In China wächst die Besorgnis

China ist aufgrund der Größe seiner Bevölkerung und seines Wirtschaftswachstums inzwischen das Land mit dem größten Ausstoß an Treibhausgasen. Doch anders als die meisten Industrieländer ist es zugleich stark von den schädlichen Folgen der Erderwärmung bedroht. Die Bevölkerung spürt das schon heute. So wächst das Problembewusstsein, gefördert von der Arbeit zahlreicher Umweltgruppen.

Mit einem entschlossenen Schritt auf die Chaoyangmenwai-Straße im Westen Pekings zwingt die Lehrerin Xu Weina den grauen Audi zum Stoppen. Die Mittvierzigerin im weißen Daunenmantel versucht seit knapp zehn Minuten, die belebte Straße zwischen zwei Parkhäusern von Einkaufszentren zu überqueren. Es gibt keine Ampel und der stufenlose Weg in die Unterführung an der knapp 60 Meter entfernten Kreuzung ist mit Schneematsch bedeckt. Der Wind weht eisig. Der Audi-Fahrer hupt und gestikuliert wild. Frau Xu läuft stur geradeaus und lässt noch zwei weitere Kraftfahrer auf die Bremse treten. „Das sind doch auch Boten des Klimawandels“, sagt sie, „dieser viel zu frühe Schneefall und diese Massen von Autofahrern.“ Auch sie selbst fahre ja Auto, verrät Frau Xu dann verlegen lächelnd, viele müssten das ja, aber zumindest doch nicht so rücksichtslos.

Frau Xu symbolisiert den Umgang der Stadtbewohner in China mit dem Klimaschutz: problembewusst, aber zögerlich. Die meisten wissen, dass China seit 2007 weltweit die meisten Treibhausgase in die Atmosphäre jagt. Fast alle weisen im gleichen Atemzug darauf hin, dass der Pro-Kopf-Ausstoß von Ländern wie den USA aber bedeutend höher ist – mit 19,1 Tonnen rund vier mal so hoch wie der der Volksrepublik. Deshalb müssten zunächst die reichen Industriestaaten etwas für die Umwelt tun, heißt es dann. Und für Chinas Stabilität sei die Wirtschaftsentwicklung immer noch am wichtigsten.

Das ähnelt stark der Position der chinesischen Regierung. Doch die Wahrnehmung der urbanen Bevölkerung ist konkreter und komplexer. Der von Smog verhangene Himmel, verschmutzte Flüsse in jeder Nachbarschaft und verseuchte Nahrungsmittel gehören längst zu den Alltagssorgen. Die schweren Naturkatastrophen im letzten Jahr – eine Schneekatastrophe im sonst milden Süden und die Dürre in Zentralchina – haben vielen Chinesen die Hilflosigkeit der Regierung deutlich gemacht. Sie sind verunsichert und gespalten in Bezug auf ihre eigene Rolle im Klimawandel. Nach einer laufenden Online-Umfrage der chinesischen Zeitschrift „Umwelt“ (Huanqiu) sehen über 90 Prozent der bis dato 3000 Teilnehmer menschliche Lebensweisen als Ursache für die Erderwärmung. Über 70 Prozent meinen, dass die meisten Chinesen den Themen Energiesparen und Reduzierung des Schadstoffausstoßes zu wenig Bedeutung beimessen. Rund 54 Prozent wollen zur Verminderung des CO2-Austoßes beitragen, indem sie Bäume pflanzen oder weniger Auto fahren.

Autorin

Kristin Kupfer

ist Sinologin und arbeitet als freie Journalistin in Peking, unter anderem für den epd.

Die rund ein Dutzend Versammelten im Raum der „Darwin Naturwissen-Gesellschaft“ wollen mehr über ökologische Probleme erfahren. Seit Ende Juli bietet die Gesellschaft jeden Sonntagnachmittag Veranstaltungen zum Thema Öffentlichkeit und Umwelt an. Heute referiert Chen Yanhui, die China-Chefin der US-amerikanischen Firma Green Solutions, über Müllverbrennung.

Die seit April bestehende Freiwilligen-Initiative um den Umweltjournalisten Feng Yongfeng hat zusammengelegt, um in einem zweistöckigen Pavillon unweit des olympischen Geländes einen Raum zu mieten. Seit drei Tagen sind sie als nichtstaatliche Organisation (NGO) beim Büro für zivile Angelegenheiten des Chaoyang-Bezirks registriert. Auf dem langen Holztisch in der Mitte des Raumes stehen ein Beamer und ein Mischpult. Die Regale hinter den Stuhlreihen sind mit kostenlosen Prospekten von anderen Umweltinitiativen vollgepackt.

Der Moderator Mao Da, ein 32-jähriger Master-Student des Faches Umweltgeschichte an der pädagogischen Universität Peking, erklärt den Teilnehmenden: „Es geht heute nicht um Belehrung, sondern um einen Gedankenaustausch. Deshalb stellen sich bitte alle kurz vor.“ Eine junge Mutter mit ihrem 11-jährigen Sohn macht den Anfang. „Ich bin eine gewöhnliche Hausfrau“, sagt Frau Liu, „aber wir müssen alle etwas für unsere Umwelt tun und mein Sohn soll das von klein auf lernen.“ Die anwesenden Studenten nicken. Nach Herrn Xiao Wei vom Verlag für Umweltwissenschaft stellen sich der pensionierte Lehrer Zhang Xiang und seine Frau vor. Der 60-jährige Zhang organisiert Spaziergänge zum Thema Umweltzerstörung durch Stadtteile von Peking.

Mit dicht beschriebenen Folien und vielen Bildern erläutert die Unternehmerin Chen Yanhui die Vorzüge ihrer Müllverbrennungstechnik. Dieses kombiniere das Dekompostierungsverfahren unter Luftabschluss (anaerob) für organischen Müll mit dem Gasifizierungsverfahren für karbonathaltige Stoffe. Das erzeuge rund 40 Prozent weniger Schadstoffe als die herkömmliche Abfallverarbeitung. „Das Problem des chinesischen Mülls ist, dass er sehr nass ist“, sagt Frau Chen, „denn bei uns funktioniert ja die Trennung einfach nicht.“ Sie berichtet von einem Anruf bei der Nachbarschaftsverwaltung wegen der Container für recycelbaren und nicht recycelbaren Müll. Nein, man würde das nicht wirklich trennen, antwortete eine Dame am Telefon, das hätte sich als zu umständlich erwiesen. Die Zuhörer, die über das technische Vokabular eingedöst sind, sind mit einem Schlag wieder hellwach. Eine lebhafte Diskussion beginnt. Auf staatliche Stellen sei eben kein Verlass, schimpft Mutter Liu. Der Rentner Zhang hält dagegen: „Bei dem Umweltbewusstsein der meisten Leute helfen nur strenge Gesetze.“ Der Moderator lehnt sich zufrieden zurück. „Wissen erwerben und dann darüber zu diskutieren ist zentral für ein Umweltbewusstsein“, sagt Mao und lacht, “so hilft der Bewusstseinswandel dann hoffentlich etwas gegen den Klimawandel.“

Mitdenken und mitmachen ist das Motto der zahlreichen Initiativen zum Thema Umweltschutz in China. Neben Vorträgen und längeren Fortbildungen für unterschiedliche Zielgruppen veranstalten die Vereinigungen auch Ausflüge, Aktionen wie den Fahrrad-Tag und Demonstrationen vor die Umwelt verschmutzenden Unternehmen. Innerhalb der letzten drei Jahre hat sich die Zahl der ökologischen Initiativen auf über 500 nahezu verdoppelt. Insgesamt gibt es rund 3500 NGOs in der Volksrepublik. Aufgrund administrativer Beschränkungen und wegen des Geldbedarfs lassen sich manche als Firmen registrieren. Andere arbeiten als nicht registrierte Initiative in einer juristischen Grauzone. Bei lokalen Firmen und mit diesen verbündeten Regierungsbeamten sind solche Initiativen eher verhasst. Viele chinesische Behörden, insbesondere die Umweltbüros, schätzen dagegen die Bürgerinitiativen für ihren spezifischen Sachverstand und ihr oft mutiges Engagement gegen Umweltzerstörung.

Die ältesten Umwelt-NGOs wie „Freunde der Erde“ (Ziran zhi you) oder „Globales Dorf“ (Diqiucun) stammen aus den 1990er Jahren. Etablierte Wissenschaftler haben sie gegründet. Chinas zweite Generation von Umweltaktivisten ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Als Studenten haben sie in aktiven Umweltclubs an ihren Universitäten angefangen. Ihr ökologisches Engagement ist konkret und kreativ und vermeidet riskante politische Provokationen. Manche machen Praktika in bereits existierenden NGOs und bleiben dort. Andere hängen ein Masterstudium im Bereich Ökologie an ihr Studium und gründen dann eigene Initiativen. Manche kommen erst über Umwege zum Umweltschutz.

So jemand ist Zhou Denglin, ein fest angestellter Projektdirektor beim China Youth Climate Action Network. Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete der heute 25-Jährige zunächst zwei Jahre bei einer staatlichen Firma in Chinas boomender Provinz Zhejiang. Das war der Wunsch seiner Eltern und ein sicherer Job mit einem guten Gehalt, aber todlangweilig, erinnert sich Zhou, der im dicken Parka im leicht chaotischen Büro des Klimanetzwerkes im Westen Pekings sitzt. Zhou schmiss die Stelle, kam nach Peking und nahm Kontakt mit Bekannten im Umweltbereich auf. Während seiner Studienzeit in der südchinesischen Metropole Kunming hatte Zhou nämlich im Umweltclub an der Universität mitgearbeitet.

Er kam genau zur richtigen Zeit: Sieben ökologische Jugendinitiativen hatten sich gerade zum Aktionsnetzwerk für Klimaschutz zusammengeschlossen. Seit 2008 sind sie als Firma registriert. Für einzelne Vorhaben bekommen sie Geld von größeren inländischen NGOs und ausländischen Stiftungen. In ihrem jüngsten Projekt haben sie unter Hunderten von Studierenden aus ganz China „Klimabotschafter“ ausgesucht und ausgebildet. Zehn davon fahren nun im Dezember mit einer Reihe von anderen chinesischen Umweltaktivisten nach Kopenhagen.

Im Büro des Netzwerks sieht es bunt aus. Bücher, Prospekte, Tassen und Bilder stehen oder liegen überall herum. Neben drei Festangestellten helfen Dutzende Freiwillige mit. „Der Job ist aber auch nicht nur ein Vergnügen“, sagt Zhou. „Das Desinteresse mancher Leute ist manchmal schon recht frustrierend.“ Für viele seien Umweltschutz und Klimawandel zu abstrakt, sie wüssten zu wenig darüber was sie als Einzelne tun können. Deshalb schieben viele Bürger die Verantwortung weiterhin auf Firmen und Regierung ab. Aber pessimistisch ist Zhou nicht. „Die Menschen wissen, dass der Klimawandel kein fernes Zukunftsthema ist, sondern sie unmittelbar betrifft“, sagt er. „Wir müssen mehr an ihren spezifischen Lebenssituationen anknüpfen und ihnen zeigen, dass sie konkret etwas mitgestalten können.“

Die westliche Kritik, es mangele in China an Umweltbewusstsein, kann Zhou durchaus verstehen. Aber er bittet um etwas Geduld und mehr globales Denken. „Wir hoffen, dass durch unser Engagement auch unsere Regierung noch viel mehr für den Umweltschutz tut“, sagt er. „Dazu brauchen wir aber auch glaubwürdiges Engagement und technische Unterstützung aus dem Westen.“

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe