Tansania
 Eine erschwingliche Alternative zum Kochen auf offenem Feuer sind Öfen wie die, die hier zwei Frauen in Tansania begutachten. Sie sparen Brennstoff und rauchen nur wenig.

EnDev Tanzania

Tansania

Grauer Star vom Kochen

Frauen mit blutunterlaufenen Augen werden in Tansania immer wieder als Hexen beschimpft. Doch nicht Magie, sondern das Kochen mit Holz macht ihre Augen krank.  

Vor drei Jahren fand die 66-jährige Christine Chizimu morgens vor ihrem Haus in Kihumulo im Nordwesten von Tansania eine tote Schlange. Kurz darauf beschuldigten ihre Brüder sie, eine Hexe zu sein. Sie vermutete daher, dass ihre Familie das Ganze arrangiert hatte, um sie aus dem Dorf zu vertreiben und ihr Land an sich zu reißen. Allerdings hätten viele Leute im Dorf die Vorwürfe auch schnell geglaubt – wegen ihres Aussehens. 

Chizimu, deren Name geändert ist, um ihre Identität zu schützen, hat volles graues Haar und blutunterlaufene Augen. Als man sie zur Hexe machen wollte, konnte sie zudem nur schlecht sehen, erzählt sie. Beim Gehen sei sie daher oft gestolpert. Im Gespräch bat sie ihr Gegenüber häufig, näher zu kommen, um die andere Person besser erkennen zu können. „Viele Kinder im Dorf hatten schon seit Längerem Angst vor mir. Sie sagten, ich sei eine Hexe, und rannten vor mir davon. Als ein Mitglied meiner Familie dann lautstark genau das behauptete, glaubten ihm viele, denn der Vorwurf kam ja aus den eigenen Reihen“, berichtet sie weiter. 

Der Glaube an Hexerei ist weit verbreitet

Aktivisten, die sich für die Rechte älterer Menschen einsetzen, haben in den Gemeinden inzwischen recht erfolgreich publik gemacht, dass Symptome wie blutunterlaufene Augen kein Zeichen dafür sind, dass jemand eine Hexe ist. Sondern dass sie durch Rauch verursacht werden, der beim Kochen entsteht. Nun zeigt die Forschung, dass die traditionellen Vorurteile nicht die einzige schlimme Folge dieses Rauchs sind.

Luftverschmutzung im Haushalt gilt als ein Risikofaktor für den grauen Star, der häufigsten Ursache für Erblindung in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Um hier gegenzusteuern und die Zielsetzung für „sauberes“ Kochen im Rahmen des siebten Ziels für nachhaltige Entwicklung zu erreichen, fordern Experten einen verbesserten Zugang zu moderner, energieeffizienter Kochtechnologie.

Sowohl Hexerei zu praktizieren als auch jemanden der Hexerei zu beschuldigen, ist in Tansania illegal. Allerdings zeigte eine Umfrage des Pew Research Centers im Jahr 2010, dass 90 Prozent der Christen und Muslime, die wiederum fast 97 Prozent der Bevölkerung ausmachen, an Hexerei glaubten. 

Autorin

Rumbi Chakamba

ist Journalistin und Redakteurin in Botswana und schreibt für die Medienplattform „Devex“, wo ihr Text zuerst erschienen ist.
Laut der nichtstaatlichen Organisation HelpAge Tansania trifft der Vorwurf der Hexerei häufig ältere Frauen wie Chizimu. Misshandlung durch Familien- und Gemeindemitglieder kann die Folge sein, in einigen Fällen sogar Mord. 2013 wurden 765 ältere Menschen in Tansania in diesem Zusammenhang getötet, zwei Drittel von ihnen waren Frauen.

Vorurteile und Unwissenheit

Die meisten dieser Fälle sind auf Vorurteile und Unwissen zurückzuführen, sagt HelpAge-Programmleiter Joseph Mbasha. So galten in manchen Gegenden Frauen als Hexen, sobald sie blutunterlaufene Augen bekamen. Dass eben diese Frauen viel Zeit an einer mit Feuerholz oder Kuhdung befeuerten Kochstelle verbrachten und damit ihren Augen schadeten, wurde nicht bedacht.

Um das zu ändern, initiierte die NGO gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Regierung landesweit Sensibilisierungsprogramme. Zwischen 2014 und 2018 schulte HelpAge Tansania in seinem Projekteinzugsgebiet im Gebiet der Großen Seen über 160.000 Menschen in den Regionen Shinyanga, Mwanza, Simiyu und Geita. 

„Die Lage hat sich entspannt, ja fast normalisiert. Wir hören kaum noch von Fällen, in denen Menschen wegen angeblicher Hexerei getötet werden. Zwar wurden Berichten zufolge im vergangenen Jahr landesweit noch immer elf Menschen wegen Hexerei getötet. Im Jahr davor waren es aber 29 gewesen und im Jahr davor 56. Die Zahlen gehen wirklich zurück“, sagt Mbasha.

Grauer Star auf beiden Augen

Als Chizimu der Hexerei beschuldigt wurde, wandte sie sich an die örtliche NGO Kwa Wazee, die sich für die Rechte älterer Mitbürger stark macht. Die Organisation half ihr, den Fall dem Dorfleiter vorzutragen, der sich daraufhin für sie einsetzte.

Im vergangenen Jahr vermittelte die Organisation Chizimu zudem einen Termin bei einer mobilen Augenklinik. Bei der Untersuchung zeigte sich, dass sie auf beiden Augen an grauem Star litt. Am linken Auge wurde er bereits entfernt und für das rechte Auge die Operation ebenfalls empfohlen.

Laut Kwa-Wazee-Mitarbeiter Edmund Revelian mussten viele der Frauen, die die Organisation angesichts von Hexerei-Vorwürfen und anderen Problemen unterstützt hat, auch an den Augen operiert werden. „Die meisten von ihnen hatten Altersstar. Normalerweise erhalten sie im Krankenhaus den Rat, sich nicht an Orten mit viel Rauch aufzuhalten, weil das die Sehkraft beeinträchtigen kann.“

Kochen mit Holz gefährdet die Gesundheit

Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Nutzung fester Haushaltsbrennstoffe wie vor allem Holz und grauem Star in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. 

Eine andere Studie verglich im Süden Pakistans die selbstbeobachteten Augen- und Atemwegssymptome bei Frauen, die Holz als Brennstoff verwendeten, mit denen von Frauen, die Erdgas nutzten. Auch diese Untersuchung ergab, dass Augen- und Atemwegsprobleme deutlich mit der Verwendung von Holz zusammenhängen. 

Ein Bericht der Weltbank geht davon aus, dass vier Milliarden Menschen – rund 50 Prozent der Weltbevölkerung – weiterhin keinen Zugang zu sauberer, effizienter, bequemer, verlässlicher und bezahlbarer Energie haben. In Subsahara-Afrika kochen nur zehn Prozent der Menschen mit Herden, die mit moderner Energie wie Erdgas oder Strombetrieben werden. 

Wie die Weltbank auf Anfrage mitteilt, sind „Frauen überproportional häufig von den Gesundheitsrisiken durch Haushaltsluftverschmutzung betroffen.“ In den meisten Ländern mit niedrigem Einkommen ist Kochen nun einmal vor allem die Arbeit von Frauen, die wie Chizimu auf umweltbelastende Herde und Brennstoffe angewiesen sind.

Die Weltbank schätzt, dass wegen negativer Auswirkungen auf Gesundheit, Geschlechtergleichstellung und Klima weltweit jährlich 2,4 Billionen US-Dollar (knapp zwei Milliarden Euro) kosten würde, wenn das Ziel für sauberes Kochen im Rahmen des siebten Nachhaltigkeitziels nicht erreicht werde. Allein die gesundheitlichen Auswirkungen werden auf 1,4 Billionen US-Dollar (1,15 Billionen Euro) jährlich geschätzt.

Um dem entgegenzuwirken, muss laut Weltbank das gesamte Ökosystem der Kochenergie verbessert werden. Gefragt seien öffentlichkeitswirksame Koalitionen, die sich verstärkt für den Zugang zu modernen Herden auf globaler und nationaler Ebene einsetzen. Zudem müsse sichergestellt werden, dass Kochenergie in nationale Energiepläne und Entwicklungsstrategien aufgenommen und die Finanzierung drastisch aufgestockt wird.

„Momentan bestimmt allerdings in vielen Ländern eine Kombination aus mehreren Faktoren die Lage: höhere Anschaffungskosten, fehlendes Bewusstsein in den Haushalten und geringe Verfügbarkeit von Brennstoffen, die teils auf eine unterentwickelte Infrastruktur zurückzuführen ist“, so die Weltbank weiter. 

Eine erschwingliche Lösung: effiziente Kochherde

Die Entwicklungsorganisation SNV Tanzania hat dennoch eine erschwingliche Lösung gefunden: 2013 gelang es ihr, mit einem vom Energising Development Programm unterstützten Projekt bezahlbare effiziente Kochherde auf den Markt zu bringen. Laut Projektmanager Hassan Bussiga wurden dafür 100 Personen in 10 Regionen und 36 Distrikten in Tansania darin ausgebildet, effiziente Kochherde herzustellen, sogenannte Matawi.

Diese Kocher sind als Keramik- oder Metallversion erhältlich und sowohl für den Betrieb mit Holzkohle als auch mit Brennholz geeignet, Kostenpunkt zwischen zwei und zwölf US-Dollar (1,60 Euro und 10 Euro), je nach Größe und Material. „Durch ihre Konstruktion benötigen sie nur sehr wenig Brennstoff“, erklärt Bussiga. „Zudem sind die Emissionen deutlich reduziert. 
Einen neuen Herd konnte sich Chizimu bisher nicht leisten. Aber sie befolgt zumindest den Rat, nur noch trockenes Feuerholz zu verwenden. Das verursacht weniger Rauch als feuchtes und ist deshalb besser für ihre Augen.

Aus dem Englischen von Julia Lauer.

erschienen in Ausgabe 4 / 2021: Abholzen, abbrennen, absperren

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