Nigeria
Imam Abdullahi Abubakar ist noch immer etwas verwundert über die vielen Auszeichnungen, die er für seine Toleranz erhalten hat. 
Nigeria

Ein Held, der keiner seiner will

Imam Abdullahi Abubakar hat Hunderte Christen vor einem Terrorangriff gerettet.

Es geschah vor ziemlich genau zwei Jahren, am 23. Juni 2018. Der muslimische Geistliche Imam Abdullahi Abubakar war damals außerhalb des abgelegenen Dorfes Nghar im Bezirk Gashish im nigerianischen Bundesstaat Plateau kaum bekannt. Das änderte sich an diesem Tag nach einem Angriff muslimischer Siedler der ethnischen Gruppe der Fulani auf zehn christliche Dörfer der dort ansässigen Berom. 

Imam Abubakar, damals 82 Jahre alt, ein Mann mit markantem weißem Bart und freundlichem Gesicht, betete in seiner Moschee, als das Chaos begann. Er kam heraus, sah verängstigte Christen, darunter Frauen und Kinder, die verzweifelt vor den Angreifern flohen. Instinktiv riss er die Türen der Moschee auf, um den Christen Sicherheit zu bieten. „Sie stürmten herein, und ich ermutigte sie immer wieder hineinzugehen“, erinnert sich der Kleriker.

Imam Abubakar, sein Sohn und Abdullahi Umar Hassan, der Assistenz-Imam der Moschee, verschlossen eilig die Türen, als sich die Angreifer näherten. „Sie umzingelten die Moschee und forderten uns auf, die Türen zu öffnen, damit sie die Christen angreifen könnten“, sagt Imam Abubakar. Es seien sehr viele Angreifer gewesen, bewaffnet mit Gewehren und Macheten, die Gesichter schwarz angemalt, so dass sie nicht zu identifizieren gewesen seien. 

"Zuerst müssten sie sein Leben nehmen, bevor sie einen der Christen töten"

Die Angreifer begannen, in die Luft zu feuern, während sie um die Moschee liefen. Trotzdem gaben Imam Abubakar, sein Sohn und Hassan nicht nach. „Es war eine beängstigende Situation, aber da die Angreifer Leute töten wollten, beschlossen wir, sie mutig daran zu hindern“, sagt Imam Abubakar. Zuerst müssten sie sein Leben nehmen, bevor sie einen der Christen töten, sagte er den Angreifern. „Ich sagte ihnen, sie könnten die Moschee erst betreten, nachdem sie mich getötet hätten.“ 

Autor

Sam Olukoya

ist freier Journalist im nigerianischen Lagos.
Schließlich zogen sich die Angreifer zurück und das Militär traf ein. Insgesamt hatten 262 Christen Zuflucht in der Moschee gefunden; alle wurden sicher evakuiert. Die Angriffe an diesem Tag forderten jedoch das Leben von mehr als 200 weiteren Christen, die sich nicht in Sicherheit bringen konnten.  

Monica Moses war eine der Frauen, die sich in der Moschee versteckt hatten. Ohne Iman Abubakar wären heute viele Mitglieder ihrer Familie tot, sagt sie. „Ich bin zusammen mit meinen fünf Kindern, meiner Mutter, meiner Schwägerin, ihren beiden Kindern und meiner Großmutter dem Tod entgangen, weil wir uns in der Moschee versteckt hatten.“ Andere Familienmitglieder und Freunde hingegen seien anderswo im Dorf getötet worden. Monica erinnert sich, dass die Angreifer während des Vorfalls den Dschihad ausriefen und sagten, die Christen müssten eliminiert werden.

Imam Abubakar ist traurig, dass viele Menschen getötet wurden. Aber zugleich ist er froh, dass er das Leben all derer gerettet hat, die in der Moschee Zuflucht suchten. Der Kleriker besteht jedoch darauf, dass es nichts Außergewöhnliches gewesen sei, sein Leben zu riskieren, um so viele Menschen zu retten. „Ich sehe sie als meine Familienangehörigen. Wenn Gefahr droht, musst du alles in deiner Macht Stehende tun, um sie zu retten“, sagt er. 

Doktortitel ohne formale Ausbildung

Seine Heldentat hat Imam Abubakar bald innerhalb und außerhalb von Nigeria ins Rampenlicht gerückt. Seit diesem Tag im Juni ist er von seinem Dorf aus in verschiedene Teile der Welt gereist, meist um an internationalen Konferenzen zur Verhütung religiöser Konflikte teilzunehmen. Er sagt, die Organisatoren solcher Konferenzen seien oft stolz darauf, ihn als einen Superhelden religiöser Toleranz zu präsentieren. „Ich werde immer als ein Beispiel dafür vorgestellt, wie man gegenüber Menschen anderer Glaubensrichtungen tolerant sein sollte. Die Teilnehmer werden dann aufgefordert, diesen Charakterzug zu übernehmen.“ Imam Abubakar sagt, er fühle sich bei solchen internationalen Zusammenkünften geehrt, wenn Menschen auf ihn zukommen, um ihn nach seinen Erfahrungen zu fragen.

Der muslimische Geistliche hat mehrere Auszeichnungen erhalten, von Regierungen, Universitäten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und den Medien. Eine der renommiertesten kam von der US-Regierung, die ihm im vergangenen Jahr den Internationalen Preis für Religionsfreiheit verliehen hat. Eine weitere Auszeichnung erhielt er von der Ekiti State University in Südwestnigeria, wo er im Fach Frieden promoviert wurde. Es amüsiert Imam Abubakar, dass er nun ohne formale Ausbildung einen Doktortitel hat.

Der Imam sagt, er habe nie das Maß an Aufmerksamkeit erwartet, das ihm zuteilwird. Der Kleriker, der die Leitung der Moschee mit der Landwirtschaft verbindet, sagt, er ziehe dieses bescheidene Leben vor, in dem er nicht ständig wichtige Menschen treffen muss.

Imam Abubakar wurde 1936 geboren. Er sagt, als Kind habe er den Geist der religiösen Toleranz aufgesogen; das sei der Grund für seine Entscheidung, die Christen in seiner Moschee zu retten. „Gut zu den Menschen zu sein, unabhängig davon, wer sie sind – das habe ich von meiner Großmutter und meinem Vater gelernt“, erklärt er.

Mit Bestürzung verfolge er das Ausmaß an religiöser Intoleranz und an Extremismus in Nigeria und einigen anderen Teilen Afrikas. Nigeria, das bevölkerungsreichste Land des Kontinents, wird von häufigen Konflikten zwischen Christen und Muslimen geplagt. Darüber hinaus wollen die islamistischen Gruppen Boko Haram und IS einen islamischen Staat in Nigeria errichten. 

Vel über religiöse Toleranz gelernt

Imam Abubakar sagt, als er andernorts von religiöser Gewalt gehört habe, habe er sich nie vorstellen können, dass so etwas in seinem Dorf vorkommt. „Wir haben hier in Frieden gelebt, Christen und Muslime, ohne jegliche Probleme“, betont er. Die Gewalt im Bezirk Gashish wird allgemein als Teil eines umfassenderen Krieges gesehen, den die eingewanderten Fulani gegen die einheimischen christlichen Gemeinschaften in Zentral- und Südnigeria führen. Außer religiöse Ziele zu verfolgen, werden die Fulani, die hauptsächlich Viehhirten sind, auch beschuldigt, sie wollten die christlichen Gemeinden, die hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig sind, gewaltsam vertreiben. 

Imam Abubakar ist nach wie vor erschrocken über das Ausmaß der Gewalt, die in seinem Dorf stattgefunden hat. „Wir sollten einander nicht wegen unserer religiösen Überzeugungen hassen. Gott hat uns verschieden erschaffen, einige Menschen sind Christen, andere sind Muslime, während wieder andere gar keine religiösen Überzeugungen haben.“ Imam Abubakars Assistent Hassan sagt, er habe von dem Kleriker viel über religiöse Toleranz gelernt. „Dieser Geist hat mir geholfen, frei mit Menschen anderer Glaubensrichtungen umzugehen“, sagt er.  

Doch Imam Abubakar und Hassan wissen, dass ihre Haltung einen Preis hat: Es gibt Menschen, die sie hassen. „Einige Leute beleidigen uns, indem sie sagen, dass wir in unseren religiösen Überzeugungen auf Abwege geraten sind“, sagt der Imam. Hassan ergänzt, viele Menschen seien wütend auf sie, weil sie Christen in der Moschee Zuflucht gewährt hätten. 

Imam Abubakar und Hassan sagen, sie seien zwar besorgt über die Feindseligkeit, die manche ihnen entgegenbringen. Sie wollen sich aber nicht entmutigen lassen. Imam Abubakar sagt, er würde sein Leben erneut aufs Spiel setzen, um jeden zu schützen, dessen Leben in Gefahr ist. Die Ermutigung, die er von Menschen auf der ganzen Welt erhält, gibt ihm viel Vertrauen, dass er das Richtige tut. „Wenn du einen Menschen tötest, ist es so, als hättest du die ganze Welt getötet“, sagt er. Die religiösen Überzeugungen der getöteten Person spielten keine Rolle: „Wichtig ist nur, dass die Person von Gott geschaffen wurde.“

erschienen in Ausgabe 7 / 2020: Der Plan für die Zukunft?

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