„Straßenkinder müssen oft jeden Job annehmen, um zu überleben“

Trotz staatlicher Maßnahmen ist Kinderarbeit in Äthiopien weit verbreitet

Armut und traditionelle Familienstrukturen führen in Äthiopien dazu, dass schon Kinder hart arbeiten müssen. Sie werden von ihren Eltern als Arbeitskräfte vermietet und leiden sowohl körperlich als auch psychisch darunter. Zwar gibt es von staatlicher und nichtstaatlicher Seite Programme gegen den Missbrauch, doch die erreichen bisher nur einen kleinen Teil der Heranwachsenden. Ein Gespräch mit Bekele Mosisa.

Weshalb müssen Kinder in Äthio­pien arbeiten?

Gründe sind die große Armut und das Fehlen eines Elternteils wegen Scheidung oder Aids. Traditionelle Ansichten verstärken das Problem. Es ist eine Versicherung für die Eltern, viele Kinder zu haben. Damit verbessern sie auch ihren Status in der Gemeinschaft. Mehr Kinder in einer Region führen aber auch zu Landknappheit und ökonomischem Druck. Deshalb müssen die Kinder zum Einkommen der Familien beitragen.

Welchen Gefahren sind die Kinder dabei ausgesetzt?

Die Gefahren sind in den Städten größer als auf dem Land. Allein in Addis Abeba und Umgebung sollen circa 60.000 Straßenkinder leben, die wegen harter Arbeit oder sozialer Probleme von zu Hause weggelaufen sind. Viele bleiben am Stadtrand hängen und verdingen sich als Träger und Müllabholer, arbeiten täglich sehr lange in einer Weberei oder werden für Prostitution oder Pornographie missbraucht. Es ist auch üblich, dass Kinder in fremden Haushalten leben, wo sie keinen Schutz haben und die Arbeitszeit nicht kontrolliert wird. Kinder werden oft geschlagen – vor allem, wenn es nicht die eigenen sind.

In Äthiopien ist Arbeit für Kinder unter 14 Jahren verboten. Wird das Gesetz durchgesetzt?

Laut Gesetz dürfen Jugendliche ab 14 Jahren in einem bestimmten Rahmen und beschützt arbeiten. Die meisten Kinder kennen das Gesetz aber nicht. Mädchen und Jungen, die von ihren Eltern illegal an andere Familien als Haushälter und Dienstmädchen vermietet werden, können dort kaum durch das Gesetz geschützt werden. Und Straßenkinder müssen oft jeden Job annehmen, um zu überleben.

Was tut die Regierung, um das Gesetz besser durchzusetzen?

Sie hat Programme entwickelt, es gibt eine staatliche Kommission und eine Abteilung für Kinder im Frauenministerium. Aber diese Institutionen erreichen die Menschen kaum. Die Leute hören selten auf staatliche Vertreter. Sie handeln nach ihren traditionellen Normen. Leider ist die äthiopisch-orthodoxe Kirche, der rund die Hälfte der Äthiopier angehören, auch nicht besonders hilfreich. Die leitenden Geistlichen sprechen sich zwar für die Rechte der Kinder aus, die Priester auf dem Land sind jedoch mehr dem traditionellen Verhalten ihrer Gemeinden verbunden. Kritik an Kinderarbeit und Kinder-Heiraten ist von ihnen nicht unbedingt zu erwarten.

Was tut Ihre Organisation, um traditionelle Normen zu ändern?

Wir versuchen, die Kinder und Familien zu erreichen, bevor ein Kind wegen einer Arbeit weggeschickt wird oder wegläuft. Außerdem kümmern wir uns um Kinder, denen etwas zugestoßen ist, die zum Teil traumatisiert sind und ärztliche Betreuung benötigen. Meist sind diese Kinder nicht mehr bei ihren Familien. Wir versuchen, sie wieder in die Familien zu integrieren. Mit unseren Programmen haben wir seit 1998 um die 36.000 Kinder auf dem Land und in den Städten erreicht.

Das neue äthiopische NGO-Gesetz schränkt die Arbeit von Hilfsorganisationen drastisch ein. Fürchten Sie um die notwendige neue Registrierung Ihrer Organisation?

Wir müssen unser Programm ans neue Gesetz anpassen und das auch mit unseren Partnerorganisationen diskutieren. Wenn wir das tun, bin ich zuversichtlich, dass wir sehr bald die notwendige neue Zulassung für unsere Arbeit bekommen.

Wie ist denn die Haltung der äthiopischen Regierung zu Ihrer Arbeit?

Der äthiopische Staat begrüßt unsere Arbeit. Wir betreiben gemeinsam mit den Behörden Aufklärung in Schulen, um zu erreichen, dass die Kinder ihre Abschlüsse machen und nicht wegen einer Heirat die Schule abbrechen müssen.

Der Zugang zu Bildung ist ein Ziel Ihrer Organisation. Was sind die wesentlichen Gründe dafür, dass Kinder nicht zur Schule gehen?

In unseren Projektgebieten gibt es viele Kinder, die in einem fremden Haushalt arbeiten müssen und denen der Schulbesuch verweigert wird. Das zweite große Problem sind die arrangierten Heiraten zwischen Kindern. Das Heiratsalter für Mädchen liegt bei gerade einmal acht bis zehn Jahren, Jungs werden im Alter von zehn bis zwölf Jahren verheiratet. Die Eltern der Mädchen haben es auf die Mitgift abgesehen und darauf, nicht mehr für das Kind sorgen zu müssen. Die Eltern des Bräutigams profitieren auch. Sie erhalten die zusätzliche Arbeitskraft, nämlich die Braut. Die Ehen zwischen Kindern halten aber oft nicht, weil sie natürlich noch nicht dafür bereit sind. Wenn sich verheiratete Kinder trennen, wird besonders den Mädchen die Rückkehr in die Elternhäuser verwehrt. Deshalb suchen sie sich Arbeit als Hausmädchen oder werden in die Prostitution gedrängt. Um das zu verhindern, bemühen wir uns, den Eltern in Gesprächskreisen die Folgen von Früh-Heiraten aufzuzeigen und sie davon abzubringen.

Sind denn nur wirtschaftliche Gründe dafür ausschlaggebend, dass Kinder sehr jung verheiratet werden?

Nein. Ein weiterer Grund ist die Angst der Eltern, ihr Kind könnte alleinstehend bleiben. Das wird mit Minderwertigkeit gleichgesetzt und ist eine Schmach für die ganze Familie. Verheiratete Kinder hingegen erhöhen den Status der Familie in der Gemeinschaft. Wir lassen bei unseren Gesprächen in den Dörfern ehemals verheiratete Kinder von ihren Qualen berichten. Daraufhin beschließen einige Eltern, ihre Kinder nicht zu verheiraten. FCE schlägt den Familien alternative Einkommensquellen vor, damit sie leichter auf die Kinder-Heiraten verzichten können. Ferner bieten wir in unseren Einrichtungen eine Grundbildung für Kinder in ländlichen Gebieten an, in deren Rahmen wir ihnen auch ihre Rechte erklären.  

Haben die arbeitenden Kinder und Jugendlichen in Äthiopien eine gemeinsame Interessenvertretung wie beispielsweise in Peru?

In den Schulen gibt es sogenannte Clubs, aus denen heraus Schüler ihre Interessen vertreten. Sie stehen auch in Kontakt miteinander. Wir planen derzeit den Aufbau eines landesweiten Kinderparlaments. Fünf regionale Kinderparlamente sind bereits einberufen worden. Wir setzen uns dafür ein, dass sie über Kinderrechte debattieren und Resolutionen verabschieden. Und es geht darum, Verbindungen zwischen Regierungsstellen und dem Kinderparlament herzustellen, damit die Forderungen der Kinder gehört werden.

In den Industrieländern wird Kinderarbeit abgelehnt, abgesehen von Jobs wie Zeitungen austragen. Sie sind aber nicht völlig dagegen, dass Kinder arbeiten?

Richtig. Ich bin Sozialarbeiter und finde nicht, dass Kinder und Jugendliche generell nicht arbeiten sollten. Durch die Arbeit sollen sie schließlich auch etwas für später lernen. Es geht darum, dass Kinder im Umfeld ihrer Familien begrenzte und für ihr Alter angemessene Aufgaben übernehmen. Einige Erfolge konnte FCE schon erzielen, um dieses Ziel zu erreichen, aber angesichts von Äthiopiens 80 Millionen Einwohnern liegt noch ein langer Weg vor uns.

Das Gespräch führte Felix Ehring.  

Bekele Mosisa war Leiter der Organisation Facilitator for Change Ethiopia (FCE). Der Pädagoge ist Ende Oktober nach schwerer Krankheit gestorben. FCE setzt sich in Äthiopien unter anderem für Kinder- und Frauenrechte ein und wird von der Kindernothilfe unterstützt.

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2009: Klimawandel: Warten auf die Katastrophe