Lieferketten
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„Löhne unter Existenzminimum“

Deutsche Textilkonzerne tun immer noch zu wenig für die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten im Ausland, kritisiert Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero.

 Maik Pflaum ist Bereichsleiter Ausland der Christlichen Initiative Romero.Maren Kuiter
Woran arbeiten Sie gerade?
Normalerweise wäre ich gerade aus El Salvador zurückgekommen, wo ich einmal im Jahr unsere Projektpartnerinnen und -partner treffe. Wegen der Corona-Krise geht das jetzt nicht. Das ist aber nicht weiter problematisch, denn unsere Bildungs- und Menschenrechtsprojekte vor Ort funktionieren selbstständig. Von hier aus unterstützen wir nur bei der Finanzierung und durch begleitende Öffentlichkeitsarbeit. In Deutschland arbeite ich viel zu menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten in globalen Lieferketten – zum Beispiel im Hinblick auf die Unternehmen Adidas und Puma, die beide in der Region Nürnberg ansässig sind. 

Sind diese Unternehmen heute fairer und nachhaltiger als früher? 
Sie haben inzwischen große Abteilungen für Umwelt und Soziales und geben dazu wohlklingende Berichte heraus. Auch haben sie Kinderarbeit weitgehend abgeschafft. Allerdings könnte man zynisch sagen: Wozu sollen sie die Beschäftigung von Kindern riskieren, wenn deren Mütter genauso billig arbeiten? Denn an den entscheidenden Stellschrauben haben die Unternehmen seit den 1990er Jahren nichts verändert: Die Löhne, die im globalen Süden bei der Herstellung ihrer Produkte gezahlt werden, sind immer noch weit unter dem Existenzminimum, und der Arbeitsdruck ist enorm hoch. Die Arbeiterinnen können ihre Familien nur mit Hilfe von Bonusleistungen ernähren, die sie bekommen, wenn sie 14 Tage lang ein viel zu hoch angesetztes Produktionssoll erreichen. Dazu leisten sie oftmals unbezahlte Überstunden. Und riskieren ihre Gesundheit: Viele haben Nierenprobleme, weil sie nicht genug trinken – ein Toilettengang kostet sie zu viel Zeit.  

Wie können Sie Betroffenen vor Ort helfen?
Wir unterstützen Frauenorganisationen, die Fabrikarbeiterinnen in deren Rechten schulen und sie bei Rechtsstreits juristisch begleiten. So konnte in El Salvador letztes Jahr erreicht werden, dass die eigentlich gesetzlich garantierte Kinderbetreuung in mehreren Fabriken endlich auch angeboten wird. 

Welche Rolle spielt dabei die Politik?
In ganz Mittelamerika herrschen populistische, autoritäre Regime. Um an der Macht zu bleiben, arrangieren sie sich teilweise sogar mit den sehr einflussreichen kriminellen Banden. Politische Arbeit und auch  Bildungsarbeit ist deshalb gefährlich, denn fast überall herrschen die kriminellen Banden. Wer in ihrem Territorium ein Treffen abhalten möchte, begibt sich in Gefahr. Die Macht der Banden wird erst schwinden, wenn die Menschen die Perspektive auf ein Leben in Würde durch anständige Arbeit haben.

Was tun Sie in Ihrer Freizeit?
Ich sitze im Nürnberger Stadtrat und kümmere mich im Lokalen um Fairness und Nachhaltigkeit. Zum Beispiel, indem ich das Amt für öffentliche Beschaffung dränge, nur Arbeitskleidung mit dem Siegel der „Fair Wear Foundation“ anzuschaffen. 

Das Gespräch führte Barbara Erbe.

erschienen in Ausgabe 3 / 2021: Sport im Süden

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