Herausgeberkolumne
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Gerechtigkeit beginnt mit Gleichberechtigung

Feministische Entwicklungspolitik meint die Teilhabe aller bislang Ausgeschlossenen und stellt die Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Weltbevölkerung in den Mittelpunkt. Das ist existenziell. Und gehört konsequent umgesetzt.

 Dr. Dagmar Pruin, Präsidentin Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe - Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Werks für Diakonie und Entwicklung e.V.Hermann Bredehorst/Brot für die Welt
Gruppenbild mit Dame – das fiel beim G7-Treffen in Elmau auf: Sieben Staatsmänner und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Staatslenkende sind noch immer überwiegend männlich, und solange sich das nicht ändert, sind wir von einer gerechten Welt weit entfernt. Denn Gerechtigkeit beginnt mit Gleichberechtigung. Auch dafür steht feministische Außen- und Entwicklungspolitik. Diesem Ziel hat sich die Bundesregierung verschrieben, die dafür zuständigen Ministerien werden von Frauen geführt. Das ist ein gutes Zeichen. Doch eine feministische Außen- und Entwicklungspolitik geht weit darüber hinaus. Sie meint die Teilhabe aller bislang Ausgeschlossenen und stellt die komplexe Lebenswirklichkeit der Mehrheit der Weltbevölkerung in den Mittelpunkt: Das sind Mädchen, Frauen und marginalisierte Gruppen. Bis diese wirklich teilhaben und politische Entscheidungen treffen, ist der Weg noch weit, denn es geht darum, patriarchale Machtstrukturen zu überwinden.

Diese Überwindung beginnt an der Basis, und da setzt Brot für die Welt an: Stellen wir uns eine Gruppe Frauen vor, die aufgrund ihrer Armut keinen Zugang zu Banken und Krediten haben. Also legen sie ihr bisschen Geld zusammen, verwalten es gemeinsam und geben sich Kredite. Das dafür notwendige Wissen eignen sie sich mit Hilfe unserer Partnerorganisationen an. Ihr Geld verwenden die Frauen für nachhaltige Projekte, investieren in die Bildung ihrer Kinder, in Medikamente. Bei diesen sogenannten Spargruppen geht es um kleine Summen, die es den Frauen – und damit den Familien – ermöglichen, ihren Alltag zu meistern. Das funktioniert gut, weil die Frauen wissen, wie sie das Geld einsetzen wollen und müssen. Als Entwicklungswerk wissen wir genau: Wenn Frauen wirtschaftlich unabhängig sind, eigenes Einkommen erwirtschaften, dann geht es ihnen besser, auch weil sie sich aus patriarchalen Zwängen lösen.

Sprache ist Teil der Diskriminierung

Die eigene Perspektive in die eigenen Worte zu fassen, kann dabei helfen: Im vom Machismo geprägten Mexiko fördern wir seit den 1990er Jahren die feministische Nachrichtenagentur Cimac. Dort recherchieren Frauen und setzen ihre Themen – ohne männliche Bevormundung und Lesart.
Zu diesen Themen gehört auch die ausufernde Gewalt gegen Frauen. In Mexiko werden Tag für Tag um die zehn Frauen und Mädchen ermordet. Wenn ein totes Mädchen aufgefunden wird und der Fall herkömmlichen Medien nur eine verharmlosende Randnotiz über einen „weiteren toten Körper“ wert ist, geben die Journalistinnen von Cimac dem Opfer einen Namen und benennen die Todesursache klar: vom Vergewaltiger geschlagen und erwürgt. Sprache ist Teil der Diskriminierung.

Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie Brot für die Welt Gleichstellung von Frauen und Männern in der Projektarbeit fördert. Wir stärken Frauen, weil wir seit langem wissen, dass es gerechte Gesellschaften nur auf der Basis von Gleichberechtigung geben kann. Insofern arbeiten wir am Fundament für eine feministische Entwicklungspolitik. Und wissen um die Problematik: Im globalen Norden müssen wir uns sowohl mit den eigenen Privilegien auseinandersetzen als auch damit, wie Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus unser Verhältnis zum globalen Süden bestimmen. Die Ministerinnen und Minister der G7-Staaten haben beschlossen, Entwicklungshilfe für Geschlechtergerechtigkeit und die Ermächtigung von Frauen über die nächsten Jahre zu erhöhen. Das entspricht unseren Forderungen. Aber Beschlüsse allein machen noch keine feministische Politik. Das war wohl auch den G7-Entwicklungshilfeministerinnen und -ministern bewusst. So schrieben sie in ihr Abschlussdokument, sie handelten „im Geist einer feministischen Entwicklungspolitik“. Immerhin taucht der Begriff so zum ersten Mal überhaupt in einem G7-Kommuniqué auf. Für Brot für die Welt ist dieser „Geist“ keine Zukunftsvision, sondern gelebte Entwicklungsarbeit an der Basis.

Entwicklungsministerin Svenja Schulze hat es klar formuliert: Es geht um eine menschliche Gesellschaft – wer die will, muss die männliche überwinden. Ein guter, wichtiger Satz, der auch für unsere Arbeit gilt. 
Vor Gott sind alle Menschen gleich. Dieser Wert bestimmt Brot für die Welt als christliche Hilfsorganisation. Aber die Menschen behandeln nicht alle Menschen gleich. Deshalb gilt unser besonderes Engagement den Ausgeschlossenen und Unterdrückten. Auch das ist Teil feministischer Entwicklungs- und Außenpolitik.

erschienen in Ausgabe 9 / 2022: Fragen, messen, publizieren

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