen der Solidarwirtschaft von anderen gemeinschaftlichen Unternehmensformen abgrenzt, ist die Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Sie setzt einen gewissen Grad an Demokratie und Mitbestimmung bei der Unternehmensführung voraus.

Die Wurzeln der brasilianischen Solidarwirtschaft reichen zurück bis ins letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Damals kamen Führer des italienischen Anarchosyndikalismus nach Brasilien. Ihrer Ideologie zufolge sollten Enteignungen von Ländereien und Produktionsmitteln den Weg zu einer egalitären Gesellschaft ebnen. Sie gründeten die ersten Gewerkschaften, Handwerksvereine und Konsumgesellschaften. Ihr Ziel war es, Arbeit, Einkommen und den Zugang ihrer Mitglieder zu solchen Produkten zu verbessern, die deren Bedürfnissen entsprachen. Inspiriert durch Raiffeisenbewegung wurden zur gleichen Zeit in Deutschland die ersten Genossenschaften gegründet.

Der Sieg der Russischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts stärkte die Kommunisten innerhalb der brasilianischen Arbeiterbewegung. Gewerkschaften und andere Arbeiterorganisationen wurden auch in Brasilien zu potentiellen Trägern der kommunistischen Botschaft. Der Staat reagierte darauf mit rigider Kontrolle und Repression. Dadurch verlor das Genossenschaftswesen an Einfluss und rückte auf der politischen Tagesordnung der brasilianischen Linken für mehrere Jahrzehnte in den Hintergrund.

Die brasilianischen Genossenschaften folgten einem Modell, das sich aus verschiedenen internationalen Ansätzen entwickelte und sich auch in anderen Ländern herausbildete. In Frankreich orientierten sich die Genossenschaften an demokratischen Grundsätzen und dem Prinzip der Selbstverwaltung. In Großbritannien hingegen lehnten die Konsum- und Landwirtschaftsgenossenschaften des ausgehenden 19. Jahrhunderts die Selbstverwaltung ab und stellten Lohnarbeiter und professionelle Geschäftsführer ein.

Diese Genossenschaften entwickelten gemeinsam mit den Sozialisten christlicher Prägung die erste Genossenschaftsgesetzgebung und gründeten den Internationalen Genossenschaftsbund ICA (International Co-operative Alliance). Die wirtschaftliche Macht der großen Landwirtschafts- und Konsumgenossenschaften führte dazu, dass die ICA die Prinzipien der Selbstverwaltung aufgab. In der Folge entstanden auf der ganzen Welt Genossenschaften, die durch professionelle Geschäftsführer kontrolliert wurden, statt demokratisch von den Arbeitern und kleinen Produzenten geführt zu werden.

Das Management dieser Genossenschaften unterschied sich nur wenig von großen Unternehmen. Das wichtigste Ziel war das Wachstum der Genossenschaft – auch auf Kosten der Mitglieder. Die Leitung wurde zunehmend zentralisiert und von Angestellten übernommen, die sich ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen orientierten. Großeigentümer und Kleinproduzenten wurden nach dem gleichen Rezept behandelt; allerdings genossen die Großeigentümer klare politische und wirtschaftliche Privilegien. Unzählige Anläufe zur Demokratisierung des Genossenschaftswesens schlugen aus diesen Gründen fehl.

In Brasilien kollabierte dieses Organisationsmodell im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung und der Wirtschaftskrise der 1980er Jahre, in der es nicht länger möglich war, die landwirtschaftlichen Subventionen aufrecht zu erhalten. Die großen Genossenschaften schlossen nun zunehmend Produzenten mit geringerem Eigenkapital und Produktionsniveau aus, um ihre Kosten zu senken. Ihre Leitungen strebten Fusionen mit anderen Genossenschaften an, um die Erträge zu erhöhen. Das entfernte die Führung noch weiter von den Mitgliedern.

Als Reaktion auf die Ausgrenzung vieler landwirtschaftlich orientierter Familienbetriebe begaben sich Gewerkschaften, Kirchen und nichtstaatliche Organisationen (NGOs) ab Ende der 1970er Jahre auf die Suche nach einem neuen Organisationstyp. Dieser sollte unabhängig, demokratisch und besser an die wirtschaftlichen und technischen Voraussetzungen kleinerer Betriebe angepasst sein. Das Vereinswesen, das sich auf dem Land entwickelte, unterschied sich stark vom traditionellen Genossenschaftswesen, lehnte sich aber eng an die ursprünglichen selbstverwalteten Genossenschaften an. Bildung und demokratische Teilhabe spielten eine große Rolle.

In den 1990er Jahren verstärkten die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und bei der Unternehmensorganisation die Verbreitung neuer Formen der Arbeits- und Produktionsorganisation. Auf Eigeninitiative von Arbeitern entstanden in ganz Brasilien unzählige Kooperativen, Vereine und selbstverwaltete Unternehmen und mit ihnen breitete sich die Erfahrung kollektiver Arbeits- und Produktionsorganisation aus.

Die Krise der Arbeiterorganisationen und die wirtschaftlichen Veränderungen in Brasilien brachten zwei große Herausforderungen für die Solidarwirtschaft. Ihre Stärkung hängt zum einen von der Fähigkeit ab, den Marktzugang zu verbessern und eine rationale Geschäftspolitik umzusetzen. Zum anderen ging es darum, einen demokratischen und partizipativen Führungsstil zu entwickeln. Marktzugang und eine effiziente Geschäftsführung sind nur mit qualifizierten Geschäftsführern, dem Zugang zu Ressourcen und Technologie, mit Innovationen und guten Vermarktungsstrategien zu erreichen. Investitionen und andere Maßnahmen von politischer Seite, Initiativen nichtstaatlicher Organisationen und neue Chancen auf den Märkten fördern die Verbreitung solidarischer Unternehmen. Finanzhilfen wie das staatliche Programm zur Förderung landwirtschaftlicher Familienbetriebe (PRONAF) und das Mikrokreditprogramm „Crediamigo“ der Entwicklungsbank Banco de Nordeste steuern ihren Teil zur Stärkung dieses Sektors bei.

Auch die Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen lässt die Solidarwirtschaft wachsen. Für die weitere Stärkung und Expansion solidarischer Unternehmen ist die richtige Kombination finanzieller Dienstleistungen, technischer Förderung und Unterstützung in der Geschäftsführung unerlässlich. Zusätzlich müssen Beziehungen zu anderen Unternehmern, Banken und Konsumenten hergestellt werden. Doch auch die solidarischen Prinzipien müssen gestärkt werden. Vereinbarungen über betriebliche Sozialstandards und der Austausch mit sozialen Gruppen und Bewegungen können dazu beitragen, dass der eingeschlagene Kurs des Unternehmens beibehalten wird und die Mitsprache und die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Beschäftigten gesichert werden.

Die derzeitigen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen schaffen hierfür neue Möglichkeiten. Große Unternehmen werden von der Gesellschaft unter Druck gesetzt, nicht nur Gewinne und Arbeitsplätze zu sichern, sondern auch sozial und ökologisch zu wirtschaften. Das hat dazu geführt, dass Großunternehmen bei ihren Lieferketten soziale Integrationsstrategien anwenden. Die Beteiligung von Vereinen, Genossenschaften und kleinen Unternehmen an Produktionsketten großer Betriebe kann eine Chance für solidarische Unternehmen sein. Auch auf Banken übt die Gesellschaft Druck aus, durch Mikrofinanzdienstleistungen soziale Integration zu gewährleisten. Die Solidarökonomie ist vor allem ein politisches Konzept. Es gilt, den Blick für Möglichkeiten der Marktintegration unterschiedlicher Organisationsformen zu schärfen und unternehmerische Führung innovativ zu gestalten. Unter diesen Voraussetzungen können kollektive Unternehmen sozial und ökonomisch eine stärkere Rolle spielen.

Aus dem Portugiesischen von Kirsten Bredenbeck.

 

erschienen in Ausgabe 11 / 2009: Anders wirtschaften