Energieversorgung
Energieversorgung

Der Kampf um Energie geht weiter

Streit um Erdöl-, Gas- oder Kohlevorkommen ist eine Hauptursache für Krieg und Gewalt. Doch auch wenn erneuerbare Energien die fossilen verdrängen, wird die Energieversorgung weiter weltpolitische Konflikte auslösen. 

Die Energiebeschaffung war im Laufe der Geschichte immer wieder ein Auslöser von Spannungen und Konflikten. Vor der industriellen Revolution wurden Menschen brutal versklavt, um die Energie ihrer Arbeitskraft für den Bergbau, die Plantagenwirtschaft sowie andere arbeitsintensive Tätigkeiten zu erlangen. Später wurde die Kohle zur wichtigsten Energiequelle; das führte zu Konflikten über den Zugriff auf Kohlevorkommen und zwischen wohlhabenden Minenbesitzern und armen, ausgebeuteten Bergleuten. Der Aufstieg des Erdöls folgte einem ähnlichen Muster: Er führte einerseits zu Auseinandersetzungen zwischen ölimportierenden Ländern über die Kontrolle von Lagerstätten im Ausland und anderseits Konflikten innerhalb der ölexportierenden Länder über die üppigen Öleinnahmen. Ein großer Teil der zwischenstaatlichen Gewalt der vergangenen Jahrzehnte – einschließlich einer Reihe blutiger Kriege im Nahen Osten – kann darauf zurückgeführt werden.

Werden die gegenwärtigen politischen Veränderungen und der technologische Wandel diese Muster ändern? Besonders zwei Entwicklungen sind hier von Bedeutung: der Krieg in der Ukraine und der Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energiequellen.

Der Krieg in der Ukraine wird wahrscheinlich tiefgreifende Auswirkungen auf die Zukunft der Energie haben, weil die Europäische Union (EU) als Reaktion auf die russische Invasion und die brutale Kriegführung drastische Schritte unternimmt. Wenn sie die Einfuhr russischer Brennstoffe ganz beenden will, muss sie ihre Strategien zur Energiebeschaffung grundlegend ändern, und das wird erhebliche und langfristige geopolitische Auswirkungen haben. 

Entlang geopolitischer Grenzlinien geteilt

Denn Europa ist einer der größten Energieverbraucher der Welt. Der größte Teil der in Europa verbrauchten Energie wird noch mit fossilen Brennstoffen erzeugt: Laut dem BP Statistical Review of World Energy von 2021 trugen Öl 34 Prozent, Gas 25 Prozent und Kohle 12 Prozent bei, 71 Prozent entfielen auf die drei fossilen Energieträger zusammen. Die EU-Länder konnten einige dieser Brennstoffe aus lokalen Quellen beziehen – Öl und Gas aus der Nordsee, Kohle aus Deutschland und Polen –, mussten aber einen großen Teil ihres täglichen Bedarfs importieren. Zum Zeitpunkt der Invasion war Russland Europas Hauptlieferant für alle drei genannten Brennstoffe.

Autor

Michael T. Klare

ist emeritierter Professor für Friedens- und Weltsicherheitsstudien am Hampshire College und Senior-Experte bei der Arms Control Association in Washington, D.C. Er ist Autor von Büchern wie „Blood and Oil“ und „The Race for What‘s Left: The Global Scramble for the World‘s Last Resources“.
Infolge der russischen Invasion streben die Staats- und Regierungschefs der EU und der USA nun offenbar nichts Geringeres an als eine vollständige Neugestaltung des globalen Systems der Energieverteilung: von einem weitgehend von Marktkräften bestimmten System hin zu einem, das entlang geopolitischer Grenzlinien geteilt ist. So würden Europa und die USA ein riesiges Netz von Verteilungskanälen kontrollieren, der Rest der Welt wäre in kleinere, regionale Netzwerke aufgeteilt. 

Eine Umgestaltung dieses Ausmaßes wird zwangsläufig zu zahlreichen Spannungen führen. Liefer- und Verbraucherländer, die sich der Einbindung in das EU-US-Handelsnetz widersetzen, könnten politische und wirtschaftliche Gegenmaßnahmen aus Brüssel und Washington erwarten. Indien ist wegen seiner anhaltenden Käufe von russischem Öl bereits unter Druck geraten; dass es sich dem Druck nicht beugen wollte, hat eine neue Bruchlinie zwischen Indien und dem Westen geschaffen. Gleichzeitig hat die gestiegene Nachfrage Europas nach nicht russischem Öl und Gas vielen ausländischen Lieferanten enorme Gewinne beschert. Das hat in Ländern wie Nigeria, wo diese Gewinne nicht gerecht verteilt werden, innere Spaltungen vertieft.

Westliche Demokratien im epochalen Kampf um die Weltherrschaft

Darüber hinaus hat der Krieg in der Ukraine die Überzeugung der westlichen Politiker gefestigt, dass sich die westlichen Demokratien in einem epochalen Kampf um die Weltherrschaft befinden mit dem feindlichen Lager autoritärer Staaten, angeführt von Russland und China. Dieser große Kampf, den das US-Militär als Großmachtkonkurrenz bezeichnet, hat erhebliche Auswirkungen auf die Energieversorgung. In einer Reihe wichtiger umstrittener Gebiete – in der Arktis, in Zentralasien und im Südchinesisches Meer – streben Russland, China oder beide die Kontrolle über wertvolle Öl- und Gasreserven an, die auch von westlichen Mächten oder ihren Verbündeten beansprucht werden. Das verschärft die Auseinandersetzungen dort. Zum Beispiel haben die USA zugesagt, dass sie die Versuche Malaysias, Vietnams und der Philippinen verteidigen werden, nach Öl und Gas im Südchinesischen Meer zu bohren, obwohl auch China darauf Anspruch erhebt und diese Versuche militärisch erschwert.

Viele Energiefachleute sind der Meinung, dass solche Konflikte mit einem raschen Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen, besonders Wind- und Solarenergie, vermieden werden könnten. Diese, so heißt es, werden unsere Abhängigkeit von endlichen Rohstoffen wie Öl und Gas beenden und den Kampf um deren große Lagerstätten überflüssig machen. Doch für grüne Technologien wie Batterien für Elektrofahrzeuge und große Windturbinen benötigt man große Mengen an Kobalt, Lithium, Nickel und anderen speziellen Mineralien. Die sind ebenso endlich und schwer zu beschaffen wie Erdöl und Erdgas, und auch diese Stoffe entfachen den geopolitischen Wettbewerb zwischen den Großmächten.

Laut einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) könnte im Jahr 2040 die Nachfrage nach Lithium zwanzigmal und die nach Kobalt viermal höher sein als heute, wenn Elektrofahrzeuge die mit fossilen Brennstoffen Getriebenen ersetzen. Die bestehenden Quellen für diese und andere spezielle Rohstoffe, die für grüne Energie benötigt werden, reichen nicht aus, um den künftigen Bedarf zu decken. Und viele mögliche zusätzliche Bezugsquellen liegen in China und Russland oder in Konfliktgebieten wie der Demokratischen Republik Kongo.

Konflikte um knappe Rohstoffe werden andauern

Weil die Großmachtkonkurrenz jetzt die bestimmende Kraft der Weltpolitik ist, werden wahrscheinlich die Kämpfe um die Kontrolle über entscheidende Vorkommen dieser speziellen Rohstoffe genauso heftig werden wie die Kämpfe um Ölreserven in der Vergangenheit. In der Tat wurde China bereits von US-Analysten beschuldigt, Bestechungen und andere unethische Praktiken anzuwenden, um die Kontrolle über große Kobaltminen in der Demokratischen Republik Kongo zu erlangen. Russland wurde beschuldigt, Söldner – Mitglieder der Wagner-Gruppe – einzusetzen, um Zugriff auf Minen in der Zentralafrikanischen Republik zu bekommen.

Der Übergang zu grüner Energie wird so, wie er bisher geplant ist, das Potenzial für Konflikte um knappe Rohstoffe nicht beseitigen. Weil der Krieg in der Ukraine die Spannungen zwischen den Großmächten verschärft, werden im Gegenteil Konflikte um Energiequellen, ob traditionelle oder neuartige, wahrscheinlich noch lange andauern. Eine Zukunft ohne energiebezogene Konflikte kann man sich nur vorstellen, wenn es gelingt, diese geopolitischen Spannungen abzubauen – wie, gilt es noch zu ersinnen – und zugleich den Bedarf an speziellen Rohstoffen für grüne Energien zu verringern.

Aus dem Englischen von Luise Sonntag.

erschienen in Ausgabe 7 / 2022: Das Zeug für den grünen Aufbruch

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