Open Doors
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Einseitiger Blick nur auf christliche Opfer

Bei blutigen Auseinandersetzungen sind Ende März in Guinea zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Das evangelikale Hilfswerk Open Doors berichtet nur von den Opfern auf christlicher Seite. In Guinea dagegen setzen sich Christen und Muslime dafür ein, dass aus einem politischen kein religiöser Konflikt wird. 

Auslöser der Unruhen war ein Verfassungsreferendum, mit dem sich der seit zehn Jahren regierende Präsident Alpha Condé eine weitere Amtszeit sichern wollte. Die Opposition hatte die Bevölkerung zum Boykott aufgerufen und gefordert, die Abstimmung wegen der Corona-Epidemie zu verschieben. Das Referendum wurde dennoch am 22. März durchgeführt; nach Regierungsangaben stimmten 91,6 Prozent für die neue Verfassung. 

Die Opposition rief daraufhin die Bevölkerung zum Widerstand auf und forderte von der internationalen Gemeinschaft Sanktionen gegen die Regierung Condé. Bei den anschließenden Unruhen starben nach Oppositionsangaben 66 Menschen (die Behörden geben zehn Tote an), viele Hundert wurden verletzt und Tausende flohen in den Regenwald. Besonders betroffen war die Region N’Zérékoré im Süden des Landes, in der viele der rund eine Million guineischen Christen leben. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung des Landes liegt bei rund sieben Prozent. Der überwiegende Teil der Guineer (85 Prozent) gehört dem sunnitischen Islam an. In der Provinzhauptstadt N’Zérékoré wurden bei den Unruhen auch fünf Kirchen angezündet, während aus Labé im Norden des Landes die Zerstörung von zwei Moscheen und aus der Hauptstadt Conakry die Schändung eines Friedhofs gemeldet wurden. 

Für die Opposition im Land ist es ein Tabubruch, dass bei den Unruhen religiöse Stätten angegriffen wurden. „Guinea verliert so seine Seele“, sagte der Vorsitzende des liberalen Blocks, Lansana Faya Millimouno. Schuld daran sei der Präsident, „der die Guineer gegeneinander aufbringt, sobald er mit Schwierigkeiten konfrontiert ist“. In einer gemeinsamen Stellungnahme beschuldigten sechs Oppositionsparteien sogar direkt den früheren Fraktionschef der Regierungspartei, Amadou Damaro Camara, er stecke hinter den Massakern. „In N’Zérékoré leiden vor allem diejenigen unter der Gewalt, die sich gegen das Verfassungsreferendum ausgesprochen haben“, heißt es in der Stellungnahme.

In den internationalen Medien, die zu diesem Zeitpunkt auf die weltweite Corona-Krise fokussiert waren, war von den Auseinandersetzungen nur wenig zu finden. Das evangelikale Hilfswerk Open Doors aber veröffentlichte Ende März eine Pressemitteilung und ordnete die Unruhen in den Kontext einer allgemeinen Christenverfolgung ein. So berichtet Open Doors nur von den zerstörten Kirchen und von den „von einer muslimischen Jugendgruppe“ getöteten Christen. Zwar wisse man noch zu wenig über die Hintergründe der Unruhen, doch erlebten Christen in Guinea seit Jahren Schwierigkeiten wegen ihres Glaubens, so Open Doors. Örtliche Verwaltungsbehörden arbeiteten „nur widerwillig mit Christen zusammen“. 
Open Doors: Kein Anspruch auf vollständiges Bild

Auf die Frage, warum sie nicht auch die zerstörten Moscheen erwähnt haben, erklärte Open Doors, dass sie von den Hintergründen in Guinea nicht viel wüssten und auch keinen Anspruch hätten, das vollständige Bild einer Krisensituation darzustellen. „Wir bedauern ausdrücklich jede Form von Gewalt, selbstverständlich auch gegen Andersgläubige. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt, wie bei anderen Interessengruppen auch, jedoch auf unserer Hauptzielgruppe, den verfolgten Christen“, sagte ein Sprecher des Hilfswerks.

Ein differenzierteres Bild zeichnen dagegen Hilfsorganisationen, die in Guinea tätig sind, wie zum Beispiel das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen. „Das Miteinander zwischen Christen und Muslimen funktioniert in Guinea eigentlich ganz gut“, sagte Difäm-Referentin Ute Papkalla. Das Hilfswerk arbeitet seit einigen Jahren mit Partnern in Guinea und auch in N‘Zérékoré in Gesundheitsprojekten zusammen. Erst im Februar war Papkalla vor Ort. Bei Workshops mit der Partnerorganisation sei es üblich, dass zu Beginn sowohl ein Christ als auch ein Muslim ein Gebet sprächen. „Das läuft sehr freundschaftlich und gleichberechtigt ab.“ Bei den Auseinandersetzungen Ende März hätten alle Angst gehabt, auf die Straße zu gehen, egal ob Christen oder Muslime. Nach den Unruhen hätten sich christliche und muslimische Religionsvertreter sofort zusammengesetzt und beraten, wie sie in ihre Gemeinschaften hineinwirken können, „damit aus einem politischen Konflikt kein religiöser wird“, berichtet Papkalla.  

Papkalla sieht die Eskalation des Konflikts vor allem auf einem sozioökonomischen Hintergrund. N’Zérékoré sei sehr abgelegen, die Versorgung durch staatliche Stellen funktioniere nicht gut, die Menschen fühlten sich abgehängt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihrer Partnerorganisation – sowohl Christen als auch Muslime – hätten ihr erklärt, dass es zwar immer wieder kleinere Streitereien zwischen den Religionsgruppen gebe, diese aber eher einen sozialen als einen religiösen Hintergrund hätten. 
 

erschienen in Ausgabe 6 / 2020: Kino im Süden

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