Kamerun
 Einschüchterungsversuch: Mit Kriegswaffe im Anschlag ziehen Soldaten der ­Elitetruppe im Oktober 2018 durch Buea, die Hauptstadt der Region Südwest.

Zohra Bensemra/REUTERS

Kamerun

Im Kreislauf der Gewalt

Die brutale Unterdrückung friedlicher Proteste hat im anglophonen Gebiet Kame­runs eine Separatistenbewegung entstehen lassen. Auch unter der leidet nun dort die Bevölkerung.

Um die Ursachen der anhaltenden anglophonen Krise zu verstehen, bin ich im Sommer 2018 nach Kamerun gefahren. Ich wollte die Geschichten derer hören, die bei Protesten an vorderster Front stehen. Ich bin Angst, Ungewissheit und Verzweiflung begegnet. Mitglieder des Elitebataillons der Sicherheitskräfte marschierten in anglophonen Städten wie Bamenda und Buea mit gezückten Gewehren durch die Straßen. Einheimische erklärten mir, dass ihnen nach Jahren der Vernachlässigung, der Ausbeutung und des Missbrauchs nur die Option der Abspaltung geblieben sei. Sie argumentierten, die Republik Kamerun führe einen Krieg gegen das anglophone Gebiet, und bestanden darauf, dass der Sieg auf ihrer Seite sei.

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Mit einigen derselben Menschen, die sich diesem Ziel verschrieben hatten, sprach ich nach einem Jahr erneut. Sie waren noch immer für die Abspaltung, betrachteten ihre Revolution jedoch als entgleist, weil sie von Opportunisten gekapert worden sei. Sie waren fassungslos angesichts des Terrors, der nun das Leben in der Region beherrschte – wirtschaftliche Verluste, Tote, die Zerstörung ihrer Gemeinden. Wie konnte Kamerun, das traditionell für Frieden und Stabilität bekannt war, so schnell zum Pariastaat verkommen?

Es begann im Oktober 2016 mit einem friedlichen Streik von Rechtsanwälten und Lehrern in den englisch geprägten Landesteilen Kameruns. Anwälte forderten, diesen Regionen nicht länger das frankophone Rechtssystem aufzuerlegen und wichtige Dokumente ins Englische zu übersetzen. Lehrer prangerten an, dass frankophone Lehrer, die kaum Englisch konnten, an anglophone Schulen geschickt wurden. Schnell schlug der Protest in eine Revolte gegen die Benachteiligung dieser Landesteile um. 

Paul Biya, der Staatspräsident, reagierte mit Gewalt. Als Folge wurden Stimmen lauter, die eine völlige Abspaltung der englischsprachigen Regionen von Kamerun forderten; eine Republik Ambazonien wurde ausgerufen, eine Interimsregierung bildete sich im Exil. Sie schuf einen militärischen Flügel, die Ambazonia Defence Forces, und griff damit Regierungstruppen und Stützpunkte der Regierung an. Sie blockierte Autobahnen, zerstörte Eigentum und kidnappte Regierungsbeamte. Mit regelmäßigen Generalstreiks störten die Separatisten das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in den anglophonen Regionen. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk sind mehr als eine Million Menschen in den anglophonen Regionen vertrieben worden. Präsident Biya hat wenig getan, um die Probleme anzugehen.

Die Wurzeln des Konflikts

Die Wurzeln des Konflikts reichen bis in die Kolonialzeit zurück. Kamerun wurde vor dem Ersten Weltkrieg vom Deutschen Reich annektiert und später geteilt: Großbritannien erhielt den kleineren, Frankreich den größeren Teil. 1960 erlangte Französisch-Kamerun die Unabhängigkeit; 1961 entschied sich die südliche Hälfte von Britisch-Kamerun in einem Volksentscheid, sich der Republik Kamerun anzuschließen – so entstand die Föderative Republik Kamerun; der nördliche Teil von Britisch-Kamerun wählte dagegen die Zugehörigkeit zu Nigeria. Elf Jahre später ersetzte Kameruns Gründungspräsident Ahmadou Ahidjo das föderale System durch einen Einheitsstaat; alle Macht wurde in der Hauptstadt Yaoundé konzentriert. 1984, nach zwei Jahren im Amt, änderte Präsident Paul Biya den Namen des Landes wieder in Republik Kamerun, den Namen von Französisch-Kamerun gleich nach der Unabhängigkeit. Die englischsprachige Bevölkerung fühlte sich verraten und sah die Vereinbarungen zur Wiedervereinigung aus dem Jahr 1961 verletzt.

Autor

Julius A. Amin

ist Professor für Geschichte an der Universität Dayton (USA).
Auch andere Faktoren befeuerten den Groll. Die anglophonen Regionen stellen rund 20 Prozent der Bevölkerung, produzieren aber einen weit höheren Teil der Exportgüter Kautschuk, Bananen, Kakao, Kaffee, Tee und Palmöl. Außerdem sitzt im englischsprachigen Landesteil die einzige Erdöl-Raffineriefirma des Landes sowie die Cameroon Development Corporation, das größte Unternehmen für den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Doch nur ein Bruchteil der Einnahmen aus diesen Quellen wurde in der Region investiert.

Zudem wurden bis vor kurzem keine englischsprachigen Kameruner auf Schlüsselposten der Regierung berufen wie die Ressorts für Finanzen oder Verteidigung. Und zu wenige Mitglieder der anglophonen Bevölkerung erhielten Zugang zu den Eliteschulen, mit deren Absolventen meist bedeutende Stellen in der Verwaltung besetzt werden. Durch ihre Behandlung als „Andersartige” fühlten Anglophone sich entmenschlicht. 

Die meisten Demonstranten forderten zu Beginn keine Sezession, doch Biyas Unnachgiebigkeit und die brutale militärische Reaktion ließen den Ruf danach lauter werden. Das Elitebataillon verbreitete Angst und Schrecken in den anglophonen Städten, legte Feuer und attackierte Wohnhäuser, in denen es Mitglieder der Protestbewegung vermutete. Die ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Die von mir Befragten erklärten 2018, dass sich ihr Protest gegen die Korruption in der Regierung richte, gegen Diskriminierung, Arbeitslosigkeit und Armut sowie gegen Biyas nahezu 40 Jahre währende Herrschaft.

Ende 2019, im dritten Jahr der Krise, hatte sie die anglophonen Regionen und das Land insgesamt geschädigt. Trotz politischer, wirtschaftlicher und sozialer Probleme war Kamerun bis vor ein paar Jahren ein friedliches Land gewesen und hatte Menschen aus aller Welt angezogen. Es war ein internationales Zentrum für Konferenzen, Symposien und kulturelle Veranstaltungen. Kamerun war lange eines der sichersten Länder in Afrika, das Touristen gerne besuchten. Die Universität von Dayton, wo ich lehre, hat mehr als zwei Jahrzehnte lang Studierenden einen Aufenthalt in Kamerun angeboten.

Kamerun ist nicht mehr, was es war

Die anglophone Krise hat all das verändert. Auf Geheiß von Separatistengruppen sind Geschäfte und Schulen im anglophonen Gebiet montags geschlossen; wer sich widersetzt, muss mit Repressalien rechnen. Öffentliche Einrichtungen wie das Krankenhaus in Kumba wurden in Brand gesetzt, Schulkinder eingeschüchtert, entführt oder getötet. Bewaffnete, über die nichts Genaueres bekannt ist, stürmten im Frühjahr 2019 das Gelände des Saint Augustine‘s College in Nso und entführten 170 Schülerinnen und Schüler. Im Februar 2020  wurden in Ngarbuh im Nordwesten Kameruns 22 Dorfbewohner getötet; eine Untersuchung hat ergeben, dass Regierungstruppen für das Massaker verantwortlich waren. Im Oktober 2020 drangen Bewaffnete in eine Privatschule in Fiango-Kumba ein und töteten acht Schüler.

 Angehörige trauern Ende 2020 beim Begräbnis von Schulkindern, die beim Überfall auf die Schule in Kumba getötet wurden. Die Täter sind unbekannt.REUTERS/Blaise Eyong

Menschenrechtsgruppen und andere Beobachter machen sowohl Regierungskräfte als auch Separatisten für Gräueltaten verantwortlich, doch die Ermordung von Kindern und Zivilisten hat separatistische Gruppen viel Rückhalt gekostet. Es gibt Hinweise darauf, dass die einst straff organisierte Separatistenbewegung von Kriminellen vereinnahmt worden ist, die Lösegeld erpressen. Nach beinahe vier Jahren ist die anglophone Region entvölkert. Zu Beginn der Proteste lehnten Aktivisten dort Zeichen der frankophonen Kultur wie Sprache, Konsumgüter und Nahrungsmittel ab. Doch als der Terror zunahm, zogen viele in frankophone Regionen, wo ihre Kinder zur Schule gehen können, und integrieren sich dort.

Warum sollten sich Menschen in anderen Teilen der Welt für diese Krise interessieren? Erstens aus moralischen Gründen. Beide Konfliktparteien haben schwere Menschenrechtsverletzungen begangen und die geschehen weiter, an diesem Tag, in dieser Stunde. Die Welt kann nicht auf einen Genozid wie in Ruanda warten, bevor sie eingreift.

Zweitens besteht kein Zweifel, dass wichtige Staaten wissen, was in Kamerun geschieht. Der zuständige Unterausschuss des US-Kongresses hat anschauliche Zeugenaussagen zu den Angriffen gehört, etwa den in der Gemeinde von Ngarbuh, wo 22 Menschen bei lebendigem Leib verbrannt wurden, darunter 13 Kinder. Die USA haben zwar Kameruns Teilnahme am African Growth and Opportunity Act (AGOA) ausgesetzt – darunter können afrikanische Länder erleichterte Handelsbedingungen bekommen. Doch ein Blick auf die Website der US-Botschaft in Yaoundé zeigt, dass die Geschäfte beider Staaten im Großen und Ganzen weiterlaufen.
Frankreich nennt Kamerun indessen auf der Website seiner Botschaft „Freund” und „Partner” und ruft zu „Zurückhaltung” auf.

Frankreich tut wenig, um das Problem zu lösen

Angesichts des entschlossenen Eintretens Frankreichs für seine strategischen Interessen in Westafrika würde man erwarten, dass Frankreich mehr tut. Präsident Emmanuel Macron hat vergangenes Jahr nach dem Angriff in Ngarbuh „nicht tolerierbare Menschenrechtsverletzungen” öffentlich angeprangert, aber nichts weiter unternommen, um das Problem anzugehen. Kameruner beschreiben Frankreich als einen wesentlichen Unterstützer Biyas.

Chinas Strategie, sich nicht in innere Angelegenheiten anderer Länder einzumischen, ist frustrierend und hat die Entschlossenheit der Tyrannen in Afrika gestärkt. Biya bleibt einer von Chinas wichtigsten Verbündeten in der Region. Öffentlich hat sich Chinas Premier Li Keqiang kaum zur anglophonen Krise geäußert. Stattdessen hat er mehr Geld an Biyas Regierung vergeben und unterhält herzliche Beziehungen zu dem Langzeitherrscher. 

All dies ist äußerst beunruhigend angesichts von Kameruns strategischer Bedeutung. Kamerun und die USA bekämpfen gemeinsam Boko Haram und andere Terrorgruppen. Die anglophone Krise könnte die ganze westafrikanische Region destabilisieren.
Wie europäische Mächte ist auch die Afrikanische Union (AU) am Fall Kamerun kolossal gescheitert. Sie hat kaum etwas getan, außer die Regierung Biyas zu Verhandlungen mit den kriegführenden Parteien aufzufordern. Die AU wandelt sich zurzeit zu einem Bündnis, in dem die Mitglieder ungestraft davonkommen, mit was immer sie tun.  

Den Separatisten fehlt jedoch in den anglophonen Regionen zurzeit die Unterstützung der Mehrheit. Der Moment für einen Wandel könnte also kaum günstiger sein. Zunächst einmal muss Biyas Regierung den Willen aufbringen, ernsthaft über die Regierungsform zu sprechen (etwa eine Föderation) und eine langfristige Perspektive zu schaffen. In den anglophonen Gebieten geht es auch darum, dass grundlegende Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Biya muss eine Politik in die Wege leiten, die Arbeitsplätze  in der Region schafft.

Die Corona-Pandemie hat die Krise weiter verkompliziert. Sie bietet Biya aber auch die Chance, entschlossen zu handeln, Hilfe zu leisten und für langfristig angelegte Reformen zu sorgen. Die Regierung muss ihre Anstrengungen verdoppeln, Impfstoffe verfügbar zu machen. Mit einem Federstrich könnte der Präsident die Bezahlung der Rechnungen für Wasser und Elektrizität für 90 Tage aussetzen. In ländlichen Gebieten ließe sich zügig ein besserer Zugang zu Wasser schaffen. 

In Kameruns Geschichte ist ein kritischer Moment gekommen. Hunger, Schmerz und Elend sind den anglophonen Regionen verbreitet – ich habe es selbst gesehen. Es ist Zeit, dass angesichts der anglophonen Krise alle zusammenstehen und den Einheimischen helfen, ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen. Und die Staatengemeinschaft muss handeln, um die Menschenrechtsverletzungen zu stoppen.

Aus dem Englischen von Christine Lauer.

erschienen in Ausgabe 6 / 2021: Selbst bestimmen!

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