Energiepartnerschaft
 Vorne wuchern die Büsche – dahinter liegt Savanne, wie sie sein soll. Das Foto ist im Rahmen des GIZ-Projekts „Nutzung von Busch-Biomasse“ entstanden. 

GIZ/Tim Brunauer

Energiepartnerschaft

Namibias Busch in Hamburg verheizen?

Namibia hat ein Problem mit der „Verbuschung“ seiner Savannen. Eine Lösung könnte sein, das Holz in Hamburg zu verheizen – das wird derzeit geprüft. Das Projekt hat sowohl Unterstützer als auch Kritiker. 

Holzkohle aus Namibia wird in Deutschland schon verkauft, bald könnten vielleicht auch Holzpellets aus Namibia in hiesigen Kraftwerken verheizt werden. Das ist zumindest die Idee hinter dem Projekt „Biomasse-Partnerschaft Hamburg-Namibia“, welches im Jahr 2019 entstanden ist. 

Der Hintergrund: In Namibias Savannen überwuchern Büsche, vor allem Schwarzdornakazien, die Gräser. Diese Verbuschung hat weitreichende Folgen. Die landwirtschaftliche Produktivität leidet, denn die Rinder finden nichts mehr zu fressen, sie ziehen sich zurück und die Fläche wird zu Ödland. Ein weiteres Problem: Die Büsche entziehen dem Boden über ihre weitläufigen Wurzeln viel Wasser, wodurch der Grundwasserspiegel sinkt. Außerdem gehen in den undurchdringlichen Buschgebieten die Populationen von Geparden, Zebras oder Antilopen zurück. Das wirkt sich auf den Safari-Tourismus aus, der mit 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein zentrales wirtschaftliches Standbein Namibias ist. Laut Angaben des namibischen Umweltministeriums sind inzwischen 45 Millionen Hektar von Verbuschung betroffen. Das entspricht der Hälfte des Landes oder einer Fläche so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. Ursachen für die fortschreitende Verbuschung sind zum einen Überweidung, aber auch durch Farmer verhinderte „natürliche“ Savannenfeuer in der Vergangenheit. 

Verbuschung ist ein "nationales Desaster"

Die namibische Regierung hat die Verbuschung als „nationales Desaster“ bezeichnet, die nachhaltige Buschkontrolle spielt daher eine wichtige Rolle in den nationalen Entwicklungsplänen. Bis 2040 will die Regierung auf 1,9 Millionen Hektar die Büsche ausdünnen und wieder das Gleichgewicht zwischen Gras- und Buschpflanzen herstellen. 

Die Verbuschung ist zwar ein Problem, doch das  Buschholz wird auch wirtschaftlich genutzt. Einige Farmer haben vor circa 20 Jahren angefangen, selbst die Büsche zu schneiden und zu Holzkohle zu verarbeiten. Inzwischen ist Namibia laut Umweltministerium der zweitgrößte Holzkohle-Exporteur in Afrika und der sechstgrößte weltweit. Pro Jahr werden laut der Namibia Biomass Industry Group (N-Big) rund eine Million Tonnen Buschholz zu 200.000 Tonnen Holzkohle verarbeitet. Aus Buschholzhäckseln werden auch Brennholz und Viehfutter hergestellt. Das Ohorongo Zementwerk verarbeitet die Holzschnitzel mit Zement zu Baustoffen, die Brauerei Namibia Breweries heizt mit Biomasse. Und in Tsumeb entsteht gerade ein Heizkraftwerk mit einer Kapazität von 40 Megawatt. Hier sollen nach der geplanten Inbetriebnahme 2024 pro Jahr 250.000 Tonnen Biomasse verbrannt werden, um Strom und Wärme zu erzeugen. 

Seit 2014 unterstützt die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) Namibia mit Maßnahmen gegen die Verbuschung. Das Projekt hat laut GIZ schon gewirkt: Seit 2015 arbeiten 11.000 Menschen im Biomasse-Sektor, vorher waren es 6000. Die zweite Phase des GIZ-Projekts mit dem Namen „Buschkontrolle und Nutzung von Biomasse“ ist bis Ende 2021 geplant. Weil aber nur ein Bruchteil des Buschholzes lokal und regional genutzt werden kann, hat sich Namibia auf die Suche nach internationalen Abnehmern gemacht und sowohl Deutschland als auch die EU um Unterstützung gebeten.  

Buschholz zu Holzpellets verarbeiten

2019 waren namibische Vertreter aus Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Umwelt zu Besuch in Deutschland. Dabei entstand die Idee der Partnerschaft. Die Idee ist, in Namibia das Buschholz zu Holzpellets zu verarbeiten, diese dann nach Hamburg zu schiffen und sie dort etwa im Heizkraftwerk Tiefstack zu verbrennen und das zentrale Fernwärmenetz zu speisen. Das soll auch den Kohleausstieg in Hamburg beschleunigen. Die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) ist zusammen mit der Hamburg Wärme GmbH und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften für das Projekt verantwortlich.

Sie unterzeichneten im Mai 2020 mit dem Institut für Stoffstrommanagement (IfaS) an der Universität Trier ein „Memorandum of Understanding“. Seitdem prüfen drei Arbeitsgruppen, an denen staatliche und nichtstaatliche Organisationen aus Deutschland und Namibia beteiligt sind, das Vorhaben auf Machbarkeit. Zentrale Fragen sind, wie viel Biomasse nachhaltig geerntet werden kann, ohne dem Ökosystem Savanne zu schaden, ob die Treibhausgas-Bilanz von namibischen Holzpellets, die in Hamburg verheizt werden, wirklich besser ist als die von fossilen Energieträgern und ob von der Partnerschaft beide Seiten gleich profitieren würden. 

Verarbeitung in Biomasse-Industrieparks

Laut verschiedener Untersuchungen wachsen auf der verbuschten Fläche von 45 Millionen Hektar jedes Jahr mindestens 14 Millionen Tonnen Busch-Biomasse nach. Allein diese Menge müsste entnommen werden, um die Verbuschung einzudämmen. Allerdings können davon nur drei bis vier Millionen Tonnen im Land selbst verwertet werden, schätzt die Namibia Biomass Industry Group, ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmen, die sich 2015 durch die Kooperation zwischen GIZ und namibischer Regierung gegründet hat. Der große Rest sollte international vermarktet werden. Die abgeernteten Büsche müssten dafür vor dem Export in Namibia weiterverarbeitet werden. Das soll in sogenannten Biomasse-Industrieparks (BIP) geschehen, der erste könnte in Otjiwarongo entstehen. In der „Roadmap to Biomass Industry Park“, die das IfaS im Auftrag der GIZ erstellt hat, steht, dass ein solcher BIP pro Jahr rund 250.000 Tonnen Biomasse verarbeiten kann (0,25 Millionen Tonnen). Daher könnten in Namibia in den nächsten 20 Jahren 105 solcher BIP (mit jeweils 250 neuen Arbeitsplätzen) entstehen. 

Während in Namibia die große nichtstaatliche Organisation Namibia Nature Foundation und der Dachverband verschiedener Umweltorganisationen, die Namibian Chamber of Environment, die Partnerschaft unterstützen, gibt es in Deutschland auch Kritiker des Vorhabens, allen voran der gemeinnützige Verein „Hamburger Energietisch“ und die Waldschutzorganisation „Robin Wood“. Mit 38 weiteren umwelt- und entwicklungspolitischen Organisationen aus Deutschland und anderen Ländern (auch eine NGO aus Namibia) forderten sie im Februar in einem offenen Brief an Entwicklungsminister Gerd Müller, das GIZ-Projekt zur Nutzung von Biomasse einer „umfassenden Prüfung zu unterziehen“.

"Fortführung eines kolonialen Ungleichverhältnisses"

Die energetische Nutzung von Biomasse aus dem globalen Süden berge enorme Risiken, „die globale Klima- und Biodiversitätskrise deutlich zu verschärfen“. Dazu dürfe deutsche Entwicklungshilfe nicht beitragen. Ein weiterer Vorwurf lautet, die Holzpellets würden mit einem „legalen Bilanzierungstrick [über die europäische Erneuerbare-Energien-Richtlinie] als CO2-neutral deklariert“. Die Unterzeichner des Briefes lehnen das GIZ-Projekt ab, weil es die „Fortführung eines kolonialen Ungleichheitsverhältnisses zwischen Deutschland und Namibia zementieren würde“. Namibia hätte die Rolle als Rohstofflieferant, von der Biomasse-Partnerschaft würden vor allem Investoren und Maschinenhersteller im globalen Norden profitieren, für Namibia seien dagegen „ökonomische und sozialpolitische Nachteile sowie ökologische Schäden zu befürchten“. 

In der Antwort des Ministers wird betont, dass das Vorhaben im partnerschaftlichen Einvernehmen mit der namibischen Regierung umgesetzt werde. Zwar schreibt das BMZ, dass es durch die Ausdünnung des Buschbestands in Namibia eventuell zu einer Zunahme von Emissionen kommen könne. Dennoch werde der Erhalt der Biodiversität und die wirtschaftliche Nutzbarkeit von Flächen aufgrund ihrer Bedeutung für den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung aus nationaler Perspektive höher bewertet. 

Die Beteiligten der Biomasse-Partnerschaft betonen indes die große Rolle der Nachhaltigkeit. In der namibischen Verfassung ist sogar verbrieft, dass „(…) die Nutzung von lebenden natürlichen Ressourcen auf einer nachhaltigen Basis geschehen soll, und dass alle Namibier (...) davon profitieren sollen“. Und in Hamburg sagte Umweltstaatsrat Michael Pollmann:  Bedingung für das Vorhaben sei, „dass über die gesamte Lieferkette die soziale und ökologische Bilanz stimmt. So viel Wertschöpfung wie möglich soll in Namibia verbleiben und so viele Menschen wie möglich sollen vor Ort davon profitieren“.

Ob das Projekt diese Ansprüche erfüllen kann, muss sich noch zeigen. Der Prüfungsprozess wird als „ergebnisoffen“ bezeichnet, die Resultate sollen im Sommer vorliegen. 

erschienen in Ausgabe 4 / 2021: Abholzen, abbrennen, absperren

Kommentare

Ein sehr einseitiger "Artikel", der nur eine Seite ausführlich hört und KritikerInnen praktisch nicht zu Wort kommen lässt. Schwaches Bild für die welt-sichten...

Der Artikel ist reine PR, denn es wurden die Behauptungen der Projektbetreiber und beteiligten Akteure einfach übernommen, ohne sich die Mühe zu machen, sie zu hinterfragen oder weiter zu recherchieren. Das entspricht keiner ausgewogenen journalistischen Arbeit und ist so nur die Verbreitung einseitiger Propaganda und Interessen. Für eine Zeitschrift, die sich Weltsichten nennt und sich als Magazin für globale Entwicklung darstellt, ist das für meine Begriffe völlig unakzeptabel.

Allein ein einziger Blick auf das von der Umweltbehörde der Stadt Hamburg veröffentliche Projektfoto der (semi)maschinellen Ernte der Büsche und Bäume in der namibischen Savanne sollte bei jeder/m BetrachterIn Zweifel erwecken, ob auf diese Weise die behauptete nachhaltige Biomasseernte und die Wiederherstellung des angeblich durch "Verbuschung" bedrohten Ökosystems und Lebensraums von Tieren und Pflanzen erfolgen kann:
https://www.hamburg.de/energiewende/namibia-biomass-partnership/14503844...

Ausführlichere wissenschaftliche Kritik an dem Projekt und ob die Vegetationsveränderungen in Namibia (und anderen Savannengebieten) überhaupt ein ökologisches, hydrologisches oder klimatisches Problem sind wie die Projektbetreiber behaupten, findet sich im Gutachten der Klima- und Ökosystemforscher Prof. Dr. Pierre Ibisch und Dr. Axel Schick von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe:
https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Koh...

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