Energiewende
 Auch Russland exportiert ­Metalle: Ein Arbeiter der Schmelze in ­Verkhnyaya ­Pyshma am Ural mit einer großen Spule Kupferdraht.

Andrey Rudakov/Bloomberg/Getty Images

Energiewende

Rohstoff für grüne Energie

Viele Rohstoffe werden in Entwicklungsländern abgebaut, mit verheerenden Folgen für Natur und Menschen. Für die Energie­wende wird nun noch mehr Lithium, Kupfer, Kobalt und Bauxit benötigt. Kann man es verantwortlich gewinnen?

Um die globale Erwärmung auf weniger als 2 Grad Celsius zu begrenzen und 1,5 Grad möglichst nicht zu überschreiten, müssen die Treibhausgasemissionen weltweit bis Mitte des Jahrhunderts auf null gesenkt werden. Fossile Energieträger müssen dafür durch erneuerbare Quellen ersetzt werden, um etwa Strom und Wärme für Gebäude und Energie für die Wirtschaft oder für Transport und Verkehr zu gewinnen. 

Der Blick darf aber nicht auf die Senkung von CO2-Emissionen verengt werden. Für die Energiewende werden viele metallische Rohstoffe benötigt, und deren Abbau und Verarbeitung sind häufig die Ursache von Naturzerstörung und der Verletzung von Menschenrechten. Soll die Energiewende sozial-ökologisch nachhaltig sein, müssen menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten in der gesamten Wertschöpfungskette eingehalten werden. Die Energiewende muss mit einer Rohstoffwende einhergehen!

Woher kommen die Rohstoffe?

Bei der Versorgung mit metallischen Primärrohstoffen ist Deutschland fast vollständig auf den Import angewiesen. Gleichzeitig ist die Bundesrepublik der fünftgrößte Verbraucher metallischer Rohstoffe weltweit. Der Abbau hat erhebliche Auswirkungen auf Ökosysteme, die Biodiversität und das Klima. Nach Schätzung des Beratungsunternehmens McKinsey verursacht der Bergbau weltweit heute 4 bis 7 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen; allein die Förderung von sieben Schlüsselmetallen könnten bis zum Jahr 2060 rund 9 Prozent der Emissionen verursachen. 

Im Jahr 2020 bezog Deutschland nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe 91 Prozent des Bauxits – des Rohstoffs für Aluminium – aus Guinea in Westafrika, 35 Prozent der Eisenerze kamen aus Brasilien, 26 Prozent des Kupfers aus Peru, 40 Prozent des Zinks aus Australien, 75 Prozent des Chroms aus Südafrika und 50 Prozent des Silbers aus Mexiko. Lithium und Kobalt importieren die Länder der Europäischen Union vor allem aus Chile und der DR Kongo, Seltene Erden fast ausschließlich aus China. Alle diese Rohstoffe spielen für die Energiewende eine zentrale Rolle. Die hohe Nachfrage macht Abbauländer und Abnehmer wie Deutschland zunehmend voneinander abhängig. Länder des globalen Südens werden etwa mittels Handelsabkommen in die Rolle der Rohstofflieferanten gedrängt und beim Aufbau eigener Wertschöpfungsketten ausgebremst. Auch Deutschland achtet beim Rohstoffbezug primär auf die eigene Versorgungssicherheit. 

Der Ukraine-Krieg verschärft die Rohstoffsituation. Denn Russland ist nicht nur ein wichtiger Lieferant von Kohle, Erdöl und Gas, sondern auch von Nickel, Titan, Eisenerzerzeugnissen sowie Aluminium und Palladium. Der Abschied von fossilen russischen Energieträgern muss Anreiz sein für „mehr Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien und mehr Fortschritten beim Energiesparen“, beteuert Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck. Ein Ersatz russischer Rohstoffe aus anderen Ländern wie Kolumbien oder Südafrika darf nicht auf Kosten von Menschenrechten und Umwelt geschehen.

Warum sind Rohstoffe für die Energiewende so wichtig?

Um bis 2030 die eigenen Ziele beim Ausbau der Fotovoltaik zu erreichen, benötigt Deutschland nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur unter anderem 10,7 Millionen Tonnen Stahl, 1,2 Millionen Tonnen Aluminium, 730 Kilotonnen Kupfer und 600 Kilotonnen Silizium. Für Windkraftanlagen sind es unter anderem 9,5 Millionen Tonnen Stahl, 1,5 Millionen Tonnen Gusseisen, 450 Kilotonnen Zink, 160 Kilotonnen Kupfer, 100 Kilotonnen Aluminium und 5,5 Kilotonnen Seltene Erden. Und das ist nur der Bedarf in Deutschland. Wenn bis zum Jahr 2050 weltweit die Emissionen auf Netto null reduziert werden sollen, könnte sich bis zum Jahr 2040 nach Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) der Bedarf an Kupfer verdoppeln, an Nickel verdreifachen, an Kobalt vervierfachen und an Lithium verzwanzigfachen. 

 Material für die Energiewende: In einer Firma in Ostchina werden Solarpaneele für den Export hergestellt. Geng Yuhe/VCG via Getty Images

Das spricht nicht gegen die Energiewende an sich, sondern dafür, sie nachhaltig und global gerecht zu gestalten. Denn obwohl Windkraft- und Fotovoltaikanlagen pro erzeugtem Megawatt mehr Metalle als ein fossiles Kraftwerk verbrauchen, verbrennen sie nach Fertigstellung keine weiteren Rohstoffe, deren Förderung Menschenrechte verletzen und die Umwelt belasten. 
Damit auch Länder des globalen Südens die Energiewende vollziehen können, bedarf es einer starken Senkung des Energie- und Rohstoffverbrauchs im globalen Norden (siehe dazu unten). Zudem müssen Armut erzeugende Strukturen in Politik und Wirtschaft abgebaut sowie Wissen und Technologien geteilt werden. Nur auf diese Weise wird die globale Nachfrage nach Rohstoffen nicht in eine ökologische Krise führen und wichtige Ökosysteme zerstören.

Welche Auswirkungen hat der Rohstoffabbau?

Aufgrund des hohen Rohstoffbedarfs dringt der Bergbau in immer fragilere Ökosysteme und in Territorien indigener Völker vor. Der Verlust an Artenvielfalt und die Zerstörung der Lebensgrundlagen dieser Völker sind direkte Folgen; für den Klimaschutz werden Naturzerstörung und Menschenrechtsverletzungen in Kauf genommen. Die Organisation Frontline Defenders hat im vergangenen Jahr 358 Morde an Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidigern dokumentiert. Mehr als die Hälfte davon stand im Zusammenhang mit Minen und der Bergbauindustrie. Jeder vierte Getötete gehörte einem indigenen Volk an, jede fünfte war eine Frau. Vor allem in Lateinamerika ist die Lage dramatisch. Allein in Kolumbien wurden 138, in Mexiko 42 und in Brasilien 27 Morde an Menschenrechtsverteidigern verübt. Die Beobachtungsstelle für Bergbaukonflikte in Lateinamerika zählt in Lateinamerika bis heute 284 Konflikte mit 301 Bergbauprojekten. 

Autor

Constantin Bittner

arbeitet beim katholischen Hilfswerk Misereor als Berater für Bergbau, Ökologie und Menschenrechte in Lateinamerika.
Aufgrund der Kosten und sozial-ökologischen Auswirkungen wurde der Bergbau in Deutschland weitgehend beendet und meist durch Importe aus Ländern mit geringen Umwelt- und Sozialauflagen ersetzt. Dort gehören Abbauregionen trotz des Rohstoffreichtums zu den ärmsten Gebieten. Die Einwohner werden vertrieben, sind sexueller Gewalt ausgeliefert und von Gesundheitsschäden betroffen. Arbeitsplätze entstehen für die lokale Bevölkerung kaum und können die Schäden für die Wasserversorgung und die Landwirtschaft nicht kompensieren.

Dafür gibt es viele Beispiele. Im Jahr 2015 brach in Bento Rodriguez der Damm des Rückhaltebeckens einer Eisenerzmine und riss 19 Menschen in den Tod. Giftige Bergbauschlämme bahnten sich ihren Weg über einen der artenreichsten Flüsse Brasiliens, den Rio Dôce, bis in den 800 Kilometer entfernten Atlantischen Ozean. Drei Jahre später brach der Damm einer Eisenerzmine im hundert Kilometer entfernten Brumadinho. Der Bruch dieses vom deutschen TÜV Süd zertifizierten Dammes tötete 272 Menschen und zerstörte die Lebensgrundlagen vieler anderer. Deutsche Banken pflegen bis heute Geschäftsbeziehungen mit dem verantwortlichen Bergbaukonzern VALE.

 In Brumadinho im brasilianischen Minas Gerais ist Anfang 2019 ein Damm einer Mine gebrochen; etwa 270 Menschen starben, giftiger Schlamm hat die Umgebung geflutet. Mit Spürhunden suchen Helfer hier noch drei Monate danach nach menschlichen Körpern.Douglas Magno/AFP via Getty Images

Weltweit fordern betroffene Gemeinden zunehmend ihre Rechte auf Mitbestimmung ein. In Boké im westafrikanischen Guinea haben 540 Beschwerdeführerinnen aus 13 Ortschaften Beschwerde bei der Weltbank eingereicht, weil bei der Umsiedlung im Zuge der Erweiterung der Sangaredi-Bauxitmine, der Regenerierung von Agrarflächen und der Wasserversorgung im Rahmen eines von der Bank geförderten Bergbauprojekts Sozial- und Umweltstandards missachtet wurden. Ein aufgrund der Corona-Pandemie ausgesetzter Mediationsprozess hat den Bergbaukonzern allerdings nicht gehindert, noch während der Pandemie über hundert Haushalte umzusiedeln. Finanziert wird das Vorhaben unter anderem durch Kredite der deutschen ING DiBa und eines Tochterunternehmens der Weltbank. Die deutsche Bundesregierung bürgt mit einer Finanzkredit-Garantie über 246 Millionen Euro für das umstrittene Projekt.

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Viele lokale Gemeinden machen sich für Alternativen zum Bergbau stark, etwa in der Landwirtschaft, beim Schutz von Wasser und Böden oder von Saatgut und traditionellen Pflanzen. Es geht um die ökologische Produktion von Kaffee, lokalen Tourismus, dezentrale Energieerzeugung, die Herstellung von Kleidung oder die Weiterverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten. Solche Alternativen sind meist nicht rein ökonomisch orientiert, sondern an sozialen, ökologischen, kulturellen, also immateriellen Wertmaßstäben, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Sie sollen Grundbedürfnisse befriedigen und grundlegende Menschenrechte stärken. Dafür erarbeiten die Gemeinden Gesetzesvorschläge und fordern ihre Rechte auf Mitbestimmung und vorherige Konsultation ein – wie derzeit in der Hauptstadt Ecuadors in Quito, wo ein breites Bündnis der Zivilgesellschaft einen Volksentscheid anstrebt, um Bergbau im Großstadtbezirk Quito zu untersagen.

Profitieren Abbauländer und Gemeinden in den Abbauregionen von der Rohstoffgewinnung? 

Ein Großteil der Bevölkerung in den Abbauregionen profitiert nur sehr begrenzt oder gar nicht vom Bergbau. In Peru hat der Bergbau zwar einen Anteil von etwa acht Prozent am Bruttoinlandsprodukt, doch Steuererleichterungen und Steuerrückerstattungen an Unternehmen reduzieren die Staatseinnahmen. Im Jahr 2017 zahlte der peruanische Staat Unternehmen mehr Geld zurück, als er Steuern von diesen einnahm. 

Die Erwerbstätigen im peruanischen Bergbau haben einen Anteil von weniger als 1,5 Prozent an der arbeitenden Bevölkerung des Landes. Das Bergbauministerium rechnet allerdings pro Arbeitsplatz in der Mine mit bis zu 6 Arbeitsplätzen, die indirekt durch den Rohstoffabbau entstehen. Nach dieser Rechnung schafft der Bergbau bis zu 10 Prozent der Arbeitsplätze im Land. Zum Vergleich: In der Landwirtschaft sind es über 24 Prozent. Zudem machen die Berechnungen nicht sichtbar, wie viele Arbeitsplätze durch die Kontamination von Wasser, Boden und Luft, versiegende Quellen, Gesundheitsprobleme oder Bergbaukatastrophen verloren gehen. 

Geht Rohstoffabbau überhaupt nachhaltig?  

Es gibt keinen nachhaltigen Rohstoffabbau; auch ein „verantwortlicher“ Abbau ist zerstörerisch. Für eine Tonne Kupfer werden 200 Tonnen Material bewegt; mehr als die Hälfte davon endet als Abfall, der eine Gefahr für Böden, Wasser und Menschen darstellt. Für Gold wird sogar weniger als ein Gramm aus einer Tonne abgebaggertem Gestein gewonnen und mit giftigem Zyanid herausgelöst. Es wird hauptsächlich für Schmuck und Bankreserven genutzt.

In fragilen Regionen haben sich Ökosysteme, Pflanzen- und Tierwelt selbst viele Jahre nach der Schließung einer Mine nicht regeneriert. Natürliche Trinkwasserquellen werden oft durch künstliche Reservoire ersetzt, die noch lange nach dem Ende des Abbaus instandgehalten werden müssen. Die Lagerung giftiger Reststoffe in Rückhaltebecken stellen langfristige Gefahren dar.

Bergbaukonzerne können diese Schäden zwar möglichst klein halten und die Förderung auf Gebiete mit hohen Metallkonzentrationen ausrichten. Steigende Rohstoffpreise machen aber auch den Abbau geringer Konzentrationen lukrativ. Abbau mit erneuerbaren Energien und Technologien des Smart Mining zur Automatisierung und Digitalisierung des Bergbaus können Schäden für Mensch und Umwelt verringern, aber Eingriffe in den Wasserhaushalt und die Zerstörung von Ökosystemen und indigener heiliger Stätten bleiben irreversibel. Der umweltfreundlichste Bergbau ist gar kein Bergbau, deshalb muss es vor allem darum gehen, den Verbrauch zu reduzieren.

Wie kann die Politik die schädlichen Folgen des Rohstoffabbaus in den Griff bekommen? 

Deutschland muss eine Rohstoffwende einleiten: Die deutsche Rohstoffstrategie sollte darauf ausgerichtet werden, den Verbrauch zu verringern, die Menschenrechte zu achten und das Recycling und eine Kreislaufwirtschaft zu stärken. Dazu verpflichtet sich die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag, und auch Franziska Brantner, Staatssekretärin des Bundeswirtschaftsministeriums, hat das Ziel betont, „weniger Rohstoffe zu verbrauchen und die genutzten maximal und optimal zu recyceln“. Dafür müssen ambitionierte Sammel- und Recyclingquoten für Produkte und Rohstoffe eingeführt und klimaschonende Recyclingmethoden erforscht werden. Ein Recht auf Reparatur sollte eingeführt und die Langlebigkeit von Produkten verbessert werden. Dabei hilft ein intelligentes Produktdesign, um Einzelteile entnehmen, reparieren oder recyceln zu können und Elektroschrott zu reduzieren. 

Ein Produktpass erleichtert die Nachverfolgung in der Lieferkette. Zusätzlich müssen für alle Unternehmen verbindliche menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten entlang der Wertschöpfungsketten gelten und mit Beschwerdemechanismen, einer zivilrechtlichen Haftung und Sanktionen abgesichert werden. All das sollte im deutschen Lieferkettengesetz nachgebessert sowie auf EU-Ebene verankert werden und auch im sogenannten Binding Treaty on Business and Human Rights, der im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen ausgehandelt wird. Auf diese Weise entstehen gleiche Regeln für alle Unternehmen weltweit mit dem Ziel, den Schutz von Menschenrechten und der Natur zu gewährleisten. 

Außerdem müssen in Abstimmung mit den Gemeinden in den Abbauländern Zonen ausgewiesen werden, die für den Bergbau tabu sind. Beispiele sind Trinkwasserquellgebiete, Gletscher, Gegenden mit großer Biodiversität, bedeutende Gebiete für den Klimaschutz, Gebiete mit endemischen oder vom Aussterben bedrohten Arten und die Tiefsee.

Welche Bereiche sind für die Energie- und Rohstoffwende besonders wichtig? 

Der Automobil- und der Bausektor stoßen die meisten Treibhausgase aus und verbrauchen die meisten Rohstoffe, weshalb hier besonders viel eingespart werden kann. Zu den Zielen einer Mobilitätswende gehört, den Güter- und den Individualverkehr zu verringern und klimafreundlich zu gestalten. Dafür muss die Infrastruktur für den Fuß- und Radverkehr und den öffentlichen Personennahverkehr ausgebaut werden; schlecht angebundene Regionen sollten erschlossen werden.
Zugleich kann in gut erschlossenen Regionen der motorisierte Individualverkehr stark beschränkt werden. Autos sollten in Zukunft gemeinsam genutzt werden. Und entgegen dem heutigen Trend zum SUV muss auf kleine energiesparende Autos umgestiegen werden. Dafür braucht es eine entsprechende staatliche Regulierung sowie Anreize, die den Umstieg auf eine klimafreundlichere Mobilität fördern.

Auf diese Weise lassen sich in der Energie- und Rohstoffwende sozial-ökologische Ziele kombinieren und der Schutz von Menschenrechten und Natur stärken. Ziel in Deutschland muss es sein, die planetaren Grenzen zu respektieren. Produkte und Rohstoffe, deren Abbau und Herstellung Menschenrechte verletzen, sollten in Deutschland in Zukunft nicht erhältlich sein.

erschienen in Ausgabe 7 / 2022: Das Zeug für den grünen Aufbruch

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