Durstiges Gemüse

Fast jeder deutsche Supermarkt bietet das ganze Jahr frischen grünen Spargel aus Peru an. Der Anbau dort in den trockenen Regionen an der Pazifikküste ist jedoch problematisch. Er verbraucht große Mengen Wasser, und das verringert die ohnehin knappen Reserven. Perus Spargelstecher kämpfen indessen hart um einen gerechten Lohn und geregelte Arbeitszeiten.

Julia Rosa Alarcón streckt sich und reibt mit den Händen über ihren schmerzenden Rücken. Das stundenlange Bücken fordert seinen Tribut. Gegen Sonne und Staub hat sie einen alten Pullover um den Kopf gebunden. Seit drei Stunden arbeitet die 40-Jährige auf dem Feld und sticht Spargel für die Exportfirma Athos in der Nähe der peruanischen Kleinstadt Ica. Seit vier Jahren macht sie diese Arbeit schon, acht bis zehn Stunden täglich. Mit den umgerechnet sechs Euro am Tag kommt sie monatlich auf den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn von rund 130 Euro. Damit bestreitet sie den Lebensunterhalt für sich und ihre zwei Kinder. Zum Leben sei das nicht genug, sagen die Kritiker der Exportlandwirtschaft. Befürworter meinen dagegen: Immer noch besser als die Subsistenzwirtschaft im heimatlichen Andendorf, die gar kein Geld abwirft.

Fast unbemerkt von der peruanischen Öffentlichkeit ist Peru in den vergangenen Jahren zum Exportweltmeister für frischen Spargel aufgestiegen. Mit einem Erlös von 188 Millionen US-Dollar im Jahr 2006  nimmt Grünspargel den ersten Platz unter den sogenannten nicht traditionellen Agrarprodukten Perus ein. Artischocken, Paprika und Avocados rangieren knapp dahinter. Als die peruanische Industrie Anfang der 1990er Jahre infolge neoliberaler Strukturanpassungen zusammenbrach, setzten die Investoren aus Lima auf Intensivlandwirtschaft für den Export in die USA und nach Europa. Sie kauften brachliegendes Land in den Flusstälern der peruanischen Küstenzone auf und säten statt Baumwolle, Reis und Bohnen nun Spargel, Paprika und Artischocken. Die Regierung trug dazu bei, die peruanische Landwirtschaft international wettbewerbsfähig zu machen, indem sie die arbeitsrechtlichen Vorschriften lockerte und die Sozialleistungen kürzte.

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).

Die Rechnung ist aufgegangen. Nordamerikanische und europäische Konsumenten haben am ganzjährig verfügbaren billigen Spargel aus dem Andenland Geschmack gefunden. Anders als der umstrittene Gold- und Kup-ferabbau hat die Agrarexportindustrie unzählige niedrig qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen und beansprucht kein Land, das traditionell Bauerngemeinschaften gehörte.

Dennoch ist sie kein ungetrübter Erfolg. In den Regionen Ica im Süden sowie in Trujillo und Lambayeque herrscht weitgehende Vollbeschäftigung. Allein auf den Feldern von Ica arbeiten 70.000 Spargelstecher, die meisten von ihnen Frauen. „Frauen sind geschickter beim Spargelstechen“, meint Enrique Nieto vom Agrarunternehmen „Agrícola Athos S.A“.  Doch die Gewerkschafterin Edith López sieht das anders: „Sie stellen lieber Frauen ein, weil die ihre Rechte nicht kennen.“ Damit sich das ändert, hat sie vor fünf Jahren eine Gewerkschaft der Arbeiterinnen in der Agrarindustrie gegründet, die in Ica inzwischen 200 Mitglieder zählt; in den Anbaugebieten des Nordens sind es einige mehr. Edith López und ihre Kolleginnen werfen den Agrarunternehmen vor, unliebsame Gewerkschaftsmitglieder aus fadenscheinigen Gründen zu entlassen und damit die Organisation der Arbeitenden zu verhindern. Die großen Unternehmen wie Camposol, Sociedad Agrícola Viru oder Agrokasa weisen die Vorwürfe von sich und verweisen auf ihre hauseigenen Gewerkschaften.

Unbezahlte Überstunden

Vor allem aber fordert Edith López von den Unternehmen, dass Überstunden bezahlt und Produktionsvorgaben nicht zu hoch angesetzt werden. Die 38-Jährige verdient seit 16 Jahren ihr Brot und das für ihre zwei Kinder als Arbeiterin in der Agroindustrie. „Da die Felder weit abgelegen sind, können die Arbeiterinnen nicht einfach nach acht Stunden nach Hause gehen, sondern müssen warten, bis der Firmenbus sie fährt. Und der fährt oft erst, wenn das Feld abgeerntet ist“, erklärt Edith López.

Die Gewerkschaftsorganisation in der Agrarexportindustrie steckt noch in den Kinderschuhen, ist aber bitter notwendig. Dasselbe gilt für den sparsameren Umgang mit Wasser. Denn der Spargel wird an der Pazifikküste angebaut, einer Gegend, in der chronischer Wassermangel herrscht. In dem langen Wüstenstreifen regnet es so gut wie nie; das Wasser stammt vom Regen in den Anden, aus der Gletscherschmelze und aus dem Grundwasser. Lediglich zwei Prozent des Wassers aus den Anden strömt in den Pazifik. An dessen Küste leben jedoch 80 Prozent der gut 28 Millionen Peruaner, acht Millionen allein in der Hauptstadt Lima. Die Spargelfelder von Ica und Trujillo sind von Wüstendünen umgeben. Grün weht hier nur der Spargel, bevor er gemäht wird. Und auch nur, weil er permanent bewässert wird. Die großen Haciendas haben auf Tröpfchenbewässerung umgestellt, die das Wasser – zusammen mit künstlichen Nährstoffen und Pestiziden – in kleinen Rohren direkt der Pflanze zuführt, und so die knappe Ressource möglichst effizient nutzt.

Seit Jahren leidet das gesamte Ica-Tal unter Wassermangel. Die Ausweitung der Anbauflächen für den Agrarexport war nur möglich, weil unzählige oft illegale neue Brunnen gegraben wurden, die das Grundwasser abschöpfen. Denn Spargel braucht im Vergleich zu den traditionellen Bohnen oder Weintrauben viel Wasser. „Wir exportieren nicht nur Spargel sondern auch eine Menge virtuelles Wasser“, sagt Julio Aguije von der Vereinigung der Wassernutzer des Achirana-Kanals, der sich durch das Ica-Tal zieht. Der Grundwasserspiegel sinkt. Das seit zwanzig Jahren bestehende Verbot, neue Brunnen zu bauen, haben die Agrarproduzenten bislang ignoriert. Heute ist die Wasserknappheit in Ica so offensichtlich, dass sie die Augen nicht mehr davor verschließen können.  „Fast 60 Prozent der Anbaufläche für Agrarexporte liegt hier in Ica. Das Grundwasser wird höchstens noch sechs Jahre reichen, wenn wir so weitermachen“, warnt Leonel Patiño von der lokalen Wasserbehörde.

Protest gegen neuen Kanal

Die Atmosphäre unter den Agrarexporteuren ist von Misstrauen geprägt: Wer gräbt wem das Wasser ab? Und vor allem: Wie kann der Grundwasserspiegel wieder angehoben werden? Als die Spanier im 16. Jahrhundert die Flusstäler der peruanischen Pazifikküste besetzten, stellten sie folgende Regel auf: Sie wässerten ihre Güter tagsüber, die Indigenas aus dem Hochland durften das Wasser nachts auf ihre Felder leiten. Diese ungleiche Verteilung setzt sich heute in den Vorschlägen der Grundbesitzer fort: Wenn es nach ihnen ginge, soll künftig ein neuer Kanal zusätzliches Wasser aus den Bergseen der Anden in die Wüste von Ica führen.

Die Bewohner des Dorfes Carhuancho in 4500 Meter Höhe lehnen dieses Vorhaben  ab. Sie befürchten, dass dadurch ihre Feuchtwiesen austrocknen und sie ihre Haupteinnahmequelle, die Alpaka-Zucht, aufgeben müssen. Im vergangenen Jahr haben die Dorfbewohner deswegen beim Lateinamerikanischen Wassertribunal in Costa Rica eine Klage gegen den peruanischen Staat und die Provinzregierung von Ica eingereicht. In seinem Gutachten empfiehlt das Wassertribunal, das Projekt  sofort auszusetzen. Doch das Tribunal setzt sich aus zivilgesellschaftlichen Akteuren zusammen, sein Urteil ist nicht bindend. Die peruanische Regierung hat es bislang ignoriert, die Provinzregierung in Ica hat es wegen Formfehlern zurückgewiesen.

Im Distrikt Tate in der Provinz Ica wird bereits deutlich, wie viel Konfliktstoff die knappe Ressource Wasser birgt. Mitte September dieses Jahres brachte die Agrarfirma Agrokasa die Polizei mit, um den Bau einer Wasserleitung zu schützen, der Grundwasser von einem ihrer Spargelgüter zu einem anderen, weiter oben gelegenen Gut pumpen soll. Agrokasa hatte alle notwendigen Genehmigungen für den Bau der Leitung, die durch das Dorf Puno führen soll. Einige Dorfbewohner argwöhnten dennoch, dass es nicht mit rechten Dingen zugehe und die neue Wasserleitung ihren eigenen kleinen Feldern das Grundwasser abgraben werde. „Ich merke jetzt schon, wie mein Bohnenfeld immer trockener wird“, sagt Dominga Ramirez, eine der Anführerinnen der Bürgerinitiative gegen das Projekt. „Wenn sie nun die neue Leitung legen, werden sie uns das knappe Wasser auch noch nehmen.“

José Chlimper, der Geschäftsführer von Agrokasa, legt Gutachten vor und versichert, dass trotz der Wasserleitung der Grundwasserspiegel unter dem Dorf Puno wieder aufgefüllt werde. Der in der Nähe des Flusses Ica gelegene Boden funktioniere wie ein Schwamm und könne mehr Regen und Schmelzwasser aus den Anden absorbieren als andere Flächen. Es sei besser, das Wasser hier zu entnehmen, das sonst ungenutzt ins Meer laufe, als einen Brunnen an der höher gelegenen Anbaufläche zu bohren, so Chlimper. Diese Logik ist für viele Anwohner unverständlich. Entsprechend groß ist ihr Misstrauen gegen das Unternehmen und die Behörden.

Dominga Ramirez kritisiert, dass die Wohlhabenden immer mehr Wasser verbrauchen. In ihrem Haus im Distrikt Tate kommt gerade einmal alle zwei Tage für ein paar Stunden Wasser aus ihrer Leitung. In ganz Ica ist das ähnlich. Laut Carlos Pereyra, Wasserspezialist bei der nichtstaatlichen Organisation IPROGA, ist jedoch nicht der Mangel an Wasser das Problem, sondern die ineffiziente und nicht nachhaltige Nutzung . „An unserer Pazifikküste war das Wasser seit jeher knapp. Trotzdem haben sich hier Hochkulturen angesiedelt. Aber man kann nicht aus wirtschaftlichen Interessen stets zuviel Wasser entnehmen, ohne dafür zu sorgen, dass wieder welches zurückkommt“, geht er mit den Agrarexporteuren ins Gericht.

Indessen hat die Wirtschaftskrise den Konflikt möglicherweise entschärft. Seit Beginn des Jahres ist die Nachfrage nach peruanischem Konservenspargel um fast die Hälfte eingebrochen. Die Unternehmen im Norden Perus, die als Exporteure von Konservenspargel besonders von der Krise betroffen sind, haben bereits Arbeiter entlassen. Da die Intensivlandwirtschaft für den Export jedoch zahlreiche Arbeitsplätze schafft, wünscht sich niemand in Peru ernsthaft, dass diese Krise anhält.

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe