Religion
Schiitische Pilger im Oktober 2019 in Kerbala mit einem Transparent, das die Flaggen des Iran und des Irak vereint. Beide verbindet laut der Schrift im Herzen die Liebe zu Imam Hussein, den Schiiten als Märtyrer verehren; sein Grabmal ist in Kerbala.  
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„Die Gefahr ist ein politisches Chaos im Irak“

Die USA haben Anfang Januar den Chef der iranischen Revolutionsgarden Ghassam Suleimani im Irak getötet. Welche Folgen hat der Angriff, dem auch der Führer einer irakisch-schiitischen Miliz zum Opfer gefallen ist, für den Irak? Wie eng sind die Schiiten dort mit ihren Glaubensbrüdern im Iran verbunden?

Sabrina Mervin ist Historikerin und Forschungsleiterin am Centre National de Recherche Scientifique in Paris. Sie arbeitet am „Zentrum für sozialwissenschaftliche Studien zur Religion“ unter anderem über die Schia und über Islam und Politik.Cesor
Ist der Irak mit der Tötung von Ghassam Suleimani zum Schlachtfeld des Konflikts zwischen dem Iran und den USA geworden?
Ja, aber das ist nicht neu. Seit langem werden im Irak Spannungen zwischen den USA und dem Iran ausgefochten. Doch beide Seiten waren bei ihrer jeweiligen Einflussnahme zu einer Art Kräftegleichgewicht gekommen – zum Glück für den Irak und weil das ermöglicht hat, eine Eskalation in der ganzen Region zu vermeiden. Genau dieses Gleichgewicht ist nun zerstört worden.

Im Irak stehen Sunniten einer Mehrheit von Schiiten gegenüber. Wie reagieren die beiden Religionsgemeinschaften auf die Verschärfung des Konflikts zwischen den USA und dem Iran?
Iraks Sunniten halten sich seit einiger Zeit politisch sehr zurück. Das hat damit zu tun, dass der „Islamische Staat“ im Irak stark war und dann besiegt und quasi vernichtet worden ist. Damit sind auch Sunniten besiegt worden, die mit ihm sympathisierten. Seit Anfang Oktober gab es Massenproteste gegen die irakische Regierung, aber die Sunniten haben darauf kaum reagiert. Denn sie möchten nicht in den Verdacht geraten, sie wollten entweder den „Islamischen Staat“ wiederbeleben oder aber das 2003 gestürzte Regime von Saddam Hussein, das Schiiten unterdrückt hat. Daher verhalten sich im Irak die Sunniten im Moment recht still – auch wenn einige begonnen haben, an den Protesten teilzunehmen. Politisch brisant ist jetzt nicht die Spaltung in Schiiten und Sunniten, sondern der Gegensatz unter Schiiten zwischen den Anhängern und den Gegnern des Irans. Das ist natürlich vereinfacht – zwischen Ministern, die quasi Teheran gehorchen, und entschlossenen Gegnern des Irans gibt es jede Menge Graustufen. Irakische Schiiten, die nach der Tötung Suleimanis an Trauermärschen für ihn teilgenommen haben, sind nicht automatisch mit seinen Aktionen im Irak einverstanden.

Die schiitische Gemeinschaft ist uneins über das Verhältnis zum Iran und damit darüber, was die Identität als Iraker, was irakischer Nationalismus beinhaltet?
Ganz genau. Ein Teil der Schiiten unterstützt die starke Präsenz des Irans in der Wirtschaft und in den politischen und religiösen Institutionen des Iraks. Aber es gibt auch viele, die damit nicht mehr einverstanden sind. Das haben sie lange nur privat geäußert; mit den Protesten seit Oktober haben sie das auch öffentlich auf der Straße gezeigt.

Wie stark ist der iranische Einfluss auf die irakische Politik, speziell auf die schiitischen Milizen?
Einige dieser Milizen sind eng mit dem Iran verbunden und stehen klar auf dessen Seite. Das hat schon historische Gründe. Zum Beispiel waren unter dem Regime Saddam Husseins schiitische Oppositionelle in den Iran geflohen und haben dort Verbände gebildet. Andererseits gehen die irakischen Volksmobilisierungskomitees (Hashd al-Shaabi) von 2014 auf das Rechtsgutachten zurück, mit dem der irakische Ayatollah Ali al-Sistani das Volk aufgerufen hat, sich am Kampf gegen den „Islamischen Staat“ zu beteiligen. Das hat eine breite Mobilisierung ausgelöst, Kämpfer aus dem einfachen Volk wurden von ganzen Familien unterstützt – auch ökonomisch. So wurde der „Islamische Staat“ im Irak besiegt. Für Iraker fällt ein Urteil über die Milizen daher nicht eindeutig aus, es handelt sich um ein zwiespältiges Phänomen. Und die Milizen unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung, ihrer Geschichte, ihrer politischen Haltung und ihrem Verhältnis zum Iran.

Sind Schiiten beider Länder durch gemeinsame religiöse Praktiken verbunden?
Ja. Viele Iraner pilgern zu den heiligen Stätten im Irak, die für Schiiten sehr wichtig sind, darunter Kerbala und Nadschaf; hier ist das Grab von Ali, der als erster Kalif verehrt wird. Pilgerfahrten während des ganzen Jahres und solche zu bestimmten Zeiten  bringen schiitische Gläubige in den Irak – aus vielen Ländern, vor allem aber aus dem Iran. Wie bei jedem religiösen Tourismus ist das mit Handel verbunden, aus der Pilgerschaft entsteht ein Wirtschaftszweig. Besonders enge Verbindungen gibt es aber zwischen Geistlichen. Der schiitische Klerus ist im Grunde transnational. Ali al-Sistani ist die wichtigste religiöse Autorität im Irak, und Schiiten, die seinen Lehren folgen, findet man auch in Pakistan, in Frankreich, in den USA und sogar im Iran. Der schiitische Klerus übergreift besonders die Grenze Iran-Irak.

Worin zeigt sich das? Haben irakische Geistliche im Iran studiert?
Das kommt darauf an, welcher Generation sie angehören. Lange war die theologische Schule in Nadschaf einflussreicher als die in Qom im Iran und hat mehr Imame und Religionsgelehrte ausgebildet. Unter dem Regime von Saddam Hussein wurden die Schiiten dann unterdrückt und die Schule von Nadschaf erlebte einen Niedergang. Währenddessen unterstützte die Regierung im Iran nach der Revolution dort die Schule in Qom finanziell und politisch, und diese lebte auf. So sind manche irakische Geistliche in Qom ausgebildet worden und dann nach Nadschaf oder Kerbala zurückgekehrt. Zwischen beiden Zentren gibt es einen regen Austausch. Wichtig sind aber Unterschiede in der inhaltlichen Ausrichtung: In Qom herrscht die iranische Ideologie vor. Dagegen unterstützt die Schule von Nadschaf, der Ali al-Sistani angehört, nicht die Theorie des iranischen Revolutionsführers Khomeini, wonach Religionsgelehrte auch die politische Macht ausüben sollen. Geistliche, die in Qom studiert haben, können von dieser Ideologie der islamischen Republik Iran beeinflusst sein, sie müssen aber nicht.

Ali al-Sistani hat während der erwähnten Proteste im Irak den Premierminister zum Rücktritt bewogen. Ist das ein Zeichen, dass der irakische schiitische Klerus zum Iran auf Abstand geht?
Ja. Das Verhältnis der Geistlichkeit in Nadschaf und Kerbala zu der im Iran ist komplex. Man respektiert sich gegenseitig und pflegt eine Art Korpsgeist, doch über die Rolle des Klerus in der Politik sind die Ansichten grundverschieden. Führende irakische Geistliche geben in Krisen politische Ratschläge, aber mit dem Anspruch, selbst zu regieren, hat das nichts gemein.

Setzen die Tötung Suleimanis und die Gegenangriffe des Irans den schiitischen Klerus im Irak unter Druck, sich stärker an die Seite des Irans zu stellen?
Ich bin nicht gut darin, die Zukunft vorherzusagen. Aber klar ist: Es ruft zwangsläufig eine Solidarisierung hervor, dass ein fremdes Land auf irakischem Boden drei Persönlichkeiten umgebracht hat, einen Iraner, einen Iraker und einen Libanesen. Die Frage ist, bis wohin die Solidarität gehen wird. Immerhin war das Erste, was Ali al-Sistani nach der Tötung Suleimanis getan hat, zur Besonnenheit aufzurufen. Er vertritt nicht die Position, dass Suleimani gerächt werden soll. Auch andere führende Geistliche sind nicht proiranisch.

Rechnen Sie damit, dass die jüngsten Angriffe die Gegensätze zwischen Schiiten und Sunniten im Irak vertiefen?
Nein, das erwarte ich nicht. Ich sehe eher die Gefahr, dass der Irak politisch so stark geschwächt wird, dass er in ein veritables Chaos stürzt. Die Situation ist sehr gefährlich.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 2 / 2020: Meinungs- und Pressefreiheit

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