Gentechnik
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„Der ‚Goldene Reis‘ ist ein Trojanisches Pferd“

Für die einen ist er Hoffnungsträger, für die anderen Angstmacher: Der gentechnisch veränderte „Golden Rice“. Ende Juli haben die philippinischen Behörden nun die Zulassung für den Anbau erteilt. Cris Panerio von dem philippinischen Netzwerk Masipag erklärt, warum er das für bedenklich hält.

 Cris Panerio ist Koordinator des Netzwerks "Masipag" auf den Philippinen, einer Partner-Organisation von Misereor. In dem Netzwerk sind landesweit rund 30.000 Familien in 560 Bauerngruppen organisiert.privat
Ab 2022 soll Saatgut für gentechnisch veränderten „Goldenen Reis“ an ausgewählte philippinische Bauern verteilt werden. Das hat das Landwirtschaftsministerium beschlossen und genehmigt, das Saatgut kommerziell zu vermehren. Warum ist das ein Problem?
Die meisten Entwicklungen, die uns in der Landwirtschaft als bahnbrechende Fortschritte verkauft werden, stammen von internationalen Konzernen, die davon in erster Linie profitieren. Unser Netzwerk Masipag, in dem sich Kleinbauern, Genossenschaften und viele landwirtschaftliche Vereinigungen der Philippinen zusammengeschlossen haben, kämpft seit 20 Jahren gegen den „Goldenen Reis“. Wir konnten es lange hinauszögern, aber nun wird er kommen. Das ist aus mehreren Gründen ein Problem: Es schadet der Umwelt, könnte Bauern in neue Abhängigkeiten stürzen, und die gesundheitlichen Folgen sind überhaupt nicht untersucht. 

Laut der WHO erblinden jedes Jahr rund 500.000 Kinder wegen Vitamin-A-Mangel. Befürworter argumentieren, der genveränderte Reis enthalte genügend Vitamin A, um dem vorzubeugen. Zählt das für Sie nicht?
Es ist Teil der Propaganda der Befürworter, diese Gentechnik als humanitäres Projekt zu verkaufen. Aber ich glaube nicht an das Heilsversprechen des Agrokonzerns Syngenta, der dahintersteckt. Erstens ist der Anteil an Beta-Carotin, das vom Körper in Vitamin A umgewandelt wird, im „Golden Rice“ viel zu gering, um tatsächlich dem Erblinden oder anderen Mangelerscheinungen vorbeugen zu können. Die Befürworter argumentieren hier häufig mit falschen Zahlen, indem sie die Menge an Carotin nennen, die der Reis insgesamt enthält. Das führt aber in die Irre, denn Alpha-Carotin kann vom Körper nicht in Vitamin A umgewandelt werden, lediglich Beta-Carotin. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass man täglich mehr als ein Kilo „Goldenen Reis“ essen müsste, um die empfohlene Menge an Vitamin A zu sich zu nehmen. Wir Asiaten essen ja viel Reis, aber so viel dann doch nicht.  

Sie sehen also gar keine Vorteile in dem Saatgut?
Nein. Vielmehr befürchte ich, dass der „Goldene Reis“ ein Trojanisches Pferd ist, um weitere genmanipulierte Produkte einzuführen. Aber alle kommerziellen Produkte dieser Art haben eher zu mehr Problemen geführt, anstatt welche zu lösen. Beispielsweise in Indien: Genveränderte Baumwolle hat sich dort als nicht resistent gegenüber einem bestimmten Schädling erwiesen. Der hat dann die gesamte Ernte zerstört und die Bauern hatten kein Einkommen. Viele von ihnen haben aus lauter Verzweiflung Selbstmord begangen. Auch von den Philippinen gibt es ein Beispiel, nämlich genmanipulierten Mais. Studien belegen, dass sich Farmer, die diesen Mais anbauen, in große Abhängigkeiten begeben und am Ende mit hohen Schulden dastehen. Denn für den Anbau werden von den Konzernen bestimmte Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel empfohlen, ohne die es quasi nicht geht. 

Aber ist das wirklich vergleichbar mit der derzeitigen Debatte um den Reis? Alle Kleinbauern mit einem Jahresumsatz von bis zu 10.000 US-Dollar sollen Golden-Rice-Saatgut kostenlos erhalten. Auf Lizenzgebühren wird verzichtet. Auch die Nachzüchtung und Wiederaussaat in den Folgejahren soll für den Eigengebrauch erlaubt sein. Das klingt erst einmal nicht so, als ob vor allem große Firmen profitieren.
Ich traue dem Frieden nicht. Wir wissen gar nicht, wer momentan überhaupt das Patent besitzt. Denn Syngenta wurde vor ein paar Jahren von der China National Chemical Corporation übernommen. Da herrscht viel Intransparenz. Und was man nie vergessen darf: Das genmanipulierte Saatgut verunreinigt potenziell alle anderen Sorten. Wie soll ein Bauer noch traditionelle Reissorten auf ökologische Weise anbauen, wenn sein Nachbar Gen-Reis züchtet? Das lässt sich nicht abgrenzen, darin besteht eine große Gefahr. Wir haben auf den Philippinen rund 4000 verschiedene Reis-Sorten- und Kreuzungen. Wenn der Gen-Reis einmal auf den Feldern ist, werden die im Nu kontaminiert sein. Das lässt sich nicht mehr rückgängig machen.

Welche schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt befürchten Sie? 
Ich möchte noch mal auf das Beispiel des genmanipulierten Mais zurückkommen: In den ersten zehn Jahren lief das ganz gut, aber dann kam es zu starker Bodenerosion. Schuld daran waren  die eingesetzten Herbizide, also die Unkrautvernichtungsmittel, hauptsächlich „Roundup“. In der Folge wurde der Boden mehr und mehr zerstört, und Taifune, heftige Regenfälle und Überflutungen sorgten für noch mehr Zerstörung. Wo zuvor unterschiedliche Getreidesorten sowie Erdnüsse, Bananen und Gemüse angebaut worden waren, gab es plötzlich nur noch diese eine Maissorte. Ich befürchte, es könnte mit dem „Goldenen Reis“ ähnlich ausgehen. 

Kritiker wie Sie behaupten, es sei noch gar nicht erforscht, ob der Konsum für Menschen ungefährlich ist. Aber der „Goldene Reis“ wurde vor mehr als 20 Jahren entwickelt – sind denn in dieser Zeit keine Studien zu den gesundheitlichen Folgen durchgeführt worden? 
Die Befürworter behaupten, bei dem Saatgut handele es sich ja nur um Reis, und Asiaten essen seit Tausenden von Jahren Reis, also – so ihre Schlussfolgerung – seien keine umfassenden Studien nötig. Das ist eine Milchmädchenrechnung. Laborstudien, die die Struktur der Reis-Proteine des Gen-Reis‘ mit der von konventionellem Reis vergleichen, sind längst überfällig. Keiner weiß, ob der Gen-Reis die menschliche Gesundheit beeinträchtigt.  

Welche sinnvollen Alternativen zum Golden Rice gibt es?
Allen voran eine abwechslungsreiche und gesunde Ernährung! Viel Obst und Gemüse, um den  Vitamin A-Bedarf zu decken.  

Aber anscheinend ist das ja nicht so einfach in einigen Teilen Südostasiens, wo so viele Menschen an Mangelerscheinungen leiden… 
Ja, es ist wichtig, für eine bessere Ernährung zu sorgen. Aber man kann den Vitamin-A-Mangel auch anders ausgleichen: Es gibt Vitamintabletten, und es ist auch üblich, traditionellen Reissorten ein Nahrungsergänzungsmittel beizumischen, das nicht genetisch verändert ist. Die Milliarden, die für das Golden-Rice-Projekt ausgegeben wurden, wären besser eingesetzt worden, um die vielfältige lokale Nahrungsmittelproduktion zu unterstützen. Außerdem sind grundlegende Veränderungen nötig: Unsere Regierung hat Landreformen nicht konsequent genug angepackt. Neun von zehn Landwirten auf den Philippinen arbeiten auf Grund und Boden, der ihnen nicht gehört. Das führt zu Armut. Hier müsste die Politik ansetzen und dafür sorgen, dass die Landverteilung gerechter wird.

Gibt es auf den Philippinen Debatten zum „Goldenen Reis“ oder spielt das Thema in der Öffentlichkeit keine Rolle? 
Das kommt drauf an, wen Sie fragen. Den Engagierten ist das Thema natürlich enorm wichtig. Wir organisieren auch öffentliche Diskussionsrunden, und in den sozialen Netzwerken bekommen wir viel Rückendeckung. Doch wegen der Pandemie sind viele Menschen wirtschaftlich stark angeschlagen. Für sie zählt in erster Linie, dass sie sich Nahrungsmittel leisten können. Wenn der „Goldene Reis“ günstig ist, werden sie ihn wohl kaufen. Allerdings glaube ich, dass viele Menschen die gold-gelbe Farbe abschrecken wird. Wir kennen schwarzen und roten Reis, aber traditionell isst man bei uns weißen Reis. Gelber Reis gilt als verunreinigt und nicht sehr appetitlich.  

Wie geht es nun weiter mit dem „Goldenen Reis“? Haben Sie all die Jahre umsonst gekämpft? 
Nein, wir sind schon sehr lange in Gesprächen mit der Regierung. Umso überraschter waren wir dann allerdings über die Zulassung. Zusammen mit neun Organisationen und mit Einzelpersonen haben wir eine Petition gestartet und die Regierung aufgerufen, die Entscheidung zur kommerziellen Produktion des Gen-Reis rückgängig zu machen. Wir warten nun auf eine Antwort aus dem Landwirtschaftsministerium. Übrigens sind wir nicht das einzige Land in der Region - der Goldene Reis wird wohl auch in Bangladesch kommen. Aber wir geben nicht auf: Wir überlegen bereits, am Obersten Gerichtshof Klage gegen die zuständigen Behörden einzureichen. 

Auf welcher Grundlage?
Es gibt ein Rundschreiben des Landwirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2016 für die Einführung von gentechnisch veränderten Pflanzen. Demnach müssen Anträge für die kommerzielle Vermehrung von „Goldenem Reis“ von insgesamt fünf Ministerien bewertet, geprüft und genehmigt werden. Verschiedene Anfragen haben aber ergeben, dass keine umfassende Prüfung und unabhängige Risikobewertung der gesundheitlichen, kulturellen und sozioökonomischen Auswirkungen vorgenommen wurde. Ich glaube, in zehn Jahren, wenn unsere Reissorten von dem „Goldenen Reis“ längst verunreinigt sein werden, wird es immer noch einen Vitamin-A-Mangel geben. 

Und trotzdem engagieren Sie sich weiter?
Auf jeden Fall. In den 30 Jahren unseres Bestehens haben wir viel erreicht. Eine von Masipag und Misereor beauftragte Studie, für die 840 Haushalte befragt wurden, darunter auch konventionell wirtschaftende Bauern, belegt: Masipag-Reis, der ökologisch angebaut wird, kann sogar mit Hochleistungssorten mithalten - und zwar ohne Pestizide. Da die Bauern weitgehend unabhängig sind und die Vielfalt der angebauten Produkte sie in die Lage versetzt, Ausfälle auszugleichen, konnten sie ihr Einkommen steigern; sie verdienen mehr als die konventionellen Betriebe. Auch die Ernährungssicherheit und der Gesundheitszustand der Masipag-Familien haben sich verbessert. Das zeigt doch: Unsere Regierung sollte sich für eine biologische und vielfältige Landwirtschaft einsetzen. Das kommt der Umwelt und allen Menschen zugute. 

Das Gespräch führte Elisa Rheinheimer. 

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